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Götterdämmerung

Eurowings gesteht Überforderung ein, Ryanair storniert wegen Streik 600 Flüge, weil Piloten streiken, Lauda Motion geht anscheinend das Geld aus, Air Berlin-CEO Winkelmann will freiwillig auf Geld verzichten. Was ist da los? Götterdämmerung in der Luftfahrtbranche oder bewahrheiten sich nur Klischees?

Eurowings

Eurowings sieht langsam, dass Wachstum um jeden Preis und Kundenzufriedenheit zum Widerspruch wird. Wenn der CEO sich schriftlich entschuldigt und der COO erklärt, dass man die Integration der neuen Flieger unterschätzt habe, dann ist es mit den „Blitz-Entschuldigungen“ endgültig vorbei. Aber der Imageschaden ist schon gewaltig. Wenn selbst die zumeist seriöse „DIE ZEIT“ einen aktuellen Beitrag mit „Die verfressene Airline“ überschreibt, ist die öffentliche Meinung eindeutig. Sogar der DRV hat inzwischen Eurowings zum Rapport gebeten, oh, oh.

Aber fast unabhängig davon, bleibt die von den BBBs schon angesprochene Kundenmissachtung. Wenn Flüge zu spät ankommen, ist in der Regel zwischen Abflug und Ankunft immer genügend Zeit, um am Zielflughafen Vorbereitungen für anständiges Kundenhandling zu treffen. Wenn man will und man es für wichtig hält, vorausgesetzt natürlich. Diese Botschaft hat im Moment keine Airline verinnerlicht, eine unglaubliche Kundenmissachtung. Da schlage doch glatt der Blitz ein.

Aber Eurowings sieht auch unverändert kein Problem, seine Kunden in ein Flugzeug mit immer noch kompletter original Air Berlin-Bemalung einsteigen zu lassen. Kundenverwirrung: Air Berlin, sind die nicht pleite? Und an Bord, wird man von Tuifly Mitarbeitern betreut. Leistung Eurowings: das Reservierungssystem?

Ryanair

Die Götterdämmerung bei Ryanair ist mehr als überfällig. Große Klappe des CEO, aber die Kunden sind ihm egal und das Personal ist ihm egal. Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres muss er in gigantischem Umfang Flüge ersatzlos streichen, weil sein Personal nicht länger bereit ist, sich auszubeuten lassen. Was die EU nicht geschafft hat, ordentliche gesetzliche Mindestanforderungen durchzusetzen, nimmt die Belegschaft jetzt selbst in die Hand. Skandalös auch seine Nonchalance den Kunden gegenüber, die wegen eines Druckabfalls in der Kabine (Grund noch unklar) unplanmäßig in Hahn zwischenlanden mussten. Übernachtung für Kunden? Pech gehabt. Hotelzimmer, gibt es nicht genügend in Hahn. Dabei hat er doch jahrelang Hahn als Frankfurt verkauft, da gibt es genügend Hotelzimmer. Einige Kunden brauchten kein Hotelzimmer, die mussten mit Nasen- und/oder Ohrbluten ins Krankenhaus gebracht werden. Als Hohn werden sie empfunden haben, am nächsten Tag auf den Ryanair Social Media Kanälen nach der Abhandlung der Unregelmäßigkeiten zu lesen: „Have a Great Day“.

Lauda Motion

Hat er nun oder hat er nicht, die Rechnungen bei Lufthansa bezahlt? Gemeint ist Niki Lauda und die Gebühren für die von Lufthansa geleasten Flugzeuge. Dass er nicht sehr großzügig ist beim Geld ausgeben, das ist bekannt. Vertrag ist eigentlich Vertrag, aber vielleicht ist wieder wichtig, in welchem Land Gerichtsstand ist. Mit dem so wichtigen Heimvorteil für Lauda oder nicht? Von Euphorie, dass die EU den 75% Einstieg von Ryanair endgültig genehmigt hat ist nichts zu spüren. Verpokert?

Thomas Winkelmann

Seine göttliche Stellung schien für Jahre hinaus unangreifbar gesichert. Die bankmäßige Absicherung seines Millionengehaltes fand Air Berlin-CEO Thomas Winkelmann immer als absolut gerechtfertigt. Spätestens nach der Insolvenz von Air Berlin wurde er für die auf der Straße stehenden arbeitslosen Air Berlin Mitarbeiter zum Feindobjekt und für die Medien zum Inbegriff von Gier. Hätte er damals „aus Solidarität“ auf einen Teil seines Gehaltes verzichtet, hätte er Manager des Jahres werden können. Nur schwer verständlich, dass er es jetzt tun will. Ist ihm Nichtstun im Saatwinkler Damm so auf die Nerven gegangen? Oder winkt ein noch größerer Gehaltsbrocken? Götter kommen ja manchmal auch aus der Asche empor. Gerecht?

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Der Abstieg eines Flughafens zum Autoparkplatz

Ist das nicht eine Tragikomödie erster Klasse? Da gibt es einen Flughafen, der aussieht wie ein Flughafen, aber noch keiner ist, weil nicht geflogen werden darf. Da gibt es Autos, die aussehen wie Autos, aber nicht fahren dürfen, weil sie wegen ausstehendem Abgastest nicht zugelassen werden.

Da aber am Flughafen BER wenigstens der Parkplatz (gerüchteweise) funktioniert, kommen an dieser Stelle BER und VW zusammen. Noch ist zwar kein Kontrakt unterschrieben, aber aus Airport-Kreisen ist zu hören, dass wohl schon bald 10.000 Plätze (wahrscheinlich deutlich mehr) von den Wolfsburgern beparkt werden.

Was wird der BER wohl in Rechnung stellen?

Welch ein Abstieg für einen mal angekündigten Weltflughafen und ebenso peinlich für den Weltmarktführer VW. Immerhin werden sich beide, BER und VW, demnächst im Guinness-Buch der Rekorde für den größten Autoparkplatz finden. Ein zweifelhafter Titel, so als wenn der DFB sich des Rekordes „frühestes Ausscheiden bei einer Fußball-WM“ rühmen würde.

Allgemein ist bekannt, dass Parken am Flughafen nicht billig ist. Was wird der BER wohl in Rechnung stellen? Einen Tarif laut Aushang für jedes abgestellte Fahrzeug oder einen Massenrabatt? Und: Ist die Verwaltung am BER überhaupt kaufmännisch schon in der Lage so eine große Rechnung auszustellen? Oder zahlt der BER am Ende sogar Geld dafür, dass sich auf dem Flughafen endlich etwas bewegt – auch wenn es nur PKWs sind, die auf den Parkplatz rollen?

Wo wir gerade bei den Fragen sind: Was wird wohl zuerst passieren – die Eröffnung des BER oder die Zulassung der Autos? Dem BER traut man glatt zu, dass er im Vertrag mit VW keine Ausstiegsklausel eingebaut hat und die achte (!) angepeilte Eröffnung 2020 an folgender Ausrede scheitern wird: „Es stehen noch Autos rum, das gefährdet die Sicherheit am Airport.“

Parallelen zu „Hans im Glück“

Da Flughafengesellschaft und Gesellschafter uns schon seit Jahren Märchen erzählen, müssen sie jetzt auch mal verkraften, mit einem Märchen satirisch konfrontiert zu werden.

Im Märchen „Hans im Glück“ der Gebrüder Grimm erhält Hans für viele Jahre Arbeit einen kopfgroßen Klumpen Gold. Im weiteren Verlauf der Geschichte tauscht er diesen gegen ein Pferd – das Pferd gegen eine Kuh – die Kuh gegen ein Schwein – das Schwein gegen eine Gans – und die Gans gegen einen vermeintlichen Schleifstein. Der fällt ihm dann in einen Brunnen und Hans ist froh, dass er diese Last los ist.

Schauen wir uns dagegen die Geschichte vom „BER im Glück“ an, in einer etwas verkürzten Version. Den medialen Goldklumpen erhielt der BER am 20. März 2012, als sich Air Berlin für das mächtige Zelebrieren seines Eintritts in die Oneworld-Allianz den (noch nicht eröffneten) BER als Kulisse aussuchte.

Die Teilnehmer dieser Feierlichkeiten waren die Ersten, die überhaupt Flugzeuge vor dem neuen Flugterminal sehen konnten: Eine A330-200 in Oneworld-Beklebung und eine Boeing 737-800 im Air-Berlin-Kleid. Schmankerl für Nostalgiker: Chef von Air Berlin war damals ein gewisser Hartmut Mehdorn und Flughafen-Chef Rainer Schwarz.

Bereits wenige Tage später, im Juni 2012, war es mit dem Goldklumpen schon vorbei: Flughafeneröffnung abgesagt.

Flugzeuge sind beim BER zweitrangig

In den Folgejahren passierte außer neuer Terminverschiebungen nicht viel – der mediale Goldklumpen war schon längst durch immer billigere Ausreden getauscht. Es dauerte viele Jahre, bis mal wieder ein Flugzeug einen Hauch von Flughafen entfachte. Zwei putzige kleine Pandabären (Meng Meng und Jiao Qing – zum Glück heißen sie nicht Mehdorn und Schwarz) waren bei ihrer Ankunft allerdings mehr Attraktion, als ihr Flugzeug, in dem sie am BER – immer hin für einen Tag kurz Flughafen – landeten.

Kurze Zeit später, der nächste Tiefpunkt im Leben des gescheiterten BER. Air Berlin stellte die nicht mehr benötigten Flugzeuge dort ab. Traurige Bilder, wie man sie sonst aus der amerikanischen Wüste kannte, jetzt auch im Programm des BER. Aus dem ehemals anvisierten Flughafen war jetzt endgültig ein Stehhafen geworden. Im echten Märchen, wäre das jetzt die Stelle mit dem Tausch in die Gans.

Tschüss für das Flughafen-Image

Und 2018 folgt für den BER der letzte Tausch in den „Schleifstein“. Abgestellte Flugzeuge werden gegen abgestellte Autos getauscht. Die Anmutung eines Flughafens ist endgültig dahin.

Wie könnte unsere Geschichte vom „BER im Glück“ enden? Nach Autos folgen die Fahrräder. Die tausende kreuz und quer abgestellte Mietfahrräder in Berlin sind heute schon ein Übel und ein numerisches Ende ist nicht abzusehen. Irgendwann wird man auch diesen Blechhaufen mal entsorgen müssen – und raten Sie mal, wo? Spätestens jetzt fällt märchenmäßig der Schleifstein ins Wasser und der BER dem Abriss anheim.

Übertragen wir das Ende von „Hans im Glück“ mit nur ganz wenigen Wort-Änderungen in „BER im Glück“, irgendwann in den 20er-Jahren:

„So glücklich wie ich“, rief Engelbert Lütke Daldrup aus, „gibt es keinen Menschen unter der Sonne.“ Mit leichtem Herzen und frei von aller Last ging er nun fort, bis er daheim bei seinen Lieben angekommen war.

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Bei Eurowings wüten die Blitze

Eurowings-Chef Thorsten Dirks mag keine Blitze, denn diese seien für die vielen Flugausfälle seiner Airline verantwortlich. Im Schnitt habe der Blitz pro Woche dreimal am Boden bei seinen Flugzeugen eingeschlagen. Nur komisch, dass die anderen deutschen Airlines, damit keine Probleme haben. Kann der Blitz ausgerechnet Eurowings nicht leiden und verschont immer die anderen Airlines?

„Blitze lieben Eurowings“, selten so gelacht.

Nein, da hätte sich Chaos-Manager Dirks schon eine bessere Ausrede einfallen lassen müssen. Zu wenig Flugzeuge zu haben ist eine Sache, aber sich wenig oder überhaupt nicht um seine misshandelten Passagiere zu kümmern, ist eine andere Sache. Oder ist der Blitz auch dafür verantwortlich?

Ich habe eher das Gefühl, dass der Blitz im Eurowings-Management eingeschlagen hat. Nur leider nicht der Geistesblitz. Was im Moment bei Eurowings abgeht, ist die mit Abstand schlechteste Performance einer deutschen Airline seit Jahren. Es muss den verantwortlichen Managern dort wie Hohn vorkommen, wenn Kunden immer öfter schreiben, wie sehr sie Air Berlin nachtrauern. Air Berlin hatte zuletzt zwar große Gepäckprobleme, insbesondere in Tegel – wollen wir mal nicht tiefer einsteigen wer das eventuell mit Vorsatz hingenommen hat -, aber die Flugplan-Performance war bis zuletzt deutlich besser als bei der Kranich-Tochter.

Statt über Blitze zu reden, hätte es Dirks besser angestanden, sich deutlich zu entschuldigen und Vorschläge zur Problemlösung zu unterbreiten. Die Ankündigung (und von LH-Chef Spohr zuletzt ausdrücklich verteidigt) „ich will wachsen um jeden Preis“ und einen irre aufgestockten Flugplan vorzulegen, aber nicht genügend Flugzeugreserven zu haben, um das auch abzufliegen, ist nicht professionell, sondern amateurhaft.

Sind Personalprobleme schuld?

Oder verbergen sich hinter den „fehlenden Flugzeugen“ doch Personalprobleme im Cockpit? Rächt sich jetzt, dass man keine Piloten von AB direkt übernehmen wollte und anfänglich miese Bedingungen für eine Übernahme des fliegenden Personals angeboten hatte? Aber der Markt für Piloten hat sich in den vergangenen Wochen gewandelt. Angeblich wechseln aktuell Piloten von Eurowings zu anderen Airlines wegen besserer Bedingungen. Es wird nicht bestritten, dass bei der Eurowings-Tochter LGW jetzt Kapitäne als Co-Pilot eingesetzt werden, weil schlicht Co-Piloten fehlen. Blitzeinschlag oder hausgemacht?

Aber Herr Dirks, wie gehen Sie bei dieser schlechten Performance mit den betroffenen Kunden um? Kunden einer Fluggesellschaft sind von schlechter Unternehmungsleistung dramatischer betroffen als Ihre früheren Kunden bei E-plus. Im Stich gelassene Flugkunden müssen auf sich alleingestellt übernachten und darum kämpfen, wie sie zum Ziel kommen. Der misshandelte Telefonkunde beißt zuhause nur in die Tischkante. Sie hingegen lassen Ihre Kunden gerade reihenweise abblitzen.

„Kafka-Travel“

In den sozialen Netzwerke machen sich Tausende von Kunden Luft über annullierte und teilweise dramatisch verspätete Flüge. Dresden ist beispielweise eine schöne Stadt, aber 32 Std dort am Airport alleingelassen statt in Korfu Urlaub zu machen, ist keine echte Alternative. Ein Blick in Ihre Social Media Kanäle zeigt Verzweiflung und Wut Ihrer Kunden. Kundenservice? Krisenkommunikation? Fehlanzeige. Anfrage von Medien werden tagelang nicht beantwortet. „Kafka-Travel“ habe ich über Ihre Airline irgendwo gelesen, das ist auch ein Alleinstellungsmerkmal, allerdings kein erstrebenswertes.

Im Prinzip ist es ja schön, dass Sie bei der Schlechtleistung an Ihre Kunden keinen Unterschied machen, zwischen „Normalkunde“ und Promi. Aber letztere sind sog. Multiplikatoren, Weitererzähler. Und wenn Sie Herrn Gysi in einer Woche drei (!) seiner geplanten Flüge streichen, dann glaubt der nicht mehr an Blitzschlag und wird das permanent bei seinen Auftritten erwähnen. Oder die ZDF-Moderatorin, die sich selbst um einen Ersatzflug kümmern muss, freut sich bestimmt auch schon auf die nächste Moderation. Aber den absoluten Vogel haben Sie vor ein paar Tagen in Köln/Bonn abgeschossen, als 140 Passagiere nachts in einem menschenleeren Flughafen sich sitzengelassen fühlten. Dummerweise war auch ein BILD-Reporter dabei und hat Ihnen dann die Headline beschert: „So ließ Eurowings abends 140 Passagier hängen“.

Und wissen Sie was mich dabei besonders erschreckt? Köln/Bonn ist Ihr ursprünglicher Langstrecken-Heimatflughafen. Wenn Sie da nichts gebacken bekommen, muss ich nicht über Dresden, Mallorca, usw. nachdenken.

Herr Dirks, Ihre Taktik „Augen zu und durch“ ist nicht nur unseriös, sondern wird sich langfristig rächen. Wie wollen Sie Eurowings später wieder zu einer sympathischen Marke aufbauen?

 

 

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Ein bisschen Monopol geht immer

Eines war nach der Insolvenz von Air Berlin politisch klar, der „nationale Champion“ Lufthansa soll so viel bekommen wie er will. Zumindest wenn man die Äußerungen von den damaligem Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) und Ex-SPD-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries richtig verstand.

Der nationale Champion nahm die verbale Vorlage gerne auf und verhielt sich von da an auch wie ein solcher. So viele Flugzeuge wie möglich – gern. So viele Slots wie möglich – auch gern. Betriebsübergang und Übernahme des zu den Flugzeugen gehörenden Personals? Nein Danke, nicht mit uns! Alles kein Problem für die damalige Wirtschaftsministerin Frau Zypries, die dabei dezent den Wortteil „sozial“ im Namen ihrer Partei vergaß.

Kurze Zeit setzte der Kranich auf die Algorithmus-Ausrede

Danach zeigte Lufthansa was ein nationaler Champion für sein Leben gern macht: ausnutzen einer Monopolsituation. Ratz fatz stiegen die Preise durchschnittlich um 25 bis 30 Prozent, teilweise sogar deutlich höher. Für kurze Zeit versuchte man dann dem staunenden Publikum und den verärgerten Fluggästen zu erklären, dass dafür nur die dem Buchungssystem zugrunde liegenden Algorithmen verantwortlich seien und keinesfalls Konzernchef Carsten Spohr oder seine Verkaufsmitarbeiter.

Spohr ist eben der Rhetorik-Meister. Laut „Hohenheimer-Index“ ist er von den Chefs der 30 Dax-Konzerne, derjenige, der auf der Hauptversammlung des Unternehmens bei seiner Rede in Punkto Verständlichkeit in diesem Jahr am meisten zulegte. Wie gut, dass nicht Geografie bewertet wurde, denn im neuesten Imagefilm der Lufthansa wurde den Betrachtern gerade Kiew statt Moskau angedreht.

Kartellamt sieht keinen Grund für ein Marktmissbrauchsverfahren

Jene, die nicht so naiv waren, den Algorithmus-Rhetorik-Unsinn zu glauben, riefen ganz laut nach dem Bundeskartellamt – die Behörde sollte diesen Monopolmissbrauch mal unter die Lupe nehmen. Erste Reaktion des Präsidenten des Kartellamtes, Andreas Mundt: Es gäbe den „Hinweis auf den Missbrauch einer monopolähnlichen Marktmacht“.

Nun legte das Bundeskartellamt das Ergebnis seiner Überprüfung vor. Wie immer sehr akribisch ausgearbeitet.

Also, über 50.000 Tickets auf 13 innerdeutschen Strecken wurden überprüft und das Ergebnis war (Trommelwirbel): Lufthansa hatte ihre Preise kurz nach dem Air-Berlin-Exodus um durchschnittlich 25 bis 30 Prozent erhöht, in Einzelfällen sogar um 50 Prozent. Gut, das wussten wir alle schon im vergangenen Jahr … Die spannende Frage war jetzt vielmehr, wie hoch wird das Bußgeld gegen Lufthansa ausfallen.

Nun der Kotau der Kartellbehörde vor Lufthansa: Trotz alldem wird kein Marktmissbrauchsverfahren gegen Lufthansa eingeleitet. Gibt ja unter anderem Konkurrenz von Easyjet. Eben jenes Argument hatte Mundt zu Jahresbeginn noch als zu lasch zurückgewiesen.

Hoffentlich kommt da noch eine detaillierte Begründung für die Rolle rückwärts des Präsidenten. Denn – wie sagt man doch so schön: „Wenn Du schon Mist entscheidest, habe wenigstens eine gute Begründung dafür.“ Und was Spohr in Sachen Verständlichkeit kann, meint kann Mundt schon lange zu können:

Auszüge aus der ersten kurzen Pressemitteilung:

  • „Die Preise sind aufgrund des starken Rückgangs des Platzangebots gestiegen. Dies wäre auch bei einer intakten Konkurrenzsituation geschehen.“
  • „Easyjet ist inzwischen in den Markt eingestiegen, danach sind die Preise wieder umgehend gefallen.“
  • „Zwei Drittel der Passagiere, die durch die Insolvenz von Air Berlin auf den Monopolanbieter Lufthansa angewiesen waren, haben wieder eine Ausweichalternative.“

Mit dieser famosen Beschreibung, warum Lufthansa als alleiniger Anbieter die Preise erhöht hat und jetzt nach Eintritt eines Wettbewerbers (Easyjet) die Preise wieder senkt, alles eindeutige Beschreibung eines Monopolmissbrauches, kommt das Kartellamt zum Schluss: „alles ok, keine Einleitung eines Kartellverfahrens“. Damit würde jeder BWL-Student bei der Klausur haushoch durchrasseln.

Aber Mundts Behörde schreibt so wahrscheinlich Kartellgeschichte und wird für diesen hochdosierten unlogischen Quatsch als Begründung vielleicht auch demnächst für seine (Un-) Verständlichkeit ausgezeichnet.

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Himmelfahrt

Da sind dann auch die letzten kleinen Hoffnungen der Meilenbesitzer bei Topbonus gen Himmel gefahren. Aus Topbonus ist endgültig Nullbonus geworden. Zu lange haben sich Management und offensichtlich auch Insolvenzverwalter Christian Otto an einen seidenen Faden „Goldener Investor mit Traumlösung fünf vor zwölf“ geklammert. Leider gilt auch hier die Regel, je schöner desto unwahrscheinlicher. Der Flughafen Hahn bzw. der Flughafen Lübeck können ein Lied von solchen dubiosen Investoren singen. In den Verhandlungen ist „Geld kein Thema“ (man hat genug) und wenn es dann ums Zahlen der vertraglichen Summen geht, ist leider „Geld auch kein Thema“ mehr.

Dubioser Investor

Bei topbonus soll es sich beim Investor gerüchteweise um die „Airlogix Loyalty Group“ handeln, anscheinend mit zypriotischen Wurzeln. Die von ihm vorgelegte Finanzierungsbestätigung einer Bank in zweistelliger Millionenhöhe ist anscheinend tatsächlich nicht viel mehr wert als die alten Topbonus Karten, die man im Februar noch mit dem Logo Oneworld im Keller gefunden hatte. Unter dem Zwang der letzten Hoffnung gab es dann noch einen nutzlosen Zahlungsaufschub bis sich die alte Indianerregel durchsetzt: „wenn du auf einem toten Pferd sitzt, steige ab“. Jetzt ist der Insolvenzverwalter „abgestiegen“ und hat in die „Regelinsolvenz“ übergeleitet.

Zusagen von Investoren sind nicht immer das, was sie scheinen, insbesondere wenn sie nicht deutscher Rechtsprechung unterliegen. Schmerzhaft erinnert man sich an die noch größere „Scheinzusage“ von Etihad im Geschäftsbericht der Air Berlin zur Weiterführung der Geschäftstätigkeit. Von angeblich heute auf morgen war diese nicht mal mehr das Papier des Geschäftsberichtes wert. Klar, dass jetzt der Insolvenzverwalter der Air Berlin, sich zuerst auf diesen großen Brocken stürzen will. Aber ohne Regierungsunterstützung wird da nichts zu holen sein. Ich schätze mal, das wird letzten Endes auf einen Kompromiss hinauslaufen. Auf eine im Vergleich zur Forderung kleine Summe, gerade noch groß genug, um den Kredit der Bundesregierung vollständig zurückzuzahlen.

Grand Cru Airlines statt Germania

Auf ein Geschenk des Himmels dagegen hofften kurzzeitig Passagiere von Germania, die am Wochenende nach Fuerteventura fliegen wollten. Da stand plötzlich ein Subcharter mit dem traumhaften Namen „Grand Cru Airlines“ am Flughafen. Zwar kannte niemand diese Airline, aber einige Optimisten wetteten schon darauf, ob sie in Burgund oder Bordeaux beheimatet sein könnte. Und vor allem, ob es dem Namen entsprechend vielleicht auch ein kostenloses Schnuppergetränk aus dieser Gegend geben könnte.

Aber, Wahrheit kann bitter sein, siehe oben! Der Ersatzflieger hatte noch nie eines der beiden französischen Weinbaugebiete gesehen, weil sein Heimatflughafen Vilnius leider mehr als 2.500 Km nordöstlich vom guten Wein entfernt liegt. Ob es ersatzweise den typischen „litauischen Met“ gab, ist leider nicht überliefert. Garantiert gab es aber nichts umsonst. Leider auch keine topbonus Meilen mehr.

 

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Digitalisierung – das Botox der Lufthansa

Der Lufthansa Vorstand will 3.200 ältere Lufthansa- Mitarbeiter, die angeblich innovationsfeindlich sind, nach Hause schicken und durch jüngere Arbeitskräfte mit Digitalisierungs-Kompetenz ersetzen, die aus anderen Branchen geholt werden sollen. Welch ein grässliches Armutszeugnis, dass man bei LH die Zukunft schlicht verschlafen hat. Was insgesamt nicht viel Neues wäre.

Ob der Lufthansa-Vorstand sein Handeln noch selbst versteht? Es darf bezweifelt werden. Da verkündete Carsten Spohr vor kurzem noch „das neue Logo sei für ihn, das „i-Tüpfelchen“ beim Umbau der Airline“. Inzwischen wissen wir, dass ihm das i-Tüpfelchen farblich etwas verrutscht ist und nachgebessert werden musste. Aber was Spohr jetzt aktuell raus haute, ist mehr als ein i-Tüpfelchen, da wird ein großer Teil Lufthansa DNA abgeschoben.

Personalaustausch statt Personalentwicklung

Merken die LH-Verantwortlichen nicht, was der Satz „innovative Mitarbeiter aus anderen Branchen holen“ über Lufthansa aussagt? Personalaustausch statt offensichtlich über Jahre nicht erfolgte Personalweiterentwicklung. Die „Digitalisierung“ die von Spohr nicht zu Unrecht gefordert wird, ist doch nicht innerhalb der letzten Monaten vom Himmel gefallen bzw. als der Heilige Geist dies Wissen in den letzten Jahren regnen ließ, warum wurden nur andere Branchen davon nass und nicht die Lufthansa?

Betriebswirtschaftliche Untersuchungen, und die sind noch nicht mal brandneu, haben ergeben, dass weniger die Frage großes oder kleines Unternehmen, traditionsreich oder start up entscheidend für Neuerungen sind, sondern allein, ob Führungskräfte ihren Mitarbeitern motivierenden kreativen Freiraum lassen. Wenn jetzt die geforderten „agil denkende Neulinge“ eingestellt werden und auf die alte Führungsstruktur (bis oben) der LH treffen, wird das nichts werden, außer dass die Neuen schnell wieder resignierend abhauen werden.

Wenn es so einfach wäre

Digitalisierung in ein Unternehmen einbringen ist etwas anderes als Botox spritzen, weil man ein paar Gesichtsfalten entdeckt hat. Changemanagement wäre jetzt das angebrachte Schlagwort, was wohl in den letzten Jahren versagt hat. Spätestens jetzt muss es funktionieren.

Aber Achtung, kaum ein anderes Schlagwort wie Digitalisierung wird heute so von jedermann und inflationär durch die Gegend geschleudert. Falls der interne Anstoß von der gleichen Agentur erfolgt sein sollte, die auch den „genialen“ Image Film „SayYesToTheWorld“ erarbeitet hat, hätte ich einen kostensparenden Vorschlag. Lasst euch in der Verwaltung doch ein Heißluftgebläse einbauen. Ist billiger und erzeugt noch schneller heiße Luft.

 

 

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Lauda lässt die Maske fallen, and the winner is: Ryanair

Was war das für ein letztes Vierteljahr in der Fliegerei als es um Niki, dem vermeintlichen Filetstück aus der Air Berlin-Pleite ging. Ein Vierteljahr im Wechselbad von Versprechungen und Schwindeleien. Aber der größte Knaller kam zum Schluss. Zum Glück noch vor dem 1. April, sonst hätte man es für einen Aprilscherz gehalten.

Billigflieger Ryanair steigt bei Niki Laudas Airline Lauda Motion ein. Im ersten Schritt kauft die irische Airline 24,9 Prozent und will so schnell wie möglich mit 75 Prozent die Mehrheit übernehmen. Ryanair will für die 75 Prozent circa 50 Millionen Euro zahlen und weitere 50 Millionen Euro für Betriebskosten zur Verfügung stellen. Ein tolles Geschäft für Lauda.

Airline-Händler Niki Lauda

Ich selbst war im Januar noch der Meinung, dass Niki Lauda gar nicht „seine“ Airline Niki wieder haben will, weil er nie 50 Millionen Euro eigenes Geld für den Wiedergewinn von Niki zahlen würde. Aber was er jetzt gemacht hat, ist natürlich finanziell noch wesentlich ausgekochter.

Kaufe eine Airline und verkaufe sie gleich wieder, noch bevor sie richtig fliegt und mache einen Riesenreibach. Lauda bekommt spätestens wenn der 75-Prozent-Deal durch ist, sein Geld wieder und hat immer noch 25 Prozent. Für diese 25 Prozent wird er später noch mal einen Batzen Geld kassieren. Lauda als Ösi-Wöhrl.

Und von diesem Geld fließt nichts in die Insolvenzmasse, sondern alles in die Tasche von Lauda. Lauda „ich habe noch nie eine Airline im Stich gelassen“, aber zumindest immer teuer verkauft. Mit dem ratenweisen Verkauf von Niki an Air Berlin verlief es ähnlich.

Versprechen gebrochen

Lauda Motion als Full-Service-Airline, Catering vom Edelanbieter Do & Co, 1000 Verträge für Niki-Mitarbeiter, fast alle vollmundigen Zusagen wurden im Laufe von Tagen wieder einkassiert. Lauda will doch auf Leiharbeit zurückgreifen, Leiharbeitsfirmen wurden hierfür gegründet. Natürlich soll das Kabinenpersonal statt Putztrupps die Flugzeuge reinigen.

Lauda im echten Trump-Speech: „Da wir wachsen wollen und müssen, will ich noch attraktivere Arbeitsplätze bieten als andere.“ Er will einen Vorschlag machen, der schon zum 1. April umgesetzt werden könnte. Toll, wenn der 1. April nicht der 1. April wäre.

Lauda ist eben Lauda und bleibt Lauda. Auch das ist Kontinuität.

Ich glaube nicht, dass Niki Lauda als Strohmann für Ryanair tätig war. Er hat auf eigene Rechnung gepokert und war sich sicher, am Ende des Tages die besten Karten zu haben. Am Mittwoch war ein Bild bei airliners.de zu sehen, Michael (O’Leary) küsst Niki (Lauda). Es hätte auch umgekehrt sein können. Zwei kongeniale Partner haben sich gefunden.

Lauda will auch unabhängig von Ryanair weiter für Lufthansa fliegen. Muss man jetzt selbst das Undenkbare denken? Lufthansa und Ryanair in Absprache. Küsst O’Leary demnächst Spohr?

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Dieser Text erschien auch am 29.3.2018 als „Born-Ansage“ in airliners.de

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Tourismusbranche wird von der Regierung weiterhin für dumm verkauft

„Wer wird neue/r Tourismusbeauftragte/r?

Alle Minister, Staatssekretäre und sonst. Beauftragte sind ernannt? Alle? Mindestens einer fehlt noch. Wer wird neue/r Tourismusbeauftragte/r der Bundesregierung?“

So sieht es leider aus. Alle Staatsekretäre sind ernannt, nur keiner für Tourismus. Wissen Sie, liebe BBB Freunde, wann ich obigen Text in den BBBs geschrieben hatte? Am 17.12.2013 !! Richtig gelesen, 2013, vor vier Jahren. Einen Tag vorher waren alle Staatssekretäre ernannt. Aber Tourismus war leider nicht dabei.

Mehrere Wochen später, am 3.2.2014 schrieb ich dann in den BBBs:

„Na endlich, könnte man sagen, wenn die späte Ernennung zur Tourismusbeauftragten nicht auch schon selbst ein (schlechtes) Signal wäre. Mit der Ernennung von Staatssekretären und Bundesbeauftragten ist die neue Bundesregierung nicht zimperlich gewesen. Die Anzahl insgesamt ist stark rekordverdächtig. Aber trotz dieser Ämterinflation hat es für eine/n eigenständige/n Tourismusbeauftragte/r „nicht gereicht“. Erst war mal Ernennungspause, als man danach wohl erst merkte, dass man „vielleicht oder eventuell“ auch noch etwas für den Tourismus tun müsste. Also hat Minister Gabriel schnell überlegt, wo man den Tourismus „anhängen könnte“. Irgendwie muss dann die Idee entstanden sein, das kann „die Iris doch so nebenbei mitmachen“. Bravo, der deutsche Tourismus bekommt mal wieder seinen (Nicht-) Stellenwert aufgezeigt.“

 

Und wo stehen wir heute, vier Jahre später?

Die Kanzlerin sagte bei der Eröffnung der diesjährigen ITB: „Herr Frenzel, ich kann Sie beruhigen…es wird auch wieder einen Tourismusbeauftragten oder eine Tourismusbeauftragte geben. Ansonsten würden wir uns gar nicht in Ihre Nähe trauen“. Letzteres sollte wohl ein kleines Scherzchen à la Merkel sein. Ich war bei dieser Veranstaltung nicht dabei, aber ich bin sicher, die Anwesenden haben sich wieder wie toll gefreut.

Aber im Moment stehen wir leider wieder am gleichen Punkt wie vor vier Jahren. Alle Staatssekretäre/Staatsminister wurden ernannt. Und wieder eine höhere Anzahl denn je. Beauftragte für was weiß ich noch alles, sind auch ernannt. Was fehlt, zumindest eine Woche danach? Tourismus!

Vier Jahren später die gleiche Blamage für die Branche wie bei der letzten Regierungsbildung. Na ja, irgendjemand wird es schon „mitmachen“.

Arme Branche, die sich schon freut, wenn die Kanzlerin das Wort „Tourismus“ erwähnt.

 

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ITB 2018: Tourismus zwischen „Digital und Analog“

Das war sie also, die ITB 2018. Es kam wie befürchtet, technische Begriffe verdrängten zumindest in der medialen Betrachtung das eigentliche Urlaubserlebnis. Schade. Wieder mal eine Chance vertan.

„Der Urlauber wird immer digitaler.“ Das ist schon sprachlich Unsinn. Ich bin gleich zum Spiegel gerannt um zu schauen, ob ich noch ein Mensch oder schon ein Binärcode bin.

Oder: „Der Tourismus wird immer digitaler“. Das ist genauso unpräzise. Nicht der Tourismus wird digitaler, sondern die „Touristik“, also das Business vom Tourismus wird digitaler. Digitalisierung ist nur ein Werkzeug und kein moderner Urlaub. Das eigentliche Urlaubserlebnis ist überwiegend „analog“ (um etwas ironisch den gegenteiligen Begriff zu digital zu verwenden).

Mein Urlaubshotel, egal ob vorgebucht oder online ausgesucht und virtuell angeschaut, ist sehr „körperlich“. Auch mein Hotelbett, eines der häufigsten Beschwerdethemen, in das ich hoffentlich abends glücklich sinke, ist sehr „analog“. Das Essen im Urlaubshotel, die Aussicht auf das Meer oder in die Berge, auch die Urlaubsflirts, die Luft in der Südsee, das sind die Erlebnisse, die primär entscheidend sind, ob der Urlauber zufrieden war und diese Zufriedenheit anderen erzählt und daraus dann neue Buchungen resultieren können.

Letztens wurde ich gefragt: „Ist Freundlichkeit in Zeiten der Digitalisierung noch zeitgemäß?“ Nicht nur, dass das zwei unterschiedliche Dinge sind, auch der Gedankengang, der sich dahinter verbirgt, ist erschreckend. Früher habe ich meinem Vortrag über Kundenorientierung „Sie sind heute so freundlich, geht es Ihnen nicht gut?“ in den Zeiten von permanenten Umstrukturierungsmaßnahmen damit begonnen „die Kosten sind jetzt in Ordnung, leider sind die Kunden weg“. Wahrscheinlich werde ich demnächst das Wort Umstrukturierungsmaßnahmen durch das Wort Digitalisierung ersetzen.

Wenn Digitalisierung Abläufe schneller macht, ist das vollkommen in Ordnung. Und viele Informationen in Echtzeit bringen dem Urlauber zusätzliche nützliche Urlaubsfreude. Das ist ein Urlaubs-Mehrwert. Aber der Urlauber wird dadurch nicht generell digitaler, er nutzt nur digitale Möglichkeiten.

Wenn aber der „Costcutter“ in der Firma der Treiber der Digitalisierung ist, dann wird es gefährlich, nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Urlauber. Das „Aber“ hat letzte Woche Prof. von Dörnberg (Hochschule Heilbronn) so formuliert: „Digitaler Wandel heißt auch, der Kunde übernimmt mehr Arbeiten vom Anbieter ohne Gegenleistung.“ Das ärgert auch mich schon lange.

Es gibt fast jedes Jahr ein beherrschendes Thema, das in den Medien für die jeweils aktuelle ITB steht. Wobei nicht immer klar ist, ob die Unternehmen die Medien treiben oder umgekehrt.

Besonders lustig wird es, wenn sich dann auch Politiker in die Diskussion einmischen und dabei unfreiwillig ihr Nichtwissen offenlegen. So meinte der NRW-Wirtschaftsminister von NRW, Andreas Pinkwart, auf der ITB, dass die Digitalisierung in der Tourismus-Branche noch nicht angekommen sei. „Wenn man unterwegs ist, ob in New York oder NRW“, so der Kosmopolit weiter, „erlebt man, dass sich viele lieber hinter der Rezeption oder noch lieber in dem Raum dahinter verschanzen statt die Zeit für den Kunden zu nutzen“. Tourismus-Bashing vom Feinsten und das als der für Tourismus zuständige Minister. Aber Pinkwart legte noch nach: „Die Unternehmen müssten ihre Mitarbeiter digital aufrüsten. Er sei überzeugt, dass die Digitalisierung insgesamt zu einer weiteren Zunahme von Reisen führen werde. Diese Reisen hätte dann deutlicheren Event-Charakter“.

Das muss man alles nicht verstehen, es sei denn, man ist überzeugt, dass der Minister „Digitalisierung im Tourismus“ überhaupt nicht verstanden hat. Kleiner Trost, zumindest sein Auftritt hatte deutlichen Event-Charakter.

Natürlich durfte auch das Thema Türkei-Buchungen auf der ITB nicht fehlen. Interpretation von Statistiken ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. So sollen die Türkei-Buchungen per Februar im Vergleich zum Vorjahr um 50% gestiegen sein. Alles prima? Wenn sie in den Vorjahren aber um 70% gesunken waren, bedeutet das, dass sie immer noch um 55% unter den Ausgangswerten lagen. Alles klar? Wenn dann der DRV-Vorsitzende Fiebig für 2018 voller Freude vom Comeback der Türkei spricht, klingt das super. Doof nur, dass der DRV nur wenige Tage vorher, Ende Februar, seine Jahrestagung in der Türkei abgesagt und nach Italien verlegt hat. Passt toll zusammen, nicht wahr?

Ich komme nochmal auf das „analoge“ Urlaubserlebnis zurück. Urlaub soll in erster Linie Freude, Spaß und glücklich machen. Entscheidend ist für die Mehrzahl der potenziellen Urlauber, dass sie im Urlaub glücklich sind. Marketingexperten empfehlen generell den Kunden dringend einzureden, dass sie mit dem Produkt XY glücklich sein werden. Warum nicht mal eine Marktforschung zur ITB anfordern, „wie glücklich Urlauber sind“.

Eine ITB-Überschrift: „Noch nie waren Urlauber im Urlaub so glücklich wie zur Zeit“, würde der Branche mehr bringen als „noch nie war die Branche so digital wie heute“.

Also hoffen wir auf Besserung für die ITB 2019.

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Was tun, wenn Touristen Einheimische vertreiben?

„Was tun, wenn Touristen Einheimische vertreiben?“
Deutschlandfunk Kultur, Homepage, 7.3.2018

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