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ITB 2018: Tourismus zwischen „Digital und Analog“

Das war sie also, die ITB 2018. Es kam wie befürchtet, technische Begriffe verdrängten zumindest in der medialen Betrachtung das eigentliche Urlaubserlebnis. Schade. Wieder mal eine Chance vertan.

„Der Urlauber wird immer digitaler.“ Das ist schon sprachlich Unsinn. Ich bin gleich zum Spiegel gerannt um zu schauen, ob ich noch ein Mensch oder schon ein Binärcode bin.

Oder: „Der Tourismus wird immer digitaler“. Das ist genauso unpräzise. Nicht der Tourismus wird digitaler, sondern die „Touristik“, also das Business vom Tourismus wird digitaler. Digitalisierung ist nur ein Werkzeug und kein moderner Urlaub. Das eigentliche Urlaubserlebnis ist überwiegend „analog“ (um etwas ironisch den gegenteiligen Begriff zu digital zu verwenden).

Mein Urlaubshotel, egal ob vorgebucht oder online ausgesucht und virtuell angeschaut, ist sehr „körperlich“. Auch mein Hotelbett, eines der häufigsten Beschwerdethemen, in das ich hoffentlich abends glücklich sinke, ist sehr „analog“. Das Essen im Urlaubshotel, die Aussicht auf das Meer oder in die Berge, auch die Urlaubsflirts, die Luft in der Südsee, das sind die Erlebnisse, die primär entscheidend sind, ob der Urlauber zufrieden war und diese Zufriedenheit anderen erzählt und daraus dann neue Buchungen resultieren können.

Letztens wurde ich gefragt: „Ist Freundlichkeit in Zeiten der Digitalisierung noch zeitgemäß?“ Nicht nur, dass das zwei unterschiedliche Dinge sind, auch der Gedankengang, der sich dahinter verbirgt, ist erschreckend. Früher habe ich meinem Vortrag über Kundenorientierung „Sie sind heute so freundlich, geht es Ihnen nicht gut?“ in den Zeiten von permanenten Umstrukturierungsmaßnahmen damit begonnen „die Kosten sind jetzt in Ordnung, leider sind die Kunden weg“. Wahrscheinlich werde ich demnächst das Wort Umstrukturierungsmaßnahmen durch das Wort Digitalisierung ersetzen.

Wenn Digitalisierung Abläufe schneller macht, ist das vollkommen in Ordnung. Und viele Informationen in Echtzeit bringen dem Urlauber zusätzliche nützliche Urlaubsfreude. Das ist ein Urlaubs-Mehrwert. Aber der Urlauber wird dadurch nicht generell digitaler, er nutzt nur digitale Möglichkeiten.

Wenn aber der „Costcutter“ in der Firma der Treiber der Digitalisierung ist, dann wird es gefährlich, nicht nur für die Mitarbeiter, sondern auch für die Urlauber. Das „Aber“ hat letzte Woche Prof. von Dörnberg (Hochschule Heilbronn) so formuliert: „Digitaler Wandel heißt auch, der Kunde übernimmt mehr Arbeiten vom Anbieter ohne Gegenleistung.“ Das ärgert auch mich schon lange.

Es gibt fast jedes Jahr ein beherrschendes Thema, das in den Medien für die jeweils aktuelle ITB steht. Wobei nicht immer klar ist, ob die Unternehmen die Medien treiben oder umgekehrt.

Besonders lustig wird es, wenn sich dann auch Politiker in die Diskussion einmischen und dabei unfreiwillig ihr Nichtwissen offenlegen. So meinte der NRW-Wirtschaftsminister von NRW, Andreas Pinkwart, auf der ITB, dass die Digitalisierung in der Tourismus-Branche noch nicht angekommen sei. „Wenn man unterwegs ist, ob in New York oder NRW“, so der Kosmopolit weiter, „erlebt man, dass sich viele lieber hinter der Rezeption oder noch lieber in dem Raum dahinter verschanzen statt die Zeit für den Kunden zu nutzen“. Tourismus-Bashing vom Feinsten und das als der für Tourismus zuständige Minister. Aber Pinkwart legte noch nach: „Die Unternehmen müssten ihre Mitarbeiter digital aufrüsten. Er sei überzeugt, dass die Digitalisierung insgesamt zu einer weiteren Zunahme von Reisen führen werde. Diese Reisen hätte dann deutlicheren Event-Charakter“.

Das muss man alles nicht verstehen, es sei denn, man ist überzeugt, dass der Minister „Digitalisierung im Tourismus“ überhaupt nicht verstanden hat. Kleiner Trost, zumindest sein Auftritt hatte deutlichen Event-Charakter.

Natürlich durfte auch das Thema Türkei-Buchungen auf der ITB nicht fehlen. Interpretation von Statistiken ist bekanntlich nicht jedermanns Sache. So sollen die Türkei-Buchungen per Februar im Vergleich zum Vorjahr um 50% gestiegen sein. Alles prima? Wenn sie in den Vorjahren aber um 70% gesunken waren, bedeutet das, dass sie immer noch um 55% unter den Ausgangswerten lagen. Alles klar? Wenn dann der DRV-Vorsitzende Fiebig für 2018 voller Freude vom Comeback der Türkei spricht, klingt das super. Doof nur, dass der DRV nur wenige Tage vorher, Ende Februar, seine Jahrestagung in der Türkei abgesagt und nach Italien verlegt hat. Passt toll zusammen, nicht wahr?

Ich komme nochmal auf das „analoge“ Urlaubserlebnis zurück. Urlaub soll in erster Linie Freude, Spaß und glücklich machen. Entscheidend ist für die Mehrzahl der potenziellen Urlauber, dass sie im Urlaub glücklich sind. Marketingexperten empfehlen generell den Kunden dringend einzureden, dass sie mit dem Produkt XY glücklich sein werden. Warum nicht mal eine Marktforschung zur ITB anfordern, „wie glücklich Urlauber sind“.

Eine ITB-Überschrift: „Noch nie waren Urlauber im Urlaub so glücklich wie zur Zeit“, würde der Branche mehr bringen als „noch nie war die Branche so digital wie heute“.

Also hoffen wir auf Besserung für die ITB 2019.

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Aschenputtel bleibt Aschenputtel

Vor drei Wochen bezeichneten die Bissigen Bemerkungen die Tourismusbranche als das Aschenputtel unter den Wirtschaftsbranchen. Inzwischen liegt der Koalitionsvertrag CDU/CSU/SPD vor, die schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. In gerade mal 9 von 8.376 Zeilen wurde das Thema Tourismus gestreift („behandelt“ wäre übertrieben formuliert). Das entspricht 0,1% (also ein Zehntel eines Prozentes) des gesamten geistigen Ergusses im Koalitionsvertrag. Das ist die totale Missachtung einer Branche, die für die Schaffung von Arbeitsplätzen steht, wie kaum eine andere. Da wurde im Märchen selbst Aschenputtel von der bösen Stiefmutter mehr Beachtung geschenkt.

Dabei hatte gerade noch im Juni 2017 der BTW in seiner Studie „Wirtschaftsfaktor Tourismus“ auf fast 3 Mio. Arbeitsplätze(6,8% von allen) und auf eine Wertschöpfung von 100 Mrd. Euro hingewiesen. Jetzt könnte man sagen, Quantität ist nicht alles, auf den Inhalt kommt es an. Aber diese neun Zeilen sind auch unpräzise formuliert. Mit dem ersten Satz: „Der Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, auch in ländlichen Bereichen.“ wurde schon eine der 9 Zeilen mit einer Feststellung statt Zukunftsvorgaben verschenkt. Wobei die Kürze der nächsten 8 Zeilen beweist, „Tourismus mag wichtig sein, aber nicht für die Regierung“.

Jetzt müsste man annehmen, ob dieser politischen Geringschätzung wäre ein Aufschrei der Entrüstung durch die entsprechenden Branchenverbände erfolgt. Weit gefehlt. Der DTV in der Person von Reinhard Meyer spricht von einem „guten Verhandlungsergebnis für den Tourismus“. Wie bitte?

Und der BTW-Vorsitzende Michael Frenzel spricht von einem „Schritt in die richtige Richtung“. Ich weiß nicht, im letzten Koalitionspapier war der Tourismus immerhin doppelt so stark erwähnt. Immerhin hat er in seiner Stellungnahme eingeschränkt, da würde er voraussetzen, dass die angekündigte „Tourismusstrategie“ tatsächlich einen „ganzheitlichen wirtschaftspolitischen Ansatz“ beinhalten würde“.

Allein der DRV äußert sich kritisch: „Dürre Aussagen über den Tourismus lassen den wirtschaftspolitischen Sachverstand vermissen, Problemlösungen fehlen“. Darüber hinaus habe ich aber keinen krachenden Aufstand feststellen können.

So hat diese Branche auch nicht Besseres verdient. Wo bleibt die Aufschreikampagne #SchlaginsGesichtderTourismusbranche“ oder so ähnlich.

Bei der Recherche zum Thema Politik und Tourismusbranche bin ich auf eine Pressemeldung des DRV zu einer Zusammenkunft von DRV und TUI Group mit den tourismuspolitischen Sprecherinnen und Sprecher der vier im Bundestag vertretenen Parteien getroffen am 30.5.2017. Gut gemeint wahrscheinlich, auch vom Datum her, aber nicht gut gemacht. DRV und TUI Group sind nicht die gewünschte „eine Stimme“ der Branche und der Einfluss der  tourismuspolitischen  Sprecher auf die Wirtschaftspolitik der Regierung hält sich sehr in Grenzen (ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen).

Schon die Überschrift der Pressemeldung „Wachsende Bedeutung des Tourismus“, ist unglücklich. Der Tourismus ist wirtschaftspolitisch schon immer sehr bedeutend gewesen und kein Newcomer.“ Unverändert gravierende Bedeutung des Tourismus“ wäre besser gewesen. Auch die weiteren Statements in diesem Papier, leider habe ich es schon oft erwähnen müssen, haben keine politische Schubkraft. Da wurde postuliert:

–In den wichtigen Sachfragen viel Übereinstimmung

–In einer Sache waren sich alle einige: Der Tourismus sollte in der Politik ein Stellenwert zukommen, der angesichts der volkswirtschaftlichen Bedeutung angemessen ist.

–Es soll wieder einen eigenen Tourismusausschuss geben, der in seiner Bedeutung gestärkt werden sollte.

–Staatssekretär nur für Tourismus

Was soll man dazu sagen: Der zweite Teil der Überschrift in der Pressemeldung hieß: „Experten aus dem Bundestag wollen Tourismuspolitik aufwerten“. Dies ist spätestens durch die minimalistische Behandlung im Koalitionsvertrag „als nicht geschafft“ widerlegt. Auf den Tourismusausschuss, der in seiner Bedeutung gestärkt werden soll, möchte ich hinsichtlich der Besetzung der Vorsitzenden Position nicht eingehen.

Was könnte noch einmal politischen Rückenwind für den Tourismus bringen? Ein 100%-Staatssekretär für Tourismus (und keine Halbtagsstelle), sonst kann man die im Koalitionspapier angesprochene nationale Tourismusstrategie vergessen.

Eine Köstlichkeit in der Koalitionsvereinbarung möchte ich noch zum Besten geben. Im Abschnitt Luftverkehr steht: „Alle Beteiligten sind aufgefordert an einer zügigen Fertigstellung des neuen Hauptstadtflughafens BER mitzuwirken“. Welcher Märchentitel würde hier gut passen?

Des Kaisers neue Kleider (nur heiße Luft, die sind ja nackt) oder

Rumpelstilzchen („ach wie gut, dass niemand weiß“, dass ich zu einem Drittel für die Misere verantwortlich bin).

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Westerwelle kann auch nicht „Reisewarnung“

Diese Ansprache von Westerwelle hat niemand geholfen. Wirklich nicht. Natürlich waren die Bilder aus Kairo, Alexandria und Suez dramatisch. Natürlich wollte jeder, der konnte, raus aus diesen Städten. Und kein vernünftiger Mensch käme da auf den Gedanken hinzufliegen.

Aber 500 km südlicher am Roten Meer sah die Welt schon ganz anders aus. Nicht nur für die Touristen, sondern auch für die dort arbeitenden Ägypter. Westerwelles staatsmännisch getragene Ansprache war aus mehreren Gründen daneben. „Die Reiseveranstalter sollen keine neuen Kunden mehr an das Rote Meer fliegen, aus Sicherheitsgründen, und weil die Versorgung eventuell gefährdet sei“. Aber eine knallharte Reisewarnung, die bedeutet hätte, dass die Veranstalter evakuieren müssten, sprach er nicht aus. Also, hin darf man nicht, aber dort bleiben darf man. Logik verstanden? Ich leider nicht.

Aber es gibt noch eine andere Seite. BILD-Kommentator Dirk Hoeren hat es so schön unsinnig beschrieben. „Auf dem Weg in die Freiheit ohne Fundamentalismus brauchen die Ägypter jetzt unsere Unterstützung. Aber nicht Cocktail schwenkende Touristen, die fragen wann das nächste Büfett geöffnet wird“. Rate doch mal lieber BILD-Schreiber von was die Zehntausenden dort leben? Richtig, vom Tourismus! Und, rate mal weiter, warum dort niemand an Fundamentalismus denkt? Weil im Unterschied zu den Menschen in den Großstädten, die für den Tourismus Arbeitenden wenigstens ein Minimum (zugegeben nicht viel) an Einkommen haben. Und wenn Westerwelle jetzt den weiteren Zustrom an Touristen stoppen lässt, dann macht er genau das Gegenteil von dem, was er an anderer Stelle sagt: „Wir unterstützen Ägypten“. Na klar, „am besten“ machen wir das, wenn wir auch den Letzten dort noch Arbeit und Einkommen nehmen.

Nett auch, wie TV und schreibende Journalisten versuchten den heimkommenden Urlaubern und auch jenen vor Ort möglichst aufregende oder unglückliche Kommentare zu entlocken. Objektivität sieht anders aus. Man muss es einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Hauptstädte und die Touristenzentren in vielen Tourismusdestinationen getrennte Welten sind. Natürlich muss man das nicht gutheißen, aber der Tourismus ist für diese Länder eine der wichtigsten Einnahmequellen. Deshalb hatte das Auswärtige Amt in der Vergangenheit neben der überragenden Sicherheitsfrage auch immer die Bedeutung des Tourismus in die Entscheidung einbezogen.

Spätestens jetzt werden die üblichen Tourismuskritiker laut aufgejault haben, für die ausgerechnet die Touristen die deutsche Moral hochhalten sollen. Die deutsche Politik scheint jedenfalls vollkommen überrascht worden zu sein. „Ägypten ist nicht demokratisch? Das haben wir nicht gewusst.“. „In Ägypten herrscht Unterdrückung? Ach was, hätten wir von dem netten Herrn Mubarak nicht erwartet“. „In Ägypten ist Korruption allgegenwärtig und ohne Bakschisch läuft gar nichts?“ Ach was.
Haben Sie die Bilder gesehen wie Westerwelle bei seinem Antrittsbesuch in Kairo neben „Herrn Mubarak“ vor Stolz fast geplatzt ist? Wie unsere Kanzlerin vor 1 ½ Jahren Herrn Mubarak als „großen Freund“ in Berlin begrüßte? Ägypten steht in der Liste der korrupten Ländern auf Platz 111 von 176 Ländern (je weiter hinten man steht, desto korrupter ist ein Land) und das schon seit Jahren. (Just for info, in dieser Tabelle ist Deutschland gerade auf Platz 16 abgerutscht. Gemessen an der vorgegebenen „deutschen Korrektheit“ auch kein Ruhmesblatt).

Wollen wir hoffen, dass die Ägypter ihre Revolution friedlich „hinbekommen“. Dem sympathischen Volk mit dieser unglaublichen Tradition ist es von Herzen zu gönnen. Um den künftigen Tourismus nach Ägypten mache ich mir die wenigsten Gedanken. Sobald die Lage sich beruhigt hat (und die Politik nicht weiter hindert) werden die Touristen sehr schnell in bisheriger Größenordnung wieder kommen. Dafür ist Ägypten einfach zu interessant und schön.

Wenn wir schon beim Thema Sicherheit sind, kann man sich eine Bemerkung zum „Auftritt“ unseres Innenministers de Maizière nicht verkneifen. In großer staatsmännischer Pose „Ich wende mich an das Deutsche Volk“ (das hatte schon Westerwelle-Niveau) verkündete er, dass „die Sicherheitsstufe“ jetzt zurückgefahren werden könnte, wenngleich „kein Anlass zur Entwarnung bestehe“. Ja, was nun? Vor dem Reichstag bleibt übrigens die Sicherheitsstufe auf alter Höhe, „einige sind eben gleicher als andere“.
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Im Reiseradio (www.reiseradio.org) gibt es ein Statement vom Hauptgeschäftsführer des DRV, Hans-Gustav Koch, mit seiner Meinung zur Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Außerdem wird über den Veranstalter Windrose berichtet, dessen Kunden durchschnittlich 4.600 Euro pro Reise ausgeben (also keine typischen Gäste für das Rote Meer). Das Thema Ägypten steht natürlich im Mittelpunkt der akustischen Bissigen Bemerkungen und wem man besser kein Mikrofon vor die Nase halten sollte.

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Als der liebe Gott auf die Reisebürobranche sauer war – (k)eine Weihnachtsgeschichte

Als Gott Adam und Eva geschaffen hatte, und auch sonst mit dem Gröbsten fertig war und es noch keine Blackberrys gab, hatte er am siebten Tage frei. Weniger bekannt ist, dass Gott aus Langeweile in der folgenden Woche noch einige Nachschöpfungen kreierte. So schuf er, ausgerechnet am 13. Tag der Schöpfung, zwei Reisebüros. Auch ihnen gab er die Weisung mit „seid fruchtbar und vermehret Euch“, was die Reisebüros zumindest in Deutschland mit kaninchenhafter Effektivität auch befolgten. Aber der Herr fügte auch hinzu „und macht Reisende glücklicher“. Gott erkannte schnell, dass er die letzte Anweisung hätte etwas präzisieren sollen, aber Zeitmangel hinderte ihn daran.

Auch in den Folgejahren war Gott mit anderen Dingen beschäftigt, deshalb beauftragte er den Heiligen Geist doch hin und wieder mal nach der Branche zu schauen. Leider ist es nie zu diesem Kontakt gekommen. Es ist nicht mehr festzustellen, ob der Heilige Geist seinen Auftrag vergessen hatte oder ob die Branche auf geistvollen Rat nicht hören wollte. So musste Gott vor kurzem selbst mal nach seiner 13.Tag-Schöpfung “Reisebüro“ schauen. Und was er da sah, gefiel ihm überhaupt nicht.

Die Reisebüroleute hatten sich ein riesiges Goldenes Kalb geschaffen und nannten es “Preis“. Sie hatten nichts anderes mehr im Kopf als “Preis“, es war das erste an das sie morgens dachten, und das letzte an das sie dachten, bevor sie abends ihren Laden abschlossen. Vor allem war “Preis“ grundsätzlich das beherrschende Thema, wenn sie mit ihren Kunden sprachen. Da war Gott enttäuscht, weil seine Schöpfung so wenig mit dem schönen Thema Reisen anzufangen wusste. Was ihn aber am meisten erzürnte war, dass die Reisebüros neue Götter geschaffen hatten, die sie “Preisvergleichssysteme“ nannten. Diese “Preisvergleichssysteme“, ursprünglich erfunden um Mehrwerte zu schaffen, machten inzwischen genau das Gegenteil. Sie vernichteten mehr Werte als Mehrwerte zu schaffen.

Da war Gott sauer, richtig sauer. Er wollte die Branche strafen und so dachte er nach, wie er ein sehr subtiles Mittel zur Strafe finden könnte. Ein Mittel, das diese idiotischen Nebengötter “Preisvergleichssysteme“ so richtig lächerlich machen könnte. Wobei Gott in Kauf nahm, dass die zu Bestrafenden, seine spezifische Form von Humor nicht verstehen würden. So schuf Gott im Zorn die “X-Angebote“. Die Erzengel meinten das sei zu plump, die Reisebüros würden doch sofort merken, dass die X-Angebote ein weiterer Schritt in den Untergang seien. Aber Gott meinte, die kurzfristige Gier sei wahrscheinlich größer und die Reisebüros würden auch das verkaufen. Er meinte weiter, wer einverstanden sei, dass Preisvergleichssysteme Angebote akzeptieren, die bestimmte Leistungen nicht enthalten (z.B. Transfer) und diese sogar ganz nach oben listen, der lasse sich dann von diesen Systemen auch komplett auf der Nase herumtanzen! Wie immer hatte Gott Recht, deshalb ist er ja auch Gott.

Zwar maulten viele Reisebüros über die überraschend neu aufgetauchten X-Angebote und es gab auch die brachentypischen Reflexe wie
— eigentlich wollen wir nicht, aber die anderen machen es (damit kann man eigentlich auch jede Straftat begründen)
— eigentlich wollen wir ja nicht, aber die Kunden fragen danach (diese Entwicklung führte an anderer Stelle schon zu BSE)
— eigentlich wollen wir nicht, denn wegen der Anzahlungs- und Stornobedingungen bekommen wir riesigen Ärger mit den Kunden (aber dieser Ärger wird erstaunlicherweise in Kauf genommen)
— eigentlich wollen wir nicht, aber die X-Angebote stehen in den Preisvergleichssysteme ganz oben (na also, nichts kapiert).
Aber trotz dieser Bedenken wurde munter weiter verkauft.
Da war Gott fassungslos und meinte nur: “Der Parasit wird zum Herrscher, welch schreckliche Entwicklung“.

Da ergab es sich, dass die wesentlichen Meinungsmacher sich alle gleichzeitig in Marokko aufhielten. Und sie taten dort das, was sie am besten können. Sie sprachen wenig über die Sache, aber mehr über Personen. Da wurde getrickst und gekungelt, man traf sich in Hinterzimmern und hob heimtückisch Gruben aus (in die allerdings mancher anschließend selbst plumpste). Zur Entschuldigung kann man nur sagen, das passiert auch anderswo, zum Beispiel wenn sich Parteien oder Geflügelzüchtervereine treffen.
Aber Gott wollte diese Entschuldigung nicht gelten lassen und so beschloss er die Branche bei ihrem Jahrestreffen in einer neuen Sintflut zu ertränken. Deshalb regnete es während der Jahrestagung in Strömen. Zum Glück konnte einer der Erzengel Gott noch rechtzeitig in den Arm fallen und damit Schlimmeres verhindern. Gut, sagte Gott, ich gebe der Branche noch eine Chance.

Da wurde es gegen Ende der Tagung kurz hell. Und es stieg herab vom Berge Agadir (Agadir ist zwar kein Berg, aber aus Gründen der Dramatik wird hier ein Berg benötigt), also stieg herab vom Berge Agadir Moses B. Und er verkündete eine frohe Botschaft. Diese Botschaft wurde dem Volk zwar ähnlich schon 100x mal versprochen, aber was will man machen, wenn einem die Probleme bis Oberkante Unterlippe stehen, aber die Marge nur in Knöchelhöhe? Man will die Botschaft glauben. Zumindest die Mehrzahl empfand so. Einige wenige schauten allerdings noch immer ungläubig und sehr säuerlich über den Rand der selbst ausgehobenen Grube.

Liebe Leserinnen und Leser der Bissigen Bemerkungen, was wird Moses B. nun als erstes machen? Wie viel wird er von seiner Botschaft umsetzen können? Und vor allem, kann Gott wegen dieser Branche noch besänftigt werden?
Das alles erfahren Sie in der Weihnachtsgeschichte 2011.

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Im Reiseradio (www.reiseradio.org) kommen heute der grüne Obertouristiker Markus Tressel, Michael Svedek von Touring und Axel Biermann vom Ruhr-Tourismus zu Wort. Der Hinweis gilt auch, oder vielleicht gerade deshalb, obwohl die BBBs nicht jeden Satz in diesen Interviews unterschreiben.
In den akustischen Bemerkungen geht es insbesondere um die kleine spanische Terrorgruppe, die sich Fluglotsen nennt. Alles klar?

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„Ich bin dann mal weg“ – da geht noch mehr

Nur wenige Stunden nachdem letzten Montag die Bissigen Bemerkungen mit ihrer Kritik am Bundespräsidenten erschienen waren, erklärte Horst Köhler völlig überraschend seinen Rücktritt. Natürlich können die Bissigen Bemerkungen die Situation schon richtig einschätzen, aber ein leichtes Erschrecken war es schon, als die Meldung durch die Medien rauschte. Und offensichtlich ging es vielen BBB-Lesern genauso. Noch nie gingen innerhalb weniger Stunden so viele Emails ein wie am letzten Montagnachmittag. Der Tenor reichte von „Liest Köhler die BBB?“ bis „Gibt es jetzt eine Sonderausgabe der Bissigen Bemerkungen?“. Etliche schrieben auch in Variationen „Erst Koch, dann Köhler, langsam werden die BBB unheimlich“. Die Anspielung galt den Bissigen Bemerkungen vom 17.5. („BBB-Spezial zum Thema Bildung: Roland Kochs brutalst möglichste Frechheit“), Damals dauerte es exakt eine Woche bis zum ebenso überraschenden Rücktritt von Roland Koch.

Wenn man möchte, könnte man die Reihe noch um Thomas Middelhoff ergänzen, BBBs ehemaligen Lieblingsfeind. Auch hier haben die Bissigen Bemerkungen Klartext geschrieben (u.a. siehe BBB vom 29.9.2008 „Wenn bei einem Vordenker der Lack abblättert“). Es war auch zu ärgerlich zusehen zu müssen, wie dieser Blender von Teilen der Tourismusbranche (DRV, FVW) abgefeiert wurde. Die Inhalte seiner Vorträge tendierten hinsichtlich des touristischen Neuigkeitswertes gegen Null. Seine Leistung bestand nur darin, dieses „Nichts“ besonders schön zu verpacken. Leider dauerte es vom o.g. 29.9.08 noch einige wenige Monate bis zu seinem Karriere-Ende. Inzwischen wurde Middelhoff vom Arcandor-Insolvenzverwalter und anderen mehr als entzaubert. Die Bissigen Bemerkungen lagen total richtig in ihrer kritischen Einschätzung.

Die Bissigen Bemerkungen werden auch in Zukunft versuchen möglichst frühzeitig Fehlleistungen aufzuzeigen. Und es ist noch genug zu tun! Wie hieß es so schön in einer Email vom letzten Montag: „liest Ramsauer eigentlich auch die BBBs?“.

Wir arbeiten daran.

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Das Reiseradio war letzte Woche auf Tour in der Türkei. Ziel der Reise war insbesondere ein Besuch des Resorts Lykia World. Diesen legendären Namen kennt jeder Reiseexperte. Früher komplett von deutschen Urlaubern belegt, ist Lykia World heute der Inbegriff für ein internationales Urlaubspublikum, von Russland über Deutschland bis England. Ob das funktioniert? Wenn Sie www.reiseradio.org hören, dann wissen Sie Bescheid

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Sozialschmarotzer in der Reiseindustrie

Zu Lasten der Allgemeinheit fröhlich leben, ein aktuelles Thema an beiden Enden der Gesellschaft. Am einen Ende der Betrüger der gehobenen Klasse, der sein Geld ins Ausland geschafft hat, um keine Steuern zu zahlen und am anderen Ende der Empfänger von Sozialleistungen der partout jegliche Arbeit ablehnt (idiotischerweise aber noch aufwertend und bezahlt durch die Talkshows gereicht wird, siehe letzte Sendung Kerner).
Dazwischen gibt es noch die kleinen individuellen Sozialschmarotzer, die sich dann noch für besonders genial halten. So ein Typ (vielleicht auch mehrere) treibt sich auch durch die Reiseindustrie. Da gründet jemand ein Unternehmen der Reisebranche. Inhaber und einziger Mitarbeiter ist derselbe Typ. Geschäftszweck: Unter dem Deckmantel Reiseunternehmen zu sein, wird ausschließlich das Internet nach PEP-Angeboten durchsucht, um sie für sich persönlich zu nutzen.
(Für der Reiseindustrie fern Stehende sei erklärt: PEP-Angebote sind sehr preisgünstige Angebote der Reiseindustrie, von noch nicht ausgebuchten Flug- und Hotelkapazitäten, ausschließlich für Mitarbeiter der Reiseindustrie, die bei dieser Gelegenheit einzelne Zielgebiete besser kennen lernen sollen.)

Dieser Mann, nennen wir ihn mal mit seinem Vornamen Mateusz, das wird ihn besonders freuen, sucht über seine Homepage männliche Reisepartner, um mit Ihnen, durch Nutzung besagter PEP-Angebote, preiswert das ganze Jahr fröhlich durch die schönsten Gegenden dieser Welt zu fliegen. Andere Geschäfte betreibt dieses „Unternehmen“ nicht. Seine (zugegeben gut gemachte) Homepage (www.pep-travel.com) dient also allein der Partnersuche und die Reisebranche soll seine Reisen dann alimentieren. Ob der Typ auch noch DRV-Mitglied ist?
Auf der Homepage wird auch mit „seinen Geschäftspartnern“ geglänzt. Air Berlin ist demnach besonders präferierter Partner. Natürlich wird nur die Business-Class der Air Berlin gelobt. Man reist ja standesgemäß. Ob Air Berlin von ihrem „Edelpartner“ weiß?
Unter „über Firma“ wird sich dann selbst kräftig gelobt, dabei auch vor einem Plagiat nicht Halt gemacht. Die „Lustige Version über mich“ wurde schon vor Jahren als Beschreibung des Reiseexpedienten verbreitet. Der entsprechende Hinweis fehlt natürlich.

Die Bissigen Bemerkungen haben hierzu eine klare Meinung, sie ist identisch mit der Meinung über Steuerflüchtlinge ins Ausland und mit der Meinung über jene die sich mit Vorsatz vom Staat aushalten lassen: Verschweigen wäre eine Tat gegen die Allgemeinheit. Und wer rechtliche Bedenken hat einzelne namentlich zu nennen, kann gerne in seinem Rechts-Elfenbeinturm weiter träumen. Dann bricht „unser Laden“ irgendwann garantiert auseinander.
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In eigener Sache:
Seit kurzem sind die Bissigen Bemerkungen auch bei Facebook. Der „technische Begleiter“ der BBBs meinte, das müsse sein und hat eine Fanseite für die BBBs in Facebook eingerichtet. Obwohl erst zwei Wochen vergangen sind und ohne es zu publizieren, gibt es bereits 79 Fans auf der Fanseite. Da gilt es Danke zu sagen. Und bei allein 3.400 Abonnenten des Newsletters und nochmals 4.000 Lesern die jede Woche direkt auf der Homepage sich die BBBs zu Gemüte führen, kommen vielleicht noch einige Fans dazu.

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