Du bist Deutschland

„Du bist Deutschland“ ist eine Kampagne für den Standort Deutschland. Im Ergebnis sollte man sich mit erfolgreichen typischen Deutschen identifizieren. Die Beispiele passen perfekt in die Zeit: „Du bist Schumacher“ oder „Du bist Porsche“. Na, ja?
Leider fehlt in der Kampagne der deutsche Tourist. Dabei ist er im Ausland die lebende Werbung für Deutschland und außerdem noch (Reise)Weltmeister, was man von Schumacher nicht mehr und von Klinsmann noch nicht sagen kann.
Also, lieber deutscher Tourist: „Du bist Deutschland“. Und hier noch einige hilfreiche Ratschläge, damit man dich auch sogleich als „Deutschland“ erkennt.

Lieber deutscher Pauschalreisender: „Du bist Thomas Cook“. Das wäre ein schöner Titel, aber leider war der Erfinder der Pauschalreise ein Engländer. Bleibt als Alternative: „Du bist Neckermann“. Und wie repräsentiert ein solcher Typ, stellvertretend wohlgemerkt, seine Spezie?

Der deutsche Tourist outet sich als solcher, in dem er frühmorgens (im Zweifel sehr früh morgens) als wichtigste Tagesarbeit seinen Liegestuhl reserviert. Dies geschieht vorzugsweise mit einem Handtuch, wie inzwischen die ganze Welt weiß. Der Reiseprofi reserviert aber nicht nur einen Liegestuhl, sondern mindestens zwei, weil bekanntlich im Laufe des Tages die Sonne wandert. Wer die Verbindlichkeit einer solchen Reservierung missachtet, kann sich schnell auf dem „Boden der Tatsachen“ wiederfinden. Dummerweise ist nicht allen deutschen Richtern diese Weltgewandtheit bekannt, denn anders ist es nicht zu erklären, dass dieser Tage ein 76-jähriger (also erfahrener) deutscher Tourist verurteilt wurde, weil er eine auf dem „besetzten Liegestuhl“ ruhende Dame dadurch verletzte, dass er einfach den Liegestuhl (mit Dame) umkippte.

Spätestens beim folgenden Nichtstun auf den Liegen zeigt der deutsche Tourist, dass er nie ohne seine Bibel verreist – die geheimnisvolle „Frankfurter Tabelle“. Ursprünglich als Hilfe für Frankfurter Richter gedacht, um Reisebeschwerden möglichst ähnlich zu entscheiden, ist sie inzwischen zu einer der meist gelesenen Gebrauchsanweisungen in deutscher Sprache geworden. Urlaubshoteliers, die einen deutschen Touristen mit diesem Papier und mit kriminalistischem Spürsinn durch ihr Hotel wandeln sehen, wissen woher der Begriff „deutsche Gründlichkeit“ stammt.

Wer noch mehr über den deutschen Tourist erfahren will, dem sei empfohlen an einer Urlauber-Busfahrt teilzunehmen. Der Verteidigungskampf jener, die durch einen Spurt zum Bus sich die ersten Sitzreihen sicherten, gegen die später kommenden älteren Urlauber und Behinderten, die auf ihre Anrechte auf Sitzplätze in den ersten Reihen beharren (und zwar nachhaltig) macht immer wieder Freude. Die nach hinten rücken müssenden ehemals Ersten, werden sich im Verlauf des Ausflugs noch mehr ärgern, wenn sie feststellen, zu welchen Gehleistungen Alte und Behinderte fähig sind, wenn sie nur gefordert werden. Kein Weg, kein Pfad, mag er von der Reiseleitung als noch so schwierig und steinig geschildert werden, ist fortan von unseren Erst-Reihen-Sitzern sicher.

Wobei diese sportliche Leistung ohne jeden Konditionsmangel abends am Buffet wiederholt wird. Die Drängelei am Buffet (kleine Faustformel: je älter, desto drängelnder), wird durch die Übereinkunft „hier geht rechts vor links“ mit deutscher Regelungswütigkeit geklärt. Dann wird, insbesondere zu Beginn des Urlaubs, auf den Teller aufgeladen. Wobei die Höhe des Aufgeladenen oft mit dem deutlich erkennbaren Bluthochdruck korrespondiert.

Abends an der Bar, kann man erstmals Angst um Deutschland haben. Angesichts der erzählten Bedeutung, wie wichtig man im Betrieb ist oder war, lässt den zuhörenden Barkeeper fürchten, die Industrieproduktion in Deutschland könnte in den nächsten Tagen nun total zum Erliegen kommen. Wenn dann auch noch deutlich gemacht hat wird, wie preiswert man gebucht hat („Ich bin ja so clever“), muss man befürchten, dass deutsche Reiseveranstalter nie mehr ein positives Ergebnis ausweisen werden.

Spätestens jetzt, werden unsere ausländischen Freunde Angst um Deutschland haben. Sie werden sich um den Standort Deutschland bemühen. Entweder werden sie als Gastarbeiter die Arbeitnehmerseite stärken oder als „Heuschrecke“ unseren Unternehmern zeigen, was sie vom Durchsetzungswillen deutscher Touristen gelernt haben.

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