Gedanken zum Tod von Dr. Hinrich Bischoff | 13.11.2005 (Prof. Karl Born)13.11.2005: Gedanken zum Tod von Dr. Hinrich Bischoff

Dr. Bischoff starb am Freitag, dem 11. November, im Alter von 69 Jahren. Aus diesem Grund erscheinen heute keine „Bissigen Bemerkungen“. Der folgende Text soll kein Nachruf im üblichen Sinne sein, sondern eine Aneinanderreihung von kleinen Geschichten über diesen in jeder Hinsicht „nicht genormten“, aber gerade deswegen so erfolgreichen Mann. Gerade so, wie er es umgekehrt auch gemacht hätte.
Kommentar Karl Born:
Was war sein Erfolgsgeheimnis? Wirtschaftsberater (die er übrigens nicht leiden konnte) würden dafür die Formel KISS (Keep it Simpel and Stupid) verwenden. Bischoff hat Probleme nicht verkompliziert, sondern mit scharfem Verstand den entscheidenden Punkt erkannt und sich mit hoher Konsequenz nur darauf konzentriert. Das gleiche gelang ihm übrigens auch im Verhältnis zu anderen Menschen. Fast wie mit Röntgenaugen erkannte er sofort, „wer etwas drauf hatte und wer nicht“. Das war das positive an ihm, das negative war, dass er dies auch laut sagte.
Verhandlungspartner von Bischoff zu sein, konnte man als „gefahrgeneigte Arbeit“ bezeichnen. Da galt es immer äußerst aufmerksam zu sein. Am meisten motiviert war er, wenn er auf allerhöchster Ebene verhandeln konnte. War die Gegenseite nicht so mit den Details vertraut wie er, konnte das Endergebnis für manchen teuer werden. Der Vertrag mit Lufthansa über die Vercharterung von Fluggerät an Condor gilt als sein absolutes Meisterstück. Und als die jahrelange Zusammenarbeit mit TUI (wie er meinte schmählich) zu Ende ging, soll er sich mit einem „scharf verhandelten“ Vertrag über die Vercharterung einiger seiner Flugzeuge an Hapag-Lloyd Express „gerächt“ haben.
Seine oft zitierte Sparsamkeit war eine Mischung aus „echt und zelebriert“. Jahrzehntelang war „sein“ Auto der VW Golf. Damit wollte er intern ein Zeichen für Sparsamkeit setzen, um keine großen Erwartungen seiner „Leitenden“ entstehen zu lassen. Da ihm die Meinung anderer Menschen so ziemlich schnuppe war, störte es ihn auch nicht, mit diesem Wagen bei großen Empfängen vorzufahren, wie z.B. bei den Salzburger Festspielen. Dass seine Frau dies weniger lustig fand, ist zu verstehen.
Von seiner Kleidung her gesehen hätte ein Unbefangener sicherlich nicht auf die finanzielle Klasse geschlossen, in der er zuhause war. Für ihn musste Kleidung nur leger sein. Sein Understatement hat er genossen, insbesondere wenn andere ihn deshalb unterschätzten. Mit Krawatte sah man ihn nur, wenn er Termine bei Menschen hatte, die er sehr schätzte. Da gab es einige wenige, besser gesagt „sehr“ wenige, wie z.B. Hans-Jakob Kruse, den früheren Vorstandsvorsitzenden von Hapag-Lloyd. Da war Krawatte für ihn selbstauferlegte Pflicht.
Die meisten Legenden haben sich um seine Aktentasche gebildet, die eher an das Outfit eines ländlichen Tierarztes erinnerte (wie es in der Pressemeldung von Air Berlin absolut zutreffend beschrieben wurde). In dieser Tasche fanden sich gleichermaßen wichtige Büropapiere, Veranstalterverträge, Bankauszüge, Rechnungen von Bilderkäufen, die letzten Skatabrechnungen (dazu später mehr), Geld in manchmal nicht unerheblicher Menge und wie er behauptete auch viele „Giftzettel“ (die freilich nie jemand gesehen hatte). Ich erinnere mich an einen Tag, als eine Besprechung in Berlin zu lange ging, aber man unbedingt noch das letzte Flugzeug erreichen musste. Die Mitfahrt im Auto von Bischoff war grundsätzlich und an diesem Tag besonders nur etwas für Menschen die absolut furchtlos waren und einen gesunden Magen hatten. Um Zeit zu sparen, sollte der Beifahrer den Check-In für beide (inklusive Tasche) vornehmen und er in dieser Zeit das Auto parken. Die (damals obligatorische) Frage des Sicherheitsbeamten „Haben Sie diese Tasche selbst gepackt“, ist sicherlich noch nie so sehr an den Tatsachen vorbeigegangen wie in diesem Fall. Dr. Bischoff, der erstaunlich schnell vom „Parken“ kam, antwortete auf die Frage wieso er so schnell einen Parkplatz gefunden hätte mit dem Satz: “Den einzigen Luxus, den ich mir leiste, ist mein Auto immer da abzustellen, wo ich möchte“.
Sein wahrer Luxus waren aber andere Dinge. Legendär sind gleichermaßen Geschichten wie jene, als er als einziger Experte das echte Bild eines flämischen Meisters erkannte, wie auch jene, als er den in seinen Golf einsteigenden Beifahrer ermahnte, nicht auf die am Boden liegende Einkaufstüte zu treten, weil sich darin ein 10-Mio-DM-Gemälde befand.
Ein anderer Luxus war, Skat zu spielen, stundenlang, nächtelang. Seine Mitspieler waren oftmals sehr prominent, wie z.B. Felix Magath und viele andere. Durch sein sensationell gutes Gedächtnis war er geradezu prädestiniert für dieses Spiel. Auch nach stundenlangem Spiel, morgens um vier oder fünf Uhr, wusste er noch genau, welche Karten bereits gespielt und welche Karte sich bei wem befinden müsste. Dagegen ist der „normale Skatspieler“ um diese Zeit durch entsprechenden Alkoholgenuss schon stark beeinträchtigt. Insofern lautete der übliche Ausgang des Spieles, Bischoff nüchtern und gewonnen, die Mitspieler hatten einen schönen Abend, waren aber finanziell um einiges erleichtert. Fand der Skatabend bei Bischoff zuhause statt, hatten die Mitspieler immerhin die Möglichkeit, sich Getränke direkt aus seinem Keller zu besorgen. Dort lagen, aus manchem Nachlasskauf bei dem sich Bischoff nur für die Gemälde interessiert hatte, quasi als „Nebengabe“, einige Flaschen Petrus oder ähnliches rum, die von den Skatspielern, nicht immer mit genügendem Respekt, als Ersatz für verlorenes Geld getrunken wurden. Für seine geschäftlichen Konkurrenten war er kein angenehmer Zeitgenosse. Ein gewisses Feindschaftsverhältnis zum früheren Chef von Aero Lloyd, Bogomir Gradisnik, und später zum Geschäftsführer von Air Berlin, Joachim Hunold, war Mit-Triebfeder seines Handelns. Er brauchte dies fast um sich zu motivieren. Umso überraschter war die Branchenöffentlichkeit, als er vor kurzem mit Achim Hunold, als es die wirtschaftlichen Umstände erforderten, nicht nur Frieden schloss, sondern auch eine sehr erfolgreiche, zuerst dienstliche und danach auch persönliche Partnerschaft aufbaute.
Als Chef einer Airline, der mit Vorsatz keine Gewerkschaft in seinem Betrieb wollte, der Kosten sparte wo immer es ging und Gesetze (zulässig) auf Kante auslegte, war er starken negativen öffentlichen Äußerungen ausgesetzt. Dabei hatte er ein großes Herz für alle, die unverschuldet in Not waren. Hier tat er weit mehr als nötig und weit mehr als allgemein bekannt.
Insofern war es für ihn konsequent (für Außenstehende aber sicherlich außergewöhnlich), dass er sich auf seinem Totenbett besonders Gedanken um den Fortbestand seiner Firma und die Zukunft seiner Mitarbeiter machte. Dass er in dieser Situation Achim Hunold, den Chef von Air Berlin anrief und ihn bat die Verantwortung für die Zukunft von Bischoffs Germania zu übernehmen, ist eine der unglaublichsten Geschichten, die es je in dieser Branche gab.
Sterben Menschen ist man schnell mit der Vokabel „wir werden dich nicht vergessen“ zur Hand. Bei Bischoff ist das keine Frage: Wer so außergewöhnlich anders war als alle anderen, den kann man nicht vergessen.
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