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Archiv für 2016

Leute, macht mal halblang mit der Aufregung wegen Donald Trump

Das für undenkbar gehaltene ist eingetreten, der nächste US-Präsident heißt Donald Trump. Und unglaublich viele heulen auf und beschwören den Weltuntergang. Als ein B-Schauspieler wie Ronald Reagan Präsident wurde, lachten auch viele, sehr viele. Und rückwärts betrachtet gilt er als ein guter US-Präsident. Als in meiner früheren Heimat Hessen, die Grünen in das Parlament und später in das Kabinett einzogen, malte man den Exodus der heimischen Wirtschaft in den schwärzesten Farben an den politischen Horizont. Es wird eben nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Ich gebe gerne zu, wenn es um sexistische und rassistische Sprüche geht, liegt meine Toleranzgrenze bei 0,0. Insofern konnte ich mich im Wahlkampf zu keinem Zeitpunkt für Donald Trump begeistern. Andererseits, ist mir Hillarys Nähe zur Banken- und Rüstungspolitik und ihre Einstellung zu kriegerischen Auseinandersetzungen ebenfalls suspekt. Von verschiedenen Geschichten aus ihrer Zeit als Anwältin ganz zu schweigen. Insofern war die US-Wahl eine Entscheidung für das kleinere Übel. Mit dieser Formulierung „Entscheidung für das kleinere Übel“ sollten wir uns in Deutschland schon mal vertraut machen, wenn wir nächstes Jahr zwischen Merkel und Gabriel wählen „dürfen“.

Aber zurück zu Trump. Mit kleinem zeitlichen Abstand ist mir eine Zahl besonders haften geblieben: über 50 Millionen Amerikaner haben Trump gewählt. Eine gewaltige Zahl (zum Vergleich, bei der letzten Bundestagswahl haben in Deutschland insgesamt nur 44 Mio. Menschen gewählt). Vollkommen falsch ist die gestern querbeet zu lesende Lästerung über die Trump-Wähler (lästern über das Wahlvolk ist grundsätzlich unentschuldbar). Sind 50 Millionen Trump-Wähler sexistisch und rassistisch? Warum haben so viele weibliche Wähler und so viele Wähler mit Migrationshintergrund „trotzdem“ Trump gewählt? Weil etwas anderes sie stärker belastet hat (kennen wir bei mehreren Verletzungen, neben der schwersten spüren wir die anderen weniger). Es war die schlechte, als hoffnungslos empfundene wirtschaftliche Situation, das Gefühl von den Regierenden vergessen worden zu sein. Es geht uns besser denn je (Merkel und Obama), ist leider nicht hilfreich, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderfällt. Rechts in 80 Grad heißem Wasser und links in Eiswasser stehen, macht die eigentlich angenehme Durchschnittstemperatur wertlos. Und bei den Erfolgszahlen einer Arbeitslosenstatistik, aus der immer mehr statistisch herausgerechnet wird, und der eine Beschäftigungsstatistik gegenübersteht, in der auch der kleinste Job mit einer unsittlichen Bezahlung eingerechnet wird, frage ich mich, wieviel Sand uns noch in die Augen gestreut werden soll (auch hier eine Parallele USA und Deutschland).

Gestern musste ich auch an den legendären Fußballtrainer Trapattoni denken. „Was erlauben Merkel, Steinmeier und EU-Schulz“? Merkel, Steinmeier und Schulz geben Trump, wegen seiner Wahlkampfsprüche, öffentlich Ratschläge wie er Demokratie umzusetzen hat. Legen wir doch mal die Reden von Merkel, Steinmeier und Schulz daneben, was sie über Erdogan sagen, über jemanden den man nicht an seinen Sprüchen, sondern sogar an seinen Taten messen kann (Rücksicht auf Asylpolitik und Tourismus können nicht länger als Entschuldigung herhalten). EU-Werte an Trump vermitteln? Geht`s noch? Man kann nur hoffen, dass er es nicht ernst nimmt und sich an Besserem orientiert.

Man sollte lieber mal nachdenken und das US-Wahlverhalten als Blaupause für die BTW 2017 sehen. Liegt der amerikanische mittlere Westen nicht auch in Teilen Ostdeutschland und in einigen Regionen Westdeutschlands, insbesondere in NRW?

Die Absicht „rechts zu bekämpfen“ wird nicht durch schärfere Asylgesetze erreicht werden, egal ob diese Änderungen teilweise berechtigt sind oder nicht. Das „rechte Segment“ als Nazi und Rechtspopulisten zu beschimpfen, bewirkt genauso wenig. Die sich abgehängt fühlenden, holt man nur durch eine bessere Politik genau für dieses Klientel zurück. Da wären Investitionen in „Menschen und Infrastruktur“ notwendig, auch wenn diese sich im ersten Moment wirtschaftlich nicht rechnen. Das müsste sich in erster Linie unser Kabinetts-Gollum Schäuble („mein Schatz, mein Schatz, die schwarze Null“) zu Herzen nehmen. Unserer nächsten Generation keine Schulden zu hinterlassen ist doch wertlos, wenn sie Jahre (Jahrzehnte) brauchen werden, um die marode Infrastruktur zu reparieren. Und was wir zur Zeit an Bildungschancen verpassen/zerstören (irgendwo zwischen dumm, fahrlässig und vorsätzlich), wird sogar Generationen dauern um es zu beheben.

Also, jetzt haben wir uns genügend aufgeregt, die einen gestern und ich heute. Was mich betrifft, wäre ich so gerne optimistisch für 2017, allein, sorry, mir fehlt im Moment der Glaube.

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Gesucht wird ein „touristisches Wallonien“

Da hat der DRV eine prima Referentenliste für seine Jahrestagung zusammengestellt. Es fehlt allerdings noch eine Kosmetikberaterin, die die so gepriesenen Änderungen an den EU-Pauschalreiserichtlinien schön schminkt. Der richtige Zeitpunkt wäre nach der Rede von Staatssekretär Gerd Billen (Bundesjustizministerium). Dieser sympathische Staatssekretär weiß genau, dass die angesprochenen Änderungen nur ein klein wenig an der Oberfläche kratzen und nur etwas Kosmetik bedeuten. Warum dann dafür nicht gleich einen Profi hinzuziehen?

An EU-Beschlüssen lässt sich national nur wenig bis hin zu gar nichts ändern. Siehe hierzu auch die Verhandlungen zu CETA (und TTIP). Menschenskind, war das Arbeit für Sandmann Sigmar Gabriel, bis er überall etwas Sand in die Augen gestreut hatte, damit alle besser schlafen können. Und dann kommt Wallonien, lässt sich auf keine Kosmetikänderungen ein, sondern sagt ganz einfach NEIN. Wow! Auf einmal wird EU und Kanada aufgehalten. Asterix wie in seinen besten Zeiten.

Unabhängig wie diese fast zu schöne EU-Geschichte ausgehen wird. Wie hoch evtl. der Preis für die Zustimmung von Wallonien sein wird oder welche Pseudo-Öffnungsklausel jetzt noch eingebaut wird. Es funktioniert offensichtlich nur „alles oder nichts“.

Was daraus ist die Erkenntnis für unsere EU-Pauschalreiserichtlinie? Den „Lauf der Europäischen Union“ hält man entweder schon vor der Gesetzgebung auf, hat die Bundesregierung vorsätzlich nicht gemacht, oder man lernt mit „krummen Gurken“ zu leben. Oder aber, man sucht noch irgendeinen klitzekleinen juristischen Haken, um die ganze Sache in Brüssel platzen zu lassen. Das soll heißen, alle Energien auf ein touristisches (juristisches) Wallonien dransetzen.

Wenn man bei Merkels-Rede auf dem BTW-Gipfel im September genau zugehört hat, konnte man schon da folgendes daraus entnehmen.
Merkels –nicht gespielte- Überraschung, dass es 10.000 Reisebüros in Deutschland geben soll („war neu für mich“, wie seinerseits das Internet). Aber dann kam dieser Satz, „wir müssen abwägen (Handbewegung wie Frau Justitia), die Interessen ihrer Branche gegenüber dem Verbraucherschutz“. Und weiter „wir wollen uns nicht mit der gesamten Reisebranche anlegen, aber wir dürfen uns auch nicht mit den Kunden anlegen“. Aber das ist nicht die gefragte Alternative. Dieser Satz würde besser auf die Automobil- oder Bankenbranche zutreffen. In unserer Branche wurde hinter den Kulissen ein ganz anderes Spiel gespielt. Dass heute irgendein Verbraucherschützer, Name habe ich mir schon gar nicht gemerkt, nochmal auf das Verbraucherthema aufspringt, geschenkt.

Wenn wir schon beim BTW sind. Frau Merkel hatte in ihrer Rede auch das Thema Gewerbesteuerzurechnung erwähnt. Das aber ganz kurz: „Wir warten mal das Oberste Finanzgericht ab“. Auch hier der falsche Ansatz. Das bringt nur Zeit, aber nicht näher an die Lösung. Hilfreich ist nur eine Klarstellung durch den Gesetzgeber.

Viel Arbeit, aber bitte nicht durch die Kosmetikindustrie erledigen.

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TUIfly: Massen-Krankmeldungen sind eine skandalös falsche Antwort. Ein Appell an die Vernunft.

Der seit Jahren dauernde schleichende Abstieg der einst stolzen Hapag-Lloyd Flug über HLX, hapagfly, TUIfly bis heute ist sicherlich mehr das Resultat schlechter Managementleistung als schlechter Arbeitsleistung. Aktuell war die Art und Weise der geplanten Zusammenarbeit für TUIfly mit Etihad Airways in einer neuen Holding kommunikativ sehr unterproportional.

Dass die TUIfly Kollegen verunsichert und verärgert sind, ist nachvollziehbar. Aber kurzfristige massive Krankmeldungen sind skandalös falsch. Es ist weder als „gleiches mit Gleichem zu vergelten“, noch ist es inhaltlich hilfreich, sondern im Gegenteil.

1. Dass diese plötzliche Massenerkrankung nicht von einer überraschenden Epidemie verursacht wurde, liegt auf der Hand. Sonst müsste ja das Gesundheitsamt einschreiten. Also liegt wohl eine massenhafte psychische Erkrankung vor, die „gegen das Management eingesetzt werden soll“. In den Medien wird ein Pilot zitiert mit, „das Management soll sich überlegen, ob es verantworten kann, dass Piloten, die Angst um Ihre Zukunft haben, ihre Fluggäste fliegen“. Heute wird in der Hannoverschen Zeitung eine sogar namentlich genannte Flugbegleiterin mit dem Satz zitiert: „Ich würde mich nicht in ein Flugzeug setzen, in dem das Personal so verunsichert ist“.
Geht´s noch? Diese Äußerungen können doch nicht zu Ende gedacht sein. Wenn das Mehrheitsmeinung bei Piloten und Flugbegleiter sein sollte (was angesichts der hohen Flugausfallquote anzunehmen ist), wäre das eine noch nie dagewesen Erklärung, dass Fliegen mit TUIfly zur Zeit unsicher ist. Demzufolge müsste sofort das Luftfahrtbundesamt (LBA) einschreiten und den Flugbetrieb von TUIfly stilllegen. Ein kleiner Blick über die persönliche Betroffenheit hinaus ist hier dringend geboten. Oder soll langfristig ein Einschreiten des LBAs sogar provoziert werden? Dann wirklich gute Nacht TUIfly.

2. Streik ist natürlich ein vollkommen legales Mittel im Arbeitskampf. Ich bin sogar der Meinung, dass in Deutschland eher zu wenig als zu viel gestreikt wird. Aber wann gestreikt werden darf ist gesetzlich geregelt. Dieser Streik durch Krankmeldung ist illegal. Ob abgesprochen oder nicht ist unwesentlich, es genügt schon das konkludente Verhalten („stillschweigende Abstimmung durch gleiches Verhalten“).

3.Aber es bringt auch inhaltlich nichts. Warnstreiks sind immer kurz, sie sollen ja nur warnen. Aber diese Fundamentalaktion gefährdet im Ergebnis die Firma als solche. „Weil mir jemand etwas Böses tut, verletze ich mich selbst noch stärker um darauf aufmerksam zu machen“ hat schon fast borderline Charakter. Wofür streike ich dann überhaupt? Es gilt Druck zu machen, dass man allerspätestens jetzt vom Management stärker in die Gestaltung der Zukunft einbezogen wird. Das würde aber Beendigung der Krankmeldungen voraussetzen, sonst gibt es nichts mehr zu gestalten. Die Mitarbeiter von TUI Deutschland haben es mit ihrem „schwarzen Auftritt“ zum Thema Ausgliederung doch vorgemacht, dass man auch so etwas bewirken kann. Immerhin befasst sich der Aufsichtsrat nochmal mit dem Thema und es soll auch ein Kompromissvorschlag auf dem Tisch liegen.

4. Noch ein Wort zum Lease-Vertrag mit Air Berlin. Die TUI-Altvorderen hatten hier einen Vertrag geschlossen, der in den letzten Jahren wesentlich zum Auskommen für TUIfly gesorgt. Gleichzeitig war er zunehmend eine Belastung und hat wesentlich zur schlechten wirtschaftlichen Situation bei Air Berlin beigetragen. Oft habe ich in Gesprächen in Hannover diese klammheimliche Freude gegen Air Berlin gespürt, auch bei TUIfly. Logisch, dass Etihad als großer AB-Eigentümer dringend eine Lösung suchte, bevor dieser Vertrag das Ende für AB bedeutet (wenn ich bei AB in Verantwortung gewesen wäre, hätte ich schon früher diese Karte gezogen). Letzteres wäre auch eine Katastrophe für TUIfly, weil es dafür im weltweiten Markt keinen Ersatz gegeben hätte. Das jetzige Konstrukt erscheint mir angesichts dieser Problematik für beide Seiten zumindest ein Weg für einen Kompromiss zu sein. Dafür muss man argumentativ kämpfen und nicht blockieren. Bemerkenswert wie Air Berlin mit Hilfe von Etihad-Partnerairlines versucht die Fehlleistungen von TUIfly zu mindern. So schlecht scheint der Etihad-Verbund nicht zu funktionieren.

5. Mit der jetzigen Vorgehensweise ist TUIfly allein im Kampf um eine berechenbare Zukunft. Zur Lösung solch gravierender Probleme braucht man aber Verbündete. Die Mitarbeiter in den Operations-Zentralen, am Flughafen, in den Reisebüros arbeiten sich krumm, um den Schaden der durch zumindest Teile des fliegenden Personals verursacht wird zu mindern. Vor allem aber die Fluggäste werden nachhaltig verärgert, dieser Imageschaden wird auf längere Zukunft verheerend sein. Es ist unglaublich, wie hier ein Kollateralschaden hingenommen wird, der auch nur das geringste Pflichtbewusstsein vermissen lässt. Egal kann das nur jemand sein, der darauf hinaus ist, dass es „kein weiter“ geben soll.

Es ist mehr als höchste Zeit, dass die Weitsichtigen aus dem Lager des fliegenden Personals die Kurzsichtigen überzeugen. Hardliner sind dabei eine ganze Firma zu zerstören, das ist wohl einmalig in Deutschland. Aber da hat niemand etwas davon, auch nicht die Familien des fliegenden Personals.

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BTW-Gipfel, die Kanzlerin und die 750. Folge der Bissigen Bemerkungen

Als Highlight des BTW-Gipfels wurde die Rede der Bundeskanzlerin angekündigt. Ich hatte von dieser Rede nichts erwartet und diese (Nicht-) Erwartung wurde auch voll erfüllt. So kann man auch mit einer Rede von Angela Merkel zufrieden sein.

Schon am Vorabend des Kongresses hatte die Bundeskanzlerin die deutschen Touristen zu Reisen in arabische Länder aufgefordert, „um sich mit den Zusammenhängen Europa und arabischer Raum zu beschäftigen und immer wieder neue Erkenntnisse zu gewinnen“. Des könne auch zur gegenseitigen Verständigung hierzulande beitragen.

Frau Merkel, da sind Sie mal wieder ein paar Jahre zurück. Schon vor ca. 10 Jahren boomten Reisen in arabische Länder, weil der deutsche Tourist, gefördert durch die Angebote der Reiseveranstalter, neben den Bademöglichkeiten auch die Vielfalt der kulturellen Angebote schätzte. Wenn aktuell dramatisch weniger Touristen dahin reisen (insbesondere in den Nahen Osten), liegt das nicht an mangelndem Interesse an diesen Zielen, sondern einzig und allein an der unsicheren Sicherheitslage. Wenn Frau Merkel in ihrer Rede dann noch aufforderte vor Reisen in arabische Länder die Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes zu lesen, hat sie genau diese Bedenken auch noch verstärkt. Hätte sie beispielsweise Reisen nach Spanien angesprochen, wäre dieser Hinweis garantiert nicht gekommen.

Noch gravierender ist der Irrtum der Bundeskanzlerin, wenn sie meint, diese Reisen würden zur gegenseitigen Verständigung „hierzulande“ beitragen. Wirklich über Jahrzehnte hinweg haben Reiseveranstalter und auch Medien den deutschen Urlauber zum einen „erzogen wie er sich im Ausland zu benehmen hat“ und zum anderen ihn auch „zum kulturellen Austausch ermuntert“ und das mit großem Erfolg. Wobei Austausch mit den Einheimischen immer sehr „kleinteilig“ zu sehen ist. Das Gespräch mit dem „organisiert“ angebotenen Nomaden oder dem Imam in der nächstgelegenen Moschee ersetzt noch nicht einen gesamthaften Überblick.

Aber einen gewissen Rückschlag in diesen bislang erfolgreichen Bemühungen erleben wir allerdings ausgerechnet in unserem Land. Hat der Tourist verstanden, dass man sich im Ausland mit den dortigen Gepflogenheiten vertraut machen soll und diese auch zu respektieren hat, wird jetzt umgekehrt, ziemlich undifferenziert, die „umgekehrte Bedeutung der Gastfreundschaft“ gepredigt, wie stark wir jetzt hier bei uns auf die Gepflogenheiten unserer Gäste Rücksicht nehmen sollen. Auf diesen Konflikt hatten wir in den Bissigen Bemerkungen schon letztes Jahr hingewiesen.

Also Frau Merkel: Ich bin auch sehr für Reisen in arabische Länder, aber als Selbstzweck. Soll heißen, um dort Land und Leute zur Erweiterung des eigenen Horizontes kennenzulernen und nicht als Schnellkurs für besseres Verständnis des Islams hier in der Bundesrepublik.

Übrigens Frau Bundeskanzlerin, wann sind Sie zuletzt privat oder dienstlich in arabische Länder gereist? Ihren Urlaub verbringen Sie sehr konservativ ausschließlich in der Schweiz, in Südtirol oder in Italien. Aber ich kann mich auch kaum daran erinnern, wie oft und wann zuletzt, Sie politisch in ein arabisches Land gereist sind (Türkei nicht eingerechnet). Irgendwie habe ich den Eindruck, dass Sie solche Reisen gerne delegieren.

Auf Merkels Überraschung, dass es 10.000 Reisebüros in Deutschland gibt, ihren Irrtum das Thema EU-Pauschalreiserichtlinie sei ein Konflikt zwischen Branche und Verbraucher und ihre Aufforderung an den „Entwicklungshelfer Tourismus“ komme ich aus Platzgründen in den nächsten Bissigen Bemerkungen zurück. Immerhin, das sei positiv vermerkt, hatte sie alle Branchenthemen auf ihrer Agenda.
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Diese Bissigen Bemerkungen sind Folge 750. Ich war selbst überrascht, als ich diese Zahl festgestellt hatte und habe gleich vor Schreck eine längere Sommerpause eingelegt. Aber jetzt geht es wieder los. Auch hierzu in der nächsten Ausgabe mehr.
Bei dieser Gelegenheit darf ich nochmals auf meine andere Kolumne im Branchenportal „airliners.de“ hinweisen. Sie finden diese 14tägig, immer donnerstags, unter http://www.airliners.de/thema/die-born-ansage.

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Urlauber-Klischees

„Urlauber-Klischees“
HR4-Radio, 27.9.16

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Rennschnecke DRV

Sie haben es getan. Der Deutsche ReiseVerband (DRV) hat seine Jahrestagung in der Türkei abgesagt. Die BBBs haben schon vor fünf Wochen diese Absage gefordert (siehe BBB vom 25.7. „Der Deutsche Reiseverband sollte seine Jahrestagung in der Türkei absagen – und zwar sofort“), jetzt endlich hat sich der Verband dazu durchgerungen. Und er hat sich unerklärlicherweise schwer damit getan. Noch vor einer Woche antwortet der DRV auf eine Anfrage des Branchenblattes touristik aktuell mit Sätzen, deren Heißluftpotenzial auch einem Minister de Maiziere oder Minister Steinmeier zur Ehre gereicht hätte: „Wir bitten noch um etwas Geduld“, „Man beobachte alle Entwicklungen sorgfältig, einschließlich der möglichen Auswirkungen und gegebenenfalls der erforderlichen Maßnahmen“ bis hin zur absoluten sprachlichen Krönung „Angesichts der Komplexität der Entscheidung und der vielfältigen Aspekte….“. Bla, bla, bla – die Chance ein Zeichen zu setzen hat der DRV vertan. Seine Mitglieder haben ihm die Gefolgschaft verweigert. Nachdem sich nur ca. 1/3 der üblichen Teilnehmer angemeldet hatten, war selbst diese Zahl seit Wochen stark rückläufig. Der DRV lief Gefahr in Kusadasi quantitativ nur noch eine erweiterte Vorstandssitzung abzuhalten. Reaktion statt Aktion.

Spätestens als Mitte August die Meldung „Türkei lockert Verbot von Sex mit Kindern“ durch die Medien tickerte (immerhin eine Entscheidung des türkischen Verfassungsgerichtes, also höchstrichterlich) wartete ich stündlich auf eine Reaktion des DRV. Schon 2011 hatte der DRV einen Verhaltenskodex zum Kinderschutz unterschrieben, der vom BTW 2005, im Beisein von Königin Silvia, nochmal medienwirksam bekräftigt wurde. Gerade weil von türkischer Seite der (eigentlich unzweifelhafte) Gehalt dieser Entscheidung sofort in Frage gestellt wurde, hätte man zumindest eine Stellungnahme des DRV in der aktuellen Einschätzung der Entwicklung der Türkei erwartet. Stattdessen ist der DRV abgetaucht.

Auch ansonsten gibt es kein Kommentar des Reiseverbandes zur problematischen Entwicklung in der Türkei.

Der „Cirque du Soleil“ hatte schon vorher seinen für nächsten Monat geplanten mehrwöchigen Auftritt in der Türkei abgesagt. Da hätte man doch locker unter der Überschrift „Zirkus in der Türkei abgesagt“ mitsegeln können.

Parallel dazu waren Reaktionen aus der deutschen Wirtschaft eindeutiger. Die „Deutsche Messe AG“ beispielsweise sagte ihren türkischen Messeableger „Cebit Bilsim Eurasia“, mit über 1.000 internationalen Firmen eine der wichtigsten Messen in Eurasien, die Anfang Oktober in Istanbul stattfinden sollte, ab. Sie soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Nun soll die DRV-Jahrestagung zum gleichen Zeitpunkt in Berlin stattfinden. Da Vorstandswahlen anstehen, kann nur eine ausreichende Beteiligung an einer solchen Tagung eine Legitimation des zu wählenden Vorstandes garantieren.

Auch die so drängende Frage „Neue EU-Pauschalreiserichtlinie“ wird dann wahrscheinlich der zentrale Punkt der Diskussion sein. Auch hier hat sich der Verband nicht mit Ruhm bekleckert. Ein großes Aufschreien jetzt, nachdem der Entwurf vorliegt, wird erfahrungsgemäß nicht mehr viel bewirken. Es ist eine Binsenweisheit, dass erfolgreiche Lobbyarbeit zu einem Zeitpunkt wirken muss, bevor ein erster Entwurf vorgelegt wird. Sicherlich hat der DRV mit genügend Menschen in der Politik gesprochen, leider nicht mit den richtigen „Entscheidern“. Nachdem bekannt wurde, dass im Unterschied zu Deutschland, ändere Länder wie z.B. Niederlande und Österreich, die fragwürdige Brüsseler Novelle ablehnten, muss man sich noch mehr ärgern. Ich frage mich, wer hat Deutschland zur Zustimmung beeinflusst?

Diese unsinnige Gesetzesänderung trifft in erster Linie die deutschen Reisebüros. Entgegen aller Unkenrufe haben sie sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder erneuert und dadurch überlebt. Was das Internet bislang noch nicht geschafft hat, besorgt jetzt die Bundesregierung. Ein Drama. Als Verbandsverantwortliche eines Verbandes, in deren Ägide diese Entscheidung fällt, würde ich mich da richtig schlecht fühlen.

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Ferien 2017 am Mittelmeer

„Ferien 2017 am Mittelmeer“
BILD bundesweit, 28.8.16

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Urlaub in der Türkei?

„Urlaub in der Türkei?“
HR1-Radio, 12.8.2016

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Angst und Bange

„Angst und Bange“
Travel tribune, 4.8.16

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Der Deutsche ReiseVerband sollte seine Jahrestagung in der Türkei absagen – und zwar sofort

Wo darf der deutsche Tourist aus moralischen Gründen keinen Urlaub machen? Auf diese Medien-Lieblingsfrage habe ich immer geantwortet, „wo Kanzlerin und Minister hinfahren, darf auch der deutsche Urlauber seine Ferien verbringen“. Warum soll er moralischer sein als die Polit- und Wirtschaftsdelegationen?

Insofern hatte ich mir vor vier Wochen auch keine Gedanken über das Thema Türkei-Urlaub gemacht. Wer will, warum nicht? Auch die Gefahr, Opfer eines Attentates in der Türkei zu werden, hatte ich nicht überbewertet. Statistisch gesehen habe ich einen Antalya-Urlaub sicherer gesehen als eine Autobahnfahrt.

Ein Attentat ist immer „nur“ eine punktuelle Gefahr, aber die „Gefahr Erdogan“ seit dem Putsch ist flächendeckend. Pauschale Verhaftungen in inzwischen 5-stelliger Anzahl zeigen, hier wird nicht zuerst die individuelle Schuld geprüft, sondern pauschal verhaftet. Es trifft nacheinander immer neue Berufsgruppen. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis es die ersten Hotelmanager trifft. Auch nur der leiseste Verdacht irgendeiner Verbindung zur Gülen-Bewegung, mag er auch noch so weit hergeholt sein, ist ein Verhaftungsgrund. Das kann auch „versehentlich“ deutsche Touristen treffen.

Früher hätte das Auswärtige Amt bei einer „versehentlichen“ Verhaftung eines deutschen Touristen, sofort alles in Bewegung gesetzt, um ihn in kürzester Zeit frei zu bekommen. Auf eine solche Initiative des Auswärtigen Amtes oder sogar der Kanzlerin kann man aktuell nicht hoffen. Dem „Flüchtlingsdeal“, der nicht gefährdet werden darf, würde auch ein „Einzelschicksal“ untergeordnet werden.

Dieses Szenario ist im Moment noch theoretisch, aber meines Erachtens alles andere als abwegig. Wer die aktuelle politische Entwicklung in der Türkei verfolgt und nicht die Parallelen zu unserer Vergangenheit sieht, ist entweder blind, unwissend oder ignorant. Für die Bundesregierung könnte man hinzusetzen „oder ist erpressbar“. Eine ganz schlimme Situation.

Und in diesem Umfeld will der Deutsche ReiseVerband seine Jahrestagung in der Türkei abhalten? Das geplante positive Zeichen für den Türkeitourismus kann im Moment nicht mehr aktuell sein.

Wie kann ein Szenario für diese Tagung aussehen:

Erdogan macht daraus eine Jubelveranstaltung für seine Politik. Die offiziellen türkischen Redner werden Reden halten, bei denen man nur verschämt auf den Boden schauen kann. Wie reagiert der DRV-Präsident? Er ignoriert? In den Interviews mit der türkischen Presse wird das nicht einfach sein. Er kommentiert und korrigiert? Das wäre nicht nur gefährlich, sondern würde genau das Gegenteil bewirken, was man mit dieser Veranstaltung ursprünglich erreichen wollte.

In der Vergangenheit hat oft die Politik versucht auf political correctness ihrer Bürger und speziell der Touristen einzuwirken. Im Moment ist es gerade umgekehrt, wir müssen auf unsere Politik einwirken. Tut sich der DRV eventuell mit der Absage deshalb so schwer, weil er unter Druck des Auswärtigen Amts steht, unbedingt diese Tagung in der Türkei abzuhalten?

Wer immer im Moment als Urlauber in die Türkei reisen will, kann das gerne tun, wenn er weiß und akzeptiert, wie er sich dort zu verhalten hat. Es liegt mir fern, das zu bewerten. Aber für einen Tourismusverband gelten vollkommen andere Anforderungen. Da erwarte ich politische Einsicht.

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