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Ein G8-Gipfel als Tourismuswerbung? Wer hat denn diesen Witz erfunden? | 19.11.2006 (Prof. Karl Born)19.11.2006: Ein G8-Gipfel als Tourismuswerbung? Wer hat denn diesen Witz erfunden?


Der nächste G8-Gipfel (Treffen der wichtigsten Industrienationen) soll in Heiligendamm/Mecklenburg-Vorpommern stattfinden. Angesichts der explodierenden Kosten (z.Z. 92 Mio. Euro) werden erste Stimmen laut, Mecklenburg-Vorpommern möge auf diese Veranstaltung verzichten. Einige „Profilneurotiker“ werfen jetzt als letztes Pro-Gipfel-Argument in die Waagschale, eine solche Chance für Tourismuswerbung dürfe man sich nicht entgehen lassen.
Selten so gelacht! Die touristische Werbewirkung eines solchen Gipfels tendiert stark gegen Null, wenn nicht sogar ins Negative.


Kommentar Karl Born:

Der touristische Wert von Großveranstaltungen ist ohnehin umstritten. Gerne wird aufgezählt wie häufig die Namensnennung in der Presse war. Aber daraus generell auf eine starke effektvolle touristische Werbung zu schließen ist ein (weit verbreiteter) Irrglaube.

Damit Großveranstaltungen einen positiven Effekt erzielen, müssen sie erstens über einen längeren Zeitraum gehen und zweitens zumindest im gewissen Maße Freizeitaspekte ansprechen. Erst dann erfolgt neben der eigentlichen Sachberichterstattung auch eine Berichterstattung unter den Rubriken Reise, Kolumne, Buntes/Gemischtes in den internationalen Medien. Insbesondere bei einem Polit-Gipfel überwiegt so stark der politische Inhalt, dass für alles andere kaum noch Raum ist.

Nächster Irttum: Man könne über eine solche Veranstaltung unbekanntere Orte bekannt machen. Haben Sie jemals etwas über den touristischen Aufschwung von Spokane, Tsukuba, Daegon, Sea Island und Gleneagles gehört (Auflösung siehe unten)? Eben! Städte die nicht ohnehin schon bekannt sind, geraten rasch nach einer solchen Veranstaltung wieder in Vergessenheit. Die Top-Veranstaltung als solche überwiegt so stark in den Medien, dass außerhalb des Landes wohnende Leser, Hörer und Sehen das Ereignis als solches abspeichern, aber nicht die unbekannte Stadt in ihr Gedächtnis „einlagern“.

Ein alter PR-Spruch sagt „egal ob gute oder schlechte Nachricht, Hauptsache, der Name ist richtig geschrieben“. Diese These gilt (und das müsste eigentliche bekannt sein) nicht für ein so „emotionales Produkt“ wie Tourismus. Hier hilft nur positive Werbung. Bei einem Polit-Gipfel ist die Gefahr viel zu groß, dass ausschließlich negativ über das Ereignis und über das Umfeld (Schlägerei, Polizeieinsätze usw.) berichtet wird. 13 Mio. Euro soll Mecklenburg-Vorpommern allein für einen 13 Kilometer langen Sicherheitszaun zahlen, das inspiriert höchstens einige noch „Mauer-Nostalgiker“ zum Besuch.

Wie der Ministerpräsident unter diesen Voraussetzungen Mecklenburg-Vorpommern als „weltoffen und gastlich“ präsentieren will, bleibt ein Rätsel. Im Gegenteil. Wenn man sich die Bilder in Erinnerung ruft, wie George W. Bush sich bei seinem letzten Besuch ein Stück von einem schwarz verbrannten Wildschwein abschneiden (musste), ist im Gedächtnis wahrscheinlich nur hängen geblieben „und grillen können die auch nicht“.

Ganz gleich, ob Mecklenburg-Vorpommern nun 25 oder 50 Mio. Euro der anfallenden Kosten übernehmen muss, einen Teil dieser Kosten stattdessen in eine echt gute Tourismuswerbung investiert, würde einen wesentlich größeren Effekt erzielen.

Liebe Politiker von Mecklenburg-Vorpommern schaut, dass ihr recht bald einen noch Dümmeren findet, der Euch diese Veranstaltung abnimmt.


PS: Haben Sie es gewusst? Spokane, Tsukuba und Daegon waren mal EXPO-Veranstalter und Sea Island und Gleneagles waren mal G8-Gastgeber. Aus und vorbei, innerhalb eines Jahres außerhalb ihres Landes vergessen. So wird in einem Jahr international auch kein Hahn mehr nach Heiligendamm krähen.

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