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Ist das Auswärtige Amt jetzt auch ein Populist?

Mein Interview mit Peter Hinze im Reception Insider und meine anschließenden Bissigen Bemerkungen haben auf der ITB zwar für Wirbel gesorgt, aber erwartungsgemäß auch für wenig Einsicht. Es wurden nur die gleichen Reflexe der Vergangenheit in Gang gesetzt: Nur nicht mit dem Thema auseinandersetzen.

Die Verbandsoberen beschimpften den Überbringer der schlechten Nachricht (also mich). Damit konnte ich leben, etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.

Die Veranstalter verwiesen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes. Auch das ist mir nicht fremd, immerhin wurde es zu meiner Zeit als TUI-Vorstand mit den anderen Veranstaltern verabredet. Aber der Unterschied von heute zu früher ist, dass das Auswärtige Amt in dieser Krise erstmals „auch Partei“ ist (der Flüchtlingsdeal darf nicht gefährdet werden).

TUI hatte auf das Zufriedenheitsranking ihrer Gäste mit türkischen Hotels hingewiesen (was ich überhaupt nicht bezweifle, sondern sogar teile). Aber das hat nichts mit meinen Sicherheitsbedenken zu tun.

Enttäuscht hat mich nur der CEO Zentraleuropa der DER-Touristik, der das Ganze als Populismus abgetan hat. Wenn man es sich so einfach macht, hat man entweder nichts verstanden oder will nichts verstehen. Ob René Herzog jetzt auch das Auswärtige Amt als Populisten beschimpft?

Wenn mich etwas echt überrascht, aber auch voll bestätigt hat, dann ist es die Deutlichkeit, mit der das Auswärtige Amt heute (also ein Woche später) die Reisehinweise für die Türkei verschärft hat: „Im Zuge des Wahlkampfes muss mit erhöhten politischen Spannungen und Protesten gerechnet werden, die sich auch gegen Deutschland richten können. Hiervon können im Einzelfall auch deutsche Reisende in der Türkei betroffen sein.“

Erinnern Sie sie sich noch, auf welche Gefahr ich besonders hinwies? „Beim Verkauf von Urlaubsreisen in die Türkei muss ein Beipackzettel dazu: „Vorsicht, die von Ihnen gekaufte Reise kann im Gefängnis enden“. Und im Kleingedruckten: „Sie können nicht darauf hoffen, dass Kanzlerin und Außenminister sich für Ihre Freilassung einsetzen“.
Und dieser letzte Satz liest sich jetzt in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes hochoffiziell so: „In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass unbeachtlich des gesetzlichen Anspruchs deutscher Staatsangehöriger auf konsularischen Rat und Beistand, konsularischer Schutz gegenüber hoheitlichen Maßnahmen der türkischen Regierung und ihrer Behörden nicht in jedem Fall gewährt werden kann, wenn der oder die Betroffene auch die türkische Staatsangehörigkeit hat.“

Wer jetzt denkt, das Problem würde nur die Doppelstaatsangehörigen betreffen (Merke: diese Personen haben alle auch einen deutschen Pass), sollte sich nicht zu sicher sein. Denn auch das schreibt das Auswärtige Amt: „Seit Anfang Februar 2017 wurde in einzelnen Fällen deutschen Staatsangehörigen an den beiden Istanbuler Flughäfen die Einreise in die Türkei ohne Angabe genauer Gründe verweigert. Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden ihre Rückreise nach Deutschland antreten“.

Da ist es bis zur Verhaftung im Hotel wohl nicht mehr weit. Und genau das war der Tenor dessen, was ich mit dem Interview und den Bissigen Bemerkungen erreichen wollte: Die Branche für dieses Problem zu sensibilisieren. Liebe Branche, Chance verpasst, aber das Auswärtige Amt hat es verstanden.

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Warum gehen die Buchungen zurück?

Der Boss von DER Touristik, Sören Hartmann, soll in Antalya vor türkischen Hoteliers gesagt haben: „Die Urlauber fühlen sich nicht sicher und die Buchungen gehen zurück“. Diese Analyse, wenn er sie so getroffen haben sollte, halte ich für unzutreffend.

Das Thema „Was muss die Tourismusbranche tun, damit die Urlauber auch in Zeiten des Terrors reisen“, wurde erstmals von mir im Okt. 2002, also vor mehr als zehn Jahren, in einem Interview mit Peter Hinze für den Focus thematisiert. Betitelt war das Interview mit „Hotels hinter Stacheldraht“. Von bewaffnetem Personal rund um das Hotel, von Detektoren am Hoteleingang usw. war dabei als Zukunftsvision die Rede und dass man sich an einen Hochsicherheitstourismus gewöhnen müsse. Allerdings ergänzt, dass ich nicht der Meinung sei, dass dies dem Tourismus nachhaltig schaden würde, weil spätestens seit 9/11und den folgenden Attentaten klar sei, dass überall etwas passieren könne (auch bei uns in Deutschland).

Zeitgleich zum Erscheinen des Interviews fand damals in Dubrovnik die DRV-Jahrestagung statt. Wie heftig ich dort „vom Podium herunter beschimpft“ wurde, soll hier nicht nachgezeichnet werden (u.a. hätte ich eine Beschreibung geliefert, in der der Terrorismus den Tourismus besiegt hätte).

Tatsache war aber, dass meine Prophezeiung richtig war, es wurde danach sicherheitstechnisch aufgerüstet, an den Flug- und Seehäfen, an Bord der Transportmittel, beim Transfer in den Zielgebieten und an vielen anderen Stellen mehr. Die folgenden Attentate in Madrid und London bestärkten meine Meinung über den Fatalismus der potenziellen Reisenden, wenn etwas passiert, dann kann es überall passieren. Verstärkt wurde dieser Gedankengang ohnehin, dass die tägliche Autofahrt ungleich gefährlicher und das Todesrisiko hier wesentlich höher sei.

Insofern haben die Attentate in Paris, trotz ihrer ganzen Schrecklichkeit, diese grundsätzliche Einstellung eher bestärkt. Selbst die Absage des Länderspiels in Hannover, obwohl von den Medien kräftig aufgebauscht, hat nicht dazu geführt, dass letztes Wochenende weniger Besucher in die Stadien kamen. Im Gegenteil, man nahm die zeitaufwendigen Sicherheitskontrollen am Eingang hin, obwohl dadurch teilweise die ersten Tore im Spiel verpasst wurden.

Bei einer Kabarettveranstaltung letzte Woche in Berlin mussten alle Besucherinnen und Besucher (also nicht nur stichprobenmäßig) ihre Mäntel öffnen, weil gezielt nach Sprengstoff gesucht wurde. Und niemand ist deshalb umgekehrt.

Ich will damit sagen, der Umgang mit der Terrorangst ist, den Ausdruck bitte nicht auf die Goldwaage legen, im tiefen Inneren bei uns verankert und man hat gelernt damit umzugehen.
Viel wichtiger wäre jetzt eine Offensive um die unverändert über die Jahre hinweg grundsätzlich vorhandene hohe Urlaubslust zu forcieren. Alle Befragungen zeigen, wie gefestigt dieser Wunsch ist, es muss nur ein Anstoß kommen um diesen Wunsch in die entsprechende Tat (sprich Buchung) umzusetzen. Das muss jetzt die Botschaft der Stunde sein und nicht umgekehrt. Die Reisebüros können hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Ich bin überzeugt und damit bewege ich mich mal wieder auf dünnem Eis, dass ein anderes Thema vielmehr zur Verunsicherung der Bürger und zur Buchungszurückhaltung beiträgt. Dies ist jetzt keine moralische Betrachtung, sondern einfach die Feststellung, dass das chaotische Management von Politik und Behörden die anfänglich fast überraschend positive soziale Stimmung zum Flüchtlingsthema, mit dem finanziellen Geschacher und den daraus resultierenden Finanzprognosen überlagert. Da wird ein negatives finanzielles Zukunftsszenario gezeichnet, das die Menschen erschrecken muss.

Vielfach gesicherte Befragungsergebnisse zeigen, dass für die Einschätzung der persönlichen finanziellen Situation (und der Bereitschaft für Konsumausgaben) weniger die jetzige tatsächliche Situation entscheidend ist, sondern vielmehr die erwartete Situation (die aber tendenziell oftmals kritischer gesehen wird, als notwendig).

Zum gesamten Themenkomplex wäre eine aktuelle seriöse Befragung sicherlich sehr hilfreich. Aber Achtung, die Qualität einer Befragung hängt sehr von der Präzision der Fragestellungen ab (bitte vorher genau ansehen).

Unabhängig vom oben Gesagten, muss man leider feststellen, wenn ich mir nochmals meine BBBs vom „24.7.2015, Hilfe, dringend Führung gesucht“ und vom „31.7.2015, Konkret werden, das ist die Forderung der Stunde“ ansehe, dass das politische und behördliche Versagen noch viel größer ist, als ich damals befürchtet habe. Was ist die von der Kanzlerin beschriebene „Willkommenskultur“ noch wert, wenn immer mehr größere Unterkünfte, jetzt im Tausender Bereich entstehen und der Stau bei der Bearbeitung der Asylanträge immer größer (und nicht kleiner) wird, weil man sich bei der zuständigen Behörde seit Wochen nicht beim Thema Überstunden und beim Thema Schichtarbeit auch an Wochenende einigen kann. Arbeit an Wochenenden, für jede Krankenschwester, Feuerwehrmann, Busfahrer usw. selbstverständlich, ist einer deutschen Behörde offensichtlich nicht zu vermitteln.

Eigentlich wollte ich zum Flüchtlingsthema bei den BBBs nichts mehr schreiben, weil dies ein touristischer Blog ist, aber wenn das Chaos weiter so seinen Lauf nimmt, dann wird es auch zum touristischen Thema (siehe oben). Wohlgemerkt immer vom moralischen Standpunkt abgesehen.

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