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„Air Parchim“ – wie „sick“ ist das denn?

Früher hieß es „blau machen“ oder „den gelben Schein abholen“, wenn man sich krank meldete, ohne so richtig krank zu sein. Die moderne Variante, vor allem ab einer bestimmten Gehaltsklasse, nennt man „Sick out“. Und genau das machten 200 Piloten der Air Berlin, mit gleichzeitigen, natürlich „unabgesprochenen“ Krankmeldungen. Ich nenne das eher: „Da versuchen einige den dünnen Ast abzusägen, auf dem sie sitzen.“

Am Ende des Tages war das dann überraschenderweise doch nicht die Top-Nachricht des Tages. Bei „Bild.de“ rangierte ganz oben: „Jetzt wollen die Chinesen bei Air Berlin einsteigen – und Air Berlin aus der Stadt aufs Land verlegen.“

Ja ist denn schon wieder 1. April?
Da will doch tatsächlich der chinesische Unternehmer Jonathan Pang, der mit seiner Gesellschaft Link Global vor zehn Jahren den Flughafen Parchim (internationale Bezeichnung: Schwerin-Parchim International Airport) übernommen hat, für die komplette Air Berlin bieten und den insolventen Carrier (oder zumindest Teile davon) in den hohen Norden verlegen.
Ich habe alle verfügbaren Kalender durchgesehen, aber in keinem stand, dass wir nun den 1. April haben.

„Viele Ideen, kein Ergebnis“
Kenner der Parchimer Flugszene entlockt das natürlich nur ein müdes Lächeln, denn seit zehn Jahren soll Parchim (laut Homepage des Flughafens „im Zentrum von Europa gelegen“) schon zu einem internationalen Drehkreuz ausgebaut werden. „Viele Ideen, kein Ergebnis – die unendliche Geschichte des Flughafens Parchim“, nannte es mal der Deutschlandfunk.
Tatsächlich ließ Link Global immer wieder Zahlungstermine verstreichen und führte erforderliche Baumaßnahmen nicht aus. Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern prüft seit 2010 einen weitgehenden Forderungsverzicht. Die Flughäfen Lübeck und Hahn lassen herzlich grüßen …

Auch will Pang in Parchim seit einem Jahrzehnt eine Shopping-Mall hochziehen. Das Luxus-Outlet-Center soll etwa 12.000 Quadratmeter groß werden. Hauptsächlich chinesische, russische und arabische Kunden sollen die Mall besuchen – die Investoren rechnen pro Tag mit 3000 Passagieren in Parchim. Wird Air Berlin dann bald als eine Art Reisebus fungieren, der die kaufwillige Kundschaft zu den Luxus-Heizdecken nach Parchim bringt? Immerhin wäre die Langstrecke damit ausgelastet.

Wenn man sich mal amüsieren will, kann ein Blick auf die Homepage des Flughafens lohnen. Dort wirbt der Airport unter anderem mit: geringeren Kosten als an anderen Flughäfen, Betriebserlaubnis 365 Tage, 24 Stunden täglich, alle Flugzeugtypen (inklusive der A380) können abgefertigt werden. Da lacht doch jedes Berliner Flughafenherz.

Höhe stellt sogar Wöhrl in den Schatten
Und was die Air-Berlin-Nachricht krönt: Die Chinesen wollen angeblich eine Milliarde Euro bieten. Richtig gelesen, eine eins und dahinter neun Nullen! Da hat es aber dem fränkischen Anbieter Hans Rudolf Wöhrl glatt den Tag verhagelt. Sein angekündigtes sensationelles Angebot, das fast alle Medien als eine halbe Milliarde Euro benannt hatten, wurde locker verdoppelt. Tatsächlich ist das Angebot von Hans Rudolf Wöhrl nur die festzugesagten 50 Millionen Euro wert – der Rest ist Fantasie. Das kann er doch selbst nicht ernst meinen, was er hier anbietet. Seinem Buch wird es helfen, aber dieser „Traum wird nicht zum Fliegen kommen“.

Auto-Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) hat als Reaktion auf das Angebot aus Fernost direkt noch einmal klar gestellt, dass die Mehrheit des Eigentums und die Kontrolle über eine europäische Fluggesellschaft auch von Europäern gehalten werden muss. Kleine Fußnote Dobrindts für alle, die das Angebot wirklich ernst nehmen.

Wöhrl + Pang = „LUFTfahrt“
Das schreit nach einer unkonventionellen Lösung: 51 Prozent bekommt der Franke Wöhrl und 49 Prozent wandern auf das Konto des Heizdecken-Chinesen. Dieses Gemeinschaftsunternehmen dürfte zu Recht in seinem Namen das Wort „Luftfahrt“ führen, wobei die Betonung auf dem ersten Teil des Wortes liegen sollte.

Auch der letzte Gedanke in dieser Kolumne gilt nochmal unserem Schienen-Heini Dobrindt. Er forderte die „kranken Air Berlin-Piloten“ wieder zur Arbeit auf. Ausgerechnet Dobrindt, der vier Jahre lang luftfahrttechnisch nicht viel gearbeitet hat, meint dies sagen zu müssen. Deshalb ordne ich seine Aufforderung unter: „Das Wort zum (Wahl-)Sonntag“ ein.
Wie hält es der Chinese eigentlich mit der Arbeit?

Diese Kolumne wurde auch als „Die Born-Ansage“ bei airliners.de veröffentlicht.

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Die drei Affen und Reisehinweise für die Türkei: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Wer gedacht hatte, ich hätte vor 10 Tagen bereits über den unsinnigsten Reisehinweis des Auswärtigen Amtes gelästert (siehe BBBs vom 27.8.2017 „Die Geschichte des Reiserechts muss umgeschrieben werden – dank Sigmar Gabriel“), der wird diese Woche überrascht sein. Gabriel und das Auswärtige Amt können noch viel unsinniger und widersprüchlicher Reisehinweise formulieren.

Zitat: „Seit dem Putschversuch im Juli 2016 wurden in der Türkei vermehrt deutsche Staatsangehörige willkürlich inhaftiert. Dabei waren weder Grund noch Dauer der Inhaftierung nachvollziehbar. Mit derartigen Festnahmen ist in allen Landesteilen der Türkei einschließlich der touristisch frequentierten Regionen zu rechnen.“

Bitte genau lesen, es wird jetzt ausdrücklich auch vor „willkürlichen“ Festnahmen in den “touristisch frequentierten Regionen“ gewarnt.

Leider geht es noch weiter so: „Entgegen ihrer völkerrechtlichen Verpflichtungen hat die Türkei in einigen dieser Fälle den deutschen Auslandsvertretungen in der Türkei den konsularischen Zugang zu den Gefangenen erst mit teilweise mehrmonatiger zeitlicher Verzögerung gewährt.“

Frage: Hat es jemals einen solchen Reisehinweis bezogen auf irgendein Land gegeben, der nicht augenblicklich in eine Reisewarnung umgesetzt wurde?
Können jetzt Auswärtiges Amt, Deutscher Reiseverband und Reiseveranstalter noch länger die drei Affen spielen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen?
Glaubt jemand ernsthaft, diese „Nicht-Reisewarnung“ würde vor einem Gericht bestehen, wenn jemand wegen der „kostenpflichtigen“ Stornoregelung klagt?
Ist es abwegig, dass ein evtl. inhaftierter Tourist gegen das Auswärtige Amt klagt wegen unterlassener Reisewarnung?

Für ein paar übriggebliebene Ignoranten in Bezug auf Türkei-Reisewarnung seien hier einige Lieblingsargumente widerlegt:
–Ja, es gibt noch viele andere Reiseländer, die politisch umstritten sind und deren Demokratie stark eingeschränkt bzw. überhaupt nicht vorhanden ist. Aber, und das ist der entscheidende Unterschied, in keinem dieser Länder werden deutsche Staatsbürger willkürlich verhaftet und es sitzen auch keine 56 deutsche Staatsbürger in deren Gefängnisse.
–Ja, Attentate können überall passieren, da scheinen die Tourismusdestinationen der Türkei nicht gefährlicher als anderswo. Aber bei der aktuellen Diskussion Reisewarnung für die Türkei Ja oder Nein, geht es nicht um die Gefahr von Attentaten, die Gefahr dort hat einen anderen Namen: Erdogan.
–Ja, liebe Schnäppchenjäger, die Türkei ist sehr preiswert. Es gibt dort sogar einen Platz, wo Vollpension kostenlos ist. Nur mit dem Strandleben ist es während dieser Zeit etwas schwierig.

Je intensiver man die neuen Reise-„Hinweise“ liest, desto irrwitziger wird das Ganze. Steht dort doch tatsächlich:

„Seit Anfang 2017 wurde deutschen Staatsangehörigen in zahlreichen Fällen an den Flughäfen in der Türkei die Einreise verweigert. Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden bis zu wenigen Tagen ihre Rückreise nach Deutschland antreten. Dabei wurden ihnen zum Teil auch ihre Mobiltelefone abgenommen. Von einer Einreiseverweigerung betroffenen deutschen Staatsangehörigen wird geraten, Kontakt mit der nächsten deutschen Auslandsvertretung aufzunehmen und bis dahin keine Aussagen ohne Anwesenheit eines Anwalts und eines Dolmetschers zu machen oder Dokumente zu unterschreiben, deren Inhalt sie nicht verstehen.“

Das hat bislang noch keiner der von einer Einreiseverweigerung Betroffenen geschafft, während seiner Inhaftierung Kontakt zur nächsten deutschen Auslandsvertretung aufzunehmen. Wie weltfremd ist denn das?

Liebe Beamte des Auswärtigen Amtes, lieber Minister Gabriel, liebe Tourismusverantwortliche, könnt ihr eigentlich nachts noch gut schlafen?

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Die Geschichte des Reiserechts muss umgeschrieben werden – dank Sigmar Gabriel

Er ist schon ein richtiger Tausendsassa, unser Außenminister. Er ist kein Diplomat wie sein Vorgänger Steinmeier. Gabriel ist schnell, manchmal so schnell, dass nicht alle Gedanken hinterher kommen.

Seit fast Jahrzehnten galt in Deutschland: Das Auswärtige Amt befasst sich mit der Gefahrenlage für Deutschen im Ausland in zwei Varianten:

Reisehinweise und Reisewarnungen.

Reisehinweise soll heißen: Achtung, aufpassen, es gibt Probleme, also eine Art Gefahren-Ampel, die auf Gelb steht.

Reisewarnung soll heißen: Nichts geht mehr. Das Zielgebiet ist zu gefährlich, die Gefahren-Ampel steht auf Rot. Konsequenz: Der Veranstalter darf keine Touristen hinbringen und muss jene, die vor Ort sind, schnellstens zurückbringen. Wer für dieses Zielgebiet schon seinen Urlaub gebucht hat, darf kostenfrei stornieren.

Gabriel hat dieses eingeübte Verfahren erweitert.

Dritte Variante: Reisewarnung, die aber Reisehinweis heißt

Im Juli gab das Auswärtige Amt, lt. Gabriel auf seinen besonderen Druck, eine sehr heftige Reisewarnung für die Türkei heraus (Gefahr willkürlicher Verhaftungen usw.), nannte sie aber „modifizierten Reisehinweis“. Oder, um im obigen Beispiel zu bleiben: Die Ampel ist rot, wir sagen aber, sie sei weiterhin gelb (na ja, vielleicht ein etwas dunkleres Gelb). Damit konnten die deutschen Reiseveranstalter gut leben. Auch der Deutsche Reiseverband wurde nicht müde, das schöne Gelb der Ampel zu loben. Nach dem Motto: Alles bestens, nur in einem Punkt Vorsicht: Solltet ihr eventuell Erdogan auf der Straße sehen, wechselt vielleicht sicherheitshalber die Straßenseite.

Jetzt gibt es neu sogar eine vierte Variante: Die rote Ampel, die man nur in der Provinz sehen kann.

Der umtriebige Gabriel hat noch einen draufgesetzt. Von seinem Wohnort Goslar aus ließ er die Öffentlichkeit wissen, dass er von Reisen in die Türkei warne oder abrate oder wie auch immer formuliert. Da kamen seine Beamten im Auswärtigen Amt aber ins Rotieren, die Blutdrucksenkungsmittel sollen in Minuten verbraucht gewesen sein. War bestimmt nicht einfach Herrn Gabriel darauf hinzuweisen, dass diese Äußerungen nicht ganz konform mit den „modifizierten“ (schöne vernebelnde Beschreibung) Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes seien. Ergebnis, seine neue Verlautbarung sei seine private Meinung. Wenn er am Montag wieder im Büro sei, dann gelte natürlich seine offizielle Meinung. Was wiederum nicht so ganz einfach ist. Unsere Bundeskanzlerin wird nicht müde zu betonen, dass sie immer im Dienst sei, auch wenn sie in der Uckermark sei. So wird also (im Normalfall) auch Gabriel (immerhin Außenminister und Vizekanzler) behaupten, dass er immer im Dienst sei. Insofern könnte es schwierig sein, im Dienst, gezielt seine Privatmeinung in die Presse zu lancieren. Unbestätigten Meldungen zufolge soll sich Gabriel wie folgt aus der Affäre gezogen haben. Wenn er in Goslar privat auf die Gefahren-Ampel schaue, sehe er Rot. Bei anderen Lichtverhältnissen in Berlin zeige die gleiche Ampel aber Dunkelgelb.

Dann ist doch alles klar, oder doch nicht? Was ist, wenn ein Kunde nun vor Gericht klagt, dass er nicht kostenlos stornieren darf und sich dabei auf Gabriel bezieht (m.E. genügt dafür schon der letzte sog. modifizierte Reisehinweis). Er wird bis zur obersten Instanz gehen müssen. Aber aussichtslos ist es nicht. Kein Wunder, dass die Branche nervös ist.
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In eigener Sache:
Ja, es gibt sie noch, die BBBs. Inzwischen haben eifrige Leser (Danke!) gefragt, warum keine BBBs mehr erschienen seien. Die BBBs haben einfach nur noch Pause gebraucht. Die Realität ist zur Zeit ohnehin besser als jede Satire. Der Außenminister stellt die Regeln des Auswärtigen Amts auf den Kopf, der Bundestag verabschiedet nachts um 1 Uhr (ganz leise, damit es vielleicht keiner merkt) ganz miese Europäische Pauschalreiserichtlinien, der BER ist noch immer nicht eröffnet und Wöhrl macht mal wieder PR-Welle (sein Buch steht zur Veröffentlichung an). Braucht es bei diesem realen Wahnsinn BBBs? Ja, gerade jetzt. Die BBBs wird es weitergeben, wenn auch unregelmäßig. Und ich nehme mir die Freiheit auch nicht alles beißen zu müssen, was gerade so durch die Gazetten getrieben wird, um kleine PR-Lüftchen nicht größer zu machen als sie sind.

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Der kollektive Realitätsverlust in Politik und Branche gefährdet deutsche Touristen

Gut gebrüllt Löwe Gabriel. Da hat er mit dem Einverständnis der Kanzlerin es Erdogan mal so richtig gezeigt. Wirklich? Im Ergebnis hat das Auswärtige Amt seinen Kuschelkurs gegenüber der Türkei nicht beendet.

Fast alles, was im neuen Reisehinweis für die Türkei steht, ist in Wirklichkeit eine Reisewarnung. Aus jeder Zeile kann man lesen: „Ich bin eine Reisewarnung, aber ich darf leider nicht so heißen“. Bei keinem anderen Land dieser Welt wäre ein solcher Text ohne die Überschrift „Reisewarnung“ veröffentlicht worden.

Beispiel1, O-Ton Gabriel: „Deutsche Staatsbürger sind in der Türkei vor willkürlichen Verhaftungen nicht mehr sicher“.
Deutlicher geht es nicht mehr. Gibt es noch für irgendein ein anderes Land den Reisehinweis, dass deutsche Staatsbürger vor willkürlichen Verhaftungen nicht mehr sicher sind? NEIN.

Beispiel 2 ist noch schlimmer, O-Ton Auswärtiges Amt. „Wer aus privaten oder geschäftlichen Gründen in die Türkei reist, wird empfohlen, sich auch bei kurzzeitigen Aufenthalten in die Listen für Deutsche im Ausland bei Konsulaten und Botschaften einzutragen“.
Sind die im AA jetzt total verrückt geworden? Der Tourist soll sich in eine Liste bei der Botschaft eintragen? Geht’s noch? Und warum: „Die Auslandsvertretungen werden bei Festnahmen deutscher Staatsangehöriger nicht immer rechtzeitig unterrichtet.“ Das heißt übersetzt, wir können zwar nicht verhindern lieber Tourist, dass du willkürlich verhaftet wirst, aber so erfahren wir wenigstens rechtzeitig, dass du eingesperrt bist. Und ob und wann wir dich im Gefängnis besuchen können, wissen wir im AA auch nicht, trotz des Anspruchs aller Deutschen auf konsularischen Rat und Beistand.

Und dafür gibt es keine Reisewarnung? Von wegen „Bundesregierung knallhart“, da kann man eher einen Pudding an die Wand nageln.

Und dazu noch der Pressesprecher des DRV in den TV-Nachrichten. „Das ist ja keine Verschärfung der Reisehinweise, sondern nur eine Anpassung“. Diese Verniedlichung ist inakzeptabel, auch wenn das AA den Begriff verwendet hat.
Aber die Krönung im Interview des Pressesprechers war: Wer vorsichtig ist, dem wird auch künftig nichts passieren.
Das ist der allerschlimmste Irrglaube, eine dumme Argumentation, die nur die Aufregung der Touristen beruhigen soll. Ich habe noch darauf gewartet, bis er sagt, wir freuen uns unverändert auf die DRV-Jahrestagung 2018. Thorsten Schäfer sollte Gabriel aufmerksamer zuhören. Der Außenminister sagt selbst, „dass man vor willkürlichen Verhaftungen nicht sicher ist“. Mein Appell an den DRV-Vorsitzenden Fiebig: „Korrigieren Sie diesen unsinnigen Satz so schnell wie möglich“.

Das Auswärtige Amt hat früher schon darauf hingewiesen, „dass seit Anfang Februar in einzelnen Fällen deutschen Staatsangehörigen an den Istanbuler Flughäfen die Einreise in die Türkei ohne Angaben genauer Gründe verweigert. Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden ihre Rückreise nach Deutschland antreten“.
Der Grund ist, dass schon in Deutschland Informationen gegen Personen gesammelt wurden, z.B. Facebook-Kommentare oder durch Denunzieren, zu dem Erdogan ausdrücklich aufgefordert hat. Die Vorstellung „ich spreche in der Türkei nicht über Politik, dann passiert mir nichts“ ist naiv. Entsprechende bereits in Deutschland getätigte Äußerungen können zu Verhaftungen in der Türkei führen.

Zwei weitere Dinge müssen noch klargestellt werden.
1.„Aber die Türkei ist doch so preiswert!“ Warum? Preiswert fällt nicht vom Himmel. Das Lohnniveau und die Arbeitszeitbedingungen sind in der Türkei schon immer schlechter als in vielen anderen relevanten Zielgebieten. Der preiswerte Türkeiurlaub wird zu Lasten der im Tourismus Beschäftigten erkauft. Das hat bislang aber noch niemand gestört.

2.Die Menschen in den Urlaubsregionen haben doch mehrheitlich gegen Erdogan gestimmt. Abgesehen, dass das kein erhöhtes Sicherheitsargument ist, sondern eher das Gegenteil, fehlt auch die restliche Logik. In Izmir haben 69% gegen Erdogan gestimmt, in Antalya haben 59% gegen Erdogan gestimmt. Das heißt aber im Umkehrschluss, in Antalya haben z.B. 41% für Erdogan gestimmt. Darunter können viele „Streber“ sein, die sich durch Denunzieren von Touristen einen Vorteil versprechen.

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Für den Flugverkehr werden in Berlin demnächst die Hexenbesen knapp

Eigentlich mag ich ja Berlin und mit der vielgerühmten Schnoddrigkeit ihrer Bewohner komme ich auch ganz gut zurecht. Womit ich überhaupt nicht klarkomme, sind die Berliner Politkasper, die mit hoher Energie ihre Stadt zurückentwickeln und jeden Misserfolg im Nachhinein noch als eigentlich so gewollt verkaufen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die „Niveauunterschiede“ von SPD, CDU, Grüne und Linke in Berlin minimal sind und egal welche Kombination gerade „dran ist“, der Misserfolg immer der gleiche bleibt.

Als ich jetzt einige Anträge für den kommenden Parteitag der Berliner SPD las, musste ich an die legendäre Pressekonferenz des damaligen Bundestrainers Rudi Völler nach einem miserablen Spiel der Nationalmannschaft in Island denken, als er der Presse „die Geschichte mit dem Tiefpunkt und nochmals einen Tiefpunkt und dann noch einen niedrigeren Tiefpunkt“ vorwarf. In der Tat hätte ich nie geglaubt, dass es bei der Berliner SPD noch tiefer geht, aber ich habe mich getäuscht, es geht.

In einem Antrag für o.g. Parteitag soll sich die SPD mit der Frage befassen, „ob der Berliner Flughafen BER nach dessen Eröffnung weiter ausgebaut werden soll“. Das setzt schon eine gewisse Chuzpe voraus, denn bislang sind die für das Desaster Verantwortlichen jeglichen Beweis schuldig geblieben, dass der BER überhaupt jemals eröffnet werden kann. Selbst wenn ein paar Unverbesserliche glauben, dass der Flughafen jemals eröffnet werden würde, müsste man die Frage nach dem „Wann“ dazu fügen. Es wird ja ein Unterschied sein, ob man über die geforderte Kapazität von 2017, 2018, 2020 oder 2025 spricht.

Egal wann auch immer (und ob überhaupt) die Eröffnung des BER sein sollte, wird im besagten Antrag postuliert: „Der Berliner Luftverkehr muss an die heute bereitgestellten Flughafenkapazitäten angepasst werden und nicht umgekehrt“. Klar, Pippi Langstrumpf lässt grüßen, ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Weiterer Intelligenzanfall im Vorschlag „die Flugbewegungen, die 2004 für den neuen Single-Flughafen in Schönefeld eingeplant waren, müssen langfristig eingehalten werden und (Achtung, jetzt wird Ehrgeiz gefordert) nach Möglichkeit sogar unterschritten werden“.

Und die „Experten“ wissen sogar wie das gehen kann: „Dazu könne die Umlenkung des Reiseverkehrs auf Bahn, Bus und Rad beitragen“. Wir reden hier wohlgemerkt von Flugreiseverkehr. Aber sicher, mit der Bahn, da funktioniert zurzeit ja auch alles so prima, dann ab in alle Erdteile dieser Welt. Dummerweise haben sich letztes Jahr in Berlin 70.000 Berliner in einer Online-Petition für ein Kutschenverbot stark gemacht. Diese Fahrzeuge fallen also als Alternative leider aus, dabei haben wir uns früher immer über die tollen Überlandfahrten der Kutschen in den amerikanischen Western begeistert.

Aber da fällt mir doch noch eine Lösung ein. Am Sonntag (30.4.) ist Walpurgis-Nacht. Hurra, der verstärkte Einsatz von Hexenbesen kann die Lösung sein. Es hat was mit Flugverkehr zu tun und zum Starten und Landen braucht es keine Piste. Außerdem schlägt die Umweltfreundlichkeit eines Hexenbesens Bahn und Bus um Längen. Ich könnte mir einige Senatoren/innen gut auf einem solchen Gefährt vorstellen.

Früher habe ich mit meinen Kindern auch Fred Feuerstein im Fernsehen angeschaut. Sein tolles Cabrio wurde nur mit den Füßen betrieben. Zurzeit läuft gerade eine Wiederholung im Fernsehen, die könnte man auf dem Parteitag als Dauerschleife auf einem Bildschirm laufen lassen.

Zu guter Letzt möchte ich sie noch auf einen Gedenktag aufmerksam machen. Am 23.11. dieses Jahres stehen 2.000 Tage seit Nichteröffnung des BER an (bezogen auf die pompös geplante Eröffnung in 2012). Und die 3.000 Tage Nichteröffnungsfeier im August 2020 können Sie, liebe Freunde der BBB, auch schon mal fest im Terminplan eintragen.

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Hollywood im TUIfly-Cockpit

Der Vorgang hat alles, um ein Hollywood-Blockbuster zu werden: Der Copilot fällt während eines Fluges krankheitsbedingt aus. Eine im Dienst befindliche Flugbegleiterin wird vom Flugkapitän gebeten, den Platz des Copiloten einzunehmen. Zufällig hat sich diese Flugbegleiterin betriebsintern als Flugsicherheitsexpertin weitergebildet. Der Pilot und seine neue Assistentin landen den Jet mit 190 Menschen an Bord sicher auf dem Zielflughafen.

Wie jetzt bekannt wurde, ist das so tatsächlich am 11.10.2016 im französischen Luftraum an Bord eines TUIfly-Fluges nach Mallorca geschehen. Natürlich würde Hollywood das ganze bombastischer aufblasen. Der Titel des Filmes würde wahrscheinlich „Rettung über den Wolken“, „Saving 190 Lives“ oder „Nonstop Cockpit Hero“ heißen. In dem Streifen würde die Flugbegleiterin tolle Entscheidungen treffen und der eigentliche Pilot würde zum Statisten degradiert.

Was mich wundert ist, dass dieser Vorfall fast zufällig erst jetzt durch den Abschlussbericht der BfU-Untersuchung bekannt wurde. TUIfly hat der Flugbegleiterin zwar eine Anerkennung zukommen lassen (Details hierzu sind nicht bekannt), aber die Dame wäre bestimmt auch ein willkommener Gast in sämtlichen Talkshows dieser Republik gewesen und jeder Auftritt von ihr eine gelungene Marketing-Maßnahme für TUIfly. Warum ist das nicht geschehen?

Gleichzeitig kam mir der 11.10.2016 als Datum bekannt vor. Und tatsächlich ist es mir wieder eingefallen. Nur wenige Tage vor diesem Termin, nämlich am 6. und 7.10.2016, fand die etwas mysteriöse Massenerkrankung (präziser gesagt Massenkrankmeldungen) von TUIfly-Piloten statt. Nach einer plötzlichen Wunderheilung von fast 500 Personen fliegendes Personal, gab es erst am 10.10.2016, also einen Tag vor dem o.g. Ereignis, wieder einen vollständigen Flugplan. Da hätte die Geschichte mit dem jetzt während des Fluges erkrankten Piloten nicht so richtig in den Kommunikationsplan gepasst.

Derzeit überprüfen die deutschen Airlines sehr kritisch das vier-Augen- Prinzip (wenn ein Pilot/in das Cockpit verlässt, muss eine Flugbegleiter/in dessen Platz einnehmen). Markus Wahl, dem Sprecher der Vereinigung Cockpit, ist bei seinem berechtigten Statement gegen diesen Placebo-Schnellschuss vom März 2015, noch zusätzlich der Satz rausgerutscht: „Es ist sicherlich richtig: Zwei Mann im Cockpit sind immer sicherer als einer“. Da muss ich eine kleine Korrektur anmerken: „zwei Mann“ im Cockpit können auch „zwei Pilotinnen“ im Cockpit sein. Oder notfalls auch eine TUIfly-Flugbegleiterin.

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Ist das Auswärtige Amt jetzt auch ein Populist?

Mein Interview mit Peter Hinze im Reception Insider und meine anschließenden Bissigen Bemerkungen haben auf der ITB zwar für Wirbel gesorgt, aber erwartungsgemäß auch für wenig Einsicht. Es wurden nur die gleichen Reflexe der Vergangenheit in Gang gesetzt: Nur nicht mit dem Thema auseinandersetzen.

Die Verbandsoberen beschimpften den Überbringer der schlechten Nachricht (also mich). Damit konnte ich leben, etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.

Die Veranstalter verwiesen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes. Auch das ist mir nicht fremd, immerhin wurde es zu meiner Zeit als TUI-Vorstand mit den anderen Veranstaltern verabredet. Aber der Unterschied von heute zu früher ist, dass das Auswärtige Amt in dieser Krise erstmals „auch Partei“ ist (der Flüchtlingsdeal darf nicht gefährdet werden).

TUI hatte auf das Zufriedenheitsranking ihrer Gäste mit türkischen Hotels hingewiesen (was ich überhaupt nicht bezweifle, sondern sogar teile). Aber das hat nichts mit meinen Sicherheitsbedenken zu tun.

Enttäuscht hat mich nur der CEO Zentraleuropa der DER-Touristik, der das Ganze als Populismus abgetan hat. Wenn man es sich so einfach macht, hat man entweder nichts verstanden oder will nichts verstehen. Ob René Herzog jetzt auch das Auswärtige Amt als Populisten beschimpft?

Wenn mich etwas echt überrascht, aber auch voll bestätigt hat, dann ist es die Deutlichkeit, mit der das Auswärtige Amt heute (also ein Woche später) die Reisehinweise für die Türkei verschärft hat: „Im Zuge des Wahlkampfes muss mit erhöhten politischen Spannungen und Protesten gerechnet werden, die sich auch gegen Deutschland richten können. Hiervon können im Einzelfall auch deutsche Reisende in der Türkei betroffen sein.“

Erinnern Sie sie sich noch, auf welche Gefahr ich besonders hinwies? „Beim Verkauf von Urlaubsreisen in die Türkei muss ein Beipackzettel dazu: „Vorsicht, die von Ihnen gekaufte Reise kann im Gefängnis enden“. Und im Kleingedruckten: „Sie können nicht darauf hoffen, dass Kanzlerin und Außenminister sich für Ihre Freilassung einsetzen“.
Und dieser letzte Satz liest sich jetzt in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes hochoffiziell so: „In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass unbeachtlich des gesetzlichen Anspruchs deutscher Staatsangehöriger auf konsularischen Rat und Beistand, konsularischer Schutz gegenüber hoheitlichen Maßnahmen der türkischen Regierung und ihrer Behörden nicht in jedem Fall gewährt werden kann, wenn der oder die Betroffene auch die türkische Staatsangehörigkeit hat.“

Wer jetzt denkt, das Problem würde nur die Doppelstaatsangehörigen betreffen (Merke: diese Personen haben alle auch einen deutschen Pass), sollte sich nicht zu sicher sein. Denn auch das schreibt das Auswärtige Amt: „Seit Anfang Februar 2017 wurde in einzelnen Fällen deutschen Staatsangehörigen an den beiden Istanbuler Flughäfen die Einreise in die Türkei ohne Angabe genauer Gründe verweigert. Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden ihre Rückreise nach Deutschland antreten“.

Da ist es bis zur Verhaftung im Hotel wohl nicht mehr weit. Und genau das war der Tenor dessen, was ich mit dem Interview und den Bissigen Bemerkungen erreichen wollte: Die Branche für dieses Problem zu sensibilisieren. Liebe Branche, Chance verpasst, aber das Auswärtige Amt hat es verstanden.

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Türkeitourismus: Reiseboykott? Die Reisebranche muss jetzt Farbe bekennen!

In einem Interview mit dem ehemaligen Focus-Journalist Peter Hinze in seinem Blog www.reception-insider.com habe ich mich klar zum Thema Urlaub in der Türkei geäußert und will bewusst provozieren. Die Zeit des Wegguckens muss vorbei sein. Hier das Interview im Wortlaut:

Tourismus-Experte Karl Born zum Urlaubsland Türkei: „Es wird Zeit für einen Reise-Boykott!“

Die Zahl der deutschen Türkei-Urlauber bricht ein. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.
Ex-TUI-Vorstand Karl Born über einen Reise-Boykott, die gefährliche „Heile-Welt-Idylle“ der Tourismusbranche, über deutsche Urlauber, die im Notfall kaum auf Hilfe aus Berlin hoffen können, und weshalb eine Pressekonferenz der Tiefpunkt der ITB 2017 werden könnte.

Peter Hinze: Ich kann auf mindestens elf Türkei-Reisen zurückblicken.
Karl Born: Ich habe meine Reisen nicht gezählt. Aber ich habe immer öffentlich bekannt: Die Türkei ist ein sehr schönes Reiseland.

Hinze: Aktuell ist Euphorie aber fehl am Platz!
Born: Ich sage in aller Deutlichkeit: Für mich wäre die Türkei zur Zeit das allerletzte Zielgebiet, in dem ich Urlaub machen würde. So demonstrativ gegen Urlaub war ich zuletzt bei Südafrika, während der Apartheid-Politik. Aber bei der Türkei rate ich nun schon seit Wochen von Reisen ab. Vehement, ja sogar sehr vehement!

Hinze: Ist es wirklich so abwegig, zumindest über einen Boykott nachzudenken?
Born: Früher lautete mein Credo: Wo die Kanzlerin mit Wirtschaftsdelegationen hinfahren darf, darf auch der deutsche Tourist hinfahren. Warum sollte der Tourist moralischer sein als die Kanzlerin?

Hinze: Früher? Das heißt, aktuell haben Sie ihre Meinung geändert?
Born: Ja, weil ich einen verschärften Grund sehe – und der heißt „Erdogan“! Ein Attentat ist immer „nur“ eine punktuelle Gefahr, aber die „Gefahr Erdogan“ ist inzwischen flächendeckend. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis es die ersten Hotelmanager trifft. Oder auch „versehentlich“ deutsche Touristen. Früher hätte das Auswärtige Amt bei einer Verhaftung sofort alles in Bewegung gesetzt, um den Urlauber in kürzester Zeit frei zu bekommen. Auf eine solche Initiative des Auswärtigen Amtes oder sogar der Kanzlerin kann man aktuell nicht hoffen. Dem „Flüchtlingsdeal“, der nicht gefährdet werden darf, würde auch ein „touristisches Einzelschicksal“ untergeordnet werden *. Mit der Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel ist jedoch ein vergleichbarer Fall jetzt wahr geworden. Und die Reaktion der Kanzlerin („bin besorgt, hoffe auf ein rechtstaatliches Verfahren“) darauf war katastrophal schwach.

Hinze: Na ja, die Tourismusbranche zeigt sich nicht viel engagierter. In einer Pressemeldung des Deutschen ReiseVerband (DRV) wird DRV-Chef Norbert Fiebig mit der Aussage zitiert: „„Die Sicherheit auf Reisen spielt für viele Kunden eine ganz zentrale Rolle. Gerade die Krisensituationen in der letzten Zeit haben wieder deutlich gemacht: „Die Reiseveranstalter und Reisebüros kümmern sich um den Kunden, wenn’s ungemütlich wird“. Hallo? Ist das alles, was ein „angeblich“ so wichtiger Verband zur aktuellen Lage zu sagen hat? Das klingt irgendwie weltfremd, zumal die Heute-Show (ZDF) den Gouverneur von Antalya, also der Touristenhochburg, mit den Worten zitierte: Wer nicht Erdogan wählt, der ist ein Terrorist!
Born: Der DRV verweist immer auf andere Länder mit Diktaturen und man könne doch dann nirgends mehr hinfahren. Dabei wird die aktuelle Entwicklung in der Türkei vollkommen falsch dimensioniert. Nirgendwo anders war die Schussfahrt von der Fast-Demokratie in die Diktatur so schnell wie in der Türkei. Nirgendwo anders wurden in einem kurzen Zeitraum so viele Journalisten eingesperrt wie in der Türkei. Nirgendwo anders wird so massiv zum Denunzieren aufgefordert. In keinem anderen Land beschimpfen Politiker Deutschland heftiger als ein faschistisches Land, indem Menschenrechte mit Füßen getreten würden. Wer glaubt, dass das keine Rückwirkungen auf die Denkweise vieler Türken selbst hat, der soll weiterträumen.

Hinze: Reisen in die Türkei sind ein Sicherheitsrisiko?
Born: Ja, ganz klar! Obwohl in Deutschland sehr viele Menschen an den Folgen des Rauchens sterben, wird der Verkauf von Zigaretten nicht verboten. Analog würde das für Türkei-Reisen heißen: Beim Verkauf von Urlaubsreisen in die Türkei muss ein „Beipackzettel“ dazu: „Vorsicht, die von Ihnen gekaufte Reise kann im Gefängnis enden“. Und im Kleingedruckten: „Sie können nicht darauf hoffen, dass Kanzlerin und Außenminister sich für Ihre Freilassung einsetzen“.

Hinze: Viele Reisende werden sagen, wenn ich meinen Mund halte, kann mir auch in der Türkei nichts passieren. Sehen Sie das anders?
Born: Den Unterschied macht die Aufforderung der türkischen Regierung zum Denunzieren aus. Das bedeutet es kommt auf die eigene Äußerung nicht an. Ein kleiner Streit über eine Nebensächlichkeit kann zu einer Denunziation führen. Ich rate deutschen Urlaubern zu höchster Vorsicht. Was außerhalb der Hotelanlagen passiert, kann unberechenbar sein.

Hinze: Und die ITB? Könnte die Messe nicht ein Zeichen setzen, einen Dialog starten?
Born: Die ITB hat sich in vielen Dingen gewandelt und fast ausschließlich zum Besseren. Viele aktuelle Probleme der touristischen Arbeit, denke ich vor allem an die Digitalisierung, werden da diskutiert. Nur eines hat sich auf der ITB nicht geändert, das Verbreiten der „Heile-Welt-Idylle“ und die Beschimpfung Andersdenker als Nestbeschmutzer.

Hinze: Aber die touristische Fachpresse?
Born: Habe gerade am Freitag in einer renommierten Tageszeitung gelesen: „Die Touristen kehren in die Türkei zurück“. Da muss es sich wohl um eine klassische „Fake News“ handeln.

Hinze: Es kommt ja immer auch das Argument, man hätte Verantwortung für die im Zielgebiet beschäftigen Menschen und schließlich sei der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Dabei ist ein solcher Satz ja heutzutage mehr ein tiefer Griff in die touristische Mottenkiste ist.
Born: Ich war nach den Terroranschlägen zum Beispiel dafür, dass man trotzdem ans Rote Meer in Ägypten fahren soll um die heimische Tourismusindustrie und die dort Beschäftigten zu unterstützen. Aber in der Türkei würde ich dieses Argument nicht anführen. Wenn jetzt noch mehrere Politiker keine Redemöglichkeit bei uns bekommen, ist Erdogans Reaktion vollkommen unberechenbar. Dass er den Tourismus „schonen“ würde, dafür gibt es keine Zeichen. Wirtschaftsfaktor hin oder her, das ist ihm egal.

Hinze: Am Donnerstag, 9. März, um 10.00 erlebt die ITB 2017 ihren „politischen“ Höhepunkt: Pressekonferenz mit dem türkischen Tourismusminister Nabi Avci, der selbst Journalist war und 1986 die Tageszeitung „Zaman“ mitbegründete, die bis kurz vor der Schließung 2016 als auflagenstärkste Zeitung der Türkei galt. Der Mann müsste sich also auskennen um Umgang mit der Presse. Was würden Sie sich für eine Aussage vom Minister wünschen?
Born: Das wird kein politischer Höhepunkt sein, sondern der politische Tiefpunkt. Der Tourismusminister wird eine absurde heile Welt schildern, wie es auch der türkische Reiseverband in den letzten Monat getan hat. Aber was der Tourismusminister und der türkische Reiseverband sagen, hat ungefähr die Bedeutung wie der berühmte Sack Reis in China. Und der DRV wird anschließend verkünden, ist doch alles prima. Aber ich hoffe, dass jetzt auch in der Tourismusbranche eine stärkere Diskussion über dieses Thema einsetzt.

Hinze: Herr Born, Sie sind und bleiben ein Optimist.
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Mit Peter Hinze hatte ich schon einmal am 21.10.2001 ein brisantes Interview „Urlaub hinter Stacheldraht“. Das Interview erschien im Focus unmittelbar vor einer DRV-Jahrestagung. Ich wurde heftig beschimpft, aber eine Zeit später wurde erstmals über dieses Thema inhaltlich diskutiert. Heute wissen wir, dass meine Vorhersagen „leider“ zutreffend waren.

Mit diesem aktuellen Interview möchte ich wieder eine Diskussion anschieben. Nur eine „Heile-Welt-Idylle“ der Tourismusbranche auf der ITB zu verbreiten hilft nicht weiter. Zumal deutsche Urlauber in der Türkei im Notfall kaum auf Hilfe aus Berlin hoffen können. Ende mit Abtauchen. Wenn das in den nächsten Tagen erreicht würde, hätte das Interview mit seinem provozierenden Titel seinen Zweck erfüllt.

Hier nochmal der Hinweis zum aktuellen Interview. http://www.reception-insider.com/lifestyle-und-travel/tourismus-experte-karl-born-es-wird-zeit-fuer-einen-tuerkei-reise-boykott

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Muss Fliegen wirklich noch billiger werden?

„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen.“

Dieses Zitat hat mir die Verbreitung der Angebotspalette von Billigfluggesellschaften wie Wizz Air, Wow Air, Norwegian, Ryanair, Eurowings und anderen wieder in Erinnerung gebracht. Es stammt von John Ruskin, einem englischen Sozialphilosophen, wohlgemerkt aus dem 19. Jahrhundert. Wettbewerb nur über den Preis hat also eine lange Tradition mit nur geringem Lerneffekt.

Gut, Fliegen soll kein Luxusgut sein und nicht nur Wenigen offen stehen. Aber von dieser Situation sind wir doch meilenweit (seit Jahren) entfernt. Immer billiger werden zu wollen, dient nicht mehr dazu neue Kundenschichten zu erschließen, sondern nur dem Verdrängungswettbewerb. Wohin das führt, können wir bei anderen Branchen beobachten. Die permanenten Preissenkungsaktionen der Discounter Aldi, Lidl u.a. erweitern schon lange nicht mehr den Gesamtmarktanteil der Discounter gegenüber den traditionellen Anbietern, sondern dienen nur noch der Marktanteils-Umschichtung untereinander.

Der CEO einer bekannten Touristikgesellschaft berichtet mir mal stolz, wieviel „traffic“ neuerdings auf der Website seiner airline sei. Und was haben die Kunden dort gemacht? Sie haben sich nicht über die Airline informiert, sondern nur geschaut, ob es hier oder anderswo ein Euro billiger sei. Ein unverändert wertvolles Gut wird in der Vermarktung auf einen Euro Preisunterschied degeneriert.

Ich könnte mich jedesmal aufs Neue amüsieren, wenn sich ein bei der Buchung besonders schlauer User über den Sitzabstand auf einem Langstreckenflug beklagt und ebenso „vermeintlich eloquent“ bemerkt, dass die Legehennen-Verordnung doch wesentlich strenger sei.
Ebenso finde ich es „lustig“ wenn RTL-Benkö und andere angebliche Urlaubsretter Bilder von „unmöglichen“ Hotels kommentieren, aber nur am Rande den kleinen dreistelligen Preis erwähnen, den in Folge des Preissenkungswahn heute viele Urlauber auch für einen Urlaub in der Karibik für ganz normal halten.

Der Preis als einziges Marketing-Instrument ist zum Eldorado für viele zweitklassige Manager geworden. Um einen Euro billiger anzubieten als die Konkurrenz (egal ob man sich das leisten kann oder nicht) muss man keine Betriebswirtschaft studiert haben. Zumal mit der Preissenkung ein Wegfall von Leistungen für den Kunden einhergeht. Oder der Kunden muss zunehmend Leistungen selbst erbringen (z.B beim Check in). Oder die Preissenkung gehen zu Lasten der Beschäftigten (Gehaltseinbußen, Arbeitsverdichtung) oder zu Lasten dritter Marktteilnehmer.

Ein früherer Geschäftsführer von TUIfly begründete die weitere Abschaffung einer bislang etablierten Leistung mit den Worten „wir passen uns damit dem Wettbewerb an“. Müssen sich die Kunden da auch noch bedanken?

Dummerweise ist dies alles zu einem allgemeinen Wahn geworden. In „Fragmente“, den philosophisch-aphoristischen Schriften von Novalis heißt es so schön: „Gemeinschaftlicher Wahnsinn hört auf, Wahnsinn zu sein, und wird Magie, Wahnsinn nach Regeln und mit vollem Bewusstsein.“ Na dann „Guten Flug“.

Etwas Nettes soll aber doch noch zum Schluss kommen. Nicht am Valentinstag, sondern zu den Erstflügen der Eurowings mit Air Berlin Fluggerät, postete der Social Media Bereich der Air Berlin: „In einer offenen Beziehung mit Eurowings“. Das finde ich kreativ (und offensichtlich auch inhaltlich richtig).

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Haben wir keine anderen Sorgen?

Vor kurzem wurde ich gebeten, auch mal wieder etwas Leichteres (Kuriositäten) in den BBBs zu bringen. Außerdem gab es schon lange nichts mehr über die Hotelbranche hier zu lesen. Da schauen wir uns mal einen aktuellen Erlass des Finanzministeriums (17.1.2017) zum Thema Umsatzsteuerbefreiung bei stundenweiser Überlassung von Hotelzimmern an, was in einem Hotellerieblog zur Überschrift „Sex im Hotel steuerfrei“ führte. Sex und kuriose Steuergeschenke, das „sells“ doch immer. Auch bei den BBBs.

In einer „Blitzreaktion“ hat das Bundesfinanzministerium mit o.g. Erlass vom 17.1.2017 auf ein BFH-Urteil vom 24.9.2015 reagiert. Achtung liebe BBB-Leser, die Daten beinhalten keinen Schreibfehler. (Ich habe dieses Wochenende den Zeichentrickfilm „Zoomania“ gesehen, da arbeiteten die Faultiere auf der Kfz-Zulassungsstelle. Ob da Disney ein Fehler unterlaufen ist?)

Natürlich ist die „absolute“ Feststellung in der Überschrift im o.g. Blog „Sex im Hotel steuerfrei“ falsch. In einem Mehrwertsteuerrecht, das Unterschiede von Maultier, Maulesel und reinrassigen Esel kennt und bei letzteren noch unterscheidet in geschlachtet oder lebend, das Katzenfutter und Hundekekse steuerlich begünstigt, aber Babynahrung voll besteuert, dafür die Eltern Gänseleber und Froschschenkel steuerlich ermäßigt verspeisen dürfen, aber für das Mineralwasser 19% zahlen müssen, ist keine Feststellung absolut, sondern kompliziert in der Auslegung.

Also zur Sache. Bei Überlassung von Zimmern in einem „Stundenhotel“ (im Erlass des Ministeriums ist „Stundenhotel“ auch in Anführungszeichen gesetzt) wird unterstellt, dass der Schwerpunkt der Leistung („wenn es die äußeren Umstände so ergeben“) in der Einräumung der Möglichkeit liege, sexuelle Dienstleistungen zu erbringen oder zu konsumieren. Deshalb wird nicht der ermäßigte Hotel-Mehrwertsteuersatz von 7% berechnet, sondern ist „daher steuerfrei“.
Aber der Gast muss anmieten. Wird das Zimmer von einer Prostituierten angemietet, wird sogar der volle Steuersatz von 19% fällig (weil gewerbsmäßig). Sehr fein auch die Formulierung des Ministeriums, dass es auf die „Möglichkeit“ ankommt. Also, Sex muss nicht sein. Nur Quatschen (soll ja angeblich oft vorkommen), wäre also auch steuerfrei. So bleibt dem Gast neben den heute üblichen Fragen „hatten Sie etwas aus der Minibar“, „haben Sie die Sauna benutzt“, „ist Ihre Reise privat oder dienstlich“, wenigstens die Frage erspart „Hatten Sie Sex?“.

Leider wirkt sich dieses Steuergeschenk nicht auf die „normale“ Hotellerie aus. Wobei ich darauf warte, bis das erste klassische Hotel aus steuerlichen Gründen offiziell den Zusatz „auch Stundenhotel“ führen wird.

Wenn das die wahren Probleme unseres Finanzministeriums sind, dann „Gute Nacht“ was unsere echten Sorgen betrifft.

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