Person | Interviews | Vorträge | Veröffentlichungen | Kontakt

Archiv für 2020

ITB hinter Mundschutz

Ich sehe jetzt schon die Headline „ITB hinter Mundschutz“ vor mir. Wohlmeinende setzen vielleicht noch ein Fragezeichen dahinter. Journalisten erzählen mir, wie sie derzeit noch von Verbands- und großen Touristikplayern mit allgemeinen Floskeln abgespeist werden.

Spätestens jetzt, nach dem sensationellen Sinneswandel unseres Gesundheitsministers innerhalb von 48 Stunden, hilft Abwiegeln nicht. Immer wenn Herr Spahn sich positiv äußert, aber versehen mit dem Wörtchen „derzeit“, weiß man, das vorhergesagte hilft uns nicht weiter.

Jetzt gilt es festzuhalten, der Coronavirus ist nicht nur in Deutschland, sondern spätestens seit Teneriffa, auch in der Touristik angekommen. Beide, Touristik und Flugbranche, sitzen wieder im gleichen Leidensboot. Es wird höchste Zeit, dass die Branche die aktive Hoheit über die Kommunikation zum Thema Coronavirus übernimmt.

Wiederum gilt „Emotionen kann man nicht mit Fakten bekämpfen, sondern wiederum nur mit Emotionen“. Hinweise auf die heftigste Grippewelle in Deutschland 2017/18 mit 25.100 Toten (lt. Robert-Koch-Institut) und trotzdem keine Absage der ITB sind jetzt in der Diskussion leider wenig hilfreich. Diese Todeszahl gilt zwar als ziemlich genau, aber es wurde damals nicht erfasst (mangels Interesse), wie viele der Opfer sich auf einer Messe angesteckt haben. Ebenso wenig hilfreich ist der Verweis auf 74.000 Tote in einem Jahr durch Alkohol (bzw. in Verbindung mit Tabak). Wobei ein Zusammenhang von ITB und Alkohol noch als unerforscht gilt.

Die WHO hat für das Jahr 2016 eine Zahl von weltweit 3 Mio. Tote durch Alkohol genannt, ohne einen internationalen Notstand auszurufen. Noch habe ich deshalb keinen Polizist vor einem Alkohol- oder Tabakladen gesehen.

Zurück zur ITB. Jetzt haben wir die Situation, dass Spahn offiziell darauf hinweist, dass wir am Beginn einer Epedemie stehen und Seehofer ihn auf der Pressekonferenz etwas süffisant ergänzt, „Beginn bedeutet, dass noch mehr kommen wird“.

Man muss sich gar nicht den Worst Case eines extremen Ausbruchs auf der Messe primär vorstellen, es genügt, wenn der erste Corona Verdacht während der Messe auftritt (die Bestätigung der Infektion wird erst später festgestellt werden können). Zuständig für die erste Entscheidung wird die Amtsärztin des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmerdorf sein. Ihr Spielraum hinsichtlich Stilllegung der Messe oder Teile der Messe dürfte angesichts des bisherigen üblichen Verfahrens in Deutschland sehr gering sein. Da kommt mir gerade in den Sinn, wie sich damals Hartmut Mehdorn darüber aufgeregt hat, dass die Entscheidung über die Genehmigung der Brandanlage des BER bei „einem Landrat im Spreewald liege“.

Wie auch immer die Entscheidung zur ITB ausfällt, die Branche muss ganz schnell insbesondere hinsichtlich des weiteren Buchungsverlaufs einen Masterplan Kommunikation vorlegen. Wie kann es sein, dass eine Branche die hinsichtlich Management in Krisensituationen Hervorragendes leistet, im Vorfeld bzw. Aufkommen von Problemen so lange kommunikativ den Kopf in den Sand steckt und kritische Fragen einfach negiert.

Auch ich habe da so meine Erfahrungen: Im Oktober 2002 hatte ich mir eine Menge Branchenärger eingehandelt, weil ich im Focus ein Interview gab, mit Ausblick auf die Zukunft, unter dem Titel: „Urlaub in Hotels hinter Stacheldraht“. Es hat nicht lange gedauert, dann waren die beschriebenen Sicherheitsmaßnahmen für Urlaubsflüge und -hotels Standard. Der Fatalismus der Urlauber hat das leichter weggesteckt, als die Kommunikationsabteilungen der Reisebranche.

Im Mai letzten Jahres habe ich hier an dieser Stelle geschrieben „Flugbranche bitte laut melden“ und um dann im August hier an dieser Stelle feststellen zu müssen „Flugbranche als Staatsfeind #1“.

Danach ist die Branche so langsam kommunikativ erwacht und in die Kommunikationsoffensive gegangen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings andere schon die Kommunikationshoheit übernommen.

Coronavirus ist nicht das Ende des Tourismus, also bringt „für das morgen“ zu arbeiten und bei potenziellen Kunden Vertrauen zu erwerben mehr, als „für das heute“ nur Placebo zu verteilen. Dazu wird auch zählen, das Thema Sicherungsschein endlich positiv kurzfristig zu erledigen und keine „Spielchen“ zu treiben.

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

Condor hat ihren Lewandowski gefunden

Mit ihren Eltern hatte die Condor in der Vergangenheit wenig Glück. Die letzten Eltern der Condor zeichneten sich dadurch aus, dass sie fast immer finanziell ziemlich klamm waren. Trotzdem hat sich die Condor erstaunlich gut gehalten. Aber noch nie war die Lage so ernst wie in den letzten Monaten. Der Traum vom „weißen Ritter“, den alle großen Firmen kurz vor der endgültigen Pleite haben, ging zum Glück bei Condor in Erfüllung. Condor wurde mal wieder „adoptiert“.

„LOT übernimmt Condor“ lautete die überraschende Schlagzeile, die nun wirklich niemand auf dem Vorhersage-Zettel hatte. Es wäre zu wünschen, dass diese verwandtschaftliche Beziehung richtig erfolgreich wird. In Anlehnung an die Slogans von Air Berlin aus ihrer erfolgreichen Zeit (beispielsweise „Fliegen ohne Air Berlin ist wie Auf ohne Atmen“), wird es jetzt bei Condor heißen: „Condor ohne LOT ist wie Bayern München ohne Lewandowski“.

Genau genommen heißen die neuen Eltern „Polska Grupa Lotnicza (PGL)“ (Muttergesellschaft von LOT). Aber erstens ist das etwas schwieriger auszusprechen und zweitens waren die korrekten Eltern- bzw. Großelternnamen in der Geschichte der Condor immer etwas komplizierter als gesprochen

Eigentlich gibt es bei Condor zwei Vorfahrenstämme. Einmal die 1955 von Norddeutscher Lloyd, Hamburg-Amerika-Linie, Deutsche Lufthansa und Deutsche Bundesbahn geborene Deutsche Flugdienst GmbH und fast parallel die 1957 von Dr. Oetker geborene Condor Flugdienst GmbH (also auch etwas Backpulver in der DNA). 1961 packte die Deutsche Lufthansa beides zusammen als Condor Flugdienst. Es begann die einzige eindeutige und auch schönste Lebensphase der Condor.

Der Verkauf von Condor in verschiedenen Phasen brachte wenig Glück. In der neuen Muttergesellschaft mit Neckermann, die sich ausgesprochen fantasielos C&N nannte, passte wenig zusammen. Die Veränderungen bei verschiedenen Muttergesellschaften wie KarstadtQuelle, Arcandor oder Thomas Cook waren für Condor in Folge immer ein Kampf ums Überleben. Bei den vielen Gerüchten über Notverkauf der Condor ging es nie darum die Condor, sondernd deren jeweilige Mutter zu retten.

Gemessen an den Geschäftsführern bzw. Aufsichtsräte vergangener Jahre, wie der spätere Fernsehshowmaster Wim Thoelke oder Eberhard von Brauchitsch, der später durch den Flick-Spendenskandal zweifelhafte Berühmtheit erlangte oder Thomas Middelhoff, der erst durch die touristischen Gazetten hochgelobt und später durch die „Gelben Seiten der Boulevard-Presse“ niedergeschrieben wurde oder Stefan Pichler, der es sogar wagte, den Namen Condor zu eliminieren, wofür man ihn noch heute eine „how dare you“ zurufen möchten, aber was ihm letztlich auch nicht gut bekam, ist die heutige Condor-Geschäftsführung „ziemlich normal“. Was an dieser Stelle als Kompliment und als Hoffnung auf gute Zeiten betrachtet werden sollte.

Vielleicht läutet das neue Dream-Team Condor/LOT ähnlich wie Bayern München/Lewandowski jetzt eine Saison für die Geschichtsbücher ein.

———————————————————————————————————

Nächste Woche muss ich „leider“ eine BBB zum Thema Kundengeldabsicherung schreiben. Was sich hier Teile der Branche und die Politik leisten muss dringen „gebissen“ werden. „Wird schon gut gehen“ ist keine Alternative

 

 

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

In 2020 wird alles besser. Wirklich?

2019 war für Tourismus und Fliegerei wahrlich kein Glanzjahr. Insofern könnte man annehmen, dass es nur besser werden könne. Da bin ich mir nicht so sicher. Schlechtleistung scheint zum System geworden zu sein und eine Trendwende ist nicht erkennbar.

178 Jahre nach der ersten Pauschalreise durch Thomas Cook, fahren die aktuellen Manager das Unternehmen gegen die Wand. Nicht nur, dass ein ehemals glorreiches Unternehmen sein unrühmliches Ende gefunden hat, es stürzt sowohl seine Kunden als auch die gesamte Branche in eine tiefe Krise.

Vor 103 Jahren wurde die Firma Boeing gegründet. Eine stolze Flugzeugfabrik, der Erstflug der B 747 im Februar 1969 (im gleichen Jahr wie die erste Mondlandung) zählt zu den Sternstunden der Fliegereigeschichte. Das Boeing-Arbeitspferd B 737 ist über mehrere Generationen hinweg gefertigt der weltweit meistgebaute Flugzeugtyp und wurde inzwischen über 10.000 mal verkauft. Aber mit der neuesten Version 737max gelingt es Boeing nicht, ein zuverlässiges Flugzeug zu fertigen. Nachdem alle Parkmöglichkeiten der gefertigten aber nicht einsatzfähigen Flugzeuge erschöpft sind, mehr als 400 Exemplare stehen inzwischen sinnlos auf irgendwelchen Parkplätzen rum, wird die weitere Fertigung jetzt endlich eingestellt. Aber die 737max ist nicht nur ein Boeing-Problem. Weltweit geraten dadurch Kunden und Zulieferer ohne eigenes Verschulden in tiefe wirtschaftliche Probleme.

Beiden Skandalen ist eines gemeinsam und das ist für mich die erschreckende Bilanz aus 2019, das bislang fast blinde Vertrauen der Kunden „in Sicherheit“, ein wesentlicher Erfolgsgarant für beide Industrien, ist zumindest fahrlässig, wenn nicht sogar mehr als fahrlässig, zerstört worden.

Laut Information des Konkursverwalters stand Thomas Cook zuletzt mit 10,8 Mrd. Euro im Minus. Auch ein sehr unfähiges Management schafft diese Anhäufung nicht in kurzer Zeit. Irgendwann muss es auch dort deutlich geworden sein, als immer noch Gelder buchender Kunden eingesammelt wurden, das dieses Konstrukt schief geht. Irgendwann muss auch der Politik und den Verbänden (in Deutschland) klar geworden sein, dass die Deckelung der Haftungs-Versicherungssumme in Höhe von 110 Mio. Euro nicht ausreichend sein wird. Fast alle haben aber zugesehen und gewartet bis es zum Crash kam.

Bei Boeing kommen laufend neue Einzelheiten ans Licht, wie die Firmenphilosophie nicht sachgerecht auf Mängelanzeigen aus dem Betrieb reagierte. Auch hier negierte man kritische Meldungen und bot Lösungen an, die im Verhältnis zum Problem eigentlich als außerordentliche Chuzpe bezeichnet werden muss. Auch hier haben Politik und FAA viel zu lange weggesehen (oder nicht begriffen), wie von Seiten des Managements getrickst wurde. Wird schon gutgehen. Ging aber nicht. So langsam wagen sich einige Whistleblower ans Licht der Öffentlichkeit und machen auch auf Probleme bei anderen Boeing-Typen aufmerksam.

Aber Vertrauen in Sicherheit wieder zu gewinnen, ist keine Sache, die sich mit dem Abriss des Kalenderblattes 31. Dezember 2019, automatisch einstellt.

Zumal verwunderlich ist, wie nonchalant die Verantwortlichen noch immer mit dem Thema Sicherungsschein für die Pauschalreise umgehen. Ihn zu beerdigen wäre ehrlicher, als ihn weiter auszugeben, in der schon einmal getrogenen Meinung, er wäre in „jedem Fall sicher“. Das gleiche gilt für die unverändert fehlende Absicherung für voraus gezahlte Flugtickets. Das sehr gelassene Lobby-Motto lautet: wenn es wieder mal schiefgeht, halten wir das schon aus. Offensichtlich halten Branche und Politik „Vertrauen“ nicht für eine harte Währung. „Gesagt“ und „Getan“ – selten war der Unterschied größer.

Ähnlich könnte man auf das Thema Schlechtleistung in der deutschen Fliegerei eingehen. Wobei der Fokus hier auf dem Gesamtpaket Flug liegen sollte. Ewig lange Schlangen an der Sicherheitskontrolle, zwei Stunden Wartezeit ist nicht mehr die Ausnahme, sie „versauen“ das Erlebnis Flug, bevor es angefangen hat. Aber dies wird inzwischen als „normal“ angesehen und es gibt keine ernsthaften Bemühungen, außer „staatstragenden Sonntagsworten“, dass sich dies in 2020 ändern sollte. In DUS darf die schon lange negativ beleumundete Sicherheitsfirma Kötter so einfach aus einem laufenden Vertrag aussteigen, weil sie keinen „Bock mehr“ auf eine ordentliche Leistungserfüllung hat.

Wenn es insgesamt nicht besser (seriöser) wird, könnte man leicht abgewandelt Christian Lindner (FDP) zitieren: Lieber nicht reisen, als schlecht reisen.

1989 war „Reisefreiheit“ das Wort des Jahres. Reisefreiheit heute kann man so definieren: „Jeder darf so schlecht reisen, wie ihm der ‚billige Preis‘ noch Spaß macht“, aber leider leiden auch jene darunter, die einen anderen Anspruch inklusive entsprechender Zahlungsbereitschaft haben.

Noch eine letzte „bissige Bemerkung“ zum Jahreswechsel. Gerüchteweise wird im Hintergrund nach einem neuen Bundes-Verkehrsminister gesucht. Ein Merkmal, angesichts der Vorgänger Scheuer, Dobrindt, Ramsauer, sollte angeblich absolutes Desinteresse für das Thema Flug sein. So jemand wird sich doch in Bayern finden lassen.

 

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)