Person | Interviews | Vorträge | Veröffentlichungen | Kontakt

Archiv für 2020

Mallorca-Urlauber: der unverdiente Sündenbock am Pranger

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt wieder. Der Regierung, oder besser gesagt den Regierungen von Bund und Bundesländern fällt es offensichtlich schwer, passende Antworten zu finden. Dabei scheint es auf der Hand zu liegen. Neben kritischen Wohn- bzw. Arbeitsverhältnisse, wo Verstöße gleich hohe Infiziertenzahlen bewirken, sind eine Vielzahl von Feiern zunehmend für regional Ausbrüche verantwortlich. Inwieweit Großdemonstrationen, zumeist vorsätzlich ohne Mund-/Nasenmasken, zu erhöhten Zahlen beitragen, ist statistisch noch nicht erwiesen.

Auf der Suche nach einfachen Erklärungen, möglichst auch im Zeitgeist liegend, bildet sich eine, nein d i e  Gefahrenquelle schlechthin, heraus: der Mallorca-Urlauber. Alle Vorurteile werden da bedient. Auf Mallorca, (= Ballermann), saufen und singen die doch nur, die sollen alle nur Urlaub in Deutschland machen, der Flug ist ohnehin extrem ansteckungsgefährdend, die Reisebranche will nur schnell wieder Geld verdienen und vieles mehr. Das Böse ist definiert und wurde von der Regierung mit der Reisewarnung für Mallorca auch bedient.

Ich möchte ganz in Ruhe einen differenzierten Blick auf diese Entscheidung werfen:

1.Wenn in Deutschland mindestens sieben Tage lang mehr als 50 Infizierte pro 100.000 Einwohner festgestellt werden, sollen restriktive Maßnahmen, gemeint sind Lockerungen aufgehoben werden. Dieser Tatbestand liegt auch für Mallorca vor. Aber, in Deutschland wird aus politischen Gründen, der zu sperrende Bezirk sehr klein gehalten, keine Landkreise mehr, möglichst nur Stadtviertel, am besten sogar nur einzelne Wohnblöcke. Bei Anwendung dieser Regel hätte auch keine Reisewarnung für ganz Mallorca ausgesprochen werden dürfen. Im weit überwiegenden Teil der Insel gibt es teilweise überhaupt keine mit Corona Infizierten.

2.Bei den infizierten Urlaubsrückkehrern liegen die Rückkehrer aus den Balkanländern weit an der Spitze. Eigenartiger Weise werden diese Zahlen bislang nicht thematisiert. Infizierte lt. RKI aus der 29. bis 32. Woche: Kosovo 1.096, Türkei 501, Kroatien 260, alle deutlich mehr als Gesamt-Spanien in diesem Zeitraum (107!).

3.Wenn schon ein Beschluss über Tests für Rückkehrer gefasst wird, müsste auch die konsequente Umsetzung sichergestellt werden. In TXL werden offiziell um 21.00 Uhr die Teststellen geschlossen, auch wenn danach noch bis zu 3 Flüge aus Mallorca landen. Außerdem dauert es zulange, bis den Urlaubern die Ergebnisse mitgeteilt werden. Erstaunlicherweise geht es bei den zu testeten Fußballprofis viel schneller.

4.Aber, auch Mallorca muss sich an die eigene Nase fassen. Wenn die Lokale mit der Ballermann Adresse Schinkenstraße von der Inselverwaltung geschlossen werden, aber vier prominente Lokale sich direkt um die Ecke in der Seitenstraße einen neuen Eingang schaffen und das nicht sanktioniert wird, muss man an der Glaubwürdigkeit der Verantwortlichen zweifeln.

5.Mallorca muss dringend und sofort sicherstellen, dass die hohe Zahl der Infizierten unter den spanischen Festlandtouristen (offensichtlich viele Partytouristen) nachhaltig gesenkt wird.

 

Ich sehe die Gefahr, dass Mallorca als symbolischer Sündenbock herhalten muss, um von den Fehlern der Politik abzulenken: zu lange Dauer bis Testergebnisse vorliegen, Probleme bei Weiterleitung und Nachverfolgung von angeordneten Quarantänemaßnahmen (Bleistift und Papier wegen fehlender Digitalisierung), die soviel gepriesene CoronaApp floppt noch immer (das ist besonders peinlich weil sie angeblich die beste in Europa sein sollte), kein konsequentes Durchgreifen bei Feiern (egal aus welchem Anlass), falsche Genehmigungspolitik bei Großdemos, keine konsequente Bußgelder bei Verstößen gegen Maskenpflicht, und noch einiges mehr. Gegen Corona hilft nur Konsequenz oder anders, aber typisch formuliert: „wir haben ein Umsetzungsproblem“.

Wir ächzen unter Corona, Existenzen gehen kaputt und das große Unternehmenssterben kommt erst noch. Aber wir pflegen unseren Föderalismus. Wer kann verstehen, dass beispielsweise numerische Beschränkungen bei einem Bundesland um eine Person höher oder niedriger sein kann, als beim Nachbar-Bundesland.

Bleibt zuletzt die deutsche Tourismuswirtschaft selbst. Neben dem „managen“ der aktuellen Probleme, was offensichtlich nicht immer gelingt, muss gerade jetzt für das Thema „Urlaub/Tourismus“ eine Zukunftsperspektive aufgezeigt werden. Das ist eigentlich Aufgabe für den Branchenführer und den großen Reiseverband. In die Offensive gehen, siehe auch zuletzt das zu lange Warten in der Klimadiskussion. Sorry, wenn ich das schreibe, meine Hoffnung geht gegen Null, aber man wird ja noch träumen dürfen.

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

Systemrelevant für Urlaubsländer

Das Klatschen ist in Corona Zeiten zum Symbol der Anerkennung für die „Helden des Alltags“ geworden, für jene die systemrelevant sind. Wie passt das mit den Bildern aus Mallorca zusammen, wo die ersten deutschen Touristen mit Klatschen begrüßt wurden? Kaum dem Shutdown entronnen haben diese ungeduldigen und undankbaren Deutschen nichts wichtigeres im Sinn, als so schnell wie möglich wieder zum Urlaub in alle Welt zu fliegen? Das ist oft die deutsche Sicht. Doch sehen wir es mal von der spanischen Seite. Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Macron erklärten vor kurzem in selten gewordener Einigkeit, dass mit 500 Mrd. Euro insbesondere den südlichen Mitgliedsländern geholfen werden soll. Unsere Kanzlerin will ihre Ratspräsidentschaft unter die Headline „Zusammenarbeit und Solidarität in der EU“ stellen. Wenn die Ankurbelung der Wirtschaft in den südlichen Ländern funktionieren soll, können jene nicht auf das verzichten, was mit ihr größtes Erfolgsmodell ist: Tourismus. Und vor allem funktioniert dies schneller als in jeder anderen Branche.

Die 11.000 Testpersonen, die jetzt auf Mallorca sind, sollen nicht testen, ob die Abfertigung an unseren Flughäfen noch funktioniert oder ob Tuifly nach wochenlanger Abstinenz noch den Flughafen Palma findet. Vielmehr geht es darum, dass die spanische Seite testen will, wie Tourismus auch in Corona-Zeiten funktionieren kann. Denn eine Welt „nach Corona“ wird es nicht geben. Es wird künftig nur eine Welt „mit Corona“ geben, wie es auch seit 2001 leider eine Welt mit Terrorismus gibt. Deshalb können diese Länder auch nicht warten, bis alles vorbei ist.

Aus diesem Grund haben auf Mallorca die Angestellten mit Mundschutz auf der Straße vor einem ausgewählten Hotel über eine ½ Stunde auf den ersten Bus mit deutschen Touristen gewartet, um diese dann mit sehr ernst gemeintem Beifall zu begrüßen. „Wir brauchen diese Einnahmen, sonst schaffen wir es nicht mehr.“ Bilder wie diese können komplexe Vorgänge manchmal besser abbilden.

Test heißt auch einen anderen Tourismus zu propagieren. Vor allem Massen zu entzerren, Mundschutz, Buffet-Essen anders zu gestalten, Hände desinfizieren, immer Abstand halten und Exzesse jeder Art zu vermeiden. Unser persönlicher Beitrag ist gefordert, dass wir unser Verhalten in Deutschland, dann auch wie selbstverständlich auf das Zielgebiet übertragen.

Mallorca soll zur Blaupause werden, damit Kanaren, Italien, Griechenland folgen können. Auch dort wird man die deutschen Touristen mit Beifall begrüßen. Auch die Türkei wartet auf deutsche Touristen, jetzt sogar mit TÜV-Garantie (leider gilt diese nicht für Erdogan). Erwähnen wir auch Tunesien, wie positiv waren wir auf dieses Land zu Beginn des arabischen Frühlings eingestimmt, Ägypten und viele mehr.

Das kann auch dazu führen, dass sich die Pauschalreise wieder neu erfinden muss. Sicherheit als umfassender Begriff. Sicherheit vor Ort und Sicherheit im Transport, hin und zurück. Auch wenn Außenminister Heiko Maas bis zuletzt versuchte Urlauber zu erschrecken mit dem Satz „wir holen nicht noch ein zweites mal Urlauber zurück“. Schon bei der letzten Rückholaktion war sein Anteil wesentlich geringer, als er uns in seiner Märchenstunde immer wieder erzählte. Deshalb ist auch die Rückholgarantie der Lufthansa gut, sie darf sie nur nicht auf bestimmte Buchungswege beschränken, damit würde der generelle Anspruch „wir holen zurück“ wertlos.

Ich hätte nicht gedacht, dass jemand in Sachen „Urlaub vermiesen“ Heiko Maas noch mal Konkurrenz macht. Doch dann habe ich „Hart aber fair“ in der letzten Woche gesehen mit Karl Lauterbach, dem leider irgendjemand ein Talkshow-Jahresabo für ARD und  ZDF geschenkt hat. Er sieht alles negativ, wobei konkrete Begründungen oft fehlen und wie „dynamisch“ die Wissensentwicklung bei den Virologen ist, haben wir zur Genüge erfahren. Und wagt er sich mal aus seinem Negativ-Häuschen heraus, wird es ganz schlimm. Seine Aussage: „Wir haben nach kontroverser Diskussion TUI gerettet“ und dann mit Blick auf DRV-Präsident Fiebig: „Da wäre es schön, jetzt auch mal Danke zu sagen“. Das zeigte deutlich, wo der Tourismus für ihn seinen Platz hat. Er offenbarte ein beschämendes Politikverständnis nach Gutsherrenart „Schön artig danke sagen“. Verteilen die Geschenke, statt notwendige Hilfen?

Was habe ich in diesem Moment bedauert, nicht in der Sendung gewesen zu sein. Ich hätte ihm geantwortet, „Sie sollten sich lieber entschuldigen dafür, dass Sie und Ihre Regierungs- und Parlamentskolleginnen und –kollegen Tausende von Mitarbeiter von Restaurants, Hotels, Reisebüros, Busunternehmer und Kleinveranstalter haben hängen lassen, dass Sie sich für diese Menschen wenig interessiert haben. Betriebe oft seit Generationen im Familienbesitz sausen jetzt in die Pleite und es wird hier Tausende von Arbeitslosen geben. Tourismus in Deutschland ist mehr als TUI. Die Tourismusbranche ging als erste in den Lockdown und hat keine Chance im Vergleich zu anderen Branchen, die ausgefallenen Umsätze auch nur einigermaßen zurückzuholen.

Als ich den Einspieler in der Sendung zum 1. Mallorca Flug gesehen habe, ist mir sofort aufgefallen, dass TUI-Vorstand Sebastian Ebel an Bord war. Ob DRV-Präsident Fiebich Herrn Ebel nicht kennt? Welche eine Chance wurde da vertan in der Diskussion, wie sicher es ist, im vollbesetzten Ferienflieger zu fliegen, darauf hinzuweisen, dass ein TUI-Vorstand „selbstverständlich“ vorbildlich persönlich mitfliegt. So eine Chance kommt so schnell nicht wieder.

Aber schauen wir mal aktuell auf die Vielzahl von Hotspots hierzulande, Schlachthof in Gütersloh mit inzwischen über 1.300 Infizierten, UPS-Unternehmen in Hannover-Langenhagen, Iduna Hochhaus und angrenzende Hochhäuser in Göttingen und leider andere mehr. Wann kommen die Reisewarnungen anderer Länder vor Reisen nach Deutschland? Oder was passiert, wenn deshalb die Urlaubsländer vor deutschen Touristen warnen. Dann ist Schluss mit Beifall.

 

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

Haltung statt Scherze

Am Mittwoch tagen sie wieder, die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten/innen, um das weitere Vorgehen in der Corona Krise zu besprechen. Abgesehen davon, dass die Mehrzahl der Länderfürsten am Ende ohnehin macht, was sie will, sollten jetzt endlich, auch für die folgenden Branchen eindeutige und sofortige Lockerungen beschlossen werden.

Gastronomie und Hotellerie

Warum sind ausgerechnet Gastronomie und Hotellerie so negativ im Fokus der Regierenden? Hygiene ist quasi Teil der DNA dieser Branche. Auf diesem hohen Standard (insbesondere im Vergleich mit der Hygiene in den Schulen) haben die meisten Restaurants und Hotels im Hinblick auf die Pandemie nochmals aufgerüstet. Es könnte sofort wieder losgehen.

Warum tut sich die Politik so schwer, endlich den Startschuss zu geben? Ein unglaubliches Argument kam nach der letzten Sitzung von der Kanzlerin: Problem ist, dass man nicht wisse, ob an einem Tisch eine Familie sitze oder Personen aus verschiedenen Hausständen. Wie bitte? Wo ist da das Problem? Das kann man regeln.

Wirklich unfassbar war jedoch der bayrische MP Söder: volle Freigabe auf absehbare Zeit nicht möglich, weil – Achtung – dort wird Alkohol getrunken und danach die Abstandsregel missachtet. Ich möchte lieber nicht wissen, welches Verständnis von Restaurants Herr Söder hat. Am 7.3. (da war Corona aber wirklich schon bekannt) fand im Landkreis Tirschenreuth (Teil von Bayern) das traditionelle Starkbierfest statt. Ergebnis: Im Corona-Hotspot Tirschenreuth gab es danach bis heute 1.114 Infizierte und 119 Todesfälle. Aber kann ein Starkbierfest der Maßstab für Alkoholgenuss in Restaurants sein? Ein ähnlicher Hotspot war in NRW der Landkreis Heinsberg. Ursache wohl zweifelsfrei eine Karnevalsitzung. Aber Karnevalstimmung ist den potenziellen Restaurant- und Hotelbesuchern angesichts der sich abzeichnenden wirtschaftlichen Lage schon lange vergangen.

Ungeachtet der Problematik waren Merkel und Söder in bester Stimmung und haben Scherze gemacht, wo man demnächst Urlaub machen könnte, in Bayern oder im Norden. Zur gleichen Zeit kämpfen viele Restaurants und Hotels, teilweise seit Generationen im Familienbesitz, um ihre Existenz oder haben sie schon verloren. Scherze sind da völlig unangebracht. Empathie kann man wahrscheinlich nicht erwarten, Anstand schon.

Die Aussage des Tourismusbeauftragten der Bundesregierung Thomas Bareiß „die Senkung des Mehrwertsteuersatzes ist für die Restaurants der Rettungsanker“ zeigt erneut mangelnde Kompetenz. Erstens: Das ist keine Soforthilfe, da kann ich einem Ertrinkenden auch zurufen „nächste Woche finden wieder Schwimmkurse statt“. Zweitens: Der verminderte MWSt-Satz soll die Nachfrage stimulieren, aber was nützt ein ermäßigter MWSt-Satz, wenn das Restaurant geschlossen ist.

Reisebüros

Ich habe es nicht für möglich gehalten, aber sie haben es getan. Die Reisebüros demonstrierten am 29.4. tatsächlich auf Straßen und Plätzen. Und noch überraschender, die Medien haben auch darüber prominent berichtet. Ob das aber die Politik beeindruckt?

Es gibt einen entscheidende Unterschied zu alle Branchen, die unter Corona leiden, weil sie keine Einnahmen haben. Die Reisebüros haben ausgerechnet jetzt Minus-Einnahmen, weil sie bereits erhaltene Provisionen auf Reisen, die jetzt alle storniert wurden, zurückzahlen müssen. Deshalb kann es hier nur eine Lösung geben: nicht rückzahlbare Zuschüsse, jetzt sofort. Da zählt ähnlich wie bei den Restaurants jeder Tag.

Für all jene, die meinen man können Reisebüros eins zu eins online ersetzen. Sprechen sie mal mit Reisenden, die in den letzten Wochen von „abgeschaltenen“ Hotlines Hilfe erhofften.

Tourismus

Außenminister Maas sprach zum ersten Mal für Deutschland eine „weltweite“ Reisewarnung aus. Die Warnung betraf im Unterschied zu sonst, nicht Probleme in einem oder mehreren Zielgebieten, sondern das Problem sind diesmal „wir selbst“. Die Reisewarnung ist ein generelles „Ausreiseverbot“. Und das macht es nun schwierig, bilaterale Möglichkeiten für Urlaubsreisen anzudenken.

In den Tagen danach hörte man von Maas nur das Wort „Luftbrücke“. Der Begriff „Luftbrücke“ ist seit der Versorgung West-Berlin in der Nachkriegszeit belegt, aber er wollte wohl dadurch die historische Bedeutung seines Tuns deutlich machen, Urlauber aus den Zielgebieten zurückzuholen. Die großartige Leistung der Krisenstäbe von Airlines und Reiseveranstalter an dieser Aktion ging dabei völlig unter. Abgesehen davon, es wurden nicht nur Urlauber zurückgeholt, sondern auch sehr viele Deutsche, die aus anderen Gründen im Ausland waren (Geschäftsleute, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen).

Der Außenminister hat es sich jetzt einfach gemacht und besonders vorschnell das „Ausreiseverbot“ bis 14.6. verlängert. Wenn der Außenminister bei der „Luftbrücke“ die Geschichtsbücher bemüht, sollt er noch mal weiterlesen: Die Macht der „Reisefreiheit“ war immer größer als die der „Ausreiseverbote“.

 

Die Verbandsvertreter müssen öffentlich jetzt deutlich werden: Wir wollen keine Scherze, keine unseriösen Vergleiche und keinen Fahrplan der Mini-Schritte. Nein, wir wollen am Mittwoch Haltung, Handeln und echte Soforthilfe.

 

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

Der Tourismus der Zukunft?

Der Tourismus wird nie mehr werden, wie er war? Alles ändert sich, natürlich auch hier. Dazu meinte Bertolt Brecht: Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten „Sie haben sich gar nicht verändert“. „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.

Erinnern Sie sich noch an das touristische Schreckenswort des Sommers 2019: „Overtourismus“. Das Thema schlechthin in der gesellschaftlichen Debatte und in den Medien rauf und runter. Die Richtung der Diskussion war immer: So kann es auf keinen Fall mit dem Tourismus weitergehen. Einer der Top-Manager der Branche prägte da den Satz: „Schlimmer als Overtourismus ist kein Tourismus zu haben“. Damals in anderem Kontext gemeint, hat sich dieser Satz ein 3/4-Jahr später brutal erfüllt.

Man muss mit Analogien immer vorsichtig sein, weil so 100% vergleichbar ist selten. Wir erinnern uns alle an 9/11, der bis dato schlimmste Moment in der Fliegerei. Auch damals: „Fliegen und Tourismus wird nie wieder so sein, wie es war. Geschäftsreisen werden künftig auf ein absolutes Minimum reduziert, Urlaubsreisen werden primär nicht mit dem Flugzeug stattfinden“. So groß war die Angst vor neuen terroristischen Anschlägen. Aber nicht jene, die vor Pessimismus die Segel streichen wollten haben obsiegt, sondern jene, die sofort in Angriff nahmen, was müssen wir „ändern“, um wieder reisen zu können.

Es wurden vorher undenkbare Sicherheitsmaßnahmen in der Fliegerei eingeführt. Jeder Fluggast wurde per Hand abgetastet, Urlauber mussten ihre Nagelschere abgeben, manchmal auch die Schuhe ausziehen, Mitnahme von Flüssigkeiten wurde auf ein absolutes Minimum reduziert.

Als ich im Oktober 2002 in einem Focus-Interview über die denkbare Zukunft des Urlaubs spekulierte und dies unter der Überschrift „Hotels mit Stacheldraht“ erschien, schrie die Branche auf. „Besonders gesicherte Hotels, mit bewaffnetem Personal am Hoteleingang“ – so will niemand Urlaub machen.

Jetzt, fast 20 Jahre später, ist das noch immer unser Alltag: Strenge Securitychecks, besonders gesicherte Hotels und Transfers im Zielgebiet, die von Militär begleitet werden. Das Erstaunliche ist: Wir haben uns daran gewöhnt. Fliegen hat sich verändert, insofern war die Prophezeiung richtig, aber wir flogen bis Corona mehr denn je. Unser Überlebenswille im Allgemeinen und unsere unstillbare Lust auf Reisen und Freiheit im Besonderen haben gesiegt.

Die jetzige Corona-Krise ist nochmals gravierender als 9/11. Keine Frage. Der Tourismus wird nie wieder werden, wie er war. Richtig, er wird anders werden und das muss nicht schlechter sein. Overtourismus soll nicht wieder ein Problem werden. Die alte Form von Strandurlaub, ist aus Klimagründen ohnehin umstritten. Und wie schön Urlaub in Deutschland sein kann, wurde immer mehr ins Bewusstsein gerückt.

Aber ungelöst und schlimmer denn je waren zum Schluss die Probleme, die aus dem Preiswettbewerb und dem daraus folgenden Kostendruck resultierten. Es wurden neue „Massen“ geschaffen, die mit dem alten Thema Massentourismus ursächlich nichts zu tun haben. Immer engere Sitzabstände in immer größeren Flugzeugen, lange Warteschlangen bei den Sicherheitskontrollen, mehr Urlauber in den Transferbussen und Kreuzfahrtschiffe mit 5.000 Betten. In diesen Punkten helfen keine kleinen Korrekturen, da muss man grundsätzlich ran. Wie das Thema terroristische Gefahr auch 20 Jahre nach 9/11 immer noch auf der aktuellen To-do-Liste der Fliegerei steht, wird uns auch dieser Virus (und vielleicht noch weitere) ebenfalls noch in 20 Jahren beschäftigen. Abstand halten, Social Distancing, wird bleiben und die vorher genannten „Massen“ können nicht mehr Teil künftiger Geschäftsmodellen sein.

Was mich aktuell stinksauer macht, sind die fast ausschließlich negativen Kommentare, die jetzt die politische und die mediale Diskussion bestimmen, wie lange jetzt Reisen nicht mehr gehen wird. Von Sommer 2020 bis 2021 und 2022 haben wir alles im Angebot. Und so richtig erst 2023, wenn überhaupt. Natürlich wie immer völlig undifferenziert.

Vorneweg Außenminister Maas, der sich zunehmend darin gefällt, ein vereinfachtes Negativszenario nach dem anderen hinsichtlich künftiger Reisen aufzuzeigen. Vollkommen daneben äußerte er sich jetzt in der Tagesschau, wenn er mal wieder jegliche Hoffnung auf eine Tourismus-Rückkehr glaubte dämpfen zu müssen. Wenn er dabei formulierte „eine normale Urlaubssaison mit vollen Strandbars und vollen Berghütten wird es diesen Sommer nicht geben können“, ist doch jetzt total an dem vorbei, was uns interessiert. Kein halbwegs vernünftiger Mensch träumt von „vollen Strandbars“ (für Herrn Maas ist das vielleicht sein Urlaub schlechthin), sondern nur von der Frage, wann werden Urlaubsreisen, natürlich mit gewissen Einschränkungen wieder möglich werden? Wenn er dann meint, „dies sei schwer zu prognostizieren“, kann ich nur sagen „so schlau sind wir auch“. Es verlangt niemand die 100% sichere Prognose, sondern denkbare Perspektiven mit irgendwo dem Licht am Ende des Tunnels.

Seine österreichische Kollegin hat sich beispielsweise schon an der Idee versucht, ob nicht Österreich und Deutschland für grenzüberschreitende Reisen eine bilaterale Vereinbarung treffen könnten. Das würde zwar der Fliegerei nicht helfen, aber zeigt, dass man auch grundsätzlich positiver an das Thema rangehen kann. Kroatien, Griechenland, jetzt auch Malta sind schon gesprächsbereit, wollen Perspektiven aufzeigen und etwas Hoffnung machen.

Ich plane weitere, mehr bissigere BBBs, in den nächsten Tagen folgen zu lassen. Im Fokus jene, über die sich jeder Touristiker gerade besonders ärgert. Unser  „Negativ-Tourismusminister Maas“, nichts sagen wäre gehaltvoller, der Tourismusbeauftragte Bareiß der die Mehrwertsteuersenkung für Gaststätten als „Rettungsanker“ bezeichnet oder auch Daniel Günther stellvertretend für seine Ministerpräsidentenkollegen/kolleginnen, die meinen ausgerechnet jetzt Förderalismus spielen zu müssen, in  Wirklichkeit aber persönliche Eitelkeiten ausleben .

Aber auch über die Tourismusbranche selbst wird zu reden sein, so ganz unschuldig ist sie an der öffentlichen Verunsicherung auch nicht und was sie spätestens jetzt ändern muss. Die Reisebüros wollen am 29.4. endlich laut werden und nicht weiter alles „erdulden“ wollen. Und zuletzt die Frage, werden Restaurants und Hotels wirklich als Letzte wieder öffnen dürfen? Eventuell sogar nach gewissen Etablissements?

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

ITB hinter Mundschutz

Ich sehe jetzt schon die Headline „ITB hinter Mundschutz“ vor mir. Wohlmeinende setzen vielleicht noch ein Fragezeichen dahinter. Journalisten erzählen mir, wie sie derzeit noch von Verbands- und großen Touristikplayern mit allgemeinen Floskeln abgespeist werden.

Spätestens jetzt, nach dem sensationellen Sinneswandel unseres Gesundheitsministers innerhalb von 48 Stunden, hilft Abwiegeln nicht. Immer wenn Herr Spahn sich positiv äußert, aber versehen mit dem Wörtchen „derzeit“, weiß man, das vorhergesagte hilft uns nicht weiter.

Jetzt gilt es festzuhalten, der Coronavirus ist nicht nur in Deutschland, sondern spätestens seit Teneriffa, auch in der Touristik angekommen. Beide, Touristik und Flugbranche, sitzen wieder im gleichen Leidensboot. Es wird höchste Zeit, dass die Branche die aktive Hoheit über die Kommunikation zum Thema Coronavirus übernimmt.

Wiederum gilt „Emotionen kann man nicht mit Fakten bekämpfen, sondern wiederum nur mit Emotionen“. Hinweise auf die heftigste Grippewelle in Deutschland 2017/18 mit 25.100 Toten (lt. Robert-Koch-Institut) und trotzdem keine Absage der ITB sind jetzt in der Diskussion leider wenig hilfreich. Diese Todeszahl gilt zwar als ziemlich genau, aber es wurde damals nicht erfasst (mangels Interesse), wie viele der Opfer sich auf einer Messe angesteckt haben. Ebenso wenig hilfreich ist der Verweis auf 74.000 Tote in einem Jahr durch Alkohol (bzw. in Verbindung mit Tabak). Wobei ein Zusammenhang von ITB und Alkohol noch als unerforscht gilt.

Die WHO hat für das Jahr 2016 eine Zahl von weltweit 3 Mio. Tote durch Alkohol genannt, ohne einen internationalen Notstand auszurufen. Noch habe ich deshalb keinen Polizist vor einem Alkohol- oder Tabakladen gesehen.

Zurück zur ITB. Jetzt haben wir die Situation, dass Spahn offiziell darauf hinweist, dass wir am Beginn einer Epedemie stehen und Seehofer ihn auf der Pressekonferenz etwas süffisant ergänzt, „Beginn bedeutet, dass noch mehr kommen wird“.

Man muss sich gar nicht den Worst Case eines extremen Ausbruchs auf der Messe primär vorstellen, es genügt, wenn der erste Corona Verdacht während der Messe auftritt (die Bestätigung der Infektion wird erst später festgestellt werden können). Zuständig für die erste Entscheidung wird die Amtsärztin des Berliner Bezirks Charlottenburg-Wilmerdorf sein. Ihr Spielraum hinsichtlich Stilllegung der Messe oder Teile der Messe dürfte angesichts des bisherigen üblichen Verfahrens in Deutschland sehr gering sein. Da kommt mir gerade in den Sinn, wie sich damals Hartmut Mehdorn darüber aufgeregt hat, dass die Entscheidung über die Genehmigung der Brandanlage des BER bei „einem Landrat im Spreewald liege“.

Wie auch immer die Entscheidung zur ITB ausfällt, die Branche muss ganz schnell insbesondere hinsichtlich des weiteren Buchungsverlaufs einen Masterplan Kommunikation vorlegen. Wie kann es sein, dass eine Branche die hinsichtlich Management in Krisensituationen Hervorragendes leistet, im Vorfeld bzw. Aufkommen von Problemen so lange kommunikativ den Kopf in den Sand steckt und kritische Fragen einfach negiert.

Auch ich habe da so meine Erfahrungen: Im Oktober 2002 hatte ich mir eine Menge Branchenärger eingehandelt, weil ich im Focus ein Interview gab, mit Ausblick auf die Zukunft, unter dem Titel: „Urlaub in Hotels hinter Stacheldraht“. Es hat nicht lange gedauert, dann waren die beschriebenen Sicherheitsmaßnahmen für Urlaubsflüge und -hotels Standard. Der Fatalismus der Urlauber hat das leichter weggesteckt, als die Kommunikationsabteilungen der Reisebranche.

Im Mai letzten Jahres habe ich hier an dieser Stelle geschrieben „Flugbranche bitte laut melden“ und um dann im August hier an dieser Stelle feststellen zu müssen „Flugbranche als Staatsfeind #1“.

Danach ist die Branche so langsam kommunikativ erwacht und in die Kommunikationsoffensive gegangen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings andere schon die Kommunikationshoheit übernommen.

Coronavirus ist nicht das Ende des Tourismus, also bringt „für das morgen“ zu arbeiten und bei potenziellen Kunden Vertrauen zu erwerben mehr, als „für das heute“ nur Placebo zu verteilen. Dazu wird auch zählen, das Thema Sicherungsschein endlich positiv kurzfristig zu erledigen und keine „Spielchen“ zu treiben.

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

Condor hat ihren Lewandowski gefunden

Mit ihren Eltern hatte die Condor in der Vergangenheit wenig Glück. Die letzten Eltern der Condor zeichneten sich dadurch aus, dass sie fast immer finanziell ziemlich klamm waren. Trotzdem hat sich die Condor erstaunlich gut gehalten. Aber noch nie war die Lage so ernst wie in den letzten Monaten. Der Traum vom „weißen Ritter“, den alle großen Firmen kurz vor der endgültigen Pleite haben, ging zum Glück bei Condor in Erfüllung. Condor wurde mal wieder „adoptiert“.

„LOT übernimmt Condor“ lautete die überraschende Schlagzeile, die nun wirklich niemand auf dem Vorhersage-Zettel hatte. Es wäre zu wünschen, dass diese verwandtschaftliche Beziehung richtig erfolgreich wird. In Anlehnung an die Slogans von Air Berlin aus ihrer erfolgreichen Zeit (beispielsweise „Fliegen ohne Air Berlin ist wie Auf ohne Atmen“), wird es jetzt bei Condor heißen: „Condor ohne LOT ist wie Bayern München ohne Lewandowski“.

Genau genommen heißen die neuen Eltern „Polska Grupa Lotnicza (PGL)“ (Muttergesellschaft von LOT). Aber erstens ist das etwas schwieriger auszusprechen und zweitens waren die korrekten Eltern- bzw. Großelternnamen in der Geschichte der Condor immer etwas komplizierter als gesprochen

Eigentlich gibt es bei Condor zwei Vorfahrenstämme. Einmal die 1955 von Norddeutscher Lloyd, Hamburg-Amerika-Linie, Deutsche Lufthansa und Deutsche Bundesbahn geborene Deutsche Flugdienst GmbH und fast parallel die 1957 von Dr. Oetker geborene Condor Flugdienst GmbH (also auch etwas Backpulver in der DNA). 1961 packte die Deutsche Lufthansa beides zusammen als Condor Flugdienst. Es begann die einzige eindeutige und auch schönste Lebensphase der Condor.

Der Verkauf von Condor in verschiedenen Phasen brachte wenig Glück. In der neuen Muttergesellschaft mit Neckermann, die sich ausgesprochen fantasielos C&N nannte, passte wenig zusammen. Die Veränderungen bei verschiedenen Muttergesellschaften wie KarstadtQuelle, Arcandor oder Thomas Cook waren für Condor in Folge immer ein Kampf ums Überleben. Bei den vielen Gerüchten über Notverkauf der Condor ging es nie darum die Condor, sondernd deren jeweilige Mutter zu retten.

Gemessen an den Geschäftsführern bzw. Aufsichtsräte vergangener Jahre, wie der spätere Fernsehshowmaster Wim Thoelke oder Eberhard von Brauchitsch, der später durch den Flick-Spendenskandal zweifelhafte Berühmtheit erlangte oder Thomas Middelhoff, der erst durch die touristischen Gazetten hochgelobt und später durch die „Gelben Seiten der Boulevard-Presse“ niedergeschrieben wurde oder Stefan Pichler, der es sogar wagte, den Namen Condor zu eliminieren, wofür man ihn noch heute eine „how dare you“ zurufen möchten, aber was ihm letztlich auch nicht gut bekam, ist die heutige Condor-Geschäftsführung „ziemlich normal“. Was an dieser Stelle als Kompliment und als Hoffnung auf gute Zeiten betrachtet werden sollte.

Vielleicht läutet das neue Dream-Team Condor/LOT ähnlich wie Bayern München/Lewandowski jetzt eine Saison für die Geschichtsbücher ein.

———————————————————————————————————

Nächste Woche muss ich „leider“ eine BBB zum Thema Kundengeldabsicherung schreiben. Was sich hier Teile der Branche und die Politik leisten muss dringen „gebissen“ werden. „Wird schon gut gehen“ ist keine Alternative

 

 

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)

In 2020 wird alles besser. Wirklich?

2019 war für Tourismus und Fliegerei wahrlich kein Glanzjahr. Insofern könnte man annehmen, dass es nur besser werden könne. Da bin ich mir nicht so sicher. Schlechtleistung scheint zum System geworden zu sein und eine Trendwende ist nicht erkennbar.

178 Jahre nach der ersten Pauschalreise durch Thomas Cook, fahren die aktuellen Manager das Unternehmen gegen die Wand. Nicht nur, dass ein ehemals glorreiches Unternehmen sein unrühmliches Ende gefunden hat, es stürzt sowohl seine Kunden als auch die gesamte Branche in eine tiefe Krise.

Vor 103 Jahren wurde die Firma Boeing gegründet. Eine stolze Flugzeugfabrik, der Erstflug der B 747 im Februar 1969 (im gleichen Jahr wie die erste Mondlandung) zählt zu den Sternstunden der Fliegereigeschichte. Das Boeing-Arbeitspferd B 737 ist über mehrere Generationen hinweg gefertigt der weltweit meistgebaute Flugzeugtyp und wurde inzwischen über 10.000 mal verkauft. Aber mit der neuesten Version 737max gelingt es Boeing nicht, ein zuverlässiges Flugzeug zu fertigen. Nachdem alle Parkmöglichkeiten der gefertigten aber nicht einsatzfähigen Flugzeuge erschöpft sind, mehr als 400 Exemplare stehen inzwischen sinnlos auf irgendwelchen Parkplätzen rum, wird die weitere Fertigung jetzt endlich eingestellt. Aber die 737max ist nicht nur ein Boeing-Problem. Weltweit geraten dadurch Kunden und Zulieferer ohne eigenes Verschulden in tiefe wirtschaftliche Probleme.

Beiden Skandalen ist eines gemeinsam und das ist für mich die erschreckende Bilanz aus 2019, das bislang fast blinde Vertrauen der Kunden „in Sicherheit“, ein wesentlicher Erfolgsgarant für beide Industrien, ist zumindest fahrlässig, wenn nicht sogar mehr als fahrlässig, zerstört worden.

Laut Information des Konkursverwalters stand Thomas Cook zuletzt mit 10,8 Mrd. Euro im Minus. Auch ein sehr unfähiges Management schafft diese Anhäufung nicht in kurzer Zeit. Irgendwann muss es auch dort deutlich geworden sein, als immer noch Gelder buchender Kunden eingesammelt wurden, das dieses Konstrukt schief geht. Irgendwann muss auch der Politik und den Verbänden (in Deutschland) klar geworden sein, dass die Deckelung der Haftungs-Versicherungssumme in Höhe von 110 Mio. Euro nicht ausreichend sein wird. Fast alle haben aber zugesehen und gewartet bis es zum Crash kam.

Bei Boeing kommen laufend neue Einzelheiten ans Licht, wie die Firmenphilosophie nicht sachgerecht auf Mängelanzeigen aus dem Betrieb reagierte. Auch hier negierte man kritische Meldungen und bot Lösungen an, die im Verhältnis zum Problem eigentlich als außerordentliche Chuzpe bezeichnet werden muss. Auch hier haben Politik und FAA viel zu lange weggesehen (oder nicht begriffen), wie von Seiten des Managements getrickst wurde. Wird schon gutgehen. Ging aber nicht. So langsam wagen sich einige Whistleblower ans Licht der Öffentlichkeit und machen auch auf Probleme bei anderen Boeing-Typen aufmerksam.

Aber Vertrauen in Sicherheit wieder zu gewinnen, ist keine Sache, die sich mit dem Abriss des Kalenderblattes 31. Dezember 2019, automatisch einstellt.

Zumal verwunderlich ist, wie nonchalant die Verantwortlichen noch immer mit dem Thema Sicherungsschein für die Pauschalreise umgehen. Ihn zu beerdigen wäre ehrlicher, als ihn weiter auszugeben, in der schon einmal getrogenen Meinung, er wäre in „jedem Fall sicher“. Das gleiche gilt für die unverändert fehlende Absicherung für voraus gezahlte Flugtickets. Das sehr gelassene Lobby-Motto lautet: wenn es wieder mal schiefgeht, halten wir das schon aus. Offensichtlich halten Branche und Politik „Vertrauen“ nicht für eine harte Währung. „Gesagt“ und „Getan“ – selten war der Unterschied größer.

Ähnlich könnte man auf das Thema Schlechtleistung in der deutschen Fliegerei eingehen. Wobei der Fokus hier auf dem Gesamtpaket Flug liegen sollte. Ewig lange Schlangen an der Sicherheitskontrolle, zwei Stunden Wartezeit ist nicht mehr die Ausnahme, sie „versauen“ das Erlebnis Flug, bevor es angefangen hat. Aber dies wird inzwischen als „normal“ angesehen und es gibt keine ernsthaften Bemühungen, außer „staatstragenden Sonntagsworten“, dass sich dies in 2020 ändern sollte. In DUS darf die schon lange negativ beleumundete Sicherheitsfirma Kötter so einfach aus einem laufenden Vertrag aussteigen, weil sie keinen „Bock mehr“ auf eine ordentliche Leistungserfüllung hat.

Wenn es insgesamt nicht besser (seriöser) wird, könnte man leicht abgewandelt Christian Lindner (FDP) zitieren: Lieber nicht reisen, als schlecht reisen.

1989 war „Reisefreiheit“ das Wort des Jahres. Reisefreiheit heute kann man so definieren: „Jeder darf so schlecht reisen, wie ihm der ‚billige Preis‘ noch Spaß macht“, aber leider leiden auch jene darunter, die einen anderen Anspruch inklusive entsprechender Zahlungsbereitschaft haben.

Noch eine letzte „bissige Bemerkung“ zum Jahreswechsel. Gerüchteweise wird im Hintergrund nach einem neuen Bundes-Verkehrsminister gesucht. Ein Merkmal, angesichts der Vorgänger Scheuer, Dobrindt, Ramsauer, sollte angeblich absolutes Desinteresse für das Thema Flug sein. So jemand wird sich doch in Bayern finden lassen.

 

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)