Die Mediengesellschaft

Da streiten Frau Magret Suckale (Personalvorstand Deutsche Bahn), Manfred Schell (Lokführergewerkschaft GDL) und Norbert Hansen (Gewerkschaft Transnet) wochenlang über fehlende Voraussetzungen sich am Verhandlungstisch zu treffen. Und dann sitzen diese „drei Herrschaften“ am Sonntagabend friedlich in Anne Wills ARD-Sonntagsabendshow nebeneinander und man hatte das Gefühl, noch ein paar Minuten länger und ernsthafte Verhandlungen wären in Gang gekommen.
Und mancher Bahnfahrer wird da gedacht haben: „ich glaube ich spinne, was ich da sehe!“.

Ein Erfolg für Anne Will? Oder Ausdruck unserer Mediengesellschaft?
Haben wir den Beginn eines neuen Zeitabschnitts im TV erlebt?
Nach den Partnerproblemen im Mittagsfernsehen bei Vera und Co., den Problemen unserer TV- und Kinopromis in Brisant und Co., den ewiggleichen Diskussionen unserer Politstars in Christiansen und Co., trägt jetzt die Wirtschaft ihre Probleme bei Anne Will öffentlichkeitswirksam aus?
Sitzt demnächst Michael Frenzel seinem Kontrahenten Wyser-Pratte gegenüber? Verkündet Middelhoff einem verblüfften Gesprächspartner, dass er ihn gerade Minuten vorher gekauft hat? Wäre es nicht „toll“ gewesen, wenn REWE-Vorstand Norbert Fiebig Anne Will erklärt hätte, warum Rembert Euling Nachfolger von Kastner wird und Dierk Berlinghoff hätte ihm vor laufender Kamera „die Brocken hingeworfen“?
Oder Willi Verhuven hätte gerade sein zweites „x“ im Frühbucher Super-Exxtra erklärt, während Karlheinz Kögel seine potenzielle Kundschaft aufgefordert hätte gelassen zu bleiben, denn der nächste Last Minute-Sommer käme mit drei „a“ als Super Laaast Minute?

Vielleicht werden künftig auch Vorstandsverlängerungen und vorzeitige Vorstandskündigungen (einschließlich Vertragsbestandteile) vor laufender Kamera diskutiert. Und am Montagmorgen kann man seinen Kollegen begrüßen mit der feststellenden Frage „haste gestern Abend bei Anne Will gesehen, wir haben einen neuen Chef?“.

Herrliche Aussichten, da hat man doch jetzt auch praktisch etwas von seinem sonntagabendlichen Fernsehgenuss.

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