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Unglaublich unschuldig (Unister, DRV)

Aktuell läuft gerade im Unister-Prozess in Leipzig ein unwürdiges Schauspiel von „unglaublich unschuldig“. Es war schon mehr als unfassbar, dass die Leipziger Justiz seit Jahren, trotz heftiger Vorwürfe gegen Unister wegen unsauberer Geschäftspraktiken (in der Anlageschrift jetzt u.a. als Betrug und Steuerhinterziehung bezeichnet), nicht richtig aktiv wurde. Und so konnten die „handelnden“ Personen über Jahre hinweg ungehindert weiter „handeln“. Vor Gericht präsentieren sich jetzt die drei Angeklagten als „reine unwissende Unschuldslämmer“. Schuld an den Verfehlungen und der einzige der nur Bescheid wusste, sei einzig und allein Unister Ex-Chef Thomas Wagner gewesen, der aber bekanntermaßen leider bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Den Vogel schießt dabei Ex-Finanzchef Daniel Kirchhof ab. Obwohl er zwölf Jahre ein Büro mit Thomas Wagner teilte, habe er nichts mitbekommen. Er habe auch nie eine Steuererklärung für Unister verfasst oder eingereicht. Der Mann muss bei Betreten des Büros wohl vorübergehend immer blind und taub geworden sein. Der Vorwurf, man habe durch „Runterbuchen“ Flugkunden um mindestens 7,6 Millionen Euro betrogen konterte er, dass man nur eine „nachträgliche Optimierung des Einkaufspreises“ vorgenommen hätte. Die Benachrichtigung der Kunden über dieses Vorgehen, sei auch nicht notwendig gewesen, meinte sein Anwalt Hohnstädter, den wir vom Pegida-Ableger Legida her kennen. Ähnlich äußerten sich auch die anderen Unschuldslämmer, z.B. Thomas Gudel, immerhin lange Zeit Leiter des Rechnungswesens. Man kann ja auch nicht alles wissen, was man so das Jahr über bucht.
Fortsetzung demnächst in einer Soap, ausgestrahlt im MDR-TV.

Keine Ahnung wie ich jetzt von Unister zum Deutschen Reiseverband (DRV) komme. Hier geht es natürlich nicht um kriminelle Handlungen, aber auch um „unglaublich unschuldig sein“. Es sind sich zwar alle einig, dass es hinsichtlich Änderungen an dem in Brüssel vermurksten und in Berlin verschlafenen Machwerk Pauschalreiserichtlinie „fünf vor Zwölf“ sei, aber hoffentlich geht die Uhr nicht nach.

Jetzt hat der Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig, Mitglied im Tourismusausschuss, dem Deutschen Reiseverband gravierende Versäumnisse zum Zeitpunkt der Einbringung des Entwurfs ins EU-Parlament vorgeworfen. Die Bissigen Bemerkungen haben zwar nicht den heftigen Streit vergessen, den sie vor fast 5 Jahren mit ihm hatten, aber diesmal liegt Brähmig genau richtig (kann man dann auch mal sagen).

Als Antwort auf Brähmig schreibt der DRV jetzt, man habe u.a. 40 persönliche Gespräche mit Abgeordneten des europäischen Parlaments geführt, 14 persönliche Gespräche mit Beamten der Bundesregierung und Ratspräsidentschaft, 26 persönliche Gespräche mit Abgeordneten des Bundestags usw. usw.
Sorry, da habt ihr leider offensichtlich mit den Falschen gesprochen, nicht mit den echten Entscheidern. Ein guter Lobbyist würde nie die Anzahl seiner Gespräche aufzählen, sondern nur das Ergebnis seiner Arbeit. Für 100x aufs Tor geschossen, aber der Ball nie im Tor, gibt es nun mal keine Punkte. Da kann die plötzliche Hyper-Aktivität (bei gleichzeitigem Abwatschen der Aktivitäten anderer Verbände) auch nichts mehr bewirken. Der Papst des Reiserechts, Prof. Ernst Führich, hat hierzu einen Klassiker zitiert: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Meine Oma hätte gesagt, „vorne gut gerührt, brennt hinten nicht an“. Der DRV hat wohl vorne im falschen Topf gerührt.

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Freitag der Dreizehnte: Das Comeback der Bissigen Bemerkungen

Hallo, da sind wir wieder. Eigentlich war Mitte November nur eine zweiwöchige „schöpferische“ Pause geplant, leider sind daraus neun Wochen geworden. Und ehrlich gesagt, ließ die Regelmäßigkeit seit August ohnehin schon zu wünschen übrig. Gute Vorsätze 2017? U. a. wieder „regelmäßige“ Bissige Bemerkungen!

Aus der Vielzahl von Themen, die in der Zwischenzeit „ungebissen“ geblieben sind, haben wir uns zwei ausgesucht.
1. „Wir sind fertig mit dem Ding, wenn wir mit dem Ding fertig sind“.
2. In Leipzig beginnt ein Prozess, der seit Jahren überfällig ist.
Zu guter Letzt kann ich mir nicht verkneifen darauf hinzuweisen, wen ich im Dschungelcamp vermisse.

„Wir sind fertig mit dem Ding, wenn wir mit dem Ding fertig sind“
Dieser sehr inhaltsschwere Beitrag stammt von Brandenburgs-Ministerpräsident Woidke und reiht sich nahtlos an den legendären Spruch von Hartmut Mehdorn „Der BER wird immer fertiger und fertiger“ ein.

Bei dem Herumgeeiere wann der Flughafen fertig wird, wissen wir jetzt nur eines: Die offizielle nächste Verschiebung des Eröffnungstermins ist schon wieder verschoben worden. Irre, nicht wahr. Wie fragten die BBBs schon am 2. März 2015? Haben Sie am 23.11.2017 schon etwas vor? Dann sind 2000 Tage seit der letzten „Nichteröffnung“ vergangen. Es würde mich nicht wundern, wenn der neue Berliner Senat an diesem Tag ein Fest veranstalten würde: „Flughafen-Eröffnungen kann jeder feiern, Flughafen-Nichteröffnungen aber nur wir in Berlin.“ Utopie? Warten wir es ab. Jeder Tag der Nichteröffnung kostet „nur“ 1,3 Mio Euro, da würden die Kosten für eine Party unwesentlich sein.

„Nicht alle werden die Eröffnung des BER noch erleben“, stellte die Süddeutsche Zeitung am 29.12.16 fest. Das ist nicht sehr bösartig, denn der neue BER-Baufortschrittsbericht meldet: Baufortschritt gegenüber letzter Meldung 0,0%. Immerhin kein Minuszeichen davor.

Aber vielleicht gibt es auch ein ganz anderes Problem. Zitieren wir noch einmal Hartmut Mehdorn, der sagte im März 2015: „Der BER ist unterwegs. Er bewegt sich“. Hat schon mal einer nachgesehen, ob der BER überhaupt noch da ist?

In Leipzig beginnt ein Prozess, der seit Jahren überfällig ist
Endlich beginnt in dieser Woche der Prozess gegen drei ehemalige Unister-Manager (alles reine Unschuldslämmer) vor dem Landgericht Leipzig. Schon 2012 hatten DIE Welt („Abzock Imperium Unister“), computerbild (die Tricks des Abzock Imperiums) u.a. vor den Machenschaften von Unister gewarnt. Keine Ahnung wer da in der Vergangenheit gebremst hatte.

Auch die BBBs hatten schon im September 2013 gelästert, als das Branchenfachblatt fvw über einen DRV Präsidenten Thomas Wagner nachdachte: „Da muss wohl Stromausfall in der Redaktion gewesen sein und man hatte nicht gesehen, welcher Name da versehentlich geschrieben war“.

Und das habe ich auch noch in einer BBB vom März 2015 gefunden: „Der DRV freut sich, dass Unister als Mitglied des DRV aufgenommen werden konnte“. Und weiter hieß es in der Pressemeldung: „Zugleich unterstreicht dies den Anspruch des Verbandes, die gesamte Reisebranche mit all ihren Segmenten zu vertreten“. Ist Unister eigentlich noch Mitglied im DRV?

48 Seiten Anklageschrift sollen zu Prozessbeginn verlesen werden, das kann nur eine Kurzfassung der Vorwürfe sein. Einer der Anwälte des Angeklagten Daniel Kirchhof (ex Finanzchef) ist, lt. DIE WELT, übrigens Arndt Hochstädter, der zuletzt einer der Organisatoren des Leipziger Pegida-Ablegers Legida war. Was sich immer Leute zusammenfinden.
Lt. FAZ will die Staatsanwaltschaft auch Reiner Calmund (ex Clown für fluege.de) als Zeuge laden. Ich lache mich kaputt. Der wird wie immer endlos labern und sich entschuldigen mit „ich habe meinen Jungs“ vertraut. Manfred Krug und die Telekom-Aktie lassen grüßen.

Zuletzt, das kann ich mir heute, zu Beginn des neuen Dschungelcamps nicht verkneifen: Warum ist Vural Öger eigentlich nicht im Dschungelcamp dabei? Seine neuere Vita würde doch dazu passen.

In der Zwischenzeit war ich auch an anderer Stelle fleißig und werde es auch künftig sein. Auf dem Luftverkehrs-Nachrichtenportal airliners.de erscheint alle 14 Tage donnerstags (in der Regel um die Mittagszeit) die Kolumne „Die Born-Ansage“. Sie finden diese unter www.airliners.de/thema/die-born-ansage. Dort kann man auch die bisher erschienenen 50 Kolumnen sehr einfach nachlesen. Da ist bestimmt vieles dabei was auch Ihr Interesse finden wird.

Der BBB-Newsletter wird übrigens künftig immer dienstags und nicht montags wie bisher erscheinen.

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Rennschnecke DRV

Sie haben es getan. Der Deutsche ReiseVerband (DRV) hat seine Jahrestagung in der Türkei abgesagt. Die BBBs haben schon vor fünf Wochen diese Absage gefordert (siehe BBB vom 25.7. „Der Deutsche Reiseverband sollte seine Jahrestagung in der Türkei absagen – und zwar sofort“), jetzt endlich hat sich der Verband dazu durchgerungen. Und er hat sich unerklärlicherweise schwer damit getan. Noch vor einer Woche antwortet der DRV auf eine Anfrage des Branchenblattes touristik aktuell mit Sätzen, deren Heißluftpotenzial auch einem Minister de Maiziere oder Minister Steinmeier zur Ehre gereicht hätte: „Wir bitten noch um etwas Geduld“, „Man beobachte alle Entwicklungen sorgfältig, einschließlich der möglichen Auswirkungen und gegebenenfalls der erforderlichen Maßnahmen“ bis hin zur absoluten sprachlichen Krönung „Angesichts der Komplexität der Entscheidung und der vielfältigen Aspekte….“. Bla, bla, bla – die Chance ein Zeichen zu setzen hat der DRV vertan. Seine Mitglieder haben ihm die Gefolgschaft verweigert. Nachdem sich nur ca. 1/3 der üblichen Teilnehmer angemeldet hatten, war selbst diese Zahl seit Wochen stark rückläufig. Der DRV lief Gefahr in Kusadasi quantitativ nur noch eine erweiterte Vorstandssitzung abzuhalten. Reaktion statt Aktion.

Spätestens als Mitte August die Meldung „Türkei lockert Verbot von Sex mit Kindern“ durch die Medien tickerte (immerhin eine Entscheidung des türkischen Verfassungsgerichtes, also höchstrichterlich) wartete ich stündlich auf eine Reaktion des DRV. Schon 2011 hatte der DRV einen Verhaltenskodex zum Kinderschutz unterschrieben, der vom BTW 2005, im Beisein von Königin Silvia, nochmal medienwirksam bekräftigt wurde. Gerade weil von türkischer Seite der (eigentlich unzweifelhafte) Gehalt dieser Entscheidung sofort in Frage gestellt wurde, hätte man zumindest eine Stellungnahme des DRV in der aktuellen Einschätzung der Entwicklung der Türkei erwartet. Stattdessen ist der DRV abgetaucht.

Auch ansonsten gibt es kein Kommentar des Reiseverbandes zur problematischen Entwicklung in der Türkei.

Der „Cirque du Soleil“ hatte schon vorher seinen für nächsten Monat geplanten mehrwöchigen Auftritt in der Türkei abgesagt. Da hätte man doch locker unter der Überschrift „Zirkus in der Türkei abgesagt“ mitsegeln können.

Parallel dazu waren Reaktionen aus der deutschen Wirtschaft eindeutiger. Die „Deutsche Messe AG“ beispielsweise sagte ihren türkischen Messeableger „Cebit Bilsim Eurasia“, mit über 1.000 internationalen Firmen eine der wichtigsten Messen in Eurasien, die Anfang Oktober in Istanbul stattfinden sollte, ab. Sie soll zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Nun soll die DRV-Jahrestagung zum gleichen Zeitpunkt in Berlin stattfinden. Da Vorstandswahlen anstehen, kann nur eine ausreichende Beteiligung an einer solchen Tagung eine Legitimation des zu wählenden Vorstandes garantieren.

Auch die so drängende Frage „Neue EU-Pauschalreiserichtlinie“ wird dann wahrscheinlich der zentrale Punkt der Diskussion sein. Auch hier hat sich der Verband nicht mit Ruhm bekleckert. Ein großes Aufschreien jetzt, nachdem der Entwurf vorliegt, wird erfahrungsgemäß nicht mehr viel bewirken. Es ist eine Binsenweisheit, dass erfolgreiche Lobbyarbeit zu einem Zeitpunkt wirken muss, bevor ein erster Entwurf vorgelegt wird. Sicherlich hat der DRV mit genügend Menschen in der Politik gesprochen, leider nicht mit den richtigen „Entscheidern“. Nachdem bekannt wurde, dass im Unterschied zu Deutschland, ändere Länder wie z.B. Niederlande und Österreich, die fragwürdige Brüsseler Novelle ablehnten, muss man sich noch mehr ärgern. Ich frage mich, wer hat Deutschland zur Zustimmung beeinflusst?

Diese unsinnige Gesetzesänderung trifft in erster Linie die deutschen Reisebüros. Entgegen aller Unkenrufe haben sie sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder erneuert und dadurch überlebt. Was das Internet bislang noch nicht geschafft hat, besorgt jetzt die Bundesregierung. Ein Drama. Als Verbandsverantwortliche eines Verbandes, in deren Ägide diese Entscheidung fällt, würde ich mich da richtig schlecht fühlen.

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Warum gehen die Buchungen zurück?

Der Boss von DER Touristik, Sören Hartmann, soll in Antalya vor türkischen Hoteliers gesagt haben: „Die Urlauber fühlen sich nicht sicher und die Buchungen gehen zurück“. Diese Analyse, wenn er sie so getroffen haben sollte, halte ich für unzutreffend.

Das Thema „Was muss die Tourismusbranche tun, damit die Urlauber auch in Zeiten des Terrors reisen“, wurde erstmals von mir im Okt. 2002, also vor mehr als zehn Jahren, in einem Interview mit Peter Hinze für den Focus thematisiert. Betitelt war das Interview mit „Hotels hinter Stacheldraht“. Von bewaffnetem Personal rund um das Hotel, von Detektoren am Hoteleingang usw. war dabei als Zukunftsvision die Rede und dass man sich an einen Hochsicherheitstourismus gewöhnen müsse. Allerdings ergänzt, dass ich nicht der Meinung sei, dass dies dem Tourismus nachhaltig schaden würde, weil spätestens seit 9/11und den folgenden Attentaten klar sei, dass überall etwas passieren könne (auch bei uns in Deutschland).

Zeitgleich zum Erscheinen des Interviews fand damals in Dubrovnik die DRV-Jahrestagung statt. Wie heftig ich dort „vom Podium herunter beschimpft“ wurde, soll hier nicht nachgezeichnet werden (u.a. hätte ich eine Beschreibung geliefert, in der der Terrorismus den Tourismus besiegt hätte).

Tatsache war aber, dass meine Prophezeiung richtig war, es wurde danach sicherheitstechnisch aufgerüstet, an den Flug- und Seehäfen, an Bord der Transportmittel, beim Transfer in den Zielgebieten und an vielen anderen Stellen mehr. Die folgenden Attentate in Madrid und London bestärkten meine Meinung über den Fatalismus der potenziellen Reisenden, wenn etwas passiert, dann kann es überall passieren. Verstärkt wurde dieser Gedankengang ohnehin, dass die tägliche Autofahrt ungleich gefährlicher und das Todesrisiko hier wesentlich höher sei.

Insofern haben die Attentate in Paris, trotz ihrer ganzen Schrecklichkeit, diese grundsätzliche Einstellung eher bestärkt. Selbst die Absage des Länderspiels in Hannover, obwohl von den Medien kräftig aufgebauscht, hat nicht dazu geführt, dass letztes Wochenende weniger Besucher in die Stadien kamen. Im Gegenteil, man nahm die zeitaufwendigen Sicherheitskontrollen am Eingang hin, obwohl dadurch teilweise die ersten Tore im Spiel verpasst wurden.

Bei einer Kabarettveranstaltung letzte Woche in Berlin mussten alle Besucherinnen und Besucher (also nicht nur stichprobenmäßig) ihre Mäntel öffnen, weil gezielt nach Sprengstoff gesucht wurde. Und niemand ist deshalb umgekehrt.

Ich will damit sagen, der Umgang mit der Terrorangst ist, den Ausdruck bitte nicht auf die Goldwaage legen, im tiefen Inneren bei uns verankert und man hat gelernt damit umzugehen.
Viel wichtiger wäre jetzt eine Offensive um die unverändert über die Jahre hinweg grundsätzlich vorhandene hohe Urlaubslust zu forcieren. Alle Befragungen zeigen, wie gefestigt dieser Wunsch ist, es muss nur ein Anstoß kommen um diesen Wunsch in die entsprechende Tat (sprich Buchung) umzusetzen. Das muss jetzt die Botschaft der Stunde sein und nicht umgekehrt. Die Reisebüros können hierbei eine wichtige Rolle spielen.

Ich bin überzeugt und damit bewege ich mich mal wieder auf dünnem Eis, dass ein anderes Thema vielmehr zur Verunsicherung der Bürger und zur Buchungszurückhaltung beiträgt. Dies ist jetzt keine moralische Betrachtung, sondern einfach die Feststellung, dass das chaotische Management von Politik und Behörden die anfänglich fast überraschend positive soziale Stimmung zum Flüchtlingsthema, mit dem finanziellen Geschacher und den daraus resultierenden Finanzprognosen überlagert. Da wird ein negatives finanzielles Zukunftsszenario gezeichnet, das die Menschen erschrecken muss.

Vielfach gesicherte Befragungsergebnisse zeigen, dass für die Einschätzung der persönlichen finanziellen Situation (und der Bereitschaft für Konsumausgaben) weniger die jetzige tatsächliche Situation entscheidend ist, sondern vielmehr die erwartete Situation (die aber tendenziell oftmals kritischer gesehen wird, als notwendig).

Zum gesamten Themenkomplex wäre eine aktuelle seriöse Befragung sicherlich sehr hilfreich. Aber Achtung, die Qualität einer Befragung hängt sehr von der Präzision der Fragestellungen ab (bitte vorher genau ansehen).

Unabhängig vom oben Gesagten, muss man leider feststellen, wenn ich mir nochmals meine BBBs vom „24.7.2015, Hilfe, dringend Führung gesucht“ und vom „31.7.2015, Konkret werden, das ist die Forderung der Stunde“ ansehe, dass das politische und behördliche Versagen noch viel größer ist, als ich damals befürchtet habe. Was ist die von der Kanzlerin beschriebene „Willkommenskultur“ noch wert, wenn immer mehr größere Unterkünfte, jetzt im Tausender Bereich entstehen und der Stau bei der Bearbeitung der Asylanträge immer größer (und nicht kleiner) wird, weil man sich bei der zuständigen Behörde seit Wochen nicht beim Thema Überstunden und beim Thema Schichtarbeit auch an Wochenende einigen kann. Arbeit an Wochenenden, für jede Krankenschwester, Feuerwehrmann, Busfahrer usw. selbstverständlich, ist einer deutschen Behörde offensichtlich nicht zu vermitteln.

Eigentlich wollte ich zum Flüchtlingsthema bei den BBBs nichts mehr schreiben, weil dies ein touristischer Blog ist, aber wenn das Chaos weiter so seinen Lauf nimmt, dann wird es auch zum touristischen Thema (siehe oben). Wohlgemerkt immer vom moralischen Standpunkt abgesehen.

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Eine BBB im Stil der BILD-Kolumne „Post von Wagner“

„Post von Born“

Lieber DRV,
ich habe die stimmungsvollen Bilder von Eurem Parlamentarischen Abend (21.4.) gesehen. Schön gedeckte Tische, daran saßen – feierlich – die Verbandshonorationen. Bestimmt gab es ein gutes Essen und ganz bestimmt wurden tolle Reden gehalten. Der Verband wird die ach so tolle Zusammenarbeit mit der Politik gelobt haben, die immer ein offenes Ohr für den Verband hat. In Wirklichkeit sind es zwei offene Ohren: zum einen geht die Nachricht rein und zum anderen gleich wieder raus. Die Politik wird dann wahrscheinlich auch umgekehrt den Verband gelobt haben, der immer brav und nie laut und übermäßig fordernd ist.
Kurzum, drinnen war alles schön, gediegen und zufrieden.

Aber draußen, 750 Kilometer von Berlin entfernt, zog derweilen der „Sensemann“ seine Kapuze über den Kopf, schärfte sein Handwerkszeug und machte sich auf den Weg von Brüssel nach Deutschland. Er hat viel Arbeit vor sich, denn er wird einen Teil der Tourismusbranche ins Jenseits abberufen. Er wird nicht mit der Sense, sondern mit der „EU-Pauschalreiserichtlinie“ seinen Opfern den Tod bringen. Was das Internet über Jahrzehnte nicht geschafft hat, Brüssel schafft es jetzt in Form einer absolut schwachsinnigen Verordnung, die Verbraucherschutz suggerieren soll, aber genau das Gegenteil bewirken wird.

In der Bibel (Matthäus 7,16) steht: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Das soll heißen, nicht was man gemacht hat zählt, sondern nur was man erreicht hat. Und was die zentralen Punkten der neuen EU-Pauschalrichtlinien betrifft, steht Ihr ohne Früchte, sondern mit leeren Händen da. Mögen am 21.4. (siehe oben) Eure Teller voll gewesen sein, Eure Hände waren leer.

Wenn früher die EU mal etwas laut über neue Umweltkriterien für die Automobilindustrie nachgedacht hat, hat die Bundeskanzlerin das im Vorfeld im Handstreich weggefegt. Hatte die Bahn Probleme, hat Minister Pofalla erfolgreich interveniert. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Wahrscheinlich wart Ihr beim DRV zwar eifrig, habt aber mit den falschen (nicht einflussreichen) Leuten gesprochen. Den Einfluss der Tourismusbeauftragten der Bundesregierung, Staatssekretärin Iris Gleicke, könnte man natürlich auch hinterfragen.

Wie es aussieht könnt Ihr bei der nächsten Satzungsänderung die Säule „mittelständische Reisemittler“ streichen, mangels Masse. Und die nächste Verbandskatastrophe ist bereits unterwegs: Stichwort: „Gewerbesteuer-Hinzurechnung“. Auch hier sind „Eure Früchte“ bislang sehr überschaubar. Wenn Ihr das nicht verhindern könnt, seid Ihr demnächst auch die Säule „mittelständische Reiseveranstalter“ los. Dann gibt es nur noch die „Konzerngebundenen Säulen“ und die brauchen den DRV nicht. Spätestens dann kommt der „Sensemann“ auch zu Euch.

Ich hoffe das nicht, denn Ihr wart mir mal als stolzer Branchenverband ans Herz gewachsen.

Herzlichst
Euer
Karl Born

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DRV und Unister

Unister Travel ist ab sofort Mitglied im Deutschen ReiseVerband (DRV). Die Wirklichkeit überholt mal wieder die Satire.

Im September 2013 hatten die BBBs noch kräftig gelästert (siehe BBB vom 8.9.2013 „Reiner Calmund for (DRV-)President?“). Es ging um einen Beitrag im Branchenblatt FVW unter dem Titel „„Junge Innovatoren und Querdenker für den Verband“. Dort wurde u.a. vorgeschlagen doch mal über Thomas Wagner von Unister als Kandidat für den DRV-Vorstand nachzudenken. Das musste jedem Branchenkenner fast die Sprache verschlagen, denn gerade Wagner stand mit seinem Unternehmen Unister für zweifelhafte Geschäftsmethoden (siehe DIE WELT: „Abzock-Imperium Unister“, „Der Drahtzieher: Thomas Wagner“ usw.). Die Liste von Vorwürfen verschiedener Verbraucherzentralen gegen Unister ist unendlich lang. Auch die Staatsanwaltschaft war aktiv.
Die BBBs fanden diesen Vorschlag so absurd, dass sie lästerten, warum man nicht gleich das Testimonial der Unister-Tochter fluege.de (die immer besonders in der Kritik stand), Reiner Calmund, „for (DRV-President)“ zu nominieren.

Und dann stand noch ein besonders interessanter Absatz in den damaligen BBBs, September 2013 wohlgemerkt: „Als Entschuldigung für die FVW könnte man nur gelten lassen, wenn zum Zeitpunkt des Schreibens Stromausfall in der Redaktion war und Dirk Rogl nicht gesehen hat, welchen Namen er hier (versehentlich) geschrieben hat.“
Das ist für Brancheninsider jetzt insofern hochinteressant, denn der frühere FVW-Redakteur Dirk Rogl ist inzwischen Presseverantwortlicher von Unister Travel (!) und liefert jetzt sein Meisterstück ab: „Unister Travel in den DRV“. Chapeau Herr Rogl und Herr Raoul (CEO), das ist für Unister Travel ein toller Schritt vorwärts.

Die heutige BBB-Kritik richtet sich nämlich ausnahmslos gegen den DRV. Noch vor zwei Jahren meinte der DRV, mit Blick auf die viel kritisierten Geschäftsmethoden von Unister, mitteilen zu müssen, dass Unister „nicht“ Mitglied im DRV sei. In dieser Meldung wurden damals wichtige DRV-Leitlinien aufgezählt, u.a. „jedes Mitglied muss für Qualität und Verantwortungsbewusstsein als Dienstleister gegenüber Kunden und Leistungspartner stehen“, die demzufolge Unister wohl nicht erfüllte.

Und jetzt, reichlich lapidar, „freut sich der DRV“, dass Unister Travel Mitglied im DRV wird. Oh, dann muss sich inzwischen wesentliches gegenüber 2013 geändert haben. Gibt es jetzt einen anderen Maßstab für die Aufnahme neuer Mitglieder? Spätestens nach diesem Satz in der Pressemeldung könnte man es meinen: „Zugleich unterstreicht dies den Anspruch des Verbandes, die Interessen der gesamten Reisebranche mit all ihren Segmenten zu vertreten“. „Mit all ihren Segmenten“, heißt das „ab sofort nehmen wir jeden auf“? Ist das der Grund, warum der Verband in letzter Zeit beim Thema Qualifizierung in der Branche so leise auftritt? Sorry, so lapidar kann man Öffentlichkeitsarbeit nicht machen.

Insbesondere aus dem Kreis der Reisebüros kamen auch prompt wütende Proteste. Von Austritten aus dem Verband war da die Rede. Gerüchteweise sollen sogar einige Reisebüros, die heute nicht Mitglied im Verband sind, damit gedroht haben, in den Verband einzutreten, nur um aus Protest wegen Unister dann spektakulär austreten zu können.

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Reiner Calmund for (DRV-) President?

Da hat sich die FVW aber ins Knie geschossen. Thomas Wagner als Kandidat für den DRV-Vorstand zu nennen. Geht’s noch? Der Absatz, in dem sein Namen genannt wird, beginnt mit „junge Innovatoren und Querdenker für den Verband“. Schon vor einem Jahr (4.7.2012) schrieb DIE WELT über „Die Machenschaften des Abzock-Imperiums Unister“ und im Beitrag hieß es u.a „Schein von Seriosität?“ und „Der Drahtzieher: Thomas Wagner“ (siehe auch BBB vom 17.12.2012 „Ab-in-den-Knast.de“). Wenn das Geschäftsmodell von Thomas Wagner „innovativ und quergedacht“ ist, dann ist dieser Vorschlag eine Beleidigung für die ebenfalls genannten (seriösen) Mitbewerber auf der Kandidatenliste (und für den Verband).

Die interne Liste der fvw soll nach eigenen Angaben noch viel länger gewesen sein. Da kann man sich schon denken, welcher Name da noch stand: Reiner Calmund for (DRV-) President.

Als Entschuldigung für die FVW könnte man nur gelten lassen, wenn zum Zeitpunkt des Schreibens Stromausfall in der Redaktion war und Dirk Rogl nicht gesehen hat, welchen Namen er hier (versehentlich) geschrieben hat.
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Nachlese zu den BBBs vom 19.8.2013 „Die andere Sicht“.
Die FAZ und die FVW (kann man ja auch mal loben) haben es auf den Punkt gebracht. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, die rechtlich keine Reisewarnung war, war der Bundestagswahl geschuldet. Man wollte einerseits auf Nummer sicher gehen, dass dort keinem Touristen etwas passiert („wäre wahlkampfmäßig ganz schlecht“), aber andererseits hat der ehemalige „Held vom Tahir-Platz“, Guido Westerwelle, auch die Hotellerie am Roten Meer nicht noch weiter in Schwierigkeiten bringen wollen (was er aber tat). Deshalb die Entscheidung für halb schwanger. Das bestätigt was die BBBs schon am 7.2.2011 schrieben: „Westerwelle kann auch nicht Reisewarnung“.

Ganz bedenklich in diesem Zusammenhang, dass das Auswärtige Amt angeblich die Branche unter Druck gesetzt haben sollte, wenn „Ihr nicht freiwillig neue Anreisen einstellt, dann gibt es eine richtige Reisewarnung“. Aber immerhin ist es schön, schon jetzt schon zu wissen, dass nach der Bundestagswahl die Lage am Roten Meer aus AA-Sicht wieder friedlich sein wird und dem Tourismus nichts mehr im Wege stehen wird. Nur schade, dass die örtlichen Bediensteten bis dahin vor dem Nichts stehen werden (vom Vertrauensverlust in die deutschen Veranstalter nicht zu reden).

Das erinnert fatal an den April 2010, als die Politik wegen der Vulkanasche (wie man weiß völlig unnötig) die Luftfahrt lahmlegte (siehe BBB vom 26.4..2010 „Vulkanasche – die Schweinegrippe der Luftfahrt“). Wie lautete das Argument eines prominenten CSU-Menschen: „Lieber ein unzufriedener Passagier, der lebendig ist, als einer der beim Flug von Frankfurt nach Mallorca abstürzt“. Abgesehen davon, dass man sich das technisch nur schwer vorstellen kann, müsste das in Konsequenz doch heißen:
Jeder tote Alkoholiker ist ein Toter zu viel, „sofortiges Verbot des Verkaufs von Alkoholika“ (aber zynischer weise verdient der Staat durch die Alkoholsteuer sogar an jedem Toten mit).

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MdB Brähmig steht wieder mal im Fettnapf

Da hatten wir ihn in der Tat doch fast vergessen, unseren Vorsitzenden des Bundestags-Tourismusausschusses Klaus Brähmig. Aber jetzt, rechtzeitig im Sommerloch, hat er wieder zugeschlagen. Für die Urlaubsgebiete in Ägypten (wohlgemerkt Urlaubsgebiete und nicht Kairo oder Alexandria) „fürchtet er Terrorakte“ durch radikalisierte Teile der Muslimbrüderschaft und hält dabei für möglich, dass diese Radikale keine Rücksicht auf Touristen nehmen könnten (laut die WELT, 4.7.).
Ob er dabei weitergehende Informationen hat als das Auswärtige Amt, das seine Reisewarnungen zur Zeit eben nicht für die touristischen Gebiete in Ägypten ausgesprochen hat, darf bezweifelt werden. Natürlich war der Deutsche Reiseverband (DRV) stinksauer und ließ mitteilen, man sei sehr verwundert, dass nun ohne Grund eine Diskussion über die aktuelle Lage und die weitere Entwicklung in Ägypten losgetreten und angeheizt werde. „Wer jetzt über mögliche Anschläge spekuliert, handelt grob fahrlässig und schürt geradezu Panik. Solche Aussagen sind haltlos und entbehren jeglicher Grundlage“, so der DRV sehr deutlich weiter.
Man muss wissen, dass es bei dieser Diskussion nicht nur um die Interessen der Reiseveranstalter geht (im Zweifel buchen die ihre Kunden in ein anderes Zielgebiet), sondern vor allem um das Überleben der vielen Angestellten in der ägyptischen Tourismusindustrie rund um das Rote Meer. Statt diesen Menschen zu helfen, entzieht man ihnen durch solche leichtfertigen Aussagen (vorausgesetzt es nimmt jemand Herrn Brähmig ernst) die Erwerbsgrundlage. Das haben diese Menschen wirklich nicht verdient.

Das schlimme an dem Ganzen, und deshalb die besonders heftige Reaktion der BBB, Herr Brähmig ist Wiederholungstäter. Schon im März letzten Jahres, unmittelbar vor der ITB warnte besagter Herr Brähmig ausdrücklich vor Reisen nach Ägypten. Dieser „verbale Fehltritt“ war damals besonders peinlich, weil Ägypten Partnerland der ITB war. So wurde noch nie ein Partnerland brüskiert. Deshalb schrieb auch die fvw jetzt: „Wieder Ägypten-Eklat um MdB Brähmig“.

Da muss man sich doch fragen: Hat Herr Brähmig eine Art Ägypten-Phobie? Oder hat er als Kind zu viele schreckliche Mumien-Filme gesehen („Die Rache der Mumie“ o.ä.)? Vielleicht leidet er auch schwerwiegender an Islamophobie (Angst gegenüber Muslimen/dem Islam)?
Er ist und bleibt eine Belastung für die Tourismusindustrie, obwohl das Gegenteil, als Vorsitzender des Tourismusausschusses, sein Job sein müsste.
Zur Person Brähmig siehe auch die BBBs
vom 19.3.2012: „Wie Brähmig und Co. wirklich über die Touristik denken“
vom 12.3.2012: „So wird das nie was mit der Tourismusbranche“, hier Punkt 2,
vom 25.7.2011: „Warum sollen Urlauber moralischer sein als die Bundeskanzlerin?“

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Westerwelle kann auch nicht „Reisewarnung“

Diese Ansprache von Westerwelle hat niemand geholfen. Wirklich nicht. Natürlich waren die Bilder aus Kairo, Alexandria und Suez dramatisch. Natürlich wollte jeder, der konnte, raus aus diesen Städten. Und kein vernünftiger Mensch käme da auf den Gedanken hinzufliegen.

Aber 500 km südlicher am Roten Meer sah die Welt schon ganz anders aus. Nicht nur für die Touristen, sondern auch für die dort arbeitenden Ägypter. Westerwelles staatsmännisch getragene Ansprache war aus mehreren Gründen daneben. „Die Reiseveranstalter sollen keine neuen Kunden mehr an das Rote Meer fliegen, aus Sicherheitsgründen, und weil die Versorgung eventuell gefährdet sei“. Aber eine knallharte Reisewarnung, die bedeutet hätte, dass die Veranstalter evakuieren müssten, sprach er nicht aus. Also, hin darf man nicht, aber dort bleiben darf man. Logik verstanden? Ich leider nicht.

Aber es gibt noch eine andere Seite. BILD-Kommentator Dirk Hoeren hat es so schön unsinnig beschrieben. „Auf dem Weg in die Freiheit ohne Fundamentalismus brauchen die Ägypter jetzt unsere Unterstützung. Aber nicht Cocktail schwenkende Touristen, die fragen wann das nächste Büfett geöffnet wird“. Rate doch mal lieber BILD-Schreiber von was die Zehntausenden dort leben? Richtig, vom Tourismus! Und, rate mal weiter, warum dort niemand an Fundamentalismus denkt? Weil im Unterschied zu den Menschen in den Großstädten, die für den Tourismus Arbeitenden wenigstens ein Minimum (zugegeben nicht viel) an Einkommen haben. Und wenn Westerwelle jetzt den weiteren Zustrom an Touristen stoppen lässt, dann macht er genau das Gegenteil von dem, was er an anderer Stelle sagt: „Wir unterstützen Ägypten“. Na klar, „am besten“ machen wir das, wenn wir auch den Letzten dort noch Arbeit und Einkommen nehmen.

Nett auch, wie TV und schreibende Journalisten versuchten den heimkommenden Urlaubern und auch jenen vor Ort möglichst aufregende oder unglückliche Kommentare zu entlocken. Objektivität sieht anders aus. Man muss es einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Hauptstädte und die Touristenzentren in vielen Tourismusdestinationen getrennte Welten sind. Natürlich muss man das nicht gutheißen, aber der Tourismus ist für diese Länder eine der wichtigsten Einnahmequellen. Deshalb hatte das Auswärtige Amt in der Vergangenheit neben der überragenden Sicherheitsfrage auch immer die Bedeutung des Tourismus in die Entscheidung einbezogen.

Spätestens jetzt werden die üblichen Tourismuskritiker laut aufgejault haben, für die ausgerechnet die Touristen die deutsche Moral hochhalten sollen. Die deutsche Politik scheint jedenfalls vollkommen überrascht worden zu sein. „Ägypten ist nicht demokratisch? Das haben wir nicht gewusst.“. „In Ägypten herrscht Unterdrückung? Ach was, hätten wir von dem netten Herrn Mubarak nicht erwartet“. „In Ägypten ist Korruption allgegenwärtig und ohne Bakschisch läuft gar nichts?“ Ach was.
Haben Sie die Bilder gesehen wie Westerwelle bei seinem Antrittsbesuch in Kairo neben „Herrn Mubarak“ vor Stolz fast geplatzt ist? Wie unsere Kanzlerin vor 1 ½ Jahren Herrn Mubarak als „großen Freund“ in Berlin begrüßte? Ägypten steht in der Liste der korrupten Ländern auf Platz 111 von 176 Ländern (je weiter hinten man steht, desto korrupter ist ein Land) und das schon seit Jahren. (Just for info, in dieser Tabelle ist Deutschland gerade auf Platz 16 abgerutscht. Gemessen an der vorgegebenen „deutschen Korrektheit“ auch kein Ruhmesblatt).

Wollen wir hoffen, dass die Ägypter ihre Revolution friedlich „hinbekommen“. Dem sympathischen Volk mit dieser unglaublichen Tradition ist es von Herzen zu gönnen. Um den künftigen Tourismus nach Ägypten mache ich mir die wenigsten Gedanken. Sobald die Lage sich beruhigt hat (und die Politik nicht weiter hindert) werden die Touristen sehr schnell in bisheriger Größenordnung wieder kommen. Dafür ist Ägypten einfach zu interessant und schön.

Wenn wir schon beim Thema Sicherheit sind, kann man sich eine Bemerkung zum „Auftritt“ unseres Innenministers de Maizière nicht verkneifen. In großer staatsmännischer Pose „Ich wende mich an das Deutsche Volk“ (das hatte schon Westerwelle-Niveau) verkündete er, dass „die Sicherheitsstufe“ jetzt zurückgefahren werden könnte, wenngleich „kein Anlass zur Entwarnung bestehe“. Ja, was nun? Vor dem Reichstag bleibt übrigens die Sicherheitsstufe auf alter Höhe, „einige sind eben gleicher als andere“.
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Im Reiseradio (www.reiseradio.org) gibt es ein Statement vom Hauptgeschäftsführer des DRV, Hans-Gustav Koch, mit seiner Meinung zur Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Außerdem wird über den Veranstalter Windrose berichtet, dessen Kunden durchschnittlich 4.600 Euro pro Reise ausgeben (also keine typischen Gäste für das Rote Meer). Das Thema Ägypten steht natürlich im Mittelpunkt der akustischen Bissigen Bemerkungen und wem man besser kein Mikrofon vor die Nase halten sollte.

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Als der liebe Gott auf die Reisebürobranche sauer war – (k)eine Weihnachtsgeschichte

Als Gott Adam und Eva geschaffen hatte, und auch sonst mit dem Gröbsten fertig war und es noch keine Blackberrys gab, hatte er am siebten Tage frei. Weniger bekannt ist, dass Gott aus Langeweile in der folgenden Woche noch einige Nachschöpfungen kreierte. So schuf er, ausgerechnet am 13. Tag der Schöpfung, zwei Reisebüros. Auch ihnen gab er die Weisung mit „seid fruchtbar und vermehret Euch“, was die Reisebüros zumindest in Deutschland mit kaninchenhafter Effektivität auch befolgten. Aber der Herr fügte auch hinzu „und macht Reisende glücklicher“. Gott erkannte schnell, dass er die letzte Anweisung hätte etwas präzisieren sollen, aber Zeitmangel hinderte ihn daran.

Auch in den Folgejahren war Gott mit anderen Dingen beschäftigt, deshalb beauftragte er den Heiligen Geist doch hin und wieder mal nach der Branche zu schauen. Leider ist es nie zu diesem Kontakt gekommen. Es ist nicht mehr festzustellen, ob der Heilige Geist seinen Auftrag vergessen hatte oder ob die Branche auf geistvollen Rat nicht hören wollte. So musste Gott vor kurzem selbst mal nach seiner 13.Tag-Schöpfung “Reisebüro“ schauen. Und was er da sah, gefiel ihm überhaupt nicht.

Die Reisebüroleute hatten sich ein riesiges Goldenes Kalb geschaffen und nannten es “Preis“. Sie hatten nichts anderes mehr im Kopf als “Preis“, es war das erste an das sie morgens dachten, und das letzte an das sie dachten, bevor sie abends ihren Laden abschlossen. Vor allem war “Preis“ grundsätzlich das beherrschende Thema, wenn sie mit ihren Kunden sprachen. Da war Gott enttäuscht, weil seine Schöpfung so wenig mit dem schönen Thema Reisen anzufangen wusste. Was ihn aber am meisten erzürnte war, dass die Reisebüros neue Götter geschaffen hatten, die sie “Preisvergleichssysteme“ nannten. Diese “Preisvergleichssysteme“, ursprünglich erfunden um Mehrwerte zu schaffen, machten inzwischen genau das Gegenteil. Sie vernichteten mehr Werte als Mehrwerte zu schaffen.

Da war Gott sauer, richtig sauer. Er wollte die Branche strafen und so dachte er nach, wie er ein sehr subtiles Mittel zur Strafe finden könnte. Ein Mittel, das diese idiotischen Nebengötter “Preisvergleichssysteme“ so richtig lächerlich machen könnte. Wobei Gott in Kauf nahm, dass die zu Bestrafenden, seine spezifische Form von Humor nicht verstehen würden. So schuf Gott im Zorn die “X-Angebote“. Die Erzengel meinten das sei zu plump, die Reisebüros würden doch sofort merken, dass die X-Angebote ein weiterer Schritt in den Untergang seien. Aber Gott meinte, die kurzfristige Gier sei wahrscheinlich größer und die Reisebüros würden auch das verkaufen. Er meinte weiter, wer einverstanden sei, dass Preisvergleichssysteme Angebote akzeptieren, die bestimmte Leistungen nicht enthalten (z.B. Transfer) und diese sogar ganz nach oben listen, der lasse sich dann von diesen Systemen auch komplett auf der Nase herumtanzen! Wie immer hatte Gott Recht, deshalb ist er ja auch Gott.

Zwar maulten viele Reisebüros über die überraschend neu aufgetauchten X-Angebote und es gab auch die brachentypischen Reflexe wie
— eigentlich wollen wir nicht, aber die anderen machen es (damit kann man eigentlich auch jede Straftat begründen)
— eigentlich wollen wir ja nicht, aber die Kunden fragen danach (diese Entwicklung führte an anderer Stelle schon zu BSE)
— eigentlich wollen wir nicht, denn wegen der Anzahlungs- und Stornobedingungen bekommen wir riesigen Ärger mit den Kunden (aber dieser Ärger wird erstaunlicherweise in Kauf genommen)
— eigentlich wollen wir nicht, aber die X-Angebote stehen in den Preisvergleichssysteme ganz oben (na also, nichts kapiert).
Aber trotz dieser Bedenken wurde munter weiter verkauft.
Da war Gott fassungslos und meinte nur: “Der Parasit wird zum Herrscher, welch schreckliche Entwicklung“.

Da ergab es sich, dass die wesentlichen Meinungsmacher sich alle gleichzeitig in Marokko aufhielten. Und sie taten dort das, was sie am besten können. Sie sprachen wenig über die Sache, aber mehr über Personen. Da wurde getrickst und gekungelt, man traf sich in Hinterzimmern und hob heimtückisch Gruben aus (in die allerdings mancher anschließend selbst plumpste). Zur Entschuldigung kann man nur sagen, das passiert auch anderswo, zum Beispiel wenn sich Parteien oder Geflügelzüchtervereine treffen.
Aber Gott wollte diese Entschuldigung nicht gelten lassen und so beschloss er die Branche bei ihrem Jahrestreffen in einer neuen Sintflut zu ertränken. Deshalb regnete es während der Jahrestagung in Strömen. Zum Glück konnte einer der Erzengel Gott noch rechtzeitig in den Arm fallen und damit Schlimmeres verhindern. Gut, sagte Gott, ich gebe der Branche noch eine Chance.

Da wurde es gegen Ende der Tagung kurz hell. Und es stieg herab vom Berge Agadir (Agadir ist zwar kein Berg, aber aus Gründen der Dramatik wird hier ein Berg benötigt), also stieg herab vom Berge Agadir Moses B. Und er verkündete eine frohe Botschaft. Diese Botschaft wurde dem Volk zwar ähnlich schon 100x mal versprochen, aber was will man machen, wenn einem die Probleme bis Oberkante Unterlippe stehen, aber die Marge nur in Knöchelhöhe? Man will die Botschaft glauben. Zumindest die Mehrzahl empfand so. Einige wenige schauten allerdings noch immer ungläubig und sehr säuerlich über den Rand der selbst ausgehobenen Grube.

Liebe Leserinnen und Leser der Bissigen Bemerkungen, was wird Moses B. nun als erstes machen? Wie viel wird er von seiner Botschaft umsetzen können? Und vor allem, kann Gott wegen dieser Branche noch besänftigt werden?
Das alles erfahren Sie in der Weihnachtsgeschichte 2011.

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Im Reiseradio (www.reiseradio.org) kommen heute der grüne Obertouristiker Markus Tressel, Michael Svedek von Touring und Axel Biermann vom Ruhr-Tourismus zu Wort. Der Hinweis gilt auch, oder vielleicht gerade deshalb, obwohl die BBBs nicht jeden Satz in diesen Interviews unterschreiben.
In den akustischen Bemerkungen geht es insbesondere um die kleine spanische Terrorgruppe, die sich Fluglotsen nennt. Alles klar?

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