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Luftverkehrsteuer: Dauer-Wortbruch der Bundesregierung

Es ist schon dreist, wie die Regierung bei der Luftverkehrsteuer permanent etwas anderes macht, als sie zuvor sagt. Neuester Wortbruch: Die Steuer soll um 40 Prozent erhöht werden, aber nicht zugunsten von Forschung und Entwicklung von regenerativen Kraftstoffen, sondern zugunsten der Deutschen Bahn.

Es war von Anfang an verrückt mit dieser Luftverkehrsteuer beziehungsweise Luftverkehrsabgabe, wie sie ursprünglich hieß. Die Regierung beschloss 2010 ein „Sparpaket“ inklusive erstmals einer Luftverkehrsabgabe (wirksam ab 1. Januar 2011).

Das war schon eine Frechheit diese Abgabe unter dieser Überschrift zu firmieren. Denn wer sparte hier? Niemand. Was mein Nachbar wohl sagen würde, wenn ich ihn um eine kleine Nachbarschaftsabgabe bitten würde und das Ganze noch mit der Begründung „ich muss sparen“. Laut „Sparbeschluss“ sollte diese Steuer nur bis 2012 erhoben werden.

Im Gesetz wurde dann die schöne Überschrift „ökologische Luftverkehrsabgabe“ gewählt, dafür war die Begrenzung bis 2012 verschwunden. Obwohl maßgebliche Verkehrspolitiker, inklusive der damalige Verkehrsminister Ramsauer vor einem nationalen Alleingang gewarnt hatten, setzte sich letztlich der damalige Finanzminister Schäuble durch und alle Kritiker stimmten der Abgabe zu.

Die Kämpfe der Politik und das Überlegen von Möglichkeiten

Von da an gab es immer Gerüchte über die Abschaffung dieser Steuer, so zum Beispiel 2012 als Verkehrsminister Ramsauer zu Protokoll gab, „er kämpfe für eine möglichst umfassende Korrektur der Steuer, die eigentlich weg gehöre“. Aber Ramsauer und „kämpfen“ – das hatte ich schon damals nicht ernst genommen.

2014 erklärten einige Fluggesellschaften und Verbände wie stolz sie seien, dass immer mehr Politiker für die Abschaffung der Luftverkehrsteuer seien. So wurde die damalige Staatssekretärin im Verkehrsministerium Katharina Reiche (CDU) mit der Aussage zitiert: „Ja, wir überlegen ein Phasing out“.

Auf Deutsch heißt das aber, wir faseln kompliziert, machen aber garantiert nichts. Die Airlines glaubten ihr und auch noch anderen Verkehrspolitikern der Regierungsparteien, die von schrittweiser Abschaffung sprachen. Nicht mal Trippelschritte sind daraus geworden. Weil in dieser Sache trotz 631 Bundestagsabgeordneten nur Schäuble etwas zu sagen hatte.

Plötzlich verschwunden: Die Überprüfung der Luftverkehrsteuer

In den Entwürfen zum jetzigen Koalitionsvertrag stand, dass die Luftverkehrsteuer überprüft werden sollte. Große Freude allerorten. In der endgültigen Fassung war dieser Satz verschwunden. Angeblich hat keiner der Unterhändler gemerkt, wie er verschwand, er war nur einfach plötzlich weg. Na, sowas.

 

Ganz wie ursprünglich in der „Sparsitzung“ geplant, verschwinden unverändert zuletzt 1,2 Milliarden Euro im allgemeinen Staatshaushalt, für eine Steuer, die weder gerecht noch wettbewerbsneutral und schon gar nicht auf eine ökologische Steuerung ausgerichtet ist.

Aber in diesem Jahr, auf der Nationalen Luftfahrtkonferenz im August in Leipzig, kam plötzlich Hoffnung auf. Verkehrsminister Andreas Scheuer sprach sich öffentlich für eine Zweckbindung der Luftverkehrsteuer aus.

Das Aufkommen aus der Luftverkehrsteuer soll vergrößert werden (Umschreibung von Erhöhung), um mehr Mittel zur Erforschung und Entwicklung klimafreundlicher Innovationen bereitstellen zu können. Und er fand auf dieser Konferenz fast kein Ende, immer wieder zu betonen „wir setzen uns dafür ein, dass die Einnahmen der Luftverkehrsteuer für Forschung, Innovation und Klimaziele genutzt werden“.

Ergebnis: Plus 40 Prozent

Und Kanzlerin Merkel war auf derselben Konferenz in ihrer Begeisterung für das Thema Flugverkehr kaum zu bremsen. „Deutschland soll Vorreiter für klimaverträgliches Fliegen werden“, „neue Technologien sind auch eine wirtschaftliche Chance“, „die Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit des Luftfahrtstandortes Deutschland müsse gestärkt werden“ und besonders schön „wir wollen keine erzwungene Einschränkung unserer Mobilität, wir wollen Fortschritt und Effizienz“.

Ergebnis: Die Luftverkehrsteuer wird um 40 Prozent erhöht, kein Cent der gesamten Luftverkehrssteuer bleibt beim Luftverkehr für Forschungen zu regenerativem Treibstoff.

Worauf kann man sich verlassen? Auf den permanenten Wortbruch der Regierung in Sachen Luftverkehrsteuer. Die oben zitierte Nationale Luftfahrtkonferenz fand am 21.August in Leipzig statt, der zitierte Kabinettsbeschluss am 9. Oktober 2019. Das ist neuer Rekord für einen Wortbruch.

Warum ist die Branche so schwach, um dies alles zu akzeptieren?

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Condor, die letzten Gallier im Thomas Cook-Konzern

Vor mehr als 175 Jahren gründete Thomas Cook in Großbritannien sein touristisches Reich. Die Idee, die seinem Reich zugrunde lag, war größer als sein Reich selbst und machte bald weltweit Schule. Dementsprechend wurde auch nach und nach das TC-Reich größer, Skandinavien und Deutschland kamen beispielsweise hinzu.

Condor wurde vor mehr als 60 Jahren gegründet. Bei allem Spirit, der dieser Gesellschaft schon immer eigen war, mit ihren Gesellschaftern hatte sie selten Glück. Lufthansa liierte sie zwangsweise mit Neckermann. Die zwei passten nie wirklich zusammen. Aber das ist bei Zwangsheiraten leider öfters so.

Abhängige haben wenig Mitspracherecht

Dass Condor irgendwann später in Thomas Cook aufging, war auch keine gewollte Entscheidung. Aber wenn man abhängig ist, wird man nicht gefragt.

Einer der vielen temporären Stammesfürsten von Thomas Cook, Stefan Pichler, nahm dann 2002 Condor auch noch den Namen weg. Das war die höchste Form der Erniedrigung. Da erwachte aber erstmals die voll Widerstandskraft von Condor. Nicht mit uns! Zwei Jahre brauchte Thomas Cook bis „Condor wieder Condor hieß“. Ein teurer Marketing Flop.

2008 ein neuer Anlauf von Thomas Cook, Condor „los zu werden“. „Asset light“ hieß inzwischen eines von vielen Schlagwörtern, die bei den „Cookies“ schnell auf- und genauso schnell wieder verblühten. In Wirklichkeit war man schon damals mit dem Geld klamm und wollte für Condor viel Geld kassieren. Zuviel.

Aber jetzt wurde es wirklich ernst, todernst könnte man sagen. Plötzlich, aber letztlich nicht unerwartet, stand er, der Tod, vor der Tür von Thomas Cook. Ganz Thomas Cook ist vorm Untergang bedroht. Ganz Thomas Cook?

Ganz Thomas Cook? Nein!

Nicht ganz, die alte Story der Gallier, die als Letzte Widerstand leisteten, x-mal im Verlauf der weiteren Geschichte zitiert, lebt auf. Die Gallier heißen jetzt Condorianer und das gallische Dorf liegt in Kelsterbach und sie wollen nicht mit dem Thomas Cook-Reich untergehen.

El Condor pasa? Noch ist das Ende nicht erzählt. Aber es wird ein harter Kampf werden.

Asterix, Obelix, Miraculix, wie immer auch Euer Klarname heißt, ihr habt noch eine Chance.

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Flugbranche „erschreckt“ sich vor der Bahn

Im Bemühen Flugpassagiere auf die Bahn zu ziehen, ist der Bahn ein unglaublicher Paukenschlag gelungen. Alle 280 ICE-Züge bekommen am ersten und letzten Wagen statt einem roten künftig einen grünen Streifen. Da staunt die „böse“ Flugbranche, bei ihrem Bemühen klimafreundlicher zu werden, wie einfach das bei der Bahn geht. Etwas grüne Farbe, „damit man beim Blick auf die Züge erkennt, was aktiver Klimaschutz bei der Bahn bedeutet“, so Bahnchef Richard Lutz.

Auf den Spuren des „grünen Bandes der Sympathie“

Warum es keinen durchgehenden grünen Streifen gibt, wurde nicht erläutert. Vielleicht war in den Köpfen von Bahn und deren Agentur noch zu stark das „grüne Band der Sympathie“ parat. Was aus diesem Unternehmen wurde, ist bekannt. Diesem Spott wollte man aus dem Weg gehen.

Andererseits ist der Teilstreifen auch Sinnbild, dass bei der Bahn nicht durchgehend 100 Prozent Ökostrom verwendet wird. Was durch die Oberleitungen fließt ist zu circa 40 Prozent immer noch der übliche Mix aus Kohle, Gas und Atomstrom. Diese Mischung tanken übrigens auch die so umweltfreundlichen Elektroautos. Immer wenn so ein E-Mobil leise an mir vorbeifährt, muss ich unwillkürlich denken, da wird gerade mit (Teil-)Strom aus Kohlekraftwerken gefahren.

Wie auch immer, zum Großereignis grüner (Teil-)Streifen, ist dann sogar der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Enak Ferlemann, herbeigeeilt um sich zusammen mit Bahnchef Lutz neben dem grünen Streifen fotografieren zu lassen. Dadurch wurde deutlich, was Bundesregierung und Bahn gleichermaßen beherrschen: Symbolpolitik.

Würde mich nicht wundern, wenn demnächst auch einige Automobilfirmen ihre SUVs mit grünem Streifen auf den Markt bringen würden.

Bahn auf Jahre für die Flugbranche keine Konkurrenz

Insofern dürfte sich der Schreck bei Lufthansa und Co. ziemlich schnell wieder gelegt haben. Bis die Bahn ernsthaft zum Konkurrenten wird, werden noch Jahre vergehen. Aber beim Thema Symbolpolitik wird sich Lufthansa Chef Carsten Spohr vielleicht doch ein wenig ärgern. Nicht für alle verständlich wurde vor einiger Zeit die Farbe Gelb im Logo der LH in Blau getauscht. Ich war sogar sehr ärgerlich („Ich will mein Lufthansa Gelb wieder haben“). Was wäre das für ein Öko-Knaller wenn die Lufthansa jetzt das Gelb gegen Grün austauschen würde.

Aber, um der Wahrheit die Ehre zu geben, so ganz unbedarft in Öko-Symbolpolitik ist Lufthansa letztlich doch nicht. Diese Überschrift hätte eigentlich auch ein grünes Band verdient gehabt: „Lufthansa bietet Kunden Öko-Kerosin als CO2-Kompensation an“. Und im Text dann: „Über eine neue Lufthansa-Plattform können Passagiere ihren Kerosin-Verbrauch eins zu eins durch synthetische Kraftstoffe ersetzen“. Wie bitte, habe ich da eine Entwicklung beim Kerosin verpasst?

Da haut Lufthansa Innovation Hub etwas stark auf die Pauke. Gut, dieser Name verpflichtet zu liefern, auch wenn nicht so viel dahinter ist. Über die Plattform „Compensaid“ hat der Passagier die Möglichkeit, die für seinen Flug benötigte (Teil-)Kerosinmenge aus CO2-neutralen synthetischen Kraftstoffen einzukaufen.

Gibt es diesen Treibstoff schon zu kaufen? Gute Nachricht, es gibt ihn schon. Schlechte Nachricht, er kann kaum mehr als in „homöopathischen“ Dosen geliefert werden. Man kompensiert also mit einem Treibstoff, den es kaum gibt.

Immerhin verfliegt Lufthansa dieses Kerosin das ich jetzt „kompensiert“ habe, später auf einem Flug „zusätzlich“. Laut LH-Pressemitteilung passiert das irgendwann (bis zu sechs Monaten). Noch verschwobelter kann man es wohl kaum ausdrücken.

Viel kann das nicht bringen. Für mich riecht das nach Verdummung, höflich ausgedrückt könnte man sagen, da ist viel Dialektik in der Meldung. Es ist letztlich egal ob irgendwann ein „ paar Tropfen“ dieses synthetischen Treibstoff beigemischt  werden oder ob in ferner Zukunft, Flugzeuge komplett damit betankt werden können, wenn es diesen Treibstoff mal in ausreichenden Mengen geben sollte. Was mein aktueller Flug an CO2 aber wirklich verballert hat, wird dadurch nicht ausgeglichen.

Menschen, die auf dieses Zukunftsgeschäft eingehen, denken bestimmt auch darüber nach, sich nach dem Tod einfrieren und später auftauen zu lassen.

 

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Der Spucktüten-Spar-Hammer

Das ist wieder so eine typische Eurowings-Ausrede. Man spart an einem lächerlichen Punkt, begründet das aber mit einer Mega-Ausrede, die „fast immer“ zieht: Umweltschutz.

Jetzt macht mal halblang.

Wie muss man sich eine Management-Sitzung bei Eurowings vorstellen? Da schlägt der Controller als Reaktion auf den Spohrschen-Ergebnisdruck die xte Sparmaßnahme vor: Abschaffung der Spucktüten in den Eurowings-Flugzeugen.

Erstaunlich, dass nicht alle vor Lachen zusammengebrochen sind ob dieses gigantischen Sparvolumens. Einwand eines Sitzungsteilnehmers: „Aber wenn doch mal jemand?“

Neue Entscheidung, schaffen wir nicht alle Tüten ab, für den Notfall genügt eine pro Sitzreihe. Sharing Economy ist das Schlagwort, drei teilen sich eine Tüte.

Die Erfahrung sagt, inkonsequente Entscheidungen sind immer die schlechtesten. Sie haben aber einen Vorteil, das unliebsame Thema ist vom Tisch.

Wie sag ich’s der Presse?

Fast. Dann meldet sich jemand aus der Unternehmenskommunikation: „Wie erkläre ich diese Sparmaßnahme draußen der Presse. Die schreibt doch gleich, jetzt spart Eurowings auch noch an den K…tüten.“

Da legt jemand einen Zeitungsartikel mit der Überschrift „Airlines müssen umweltbewusster werden“ auf den Tisch. Spätestens jetzt hat das Top-Management die Lösung: „Wir sparen nicht, wir werden nur umweltbewusster.“ Genau dafür hat man Topmanager. Sofort läuft die Presseabteilung zur Hochform auf: „Sehr gut, wir machen ’no sickness bags for future!'“

Jemand aus dem High-Potential-Programm, der ausnahmsweise mal als Gast an einer Managementsitzung teilnehmen durfte, schlug vor, die Spucktüte immer dem Mittelsitz zuzuordnen und diesen ab sofort mit einem kleinen Preisaufschlag anzubieten. Dieser Vorschlag, obwohl er der Denkweise eines Billigfliegers perfekt entsprach, wurde nicht weiterverfolgt, weil die Idee nicht aus dem Management kam.

Offensichtlich hatten bei diesem schicksalhaften Meeting Kabinen- und Marketingvertreter Urlaub oder waren zur Konzernabstimmung bei der „Hansa“.

An der Praxis vorbeigedacht

Wäre Marketing in der Sitzung gewesen, hätte es bestimmt gewusst: „Hier geht es immer nur um Kostensparen. Wenn wir die Tüten mit einem Werbeaufdruck versehen, bringt das mehr Geld in die Kasse, als wir Kosten durch diese fragwürdige Entscheidung sparen.“

Wäre die Kabine anwesend gewesen, hätte sie auf die praktischen Probleme aufmerksam gemacht. Es ist richtig, dass in den Tüten auch Kaugummis und anderer Müll entsorgt wird. Wo kommen die Kaugummis jetzt hin? Unter den Sitz?

Und eine Tüte pro Reihe, das wird konkret bedeuten, der erste, der in die Reihe kommt, krallt sich gleich die Tüte, egal ob sie seinem Sitz zugeordnet ist oder nicht. Da haben wir in der Kabine schon Streit zu schlichten, bevor wir überhaupt losfliegen. Weit an der Praxis vorbeigedacht.

Die Sitzung wurde daraufhin beendet, weil „Bild“ von der Sache erfahren hatte und dringend um sofortigen Rückruf bat. Das war dann der Test, ob die Ausrede mit der Umwelt vermittelbar war. War sie nicht. Headline „Bild“ online am 27. August 2019 um 21:49 Uhr: „Jetzt streicht Eurowings sogar die Kotztüten“.

Habe mir gleich einen Merkzettel für den nächsten Eurowings-Flug geschrieben: „Unbedingt Spucktüte mitnehmen.“ Habe keine mehr, um sie ins Auto zu legen.

 

 

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Overtourismus = nur quantitativ denkende Tourismusmanager gepaart mit Behördeninkompetenz

Von den angekündigten vierteiligen Bissigen Bemerkungen zur aktuellen Politik hier nun Teil 4, speziell zum Thema Overtourismus.

Vor vielen Jahren waren „die Pauschaltouristen“ die bösen Massentouristen, „die Individualtouristen“ dagegen die tollen, die echten Touristen. Pauschaltourist wollte keiner sein. Die Individualtouristen waren die Guten, von den Medien gehypt, von den Tourismuskritikern geliebt. Zu dieser Zeit gab es auch eine elitäre Spezies: Kreuzfahrttouristen. Das waren die ganz edlen Reisenden, die mit viel Geld überall gerne gesehen waren.

Die mir während meiner TUI-Zeit meist gestellte Frage war: „Haben Sie einen Geheimtipp mit nur wenigen Touristen?“ Und mancher Tourist hat seinen Urlaub in einem Massenziel entschuldigt mit, „ich kenne da einen Strand oder Kneipe ohne jeden Touristen, nur Locals.“ Wenngleich das in der Regel geschwindelt war.

Haben sich die Touristen so verändert? Jetzt plötzlich soll es dahin gehen, mit voller Absicht und ohne schlechtes Gewissen, wo alle hingehen? Aus „Place to see, before you die“ wird zumindest für die Städte-Party-Gäste, der Wunsch dort gewesen zu sein, bevor alle anderen dort waren.

Wie die Zeiten sich geändert haben. Overtourismus ist jetzt das Böse. Und nun die Überraschung. Wer sind denn diese bösen städtischen Infrastrukturfresser der Neuzeit? Es sind Individualtouristen und Kreuzfahrttouristen. Ich, der große Verteidiger der Pauschaltouristen, kann mir jedes Mal nur mühsam ein Grinsen verkneifen, wenn die Sprache darauf kommt.

Die gemeinsame Headline für diese Veränderungen lautet: „Zeitgeist“.

Haben früher die Erfahrungen der Touristen den Zeitgeist beeinflusst, ist es jetzt umgekehrt. Der Zeitgeist ist es, der das Verhalten der Touristen beeinflusst.

Dirk Schümer, Europakorrespondent von „Die Welt“ und „Vorzeige-Venezianer“ in jeder Talkshow, beklagt sich, er können morgens auf dem Markt nicht mehr in Ruhe seinen Fisch kaufen, weil immer irgendein Tourist sich mit seiner Kamera vordrängt. Typisches Problem von Overtourismus? Erleben Sanitäter und andere Rettungskräfte das nicht tagtäglich bei ihrem Einsatz, teils sogar unter Lebensgefahr? Selfies über alles. „Da muss man sich schon anstrengen“, wenn das eigene Selfie viral gehen soll.

Zeitgeist „Sharing Economy“ als Nährboden für Airbnb

Die eigene Wohnung oder Teile davon zeitweise an Touristen vermieten, mag noch positiv klingen und scheint win-win für Vermieter und Tourist zu sein. Wenn aber die „eigene Wohnung“ ganzjährig angeboten wird oder plötzlich ganze Wohnhäuser bei Airbnb erscheinen, hat das mit Sharing Economy nichts mehr zu tun. Hier geht es um skrupellose Geschäftemacher, getarnt unter der Überschrift „Live like a local“. Aber nur weil ich in einer Stadt irgendwo local übernachte, habe ich nicht das Lebensgefühl der ganzen Stadt eingeatmet. Und wenn den Behörden der Zustand in diesen Wohnhäusern egal ist, aber gleichzeitig ein zweiter Notausgang für Hotelküchen gefordert wird, dann kann leicht gelästert werden wie vergleichsweise teuer Hotelbetten sind.

Die touristischen Hotspots der Welt sind nun mal begrenzt, das ist die gute und schlechte Nachricht gleichermaßen. Es kann im Übrigen auch anders gehen. Steuerung ist das Schlagwort, aber nicht primär über Geld, sondern quantitativ. Steuerung ist kein Griff in die sozialistische Mottenkiste, sondern notwendige Gegenwehr der Tourismusverantwortlichen.

Kreuzfahrtschiffe fallen nicht vom Himmel in die Häfen, sondern legen dort mit behördlicher Genehmigung an. Diese Genehmigungen kann man begrenzen. Venedig denkt jetzt darüber nach, aber erst nachdem ein Riesenschiff fast auf dem Markusplatz parkte. Dubrovnik steuert jetzt auch, aber nicht mit dem richtigen Ansatz. Nicht die Anzahl der Schiffe muss begrenzt werden, sondern die Anzahl der Schiffspassagiere.

Verkehrslenkung und Besuchersteuerung, gehören zum Instrumentarium der Verantwortlichen von heute. Aber nicht nur Monate im voraus Kontingente festlegen, sondern steuern gepaart mit aktuellen Informationen, die über eine App in real-time bereitgestellt werden können. Wenn das Gedränge auf dem Markusplatz zu beängstigend wird, kann eine alternative Zeitangabe als Hinweis, wann ein besserer Zeitpunkt ist, helfen.

Immer mehr Städte begrenzen die Höchstdauer für Airbnb-Vermietungen oder verlangen Einsicht in die Daten der Vermieter. Missbrauch durch skrupellose Vermieter, die ganze Wohnhäuser anbieten, muss konsequent verfolgt werden. Nicht nur auf dem Papier, sondern notfalls auch unter genügend Einsatz von entsprechender Manpower durch die Behörden. Das größte Problem des Tourismus ist sein Erfolg und leider auch der Missbrauch des Erfolges.

Auch die Anzahl Flughafenslots kann gesteuert werden. Der Erfolg der Billigflieger basierte u.a. auf nicht immer rechtmäßiger Anlockung durch „Marketingunterstützung“ einiger Flughäfen. Amsterdam wäre in seinem Jammern über Overtourismus glaubwürdiger, wenn nicht sdie Anzahl der Flugbewegungen am Flughafen Schipol gleichzeitig von jährlich 500.000 auf 540.000 erhöht worden wäre.

Was nicht funktionieren wird ist die Abschiebung der Touristen in Vororte. Gut gemeint, wird aber nicht machbar. Der Tourist, der das erste Mal in Berlin ist, will das Brandenburger Tor sehen u.ä. und wird sich nicht alternativ mit Prenzlauer Berg zufrieden geben. Wer erstmals in Paris ist, will den Eiffelturm sehen (Selfie!) und in London den Buckingham Palace usw. In die Vororte bringe ich die Touristen nicht mit „da ist es auch schön“, sondern nur, wenn dort neue außergewöhnliche Attraktionen angeboten werden.

Overtourismus darf nicht zum Schimpfwort für den ganzen Tourismus werden. Es betrifft nur einen sehr kleinen Teil und der Mainstream wird ohnehin bald wieder ein neues Thema haben. Aber ungeachtet dessen müssen Tourismusmanager kreativer und Behörden konsequenter werden.

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Demoscham statt Flugscham

Von den angekündigten vierteiligen Bissigen Bemerkungen zur aktuellen Politik hier nun, speziell zum Thema „Fridays for future“,

Teil 3.

Diesen hier etwas aktualisierten Beitrag findet man auch in der interessanten aktuellen Jubiläumsausgabe von touristik aktuell.

Fridays for future, CO2-Steuer, Overtourism, jedes dieser aktuellen Themen ist eine Auseinandersetzung wert. Besonders bei Fridays for Future klaffen Anspruch, medialer Hype und Wirklichkeit besonders auseinander.

Den Klimawandel heute noch zu leugnen ist dumm oder ignorant. Aber Fridays for Future trägt nicht wesentlich zur Lösung bei. Was mich daran besonders stört: Fridays for Future agiert eindimensional und hat sich mit der feindseligen Einstellung zum Flugverkehr einen sehr kleinen Hebel zur Rettung des Klimas ausgesucht, spätestens hier ist auch der Tourismus betroffen.

Eindimensionaler Ansatz

Fridays for future hat als Ziel die Einhaltung (inhaltlich und zeitlich) der Klimaziele. Dass dies ganz oben auf der Agenda steht, ist ok. Falsch ist, dass alle anderen Themen explizit als unwichtig bis unnötig betrachtet werden. Der Politikwissenschaftler Straßner sieht bei Fridays for future in der kompromisslosen Haltung eine Vorstufe extremistischen Denkens. Man müsse aber Streitgespräch als Lebenselixier der offenen Gesellschaft pflegen, statt anderslautende Meinungen diskussionsunwillig unter Generalanklage stellen.

Genauso wird der Flugverkehr mit weniger als 3%-Anteil am weltweiten CO2-Ausstoß als „Feind“ und nicht als ein Teilthema gesehen. Sich den Flug als Hauptthema aussuchen, weil es am einfachsten ist? Das macht Fridays for Future unglaubwürdig.

Wir können die Lösung anderer Zukunftsproblemen nicht einstellen. Genauso wie wir weiter nach intelligenten Lösungen statt Verbote suchen müssen. Zukunft und Fortschritt sind sehr selten aus dem Mainstream entstanden, sonst würde es auf vielen Gebieten keine Start-ups geben.

Und wenn die Regierung in hektischer Reaktion auf Fridays für future weitere völlig undifferenzierte Belastungen für die Bevölkerung „draufsattelt“, statt eine große Umstellung des Steuersystems mit echter Steuerungsfunktion auf den Weg zu bringen, dann wird das „politische Klima“ schnell umschlagen.

Nach der Demo im Flughafen Stuttgart „Attacke, Attacke – fliegen ist kacke“ sehe ich Fridays for future nicht mehr als seriös an. Spätestens jetzt denke ich, wird es Zeit für den Begriff „Demoscham“.

Direkt entsetzt war ich, aktuell Bilder zu sehen, wie sich Greta Thunberg von Vermummten geführt, den Hambacher Forst anschaut. Das geht gar nicht. Bei der hohen Hintergrundprofessionalität von Fridays for Future sind solche Bilder nicht unabsichtlich. Sehen wir demnächst freitags auch den Schwarzen Block bei den Demonstrationen? Demoscham.

Der echte globale Ansatz fehlt

Dass es die Fridays for Future in vielen Ländern gibt ist noch kein echter globaler Ansatz. Unter einem globalen Ansatz würde ich verstehen, dass man neben den kleineren Hebeln für die Erreichung der Klimaziele (3% Anteil CO2 Ausstoß der Fliegerei) besonders nach den ganz großen Hebeln greift.

Der Weltklimarat (IPCC) hat in seinem 2019-Bericht u.a. auf die Brandrodung im brasilianischen Regenwald hingewiesen. 11% des Co2-Ausstoßes sind darauf zurückzuführen. Vor allem für riesigen Soja- und Palmölplantagen wird der Regenwald abgeholzt. Bundesentwicklungsminister Müller war jetzt gerade in Brasilien. Er musste eine Viertelstunde auf ein Gespräch mit dem brasilianischen Umweltminister warten und gestand dann ein, dass er außer „interessantes Gespräch“ nichts erreichen konnte. Jetzt ist es sicherlich schwer, den brasilianischen Präsidenten und Mini-Trump Bolsonaro von diesem Problem zu überzeugen. Aber es kann nicht sein, dass wir dem auf diesen gerodeten Flächen gepflanzte und geerntete Soja durch ein neues Abkommen der EU mit den Mercosur-Staaten bessere Handelschancen in Europa bieten. Kompensationsgeschäfte des Flug-Ablasshandels wirken lächerlich, wenn täglich ein Vielfaches davon in Brasilien abgeholzt wird. Wenn man es wirklich ernst mit der Demo meint und sich nicht nur den plakativen Flug heraussuchen will, müsste dieses offensichtliche Thema mit einer ungleich höheren Hebelwirkung ganz vorne auf der Agenda von Fridays for future in Deutschland und Europa stehen. Und das ist nur ein Beispiel.

Bei globalem Ansatz, denke ich in etwa ähnliches wie die KSZE-Konferenz und deren Schlussakte in 1975. Im kältesten kalten Krieg hatten sich 35 höchste Repräsentanten aus 35 Nationen getroffen und unterzeichneten ein Schlussdokument mit der Absicht, konkrete (auf „konkret“ lag der Fokus) Maßnahmen für Menschenrechte, Wirtschaft, Wissenschaft, Umwelt umzusetzen. Das war keine Show-Veranstaltung wie G20, sondern echtes Wollen (und Können) um die Welt besser zu machen. Dafür könnte Fridays for Future weltweit kämpfen. Sonst ist alles andere nur ungenügendes Stückwerk.

Schlussbemerkung

Den Schuh „Klimafeind“ sollten wir uns als Touristikbranche nicht anziehen. Die emotionale Sprache der Fridays for Future kann man nicht nur mit den vorzeigbaren Fakten der Touristik bekämpfen, Emotionen kann man nur mit Emotionen besiegen. Die Branche darf und muss sich wesentlich offensiver und aggressiver in die gesellschaftliche Debatte einbringen und für das begeistern wofür Touristik und Fliegerei steht: Menschen zusammenbringen.

In ca. 10 Tagen erscheint der vierte Teil über Overtourismus.

 

 

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Luftverkehr als Staatsfeind Nummer 1

Von den angekündigten vierteiligen Bissigen Bemerkungen zur aktuellen Politik hier nun, speziell zum Thema Luftverkehr, Teil 2 (erschien am 1.8. auch als Born-Ansage bei airliners).

BBB Teil 2

In den Bissigen Bemerkungen vom 23. Mai hatte ich noch gewarnt: Die Flugbranche muss sich lauter zu Wort melden. Zu offensichtlich war der völlig undifferenzierte Verteufelungswahn von Flugreisen durch polemische Klimaaktivisten geworden. Damit war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Politik ähnlich undifferenziert auf diesen Zug aufspringen würde, um sich wählermäßig zu positionieren.

Seit kurzem ist bei mir auch der letzte Respekt vor „Fridays for Future“ in Frage gestellt worden. Wer am Flughafen Stuttgart protestiert mit „Attacke, Attacke – Fliegen ist kacke“, hat jegliche Seriosität verloren. Hier geht es nur noch um dagegen sein. Demoscham statt Flugscham.

Um es deutlich vorweg zu sagen, den Klimawandel heute noch zu leugnen ist dumm oder ignorant. Genauso wenig kann auch bestritten werden, dass die Fliegerei mit ca. drei Prozent am CO2-Ausstoß beteiligt ist. Weltweit wohlgemerkt. Wir reden also von einem Klima-Teilproblem und nicht vom Teufel persönlich. Aber der „grüne Teil“ dieser Republik hat sich darauf eingeschossen, dass es schon beim Fliegen um Alles oder Nichts geht. Die Emotionen sind im Höhenflug, deshalb kann nur schwer mit Fakten dagegen angekämpft werden. Dabei sind die erhobenen Forderungen zum großen Teil weltfremd und der Bürger bekommt Sand in die Augen gestreut, dass es jedem Sandmännchen zur Ehre gereichen wird.

Jetzt will das sogenannte Klimakabinett der Bundesregierung die CO2-Bepreisung beschließen. Die hyperaktive, zumindest quantitativ, Umweltministerin Schulze meldete sich streberhaft noch vor der Sitzung auf Twitter („Mini-Trump“?) „es kann nicht sein, dass auf bestimmten Strecken Fliegen weniger kostet als Bahnfahren“. Es brauche mehr Klimaschutz-Anreize beim Fliegen. Ein europaweites Vorgehen sei der beste Weg, aber darauf könne Deutschland nicht warten. „Ich bin deshalb dafür, dass wir die Luftverkehrsabgabe in einem ersten Schritt erhöhen.“

Frankreich führt ab dem kommenden Jahr eine Ökosteuer auf Flugtickets ein. Die Abgabe soll zwischen 1,50 Euro und 18 Euro pro Ticket betragen. Sofort Medienbegeisterung bei uns: „Eine Idee auch für Deutschland?“ Herzlich gerne, wenn dafür die Luftverkehrsabgabe entfällt. Sie bringt in 2019 mehr als eine Milliarde Euro in den Staatshaushalt ein, allerdings nicht zweckgebunden, sondern verschwindet im Topf. Steuerung? Denkste.

Deutschland hat mit die höchste Abgabenlast weltweit. Noch eine neue Steuer obendrauf ist nicht zu akzeptieren. Da hat Bundeswirtschaftsminister Altmaier recht, dass es unterm Strich nicht zu weiteren Belastungen kommen darf. Das könne man nur vermeiden, indem man „die Umlage für erneuerbare Energien senkt oder die Stromsteuer oder beides“. Wenn man in diesen Topf noch die Mineralölsteuer wirft und die Luftverkehrsabgabe und dann aus dem Gesamtpaket eine Steuer festsetzt, die den Namen CO2-Steuer trägt und dem Begriff Steuer im Sinne von „steuern“ gerecht wird, wäre das eine tolle Lösung. Aber im Ernst, wer traut diesen großen Wurf der nur noch verwaltenden Regierung zu?

 

Innerdeutsche Flüge verteuern oder ganz verbieten, auf die Bahn wechseln

Der innerdeutsche Flug zwischen Köln und Berlin ist wohl die Paradestrecke, wo es zu einem relativ kurzen Flug auch eine relativ einfache alternative Bahn oder Straße gibt. Aber ausgerechnet hier sind Minister, Staatsekretäre, Beamte und Angestellte von Januar bis Juli 1.740 mal hin und hergeflogen. Und noch schlimmer, das Ganze mit steigender Tendenz zum Vorjahr. Alle Ministerien zusammengerechnet, sofern sie bereit waren Zahlen zu nennen, haben in 2018 knapp 230.000 dienstliche Inlandsflüge. Alle Begründungen, warum sich die „Staatsdiener“ so verhalten, sind identisch mit denen des „gemeinen“ Volkes. Aber: „Quod licet lovi, non licet bovi“, was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.

Engpass und damit echter Klimaschädling: Europäische Flugsicherung

Seit Jahren wird es beklagt, dass der Flickenteppich Flugsicherung in Europa zu Mehrbelastungen in sehr beträchtlicher Höhe führt. Dazu kommt ein steter Personalmangel, der auch auf absehbare Zeit nicht behoben werden wird. Schon 2009 habe ich von Bundeskanzlerin Merkel bei einer Feierstunde den Begriff „Single European Sky“ gehört und dass sich ihre Regierung darum kümmern werde. Zehn Jahre sind verloren, dabei sind Europäische Lösungen überlebenswichtig. Da fehlt bei „Fridays for Future“ der multinationale Ansatz. Aber wer will schon so ins Detail gehen, wenn er öffentliche Beachtung auch für weniger bekommen kann.

Verstaatlichung von Fluggesellschaften

Das ist natürlich der heißeste Vorschlag. Was soll sich dadurch zum Besseren ändern? Ryanair soll auch einbezogen werden, mit dem Verbot, Sonderpreise anzubieten. Wenn Sie mit dem Lachen fertig sind, dann lesen Sie die nächsten Sätze. Mein Vorschlag für die Besetzung zum Beispiel des Lufthansa-Aufsichtsrates wäre, den Aufsichtsrat des BER hier einzusetzen. Der hat seine wirtschaftliche Kompetenz in den letzten Jahren eindrucksvoll unter Beweis gestellt und wer versteht mehr von Null-Emissionen als dieses Fachgremium.

 

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BBBs for future

Ich bin Airliner und Touristiker aus Leidenschaft. Zukunftsideen und Weltoffenheit faszinieren mich seit jeher. Beides ist für mich verbunden mit Reisen. Gerade bin ich wieder auf Hannah Arendt aufmerksam geworden worden: „Denken ohne Geländer“. Genauso entstehen besondere Zukunftslösungen. Zukunftsideen und Fortschritt sind sehr selten aus dem „medialen Mainstream“ entstanden. Normalerweise bemühe ich mich, mit meinen Bissigen Bemerkungen nicht zu politisch zu werden. Es ist schließlich ein Tourismusblog und das seit 18 Jahren, dieses hier ist die 799. Ausgabe der BBB.

Aber irgendwann ist auch bei mir „Schluss mit Lustig“. Seit langem kann man erkennen, wie unterproportional die Bedeutung von Tourismus und Flugverkehr auf der politischen Agenda ist. Und die Betroffenen haben das zu lange einfach so hingenommen. Wenn ich sehe, wie die Politik beim Klimaschutz, erst viel zu wenig tut und dann alles überstürzt, ist das für mich das Gegenteil einer langfristig angelegten Politik.

In einer vierteiligen Serie werde ich mich jetzt in den BBBs den aktuellen Themen widmen und bissig sein und das ausnahmsweise mal nicht in Richtung Branche, sondern für diese Branche und für Zukunftslösungen, die diesen Namen verdienen. Als Ergänzung zu dieser Bissigen Bemerkung erscheint in wenigen Tagen eine BBB speziell zum Thema Flug und Umwelt. In ca. 10 Tagen sollen weitere Bissige Bemerkungen zu Fridays for future folgen. Und noch kurze Zeit später Bissige Bemerkungen zu Overtourism.

Teil 1:

Immer stärker wird der völlig undifferenzierte Verteufelungswahn von Flugreisen durch polemische Klimaaktivisten. Den Klimawandel heute noch zu leugnen ist dumm oder ignorant. Aber bei Fridays for Future klaffen Anspruch, medialer Hype und Wirklichkeit besonders auseinander. Die Einhaltung der Klimaziele wird als einziges Ziel gesehen, alle anderen Zukunftsthemen werden explizit als unwichtig bis unnötig bezeichnet. Aber wir können die Lösung anderer Zukunftsproblemen nicht aufschieben oder gar einstellen.

Der Politikwissenschaftler Alexander Straßner sieht bei Fridays for future in der kompromisslosen Haltung eine Vorstufe extremistischen Denkens. Man müsse aber Streitgespräch als Lebenselixier der offenen Gesellschaft pflegen, statt anderslautende Meinungen diskussionsunwillig unter Generalverdacht zu stellen. Schon bei unserer Kanzlerin hat mich immer geärgert, wenn ihre Beschlüsse“alternativlos“ waren. Jetzt dachte ich das ist bald vorbei, plötzlich will man auch an anderer Stelle wissen, was alternativlos ist. Sorry, nichts ist alternativlos. Es gibt immer eine Alternative. Frage ist nur, ob sie besser oder schlechter ist.

Unsere Regierung will jetzt „wir haben verstanden“ zeigen. Die CO2-Bepreisung steht an. Im Prinzip der langfristig richtige Weg. Aber wie es aussieht, soll eine zusätzliche Steuer draufgesattelt werden. Das kann nicht sein, wir haben ohnehin mit die höchste Abgabenlast der Welt. Denn was jetzt kommt wird für immer bleiben, das lehrt nicht zuletzt Erfahrungen aus der uralten Sektsteuer und neuerdings dem Soli.

Da wird ein bisschen CO2-Steuer hingeworfen und alles ist wieder gut. Ist es leider nicht. Unsere Umweltministerin twittert, dass die CO2 eigentlich europaweit eingeführt werden müsste, aber solange könne Deutschland nicht warten. Wir fangen schon mal an. Den Glauben hören wir auch von Klimaaktivisten: was Deutschland vormacht, können andere kopieren. Pustekuchen, nichts gelernt aus der Energiewende? Da wurde genauso argumentiert, aber unsere Nachbarn bleiben unverändert bei ihren Atomkraftwerken und Polen z.B. hat nicht die Absicht den Braunkohleabbau einzustellen. Aber alle freuen sich, wenn sie uns in Engpasszeiten Strom zu ordentlichen Preisen zuliefern können.

Dann gibt es noch die vielgepriesenen Kompensationsangebote, um das evtl. schlechte Gewissen nach Flügen zu beruhigen. Dieser Ablasshandel bringt nur den atmosfair, myclimate und anderen Geld in die Kasse. Global gesehen ist der Effekt z.B. angesichts der Brandrodungen des Regenwaldes lächerlich. An die ganz großen Stellschrauben für die Erreichung der Klimaziele gehen die Aktivisten nicht ran.

Spätestens nach der Demo am Stuttgarter Flughafen „Attacke, Attacke – Fliegen ist kacke“, sehe ich „Fridays for Future nicht mehr als seriös an. Hier geht es nur darum, gegen etwas zu sein.

Wir können nur unter Einsatz aller hellen Köpfe die Ziele 2050 erreichen. Dafür muss aber auch an den ganz großen Stellschrauben bei der Industrie und absolut global gearbeitet werden. Es muss eine Bewusstseinsänderung auf allen Ebenen erfolgen, nur dann kann es funktionieren. Das ist verdammt schwer. Aber machbar.

 

 

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Vertrauen

Lufthansa stand beim letzten Investorengespräch besonders unter Druck. Zwar sind nicht alle Kennzahlen schlecht, aber eine wiederholte Gewinnwarnung sagt dem Markt auch, dass vieles noch weit entfernt von einer befriedigen Lösung steht.

Dabei hat die Luftfahrt zunehmend ein Problem mit einer Währung, die in keiner Bilanz steht: Vertrauen. Bei Branchenproblemen steht der Marktführer, in diesem Fall Lufthansa, immer besonders im Fokus beziehungsweise man erwartet von ihm besonders, dass er sich dagegenstemmt. Dumm nur, wenn hausgemachte Probleme das Geschäft zusätzlich erschweren.

Es ist leider ein bisschen viel, was das generelle Vertrauen in die Fliegerei belastet. Nach den Abstürzen der zwei 737-Max-Flugzeuge, wird jetzt nicht nur über (ohnehin schlimme) Softwareprobleme gesprochen, es scheint vielmehr, dass die Messlatte, wann ist ein neues Flugzeug „fertig“ und kann dem Markt zur Verfügung gestellt werden, nach unten versetzt wurde.

Dazu noch ein bisschen mehr Arbeitsverlagerung an Subunternehmen, eventuell sogar etwas Mauschelei hier und dort. Im Ergebnis bedeutet das stärkeren Druck als bisher gewohnt auf alle Beteiligten im Unternehmen, die dann irgendwann glauben, sich dem nicht mehr entziehen zu können. So ähnlich wird sich wohl der Dieselskandal entwickelt haben, aber bei Boeing dachten wir, dass die Luftfahrt-DNA solche Denkweisen generell ausschließt.

Vertrauensbeweis oder Marketing?

Sind die zuletzt abgegebenen Vertrauensbeweise gegenüber Boeing im Allgemeinen und 737 Max im Besonderen (siehe O`Leary, aber auch Spohr) nur clevere Marketingaussagen, um den künftigen Kaufpreis zu drücken oder notwendige Bekundungen, um dem Markt Vertrauen zu signalisieren? Für Letzteres ist es noch zu früh, solange nicht ausgeschlossen ist, dass Boeing noch die eine oder andere Unzuverlässigkeit eingestehen muss.

Und das alles vor dem Hintergrund einer in dieser Härte noch nie dagewesenen Debatte, wie stark die Luftfahrt das Klima belastet, Stichwort „Flugscham“. Selten ist in irgendeiner Branche das Image von Traum in Albtraum so schnell gekippt wie hier. Und auch hier geht es wieder um Vertrauen und darum wie glaubhaft die Bemühungen der Branche zum Besseren sind.

Lufthansa hat jetzt acht klimapolitische Kernbotschaften auf ihrer Homepage veröffentlicht. Es wird gemunkelt, dass Lufthansa auf die Frage, warum nur auf der Homepage veröffentlicht wird und nicht prominenter in den Medien, geantwortet hat: „wen es interessiert, weiß auch wo, man es finden kann“. Da bin ich allerdings zwingend der Meinung, dass man um hier Vertrauen zu gewinnen, extrem offensiv vorgehen muss und nicht abwarten kann, bis man „gefunden wird“.

Eurowings-Chef mit sehr eigener Wahrnehmung

Um Vertrauen kämpfen muss Lufthansa auch für ihre Tochter Eurowings. Der an dieser Stelle schon letztes Jahr kritisierte bedingungslose Wachstumskurs, auch zu Lasten der Kundenzufriedenheit (Motto: „Augen zu und durch“), rächt sich jetzt in katastrophalen Ergebniszahlen.

Lufthansa musste jetzt auf „Schubumkehr“ schalten und kassierte die Expansionspläne der Eurowings wieder ein. Natürlich soll auch auf die Kostenbremse getreten werden. Wie schon bei früherer Gelegenheit hat auch hier der Eurowings-Chef ihm eigene Umschreibungen parat. Zur gestrichenen Gratis-Verpflegung meint er: „Die Zukaufangebote machen Kunden zufriedener“. Hoffentlich wissen das auch die Kunden, dass sie jetzt zufriedener sind.

Merke: Je chaotischer das wirtschaftliche und politische Umfeld, desto wichtiger wird Vertrauen. Ein Marktführer wie Lufthansa ist hier besonders gefordert. Vertrauen schaffen und erhalten bekommt man nicht durch gelegentliche Marketingaussagen, man muss es täglich beweisen, das kann im Einzelfall auch Kosten verursachen. So wird Vertrauen zur Überlebenswährung, auch wenn es nicht in der klassischen Bilanz steht.

Viele Unternehmen legen heute zusätzlich ihre eigene Umweltbilanz vor. Wie wäre es mit einer Vertrauensbilanz?

 

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Das Fern-Weh

„Das Fern-Weh“
Neue Osnabrücker Zeitung, 3.7.2019

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