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5. Juli 1841 – 5. Juli 2016: 175 Jahre Pauschalreise

Da wird eines der größten Erfolgsprodukte 175 Jahre alt und kaum jemand achtet darauf. Selbst schuld, liebe Urlaubsbranche. Oft genug habt Ihr Euer Super-Produkt verleugnet oder nur halbherzig beworben. Zu oft schämte sich die Branche und argumentierte nicht hart dagegen, wenn Pauschalreise und Massentourist gleichgesetzt wurde, wenn das Internet mit Urlaub, statt mit Urlaubsbuchung verwechselt wurde.

Aber zuerst wollen wir den guten Thomas Cook abfeiern. Vor 175 Jahren, am 5. Juli 1841, veranstaltete Thomas Cook seine legendäre Reise, mit einem gecharterten Zug, von Leicester nach Lougborough zu einer Veranstaltung gegen Alkoholmissbrauch. Im Reisepreis von einem Shilling waren Tanz, Tee, Schinkenbrote und lehrreiche Reden enthalten, deshalb bezeichnete man diese Reise als „Mutter“ aller Pauschalreise.

Neuere Untersuchungen sind aber der Meinung, dass die erste Pauschalreise schon drei Jahre vor 1841 stattgefunden hätte, nämlich zu einer Hinrichtung nach Boldwin. Das kann tatsächlich sein, denn Hinrichtungen waren damals eine große Attraktion (heute richtet man mit einem shitstorm, da virtuell, kann man leider nicht hinreisen). Aber auf diesen früheren Termin bezieht sich die Branche ungern. Logisch, denn viele Beschwerdebriefe von heute würden dann mit Sätzen wie „ich fühlte mich wie bei der ersten Pauschalreise zur Hinrichtung“.

In den Jahren danach setzte Thomas Cook Maßstäbe für die Pauschalreise. Der logistische Aufwand für eine solche Reise war sehr erheblich. Materialbeschreibung einer Reise nach Palästina (1869): 28 Esel, 14 Maultiere, 65 Sattelpferde, 87 Packpferde, 21 Schlafzelte, 2 Speisezelte, 3 Küchenzelte, Eisenbetten, Wolldecken, Teppiche. Liebe Touristikmanager von heute, also klagt nicht, Ihr habt es heute einfacher. Bei dieser Cook-Reise waren auch 18 Lagerdiener und 56 Maultiertreiber dabei. Würde man heute zu diesem Job „Produktmanager Esel“ sagen? Obwohl, ich hatte schon mal von einem Produktmanager gehört, „was war ich bei der Kalkulation für ein Esel“.

Wesentlich lustiger ist da die Tatsache, dass die Pauschalreise von 1841 zu einem Kongress gegen Alkoholmissbrauch ging. Angesichts der Alkoholmengen die heute in einem Ferienflieger vertilgt werden, schon fast ironisch. Fast noch krasser wird es, wenn man die britischen Nachfahren dieser Urreise mal in Magaluf besucht.

Bleibt noch die Frage offen, ob Individualtouristen die besseren Touristen seien. Werfen wir mal einen Blick auf diese immer wieder hervorgehobene Touristen-Spezies. 45 Millionen Individuen fahren jedes Jahr mit dem Auto in den Urlaub, individuell um dem Massentourismus aus dem Weg zu gehen. Die Folgen sind bekannt. Wir erleben diese Individualisten immer wieder an den Wochenenden und speziell zu den Ferienterminen an den beliebten Treffpunkten der Stau-Fetischisten bei Kamen, Geislingen, Rosenheim. Wir treffen diese Individualisten morgens Schlange stehend vor dem Ägyptischen Museum in Kairo und anderswo, während die Reiseleiterin der Veranstalter mit ihrer Gruppe durch einen Nebeneingang das Museum betritt.

Das höchste Ziel des Individual-Touristen ist ein Platz irgendwo in der Welt zu finden, ohne Pauschaltouristen. Das Dumme dabei ist nur, dass sich nach 175 Jahre Reisen nun mal eine feste Meinung gebildet hat („Schwarmintelligenz“) was und wo die schönsten Plätze dieser Welt seien. Ist leider so und da wollen alle hin. Aber die Frage an mich nach einem Geheimtipp, nach einem Ort oder Platz oder Kneipe, wo garantiert nie ein Tourist hinkommt, ist nicht auszurotten.

Als ich vor vielen Jahren mit einer privaten Gruppe an einem zugegeben sehr schönen Platz in der Toscana zu Mittag aß, wurde ich von der Gruppe „gezwungen“ ein Papier zu unterschreiben, dass dieser Platz nie in einem Veranstalterkatalog zu finden sein werde.

Eigentlich wollte ich heute nochmal über Fußball schreiben, über Sensationsmannschaften wie Island und Wales. Aber mit Thomas Cook bekomme ich auch eine Verbindung hin. Er starb 1892 im Alter von 84 Jahren in Leicester. Und Leicester City war in der letzten Saison bekanntlich Sensationsmeister in England.
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In den letzten BBBs ist mir ein peinlicher Fehler unterlaufen. Ich habe Island unterstellt, deren Banken wären nur mit den Milliarden der EU gerettet worden. Das ist falsch. Island hat sich aus eigener Kraft gerettet. Entschuldigung.

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Der „dumme“ Tourist (?)

Der Januar ist bekanntlich jener Monat, in dem viele Menschen hierzulande über Urlaub nachdenken und wiederum sehr viele von ihnen tatsächlich buchen. Ja, es gibt sie noch, Menschen die sich nach Urlaub sehnen und frühzeitig diesen buchen (übrigens buchen noch immer viel mehr Urlauber im Reisebüro als uns die Medien weismachen wollen).

Aber ab jetzt muss man täglich damit rechnen, über einen Artikel über „schreckliche Touristen“ zu stolpern. Natürlich wollen alle nur zum Sonnenbaden an den Strand, möglichst vor einem Hotel mit all inclusive, dabei nach Mängeln suchen, um sich zu beschweren und Geld zurück zu bekommen. Genau so einfach ist es (?).

Den Anfang machte an diesem Wochenende die WELT am SONNTAG. Da bekommt ein gewisser Henryk M. Broder zwei große Seiten um über „den Urlaub der anderen“ abzulästern. Insbesondere sein Beginn ist ganz große Klasse. Zitat: „Als ich das letzte Mal Urlaub machte, war ich 15, vielleicht auch 16. Ich durfte mit meinen Eltern nach Bad Kissingen (kann auch Bad Nauheim gewesen sein)“. Und dann wird kräftig draufgehauen, wie schrecklich das war. Um diese Ausführungen würdigen zu können, muss man wissen, dass Broder heute 68 Jahre alt ist. Kurzum, seine Urlaubserfahrungen sind nicht ganz „brandneu“, haben sich aber als Vorurteil 50 Jahre gehalten. Außerdem sollte man wissen, dass er ein renommierter Schriftsteller ist, viele Preise eingeheimst hat, aber auch immer umstritten war.

„Ich mache nie Urlaub“, so Broder weiter, „aber ich reise gern und bin jedes Jahr ca. sechs Monat unterwegs“. Solche Leute, die angeblich nie Urlaub machen, sind mir ehrlich gesagt suspekt. „Wenn ich das Wort Urlaub nur höre, bekomme ich Schüttelfrost“, liest man bei ihm in den nächsten Zeilen. Ehrlich, wenn ich so einen Mist (Höflichkeitsform von Sch…) lese, wird mir speiübel. Woher kommt diese Arroganz der „Intelligenz“ gegenüber Urlaubern? Vielleicht weil man sich nicht vorstellen kann, dass es Unzählige gibt, die hart arbeiten (und für wenig Geld), die keine Chance haben dienstlich durch die Welt zu reisen und irgendwo abends am Strand noch ein (oder zwei) Gläschen Wein trinken und Tapas essen (natürlich alles nur dienstlich und deshalb auch konsequenterweise auf Firmenkosten), sondern nur mal „Nichts“ tun wollen.

Und jetzt zur Krönung à la Broder: „Urlaub reduziert den Menschen auf Stückgut“, „sitzen stundenlang in engen Fliegern“, „Warum tun die Menschen sich so etwas an. Niemand verreist heute wie Gustav von Aschenbach , Hercule Poirot oder Phileas Fogg mit seinem Diener Passapartout“. Toll Herr Broder, da haben wir aber mal wieder gezeigt, was wir bildungsmäßig draufhaben. Ehrlich gesagt, scheitert es bei mir z.B. schon am fehlenden Diener. Und früher „bequem“ gereist, aber jetzt muss ich echt lachen.

Passenderweise, ebenfalls diesen Sonntag, hat auch Spiegel online etwas mit der Überschrift „Bloß kein Tourist sein“ zu bieten. Hier wird Holger Baldus, Geschäftsführer von Marco Polo, zitiert: „Genauso zu essen wie ein Einheimischer, das kommt an. In Old Delhi auf Plastikschemeln sitzen und die lokale Straßenküche ausprobieren. Zu Hause erzählen, wie man bei der kubanischen Familie in der Küche saß“. Toll, aber nur für eine Minderheit. Und diese Minderheit will auch gar nicht, dass jetzt alle so Urlaub machen. Wo würde die Abgrenzung bleiben? Gastbesuch in einem „echten“ Maya-Dorf in Mexiko, Teetrinken mit „echten Berbern“ in der Wüste oder Übernachten bei kubanischen Omis. Großartig authentisch, und das jede Woche im Angebot des mit der Zeit gehenden Anbieters. Und wenn es mehr Touristen wollen, macht es die Omi hauptamtlich (Airbnb lässt grüßen).
Ein Glück, dass im selben Artikel Prof. Reinhardt, vom Institut für Zukunftsfragen, seine „Inszenierte Authentizität“ anbringen kann. Exakt so ist es, jede Woche aufs Neue wird die „Authentizität inszeniert“. Da können wir gerne darüber diskutieren, ob das näher an „inszeniert“ oder näher an „authentisch“ ist.

Und jetzt noch eine Bemerkung zum Nachdenken zu Machu Pichu, Pyramiden, Taj Mahal, Venedig, Ayers Rock, Mitternachtssonne in Schweden, Safari in Afrika usw. Ist es nicht logisch, dass die interessantesten Plätze der Erde im touristischen Standardprogramm enthalten sind? Weil Generationen von Reisenden irgendwann festgestellt haben, dass dies das Tollste, Interessanteste ist, besonders aufregend.
Und die nachwachsende Urlaubergeneration darf jetzt nicht hin? Puh, Massentourismus?

Am meisten hat mich früher diese Frage gefreut: „Wo finde ich einen hoch interessanten Platz, den kein Tourist kennt?“. Mein Antwort damals: „Ja, was denn?“. Heute würde ich Per Mertesacker zitieren: „Ja was wollen Sie denn nun?“.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Broder. 2005 schrieb er für Spiegel online u.a. er würde Island lieben, wegen der faktischen Abwesenheit seiner drei „Problemvölker“: keine Juden, keine Araber und nur ganz wenige Deutsche. Sehen Sie Herr Broder, ich mag alle vier (ihre „drei Problemvölker“ und Island).

Aber es gab auch Zeiten, da war ich nahe bei Henryk M. Broder. Das war in den 60er-Jahren, als er für das Erotikblatt St. Pauli-Nachrichten geschrieben hatte. Das fand ich, damals war ich so Mitte Zwanzig, hochinteressant. Merke: Das Triviale muss nicht immer grundsätzlich abgelehnt werden.

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4:1. Klasse!

Die Engländer haben zwei wichtige Dinge erfunden: den preiswerten Massentourismus und den Fußball. Während beim Tourismus die Deutschen (unverständlicherweise) den Engländern noch das Gefühl geben sie hätten in London mehr Ahnung vom Tourismus als in Deutschland, ist im Fußball die neue Ordnung hergestellt.
Beweis:
Am 29.6.2009 wurde Deutschlands U21 Fußball-Europameister mit 4:0 gegen England.
Fast auf den Tag genau ein Jahr später gewinnt Deutschland das WM-Achtelfinale gegen England mit 4:1.
Dazwischen, am 10.9.2009, wurden Deutschlands Fußballfrauen Europameister gegen England mit 6.2.

Liebe BBB-Leser, denkt Ihr der Deutsche Fußballbund käme nun auf die Idee seine Zentrale von Frankfurt nach London zu verlegen? (zum Verstehen dieser Frage siehe die Bissigen Bemerkungen vom 8.1.2007 „Endlich aufgedeckt: Die Geschichte vom Trojanischen Pferd beim Kauf britischer Touristikfirmen“).

Und wenn wir gerade bei Fußball und Tourismus sind: Die „Onliner“ wollen immer so kreativ sein, aber die Werbung von „Ab-in-den-Urlaub-de“ mit Michael Ballack ist wohl die langweiligste Werbung seit langem. Dagegen wirken Jogi Löw und früher Rudi Völler direkt spritzig.

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Der Reiseradio www.reiseradio.org ist diese Woche sehr TUI geprägt. Dr. Böttcher lobt die Pauschalreise (haben die Veranstalter lange vernachlässigt) und erklärt die Sonnengarantie. Karl Pojer erläutert die Erfolgsstory von Fleesensee und Airtours-Chefin Feld-Türkis stellt vor was sie unter neuem Luxus versteht.
In den akustischen Bissigen Bemerkungen geht es darum wie man sich ein besseres Zimmer im Hotel herbei „tweeten“ kann und wird über den Niedergang eines Luxushotels gelästert. Außerdem geht es um den Mut (oder Selbstbewusstsein?) von Frau Feld-Türkis, ihre persönliche Email-Adresse allen Airtours-Kunden bekannt zu geben.

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