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60 Jahre Condor

Wenn man es genau nimmt, wurde die Condor, als Deutsche Luftreederei schon am 21.5.1955 gegründet, ist also schon seit Mai 2015 60 Jahre alt. Wenn man es noch genauer nimmt, hieß sie aber erst ab 1.11.1961 Condor (nach Verschmelzung mit Condor Luftreederei), also hätte man sogar noch etwas Zeit mit der Geburtstagsfeier. Aber wie man hört, hat sich die Condor Geschäftsleitung entschlossen ein anderes Datum als Geburtstag zu feiern: 29.3.1956, erster Flug mit einer Vickers Viking nach Jerusalem. Schade, dass es keinen Geburtstags-Jubiläumsflug gibt, jetzt an Ostern nach Jerusalem, das wäre es doch gewesen. Wirklich schade.

Von diesen 60 Jahren, habe ich 18 ½ Jahre (vom 1.1.1969 bis 30.6.1987) ziemlich aktiv mitgestaltet. Deshalb gibt es heute ein BBB-Special mit „besonderen Erlebnissen“ aus dieser Zeit.

Mein erster Arbeitstag bei Condor
Die kaufmännische Abteilung der Condor befand sich damals nicht am Flughafen, sondern in einer Wohnsiedlung, in Neu Isenburg-Gravenbruch, im ersten OG eines Supermarktes. Da war wenig vom „Duft der großen weiten Welt“ zu spüren. An meinem ersten Arbeitstag stand ich morgens vor einer verschlossenen Condor-Tür. Die Minuten rannten und selbst zum Zeitpunkt des mir genannten offiziellen Arbeitsbeginnes (8.00 Uhr?), war niemand da. War die Condor eventuell umgezogen und man hatte vergessen mir das zu sagen? Oder waren die ersten Tage im Jahr noch Betriebsferien? Ca. eine Viertelstunde nach offiziellem Arbeitsbeginn erschien eine sympathische Dame, die zufälligerweise genau so hieß wie der Supermarkt im Erdgeschoss und schloss die Tür auf. Auf meinen wahrscheinlich ziemlich verdutzten Gesichtsausdruck entgegnete sie, „mit dem Arbeitsbeginn nehmen wir das hier bei Condor nicht so genau“.

Der erste Arbeitstag als Kostenrechner war auch sonst eine Katastrophe. Während ich viele und ziemlich einfache Fragen zum Thema Flugzeug stellte (ich hatte bis dato noch nie ein Flugzeug aus der Nähe gesehen), verpufften umgekehrt meine sämtlichen Fragen zum Thema Kostenrechnung mehr oder weniger ins Leere. Steinzeitlich, wurde die Kostenrechnung noch per Hand gemacht und als ich nach der maschinellen Kostenrechnung fragte, öffnete ein Mitarbeiter (ein Ex-Flugingenieur) einen Stahlschrank, aus dem jede Menge EDV-Listen purzelten, mit der Bemerkung „alles falsch“. Kein Wunder, dass sich die Mitarbeiter schon am ersten Tag beim Chef über mich beschwerten, „der Neue ist so doof, der hat von nichts eine Ahnung, den können Sie gleich wieder rauswerfen“. Meine Antwort an die Mitarbeiter: „Ich bin zwar der einzige hier im Raum, der noch nie ein Flugzeug aus der Nähe gesehen hat, aber ich bin auch der einzige im Raum, der jemals eine funktionierende Kostenrechnung aus der Nähe gesehen hat“.

An einem der nächsten Tage betrat ein „leibhaftiger“ Flugkapitän, Cpt.Z. die Kostenrechnung und fragte nach Herrn H. (den bisherigen Leiter der Kostenrechnung) und sagte zu ihm „drehen sie sich mal um“. Auf die Frage „warum“ kam die Antwort, „damit ich Ihnen besser in den A…. treten kann“. Es gab wohl Abrechnungsprobleme, die aber jetzt auf Anhieb gelöst werden konnten.

Zu diesem „unkonventionellen Umgang miteinander“ passte auch der spätere Presse-Chef. Wenn er sich während der erweiterten Geschäftsführersitzung ärgerte, schaltete er einfach demonstrativ sein Hörgerät aus.

Die Lektion fürs Leben
Nach einem Monat war ich so genervt, dass ich mir einen Termin beim kaufmännischen Chef geben ließ, mit der festen Absicht zu kündigen. Ich schilderte ihm das ganze Elend und wollte das mit dem Satz „und deshalb kündige ich“ abschließen. Aber bei „deshalb“ unterbrach er mich und vollendete selbst „und deshalb haben wir sie geholt, damit sie das hier in Ordnung bringen“, stand auf und ging zu seinem nächsten Termin. Das war nicht nur peinlich, sondern auch die erste bei Condor gelernte Lektion, „never give up“.

Aber sonst war die Stimmung bei Condor super
Es war ein junges Team, das tagsüber arbeitete und fast jeden Abend zum Abschluss noch etwas feierte. „Sozialisiert“ hatte ich mich über das Bowlingteam der Condor. An den regelmäßigen Trainingsabenden (geleitet von der legendären Chefsekretärin Hannes Griessel) nahmen Mitarbeiter quer aus der Firma, inklusive fliegendes Personal, teil. Anschließend ging es nach Sachsenhausen zum Nachglühen. Lektion Nr. 2: Wenn es mit den Kontakten auf formalem Weg nicht klappt, versuche es mit den informellen Kontakten.

Vorbild für gutes Betriebsklima war der Geschäftsführer für Flugbetrieb, Verkauf und Marketing, Herbert Wendlik. Sein nachts auf der Mundharmonika gespieltes „El Condor pasa“, war immer Mitarbeiter-Motivation für die nächsten Wochen, mehr hätte auch eine Gehaltserhöhung nicht erreicht. Ich erinnere mich an eine Betriebsfeier, zu der auch Ehepartner eingeladen waren, als er sich den Ehefrauen als „Chauffeur der Condor“ vorstellte und diese Rolle bis nachts durchhielt. Was da so konsumiert wurde, hat die Getränkebranche von Neu Isenburg am Leben gehalten. Das „Betriebsklima“ wurde gesteigert, als Condor in das Industriegebiet in Neu Isenburg umzog. Der Renner dort waren der Swimmingpool und der Bungalow im Garten hinter dem Bürogebäude. Wenn bis zum Ende einer Party nicht jemand versehentlich in den Pool gefallen war, musste sich zum Schluss jemand opfern. Und über die „Geister“ die sich nachts Zutritt in den Bungalow verschafften (eigenartigerweise mit Schlüssel) und dort wegen Verlängerung einer anderweitigen Party den Kühlschrank leerten, soll der Mantel des Schweigens gelegt werden.
Das gleiche gilt für das legendäre Crewhaus in Palma. Bekanntlicherweise geht außerhalb der Homebase immer etwas mehr (wird allgemein als neutrales Gebiet angesehen). Der Ritt eines Mitarbeiters auf einem Pferd in die Hotellobby ist kein Gerücht, sondern verbürgt.

Fortsetzung folgt in 14 Tagen in den nächsten BBBs (nächste Woche haben die BBBs Osterferien), u.a. mit:

Bei Condor wurde auch hart gearbeitet. Die Spitzenleistung der gesamten Condor-Mannschaft: Condor will als erste Chartergesellschaft der Welt den neuen Jumbo B 747 einsetzen. Das Credo des Geschäftsführers Wendlik „Wir schaffen das“. Fritz und Max werden zur Legende.
Alle sind traurig, aus B 747 wird DC 10
Ein Geschäftsführer, der als Kundenbindung seine Armbanduhr vorsätzlich ins Wasser wirft
Ein Schäferhund sitzt immer bei den Verkaufsverhandlungen mit Hetzel am Tisch dabei.
Die Welturaufführung eines Films an Bord der Condor wird zum Flop
Also, in 14 Tagen geht es weiter …..
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Wer die Geschichte der Condor (von Beginn bis 2011) ganz genau und sehr ausführlich lesen möchte, dem sei „Condor – Ferienflieger mit Tradition“ von (Condor-)Flugkapitän Karl-Peter Ritter empfohlen (ISBN: 978-3-9814609-0-2).
Auch wer sich nicht für Condor, sondern nur für Flugzeuge allgemein interessiert, wird an den herrlichen Flugzeugbildern seine große Freude haben. Wirklich aus voller Überzeugung empfehlenswert.

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