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Der traurige zweite Tod des Germania-Gründers

Es ist so einfach, immer die Vergangenheit zu preisen – gar rückblickend vieles zu verklären. Doch die Insolvenz der Germania zeigt, wie genial Gründer Hinrich Bischoff war. Jede Diskussion zur jüngsten Airline-Pleite endet zwangsläufig bei ihm, der mit der kleinsten deutschen Airline immer wieder aufs Neue die gesamte Luftfahrtwelt aufwirbelte. Dabei war das Handeln für seine Fluggesellschaft immer davon geprägt, ihr trotz aller Schwierigkeiten das Überleben zu garantieren.

Daher bin ich überzeugt: Unter der Führung von Hinrich Bischoff wäre Germania auch angesichts der heutigen schwierigen Gegebenheiten nie pleite gegangen. Er hat immer früher als andere gesehen, wo sich neue Möglichkeiten auftaten – oder er hat selbst gezielt die nötigen Wege geschaffen.

Er perfektionierte das Modell Wet-Lease

Er erkannte wie kein zweiter die Hebel des Geschäfts. Bewundernswert ist seine Kreativität, wenn es darum ging für die Zukunft sowohl für seine erste Firma SAT mit drei Flugzeugen („Mein kleines SAT.chen“) wie auch für Germania (in der Spitze bis zu 40 Flugzeuge, Reisebüros, Reiseveranstalter, Hotels und mehr) zu kämpfen.

Selbst ernannte Experten meinten schon immer, man könne in der Airline-Branche nur im Leasing-Geschäft mit den Flugzeugen Geld verdienen. Bischoff hat dies perfektioniert; 2005, kurz vor seinem Tod, gab es eine Zeit, da flog kein einziges Flugzeug mehr unter Germania-Code.

Sein wahrscheinlich größter Erfolgsfaktor war aber wohl sein phänomenales Gedächtnis – die reinste Datenbank. Und die Qualität lag nicht nur im Abspeichern von Zahlen und Fakten, sondern vor allem im richtigen Verknüpfen dieser Informationen miteinander – und zwar genau dann, wenn es darauf ankam.

Wer außer ihm konnte schon auf einem kleinen Zettel spontan Ergebniszahlen pro Flug/pro Flugzeug aufschreiben? Nicht überschlägig, sondern präzise und das ohne jedes Hilfsmittel. Er war Generalist und Spezialist gleichermaßen. Deswegen waren Verhandlungen mit ihm so ungemein schwierig.

Der Mensch Hinrich Bischoff

Hinrich Bischoff war nicht nur ein exzellenter Unternehmer, sondern gleichermaßen Kunstliebhaber und auch Kunstexperte. Legendär sind Geschichten wie jene, als er als einziger Experte das echte Bild eines flämischen Meisters erkannte und daraus einen exorbitanten finanziellen Gewinn erzielen konnte.

Mich hat er mal im Auto mitgenommen und beim Einsteigen darauf aufmerksam gemacht, nicht auf die am Boden liegende Einkaufstüte zu treten, weil sich darin ein zehn Millonen Mark teures Gemälde befand.

Ein anderes Luxuslaster von ihm war es, Skat zu spielen – stundenlang, nächtelang. Auch morgens um fünf wusste er noch genau, welche Karten bereits gespielt und welche sich im Spiel befinden müssten. Nachteil: Er wollte immer solange spielen, bis er gewonnen hatte. Als der Wirt einer Berliner Kneipe ihn im Morgengrauen rauswerfen wollte, kaufte er ihm die Kneipe ab.

Besucher-Ausweis 007

Legendär war sein Besucher-Ausweis bei Tui. Er, der wirklich keinen gebraucht hätte, weil ihn jeder kannte, trug den Ausweis wie ein Abzeichen. Natürlich mit der Nummer 007 – speziell reserviert für ihn -, dieser Ausweis wurde nie für irgendjemand sonst ausgegeben. Ausgehandelt hatte er diesen Deal „direkt“ mit dem Pförtner der Tui.

Im November 2005 starb Bischoff nach kurzer schwerer Krankheit. Noch auf dem Sterbebett lag ihm die Zukunft „seiner“ Germania am Herzen. Völlig überraschend für die gesamte Branche übertrug er in einer Blitzaktion einen Teil der Germania, insbesondere die Fokker-Flotte, an seinen Konkurrenten Achim Hunold. Eine der unglaublichsten Geschichten, die es in unserer Welt bisher gab. Bischoff wusste halt stets, alle zu überraschen.

Bertolt Brecht hat einmal geschrieben: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“  Bei der Nachricht vom Ende „seiner“ Germania hatte ich das Gefühl als wäre Hinrich Bischoff ein zweites Mal gestorben. Aber er bleibt unvergessen.

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Täuschen und Tricksen

Als das Fluggastrechteportal „Fairplane“ vollkommen „selbstlos“ quasi über Nacht beim Berliner Landgericht erwirkte, dass das eigentlich schon abgeschlossene (und Vueling zugeteilte) Niki-Insolvenzverfahren, jetzt nach Österreich verlegt und neu ausgeschrieben werden müsse, herrschte großes Unverständnis.

Aber als dann im Januar 2018 in einem beispiellosen Übernahme Coup Niki Lauda, im Unterschied zur ersten Entscheidung, den Zuschlag bekam, feierte man in der Alpenrepublik die gefundene „nationale österreichische“ Lösung. Wie schön das klingt, wenn man fest daran glaubt, dass der Schein mit dem Inhalt identisch sei.

Der „lange gemeinsame Weg“ war recht kurz

Es dauerte gerade mal zwei Monate, dann ließ Lauda die Maske fallen und der Gewinner war (Überraschung?) O’Leary. „Ryanair steigt bei Lauda Motion ein und hat ein Vorkaufsrecht auf mehr“ – da schäumten Markteilnehmer und -beobachter gleichermaßen. Vieles, was in den zwei Monaten zuvor von Lauda und seinem Management versprochen wurde, war nur noch Makulatur. Ebenso ist es nun um den „langen gemeinsamen Weg“ geschehen.

Jetzt wurde bekanntgegeben, dass Ryanair schon im Dezember 2018 Lauda Motion komplett übernommen hat. Das kann dann auch nicht mehr darüber hinwegtäuschen, was in der Realität ohnehin zu sehen ist: Ryanair hat das Sagen.

Damit landet das angeblich „letzte Filetstück“ von Air Berlin ausgerechnet im Rachen der Iren. Eine Riesenenttäuschung – auch für die Mitarbeiter.

Karsten Mühlenfeld plädiert für Offenhaltung von Tegel

Noch so eine seltsam anmutende Story: Der ehemalige BER-Chef und Ex-Verwalter von Deutschlands längster Dauerbaustelle, Karsten Mühlenfeld, hat sich nun für die Offenhaltung von Tegel ausgesprochen. Hat er uns nicht jahrelang erzählt, warum das aus rechtlichen Gründen überhaupt nicht geht? Jeder der anderer Meinung war, hat von ihm auch gleich eine abbekommen.

Die Lösung ist ganz einfach. Mühlenfeld ist seit August letzten Jahres in Diensten von … Na, raten Sie mal? Genau: in Diensten von Ryanair. Und Ryanair fordert schon viel länger den Weiterbetrieb von Tegel. Zufälle gibt es.

Entscheidung über BER-Fertigstellung erst nach der Brandenburg-Wahl

Jetzt wollen wir doch mal unter der Überschrift „Täuschen und Tricksen“ einen Blick in die Zukunft werfen: „Wird er oder wird er nicht“, als Steigerung von Shakespeares „Sein oder nicht sein – das ist hier die Frage“. Noch bevor man dem aktuellen BER Chef Lütke Daldrup eine Frage stellt, antwortet er schon, wie sicher der Eröffnungstermin im Oktober 2020 sei.

Als ich im November 2017 in den Bissigen Bemerkungen schrieb, „freuen Sie sich auf den 19. August 2020, 3000 Tage Nichteröffnung BER (seit 2012)“, ließ ich schon durchblicken, dass dies nicht das letzte Jubiläum sein könnte.

Jetzt war Lütke Daltrup gefordert, vor dem Landtag in Brandenburg, sein Wissen preis zu geben. Der Satz, der mich aufhorchen ließ, lautete: „Die Abnahme des BER-Hauptterminals wird erst nach der Wahl des Landtags Brandenburg stattfinden. Die Wahl ist für den 1. September 2019 angesetzt.“

Er hätte auch sagen können: „Liebe Abgeordnete, ich werde Euch im Wahlkampf nicht mit schlechten Nachrichten zum BER stören.“ Wie nett von ihm.

Spätestens jetzt ist mir endgültig klar: BER Eröffnung 2020 wird die Luftnummer des Jahres. Aber wie die anderen Beispiele zeigen, gehören Luftnummern ja zur DNA der Branche.

 

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Hinter dem Mond zu Hause

3.000 Passagiere verpassten am Wochenende vor Weihnachten ihren Flug in Frankfurt. Obwohl sie unbestritten frühzeitig zum Frankfurter Flughafen angereist waren, erreichten sie ihre Flüge nicht rechtzeitig. An den Sicherheitskontrollen hätten Fluggäste bis zu 90 Minuten anstehen müssen.

Erstaunlich wie nonchalant sich die Verantwortlichen immer dazu äußern. 3.000 Passagiere haben ihren Fug verpasst, „so what“? 3.000 Passagiere sind nicht irgendeine Kennzahl, das sind 3.000 Einzelschicksale, deren Urlaub schon bei Beginn „verhauen“ war, die ihre Weihnachtsplanung ändern mussten, Anschlussflüge verpasst haben und vor allem zum Jahresende wieder irgendwo genervt anstehen mussten, um zu erfahren wie es weiter zum Ziel gehen soll.

Dem Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Klaus-Dieter Scheurle wurde in einem Interview die Frage gestellt, „wann und wie werden die Sicherheitskontrollen an den Airports schneller?“. Hier seine „gehaltvolle“ Antwort: „Aus gemeinsamen Pilotprojekten des BDL mit Innenministerium und Bundespolizei, aber auch aus der Praxis im Ausland wissen wir, dass es erhebliche Verbesserungspotenziale bei den Sicherheitskontrollen gibt. Die Koalition im Bund hat sich vorgenommen, die Organisation der Kontrollen zu verbessern“. Und zum Schluss als Zuckerle noch: „Das begrüßen wir sehr. Unsere großen Flughäfen sind ausdrücklich bereit, mehr Verantwortung zu übernehmen“.

Geht es noch? Das übertrifft im „Floskelgehalt“ ja noch unseren Regierungssprecher Seibert und das will etwas heißen.

Auch der neue Lufthansa-Vorstand Kayser hat schon festgestellt, „das System der Sicherheitskontrollen sei zu Spitzenzeiten offenkundig überlastet“. Das Problem müsse im kommenden Jahr (2019 gemeint) dringend gelöst werden. Das kann sich an Originalität mit vielen ähnlichen Aussagen vor ihm gut messen.

Ich weiß nicht, ob man das als Steigerung bezeichnen kann, wenn ein Sprecher des Flughafens meint, dass dieser Samstag ein „Ballungstag“ gewesen sei. Solche Zahlen habe man normalerweise nur im Sommer. Vergleichbare Probleme hatten wir im Laufe des Jahres auch an anderen Flughäfen, ich erinnere mich unter anderem an Düsseldorf und Köln. Das muss ja richtig schlimm sein, dass die Ferien- und Feiertage auch jedes Jahr immer so überraschend kommen, dass man nicht planen kann.

Da hätte ich eine Idee. Die chinesische Raumfahrt hat gerade eine Sonde auf der Rückseite des Mondes gelandet. Vielleicht können die sich dort mal etwas umsehen, denn irgendwo „hinter dem Mond“ muss wohl die Zentrale sein, in der die Einsatzplanung für das Sicherheitspersonal an den Flughäfen zu Hause ist.

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Merkel in Not – wo war der „nationale Champion“?

Stell‘ dir vor, du musst zum G20-Gipfel und dein Flieger geht nicht. Peinlich, peinlich. Der normale Arbeitnehmer kennt das, wenn er zu einer wichtigen Besprechung im Büro zu spät kommt und sich entschuldigt, mein Auto sprang nicht an, meine Straßenbahn hatte Verspätung, mein Zug fiel aus, Eurowings ist nicht geflogen oder so ähnlich, und der Chef/Chefin sagt: „Das war das letzte Mal.“

Aber das passierte der Kanzlerin des Luftfahrtstandortes Deutschland. Alle waren pünktlich, nur der als „oberpünktlich“ verschriene Streber Deutschland fehlte, und das vor den Augen der ganzen Welt.

Mit Steinmeier im Biergarten

Es kann bei jedem Flug etwas Unvorhergesehenes passieren. Aber die Pannenliste unserer Flugbereitschaft ist inzwischen ellenlang. Mal rauchte es in der Kabine, mal nagten hungrige Mäuse an Kabeln. Triebwerke ließen sich nicht starten und über Hunderte von Kilometern musste ein Ersatzgerät rangeschafft werden und und und. Legendär, als Steinmeier zusammen mit Journalisten in einem Biergarten in Vilnius wartete, bis er weiterfliegen konnte.

Unsere Langstreckenflugzeuge der Flugbereitschaft heißen Konrad Adenauer und Theodor Heuss. Wie kann man das Ansehen dieser für Deutschland verdienten Politiker so lächerlich machen? Das wird nur noch vom Willy-Brandt-Flughafen BER übertroffen.

Bei zwei Dingen sollte man mal genauer hinsehen. „Ein einziges“ Teil soll die gesamte Stromversorgung lahmgelegt haben? Wer das glaubt, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

Frankfurt statt Köln

Oder ist billig-billig auch die Ursache für die vielen Pannen bei der Flugbereitschaft? Auch wenn es einige nicht hören wollen, billig-billig heißt mit Gewalt sparen, beißt sich irgendwann mit zuverlässig.

Wie auch immer, eine Umkehr war unausweichlich, weiterfliegen wäre lebensgefährlich gewesen. Aber wenn man den Kommentaren in entsprechenden Foren Glauben schenkt, soll der absolut lebensgefährliche Teil des Fluges an diesem Abend die Landung des Fliegers In Köln gewesen sein. Noch voll mit Sprit, weil vorher das Ablassventil nicht funktionierte, konnte das Flugzeug wegen Bauarbeiten nur auf einer deutlich kürzeren Bahn landen. „Heldentat“, wie Frau Merkel danach „fachmännisch“ bemerkte, oder unter allen Umständen gewollte Rückkehr zum „Heimatflughafen“? Das führte dazu, dass die Fluggäste (inkl. Kanzlerin) auf Geheiß der Feuerwehr erst nach 70 Minuten (wegen überhitzter Bremsen) das Flugzeug verlassen durften. Wäre ein Ausweichen zum Beispiel nach Frankfurt angesichts der wenigen Minuten Mehrflugzeit nicht die klügere Lösung gewesen?

Kanaren-Umlauf statt staatliche Verantwortung

Aber die größte Peinlichkeit – und dafür gibt es für mich keine Entschuldigung – ist, dass Deutschland, jetzt sage ich es ganz prosaisch, nicht in der Lage war, einen Ersatz für die Bundeskanzlerin bereitzustellen. Das in Berlin an diesem Abend stationierte Ersatzflugzeug konnte nicht eingesetzt werden, weil durch die Zwischenlandung in Köln die Crew aus der zulässigen Einsatzzeit gefallen wäre. Wie bitte, geht es noch? Wir reden hier von einer Flugbereitschaft der Bundeswehr und da gibt es Einsatzprobleme, als sei es ein Kanaren-Umlauf bei einem Ferienflieger? Ein Überziehen der Einsatzzeit wäre bestimmt weniger gefährlich gewesen, als die vorsätzliche Landung in Köln mit dem überladenen Flugzeug.

Wir leisten uns ein Parlament mit über 700 Abgeordneten, das auf die Größe der Bevölkerung bezogen größte Parlament der Welt, planen aber vorsätzlich bei der Anzahl Crews der Flugbereitschaft der Bundeswehr auf Kante?

Jetzt auch ein Subunternehmer beim Flug der Kanzlerin

Wir lassen es zu, dass in größter Not eine spanische Fluggesellschaft unsere Kanzlerin nach Argentinien fliegen muss, weil wir selbst dazu nicht in der Lage sind? Da stelle ich doch bewusst die sehr provokative Frage: Wo war zu diesem Zeitpunkt unser „nationaler Champion“ Lufthansa?

Konnte er nicht, wollte er nicht, durfte er nicht?

Da hätte alles aus dem Weg geräumt werden müssen, damit die Bundeskanzlerin noch pünktlich mit dem „nationalen Champion“ zum G20 Gipfel hätte kommen können. Da lasse ich keine Ausrede gelten (von wegen Nachtflugverbot oder ähnliches). Das wäre „Made in Germany“ als Wirtschaftsleistung gewesen.

Aber die Zeiten des „Siegerfliegers“ sind wohl vorbei.

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Zerstört zuviel Tourismus unsere Städte?

„Zerstört zuviel Tourismus unsere Städte?“
Diskussion Radio rbb, Kulturradio, 27.11.18

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Nur Bares ist Wahres

Eine Boeing 787 von LOT hatte in Peking eine Panne. 10 Stunden stand die Maschine am Airport. Angeblich war die Reparatur nur ein kleines Problem.

Aber manchmal verbirgt sich hinter einem kleinen Problem ein richtig großes Problem. Das große Problem in diesem Fall war der zur Hilfe gerufene chinesische Techniker. Der Techniker verlangte cash für seine Arbeit, sonst wird nicht repariert. Bemerkenswerte Sturheit. Oder nur der Wunsch die berühmten „15 Minuten“ im Rampenlicht stehen, von denen Andy Warhol meinte, dass sie für jeden irgendwann kommen würden.

Bei uns in Deutschland kennt man das von Schlüsseldiensten, die im Notfall gerufen werden. Auch da heißt es cash oder die Tür bleibt zu.

Letzte Lösung: Passagiere anpumpen

Die Wahlmöglichkeiten für Lot waren begrenzt, leider auch das vorhandene Bargeld. Letzte Lösung, die Passagiere anpumpen. Wer öffnet da nicht gerne seinen Geldbeutel, um schneller nach Hause zu kommen. Letztlich waren es vier Passagiere, die die notwendigen 320 Euro in den Klingelbeutel geworfen haben. Wobei spätestens jetzt der Vergleich mit einem Schlüsseldienst vorbei ist, für „nur“ 326 Euro bleibt in der Regel die Tür zu.

Keine Ahnung warum LOT zuerst die Story abgestritten hat, ist doch schön solvente Kunden zu haben. Vielleicht wollte LOT auch nicht mit Airlines in „Endzeitstimmung“ in einen Topf geworfen werden. Da ist es bekanntermaßen schon üblich, dass die Piloten Bares im Fliegerkoffer haben.

Ein Billigflieger schuldet 525.000 Euro

Natürlich kann eine solche Sammelaktion schnell ihre Grenzen erreichen, vor allem wenn es nicht um 320 Euro, sondern um 525.000 Euro geht. Genau diesen Betrag schuldete eine irische Airline, und raten Sie mal welche. Und das schon seit 2014, nach einer Entscheidung der EU-Kommission wegen zu Unrecht eingeräumter Konditionen an einem französischen Lokalflughafen. Der französische Justizbeamte wollte aber nicht nur ein bisschen Aufmerksamkeit, sondern gleich das große Kino. Als die Ryanair-Maschine mit Passagieren an Bord startbereit war, kam er mit Polizeieskorte angebraust und schwenke den berühmten Kuckuck um einen kleinen Vogel an den großen Vogel zu kleben. Es sei denn….. er bekäme sofort 525.000 Euro. Für solche Summen sind Ryanair Passagiere nicht unbedingt bekannt, also: alles aussteigen.

Mit einigen Stunden Verspätung und einem Kuckuck freien Flugzeug konnten die Passagier endlich starten. 24 Stunden nach diesem Vorfall zahlte dann auch Ryanair. Die Mühlen der EU mahlen sehr langsam, aber man darf die EU auch nicht unterschätzen.

Mallorca für 1,94 Euro

Ich fand beide Geschichten besonders in dieser Woche interessant, weil diese Woche ja wieder eine Hochzeit für streamline-funktionierende Marketingfuzzies ist:

Vom Cyber Monday direkt zum Black Friday. An der Spitze der Verrückten stand, wer wohl, Ryanair, die den Cyber Monday gleich zur Cyber Week erweiterten. Als Eyecatcher diente ein Flugangebot für den 28.11. von Schönefeld nach Mallorca mit dem unglaublichen Preis von 1,99 Euro. Dieser Preis wurde dann auch am Mittwoch nochmals gekillt. Jetzt gab es Mallorca sogar schon ab 1,94 Euro. So wird es aber verdammt lange dauern bis die 525.000 Euro wieder in der Kasse sein werden.

 

 

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Industrie 4.0 auf Düsseldorfer Art

Über das verlängerte Wochenende mal zur Entspannung in den Kurzurlaub entfliehen? Zumindest am Flughafen Düsseldorf gab es vergangene Woche statt Entspannung erstmal bei der Fluggastkontrolle Stress, Frust und Ärger. Am Ende mussten die Fluggäste am Flugsteig C fast anderthalb Stunden warten bis endlich sie und ihr Handgepäck kontrolliert waren.

Den Spruch „das Taxi zum Flughafen ist teurer als der Flug“ kann jetzt ergänzt werden: „Die Fluggastkontrollen dauern dafür länger als der Flug.“ Weit ist es nicht mehr dahin. Wir geben den Zielgebieten schlaue Ratschläge, wie sie den Overtourismus in Barcelona, Venedig und Rom steuern sollen und produzieren schon vor dem Abflug den ersten „Overtourismus“, allerdings ohne Sehenswürdigkeit und ohne Gelegenheit zum Handyfoto – sonst werden die Damen und Herren Kontrolleure ganz schön sauer.

Eine Geschichte zum Zungenschnalzen

Was war da in Düsseldorf passiert. Eine Geschichte zum Zungenschnalzen. Seit Sommer hat man die Ermittlung der Fluggastzahlen outgesourct. Wenn ich dieses Wort „Outsourcing“ schon höre, steigt mein Blutdruck in dringend behandlungsbedürftige Höhe. Outsourcing bedeutet: Kostensparen um jeden Preis, schlechtere Leistung danach und keiner übernimmt Verantwortung.

Konkret: Die Bundespolizei bekommt die zu erwartenden Passagierzahlen nicht mehr vom Flughafen, sondern eben vom angeheuerten IT-Dienstleister. Der haut mächtig auf die Pauke, dass er eine Software für diese Prognose nutzt, damit seien beim Flughafen keine Mitarbeiter mehr notwendig, die die Meldungen der Airlines bislang händisch auswerteten.

Keine Ahnung wie die Weiterleitung der Daten an die Bundespolizei erfolgte – digital, per Fax oder per Brieftaube – und wie zuverlässig diese Daten waren. Dem Mitarbeiter der Bundespolizei kamen die Zahlen jedenfalls laut Medien zu hoch vor und er änderte sie manuell nach unten. Das ist Industrie 4.0 auf Düsseldorfer Art. Statt händisch wird auf digital umgestellt, um dann wieder händisch zu ändern. Wer alles dabei Fehler gemacht hat? Im Ergebnis sei zuwenig Personal bereitgestellt worden, was zu der inakzeptablen langen Warteschlange an der Kontrolle geführt hat. Nehmen wir es so zur Kenntnis.

Ob sich daraus ein Lerneffekt ergeben hat, ist leider bis heute nicht überliefert.

Kaufen statt Komfort

Fast zeitgleich gibt der neue Chef des Flughafens Köln/Bonn, Johan Vanneste, seine eigenen Überlegungen zu Sicherheitskontrollen am Flughafen zum Besten. Die könnten doch deutlich „effizienter und schneller“ durchgeführt werden. Das kann man ohne Weiteres unterschreiben.

In seiner Begründung liegt der Leckerbissen. Er fordert dies nicht, damit die Fluggäste nicht unnötig an der Kontrolle herum hängen, sondern damit die Fluggäste die so gewonnene Zeit zum Konsum in den am Flughafen angegliederten Geschäften und Lokalen nutzen könnten. Aber auch dies wiederum nicht zur Erbauung der Fluggäste, sondern weil die „Mietzahlungen dieser Geschäfte für den Flughafen eine wichtige Einnahmequelle sind“. Deutlicher kann man es kaum formulieren, wie egal diesem Flughafenchef seine Kunden sind.

Ich erinnere mich an ein Interview des BDL-Hauptgeschäftsführers Matthias von Randow, oberster Flughafen-Lobbyist, der unter anderem neben „Effizienz“ auch eine „kundenfreundliche“ Abwicklung der Kontrollen anmahnte.

„Outsourcing“ führt zu Kuriositäten

Dazu passt ein eigenes, gerade mal sechs Wochen altes Flughafenerlebnis. Schon am Vormittag konnte man auf Abflugseite von Tuifly sehen, dass der für 15.20 Uhr geplante Flug nach Lanzarote eine Stunde Verspätung haben würde. Beim Check in am Flughafen, einige Zeit später, wusste der outgesourte Tuifly-Abfertiger davon nichts, ebensowenig der Flughafen laut Abflugtafel. Erst eine halbe Stunde vor alter Abflugzeit kam am Gate die Durchsage, Flug verspätet mit Bekanntgabe des neuen Gates.

Es sollte noch besser kommen. Als am neuen Gate die aktuelle Abflugzeit erreicht war, war von der Abfertigungsgesellschaft niemand am Gate zu sehen. Passagiere da, Flugzeug da, aber kein Abfertigungsmitarbeiter. Das Telefon am Gate klingelte mehrfach, wie wir später erfuhren, wollte sich der Purser des anstehenden Flugs erkundigen, wo die Passagiere bleiben.

Kurze Zeit später hat man ihn persönlich mit fragendem Gesichtsausdruck an der Gatetür gesehen. Auf der einen Seite der Purser, auf der anderen Seite die Passagiere, dazwischen eine Glastür und kein Abfertiger der diese Tür öffnet. Dass ich das nach Jahrzehnten Flugreisen auch mal erleben „durfte“. Als sich dann endlich eine Mitarbeiterin mit mürrischem Gesichtsausdruck zur Arbeit bequemte, vergaß sie leider die zwingend notwendige Entschuldigung.

Der Vollständigkeit sei aber noch gesagt, dass die Crew des Tuifly-Flugs, sowohl Cockpit wie auch Kabine, an diesem 30.9. nach Lanzarote zeigte, wie man trotz Verspätung sehr positiv mit seinen Kunden umgehen kann. Eine Kolumne kann auch mal mit „Danke“ enden.

 

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Rasantes Tempo Richtung billig und absurd

Economy Light auf der Fernstrecke, also Flugtarif ohne Gepäck, so das neue Angebot einer deutschen Feriengesellschaft. Was ein Verkaufsclou sein soll, ist in Wahrheit ein weiterer Schritt abwärts als Billig-Airline. „Preis Light“ ist auch immer ein Beweis für „Marketing Light“, denn außer Preis hat man kein Argument. Ebenso schwach ist das Argument „wir müssen uns der Konkurrenz anpassen“. Auch das ist „Marketing light“.

Dabei ist nichts so leicht zu kopieren wie ein „billiger“ Preis und nichts bindet Kunden weniger an ein Unternehmen als der Preis. Die interessierten Kunden fühlen sich nur an den Preis gebunden, nicht an das anbietende Unternehmen, dies ist eine alte Weisheit.

Der Preis ist heiß

Menschenskind, fällt Euch wirklich nichts anderes mehr ein als Preis, Preis, Preis? Sich mal gegen den Mainstream bewegen und etwas Zusätzliches kreieren?

So ein Preis Light ist irgendwo zwischen Superbillig und Minuspreis positioniert. Und letzten Endes dient er ausschließlich dazu, in den Suchmaschinen vorne platziert zu werden. Leider sind diese Rankings in den Suchmaschinen qualitativ wenig bis überhaupt nicht vergleichbar.

Zugegeben, vergleichbare Angebote hat diese Fluggesellschaft bereits im Angebot, aber bislang nur auf der Kurz- und Mittelstrecke. Neu sind in der benannten „Flugzone 3 – 5“ unter anderem typische Fernstrecken-Urlauberziele enthalten. Fernstreckenurlaub ohne Gepäck? Geht natürlich, für manche Zeitgenossen gilt „Wäschewechsel im Urlaub ohnehin als überschätzt“.

Handgepäck-Probleme machen fliegen nicht leichter

Ein Fluggast fällt mir gerade ein, für den der „Ohne-Gepäck-Langstreckentarif“ maßgeschneidert ist: Der BILD-Reporter, der für die laufende Reportage „Eine Woche nackt auf der Nacktinsel“ auf die Philippinen flog.

Andere werden dadurch die Handgepäck-Problematik verschärfen, wenn jetzt alle die Handgepäck-Möglichkeiten genau ausreizen und erfahrungsgemäß auch überreizen. Laut Tarif darf der Light-Reisende nur ein Handgepäckstück und einen persönlichen Gegenstand (beides zusammen maximal sechs Kilogramm) mitnehmen. Sorry, selten so gelacht über diese angeblich einengende Vorgabe.

Habe gerade vor wenigen Tagen mal wieder meine eigene Erfahrung vor allem mit Rucksackreisenden an Bord gemacht. Eine Umdrehung im Gang oder beim Gepäckverstauen und man bekommt „vom Rucksack eine geklatscht“, die jedem Boxer Ehre machen würde. Dazu dann noch dieser Blick: „Du Idiot hast Geld für Deinen aufgegebenen Koffer bezahlt, aber ich bin schlau und nehme alles mit an Bord“.

Zwiebelprinzip kann nicht Teil der Lösung sein

Natürlich kann man auch Kleidung übereinander tragen. Am isländischen Airport Keflavik wurde Anfang des Jahres ein Mann „erwischt“, der acht Hosen und zehn T-Shirts übereinander trug. Das war dann auch British Airways zu viel.

Es wird heute schon Werbung für spezielle Gepäckkleidung gemacht, die extrem viele Taschen hat. Man kann darin bis zu 10 Kilogramm verstauen. Man sieht dann zwar aus wie ein Michelin-Männchen, kann aber an Bord das Kleidungsstück in eine Tasche verwandeln. Und dann ab mit der auch nicht kleinen Tasche in das Hatrack, in das der Sitznachbar gerade vorher seinen „ausgereizten“ Rucksack verstaut hat. Dumm für evtuell einen anderen Passagier, der seine Jacke vorher dort abgelegt hatte. Sie wird nach dem Flug einen leichten Ziehharmonika-Look zeigen.

Auch der Durchfluss an der Sicherheitsschleuse vorm Abflug dürfte, sollte der neue Tarif einschlagen, wesentlicher problematischer werden und entsprechender länger dauern.

Logisch, dass so ein Billigtarif natürlich auch den in der letzten Zeit beklagten Overtourismus zu bestimmten Zielgebieten fördern wird. Nur weiter so!

Bei diesem rasanten Tempo Richtung noch billiger und gleichzeitig noch absurder, stellt sich schnell die Frage, was kommt danach (kann überhaupt noch eine Steigerung möglich sein)? Ein Sondertarif „Super-Light“, wenn man selbst nicht mitreist? Der Passagier, dieser „lästige Typ“, erschwert die ganze Fliegerei doch ohnehin.

 

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Ohrfeige des Jahres für den Flugverkehr

Die Lage bei der Deutschen Bahn ist so verheerend, dass Konzernchef Richard Lutz einen Brandbrief an seine Führungskräfte schickte. Mehr unpünktliche Züge, höhere Schulden und womöglich bald die nächste Gewinnwarnung, so hart geht selten ein CEO mit seinen Führungskräften öffentlich ins Gericht. Das ganze Ausmaß der Bahnkatastrophe ist der Öffentlichkeit über den Sommer weitgehend verborgen geblieben.

Da stellt sich die Frage „warum eigentlich?“. Bahnchef Lutz hat darauf eine verblüffende Antwort. Die schlechte Performance der Airlines in diesem Sommer hat die schlechte Performance der Bahn überlagert. Frei übersetzt: „Danke liebe Airlines, dass ihr soviel Mist gebaut habt“.

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, die Deutsche Bahn, üblicherweise der Inbegriff in Deutschland für schlechten Service, lästert über die Schlechtleistung des Luftverkehrs. Klatsch, eine schöne Ohrfeige. Eine solche Bemerkung wäre noch vor wenigen Jahren absurd gewesen.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, dem man eine zu große Autonähe nachsagt, hat inzwischen gemerkt, dass auch der Flugverkehr zu seinem Ressort zählt. Und er macht jetzt das, was Politiker immer gerne machen, wenn sie merken, man kann das Problem nicht mehr kleinreden, er lädt zu einem Spitzentreffen ein, man könnte es auch Fluggipfel nennen. Gipfel klingt immer toll, schafft schöne TV-Bilder für den einladenden Politiker/in, Gipfel-Versprechungen zeigen, man hat sich gekümmert, konkrete Ergebnisse werden erfahrungsgemäß nicht folgen (erwartet man üblicherweise auch nicht).

Der eingeladene Kreis ist jetzt schon so groß, dass der Fotograf für das obligatorische Teilnehmerbild Mühe mit einem vollständigen Bild haben wird. Eingeladen sind Vertreter von Airlines, Flughäfen, Deutsche Flugsicherung, Verkehrsministerium von Bund und Länder. Das soll aber noch nicht alles sein. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen fordert vehement die Teilnahme der Verbraucherverbände, die Fluglotsengewerkschaft hat ebenfalls ihre Teilnahme gefordert. Mein Vorschlag: Bitte dringend Vertreter der Bodendienstleister und der Flughafensicherheit einladen, dann hat man weitere Vertreter des Chaos am Tisch (nur der Vollständigkeit halber).

Auch führende CDU-Politiker wollen jetzt noch das Thema entern. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder hat inzwischen festgestellt und teilte publikumswirksam per BILD am Sonntag mit: „Nicht wenige Fluggesellschaften behandeln ihre Kunden leider allzu oft schlicht unwürdig, daher gehöre eine Verschärfung der Fluggastrechte auf die Tagesordnung“. „Schlicht unwürdig“, das ist schon hart, wenn man es wörtlich nimmt.

Sind „nicht wenige Fluggesellschaften“ in diesem Sommer so tief gesunken? Wird der Hamburger-Gipfel zu einer Anklagebank? Bangt Bahnchef Lutz schon um sein Feigenblatt für 2019?

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Wer zahlt den Preis für den Massentourismus?

„Wer zahlt den Preis für den Massentourismus?“
ARD Talkshow „Hart aber fair„, Köln, 3.9.18

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