Person | Interviews | Vorträge | Veröffentlichungen | Kontakt

Der Tourismus der Zukunft?

Der Tourismus wird nie mehr werden, wie er war? Alles ändert sich, natürlich auch hier. Dazu meinte Bertolt Brecht: Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten „Sie haben sich gar nicht verändert“. „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.

Erinnern Sie sich noch an das touristische Schreckenswort des Sommers 2019: „Overtourismus“. Das Thema schlechthin in der gesellschaftlichen Debatte und in den Medien rauf und runter. Die Richtung der Diskussion war immer: So kann es auf keinen Fall mit dem Tourismus weitergehen. Einer der Top-Manager der Branche prägte da den Satz: „Schlimmer als Overtourismus ist kein Tourismus zu haben“. Damals in anderem Kontext gemeint, hat sich dieser Satz ein 3/4-Jahr später brutal erfüllt.

Man muss mit Analogien immer vorsichtig sein, weil so 100% vergleichbar ist selten. Wir erinnern uns alle an 9/11, der bis dato schlimmste Moment in der Fliegerei. Auch damals: „Fliegen und Tourismus wird nie wieder so sein, wie es war. Geschäftsreisen werden künftig auf ein absolutes Minimum reduziert, Urlaubsreisen werden primär nicht mit dem Flugzeug stattfinden“. So groß war die Angst vor neuen terroristischen Anschlägen. Aber nicht jene, die vor Pessimismus die Segel streichen wollten haben obsiegt, sondern jene, die sofort in Angriff nahmen, was müssen wir „ändern“, um wieder reisen zu können.

Es wurden vorher undenkbare Sicherheitsmaßnahmen in der Fliegerei eingeführt. Jeder Fluggast wurde per Hand abgetastet, Urlauber mussten ihre Nagelschere abgeben, manchmal auch die Schuhe ausziehen, Mitnahme von Flüssigkeiten wurde auf ein absolutes Minimum reduziert.

Als ich im Oktober 2002 in einem Focus-Interview über die denkbare Zukunft des Urlaubs spekulierte und dies unter der Überschrift „Hotels mit Stacheldraht“ erschien, schrie die Branche auf. „Besonders gesicherte Hotels, mit bewaffnetem Personal am Hoteleingang“ – so will niemand Urlaub machen.

Jetzt, fast 20 Jahre später, ist das noch immer unser Alltag: Strenge Securitychecks, besonders gesicherte Hotels und Transfers im Zielgebiet, die von Militär begleitet werden. Das Erstaunliche ist: Wir haben uns daran gewöhnt. Fliegen hat sich verändert, insofern war die Prophezeiung richtig, aber wir flogen bis Corona mehr denn je. Unser Überlebenswille im Allgemeinen und unsere unstillbare Lust auf Reisen und Freiheit im Besonderen haben gesiegt.

Die jetzige Corona-Krise ist nochmals gravierender als 9/11. Keine Frage. Der Tourismus wird nie wieder werden, wie er war. Richtig, er wird anders werden und das muss nicht schlechter sein. Overtourismus soll nicht wieder ein Problem werden. Die alte Form von Strandurlaub, ist aus Klimagründen ohnehin umstritten. Und wie schön Urlaub in Deutschland sein kann, wurde immer mehr ins Bewusstsein gerückt.

Aber ungelöst und schlimmer denn je waren zum Schluss die Probleme, die aus dem Preiswettbewerb und dem daraus folgenden Kostendruck resultierten. Es wurden neue „Massen“ geschaffen, die mit dem alten Thema Massentourismus ursächlich nichts zu tun haben. Immer engere Sitzabstände in immer größeren Flugzeugen, lange Warteschlangen bei den Sicherheitskontrollen, mehr Urlauber in den Transferbussen und Kreuzfahrtschiffe mit 5.000 Betten. In diesen Punkten helfen keine kleinen Korrekturen, da muss man grundsätzlich ran. Wie das Thema terroristische Gefahr auch 20 Jahre nach 9/11 immer noch auf der aktuellen To-do-Liste der Fliegerei steht, wird uns auch dieser Virus (und vielleicht noch weitere) ebenfalls noch in 20 Jahren beschäftigen. Abstand halten, Social Distancing, wird bleiben und die vorher genannten „Massen“ können nicht mehr Teil künftiger Geschäftsmodellen sein.

Was mich aktuell stinksauer macht, sind die fast ausschließlich negativen Kommentare, die jetzt die politische und die mediale Diskussion bestimmen, wie lange jetzt Reisen nicht mehr gehen wird. Von Sommer 2020 bis 2021 und 2022 haben wir alles im Angebot. Und so richtig erst 2023, wenn überhaupt. Natürlich wie immer völlig undifferenziert.

Vorneweg Außenminister Maas, der sich zunehmend darin gefällt, ein vereinfachtes Negativszenario nach dem anderen hinsichtlich künftiger Reisen aufzuzeigen. Vollkommen daneben äußerte er sich jetzt in der Tagesschau, wenn er mal wieder jegliche Hoffnung auf eine Tourismus-Rückkehr glaubte dämpfen zu müssen. Wenn er dabei formulierte „eine normale Urlaubssaison mit vollen Strandbars und vollen Berghütten wird es diesen Sommer nicht geben können“, ist doch jetzt total an dem vorbei, was uns interessiert. Kein halbwegs vernünftiger Mensch träumt von „vollen Strandbars“ (für Herrn Maas ist das vielleicht sein Urlaub schlechthin), sondern nur von der Frage, wann werden Urlaubsreisen, natürlich mit gewissen Einschränkungen wieder möglich werden? Wenn er dann meint, „dies sei schwer zu prognostizieren“, kann ich nur sagen „so schlau sind wir auch“. Es verlangt niemand die 100% sichere Prognose, sondern denkbare Perspektiven mit irgendwo dem Licht am Ende des Tunnels.

Seine österreichische Kollegin hat sich beispielsweise schon an der Idee versucht, ob nicht Österreich und Deutschland für grenzüberschreitende Reisen eine bilaterale Vereinbarung treffen könnten. Das würde zwar der Fliegerei nicht helfen, aber zeigt, dass man auch grundsätzlich positiver an das Thema rangehen kann. Kroatien, Griechenland, jetzt auch Malta sind schon gesprächsbereit, wollen Perspektiven aufzeigen und etwas Hoffnung machen.

Ich plane weitere, mehr bissigere BBBs, in den nächsten Tagen folgen zu lassen. Im Fokus jene, über die sich jeder Touristiker gerade besonders ärgert. Unser  „Negativ-Tourismusminister Maas“, nichts sagen wäre gehaltvoller, der Tourismusbeauftragte Bareiß der die Mehrwertsteuersenkung für Gaststätten als „Rettungsanker“ bezeichnet oder auch Daniel Günther stellvertretend für seine Ministerpräsidentenkollegen/kolleginnen, die meinen ausgerechnet jetzt Förderalismus spielen zu müssen, in  Wirklichkeit aber persönliche Eitelkeiten ausleben .

Aber auch über die Tourismusbranche selbst wird zu reden sein, so ganz unschuldig ist sie an der öffentlichen Verunsicherung auch nicht und was sie spätestens jetzt ändern muss. Die Reisebüros wollen am 29.4. endlich laut werden und nicht weiter alles „erdulden“ wollen. Und zuletzt die Frage, werden Restaurants und Hotels wirklich als Letzte wieder öffnen dürfen? Eventuell sogar nach gewissen Etablissements?

Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Meinung ist gern gesehen. (hier klicken)