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Der traurige zweite Tod des Germania-Gründers

Es ist so einfach, immer die Vergangenheit zu preisen – gar rückblickend vieles zu verklären. Doch die Insolvenz der Germania zeigt, wie genial Gründer Hinrich Bischoff war. Jede Diskussion zur jüngsten Airline-Pleite endet zwangsläufig bei ihm, der mit der kleinsten deutschen Airline immer wieder aufs Neue die gesamte Luftfahrtwelt aufwirbelte. Dabei war das Handeln für seine Fluggesellschaft immer davon geprägt, ihr trotz aller Schwierigkeiten das Überleben zu garantieren.

Daher bin ich überzeugt: Unter der Führung von Hinrich Bischoff wäre Germania auch angesichts der heutigen schwierigen Gegebenheiten nie pleite gegangen. Er hat immer früher als andere gesehen, wo sich neue Möglichkeiten auftaten – oder er hat selbst gezielt die nötigen Wege geschaffen.

Er perfektionierte das Modell Wet-Lease

Er erkannte wie kein zweiter die Hebel des Geschäfts. Bewundernswert ist seine Kreativität, wenn es darum ging für die Zukunft sowohl für seine erste Firma SAT mit drei Flugzeugen („Mein kleines SAT.chen“) wie auch für Germania (in der Spitze bis zu 40 Flugzeuge, Reisebüros, Reiseveranstalter, Hotels und mehr) zu kämpfen.

Selbst ernannte Experten meinten schon immer, man könne in der Airline-Branche nur im Leasing-Geschäft mit den Flugzeugen Geld verdienen. Bischoff hat dies perfektioniert; 2005, kurz vor seinem Tod, gab es eine Zeit, da flog kein einziges Flugzeug mehr unter Germania-Code.

Sein wahrscheinlich größter Erfolgsfaktor war aber wohl sein phänomenales Gedächtnis – die reinste Datenbank. Und die Qualität lag nicht nur im Abspeichern von Zahlen und Fakten, sondern vor allem im richtigen Verknüpfen dieser Informationen miteinander – und zwar genau dann, wenn es darauf ankam.

Wer außer ihm konnte schon auf einem kleinen Zettel spontan Ergebniszahlen pro Flug/pro Flugzeug aufschreiben? Nicht überschlägig, sondern präzise und das ohne jedes Hilfsmittel. Er war Generalist und Spezialist gleichermaßen. Deswegen waren Verhandlungen mit ihm so ungemein schwierig.

Der Mensch Hinrich Bischoff

Hinrich Bischoff war nicht nur ein exzellenter Unternehmer, sondern gleichermaßen Kunstliebhaber und auch Kunstexperte. Legendär sind Geschichten wie jene, als er als einziger Experte das echte Bild eines flämischen Meisters erkannte und daraus einen exorbitanten finanziellen Gewinn erzielen konnte.

Mich hat er mal im Auto mitgenommen und beim Einsteigen darauf aufmerksam gemacht, nicht auf die am Boden liegende Einkaufstüte zu treten, weil sich darin ein zehn Millonen Mark teures Gemälde befand.

Ein anderes Luxuslaster von ihm war es, Skat zu spielen – stundenlang, nächtelang. Auch morgens um fünf wusste er noch genau, welche Karten bereits gespielt und welche sich im Spiel befinden müssten. Nachteil: Er wollte immer solange spielen, bis er gewonnen hatte. Als der Wirt einer Berliner Kneipe ihn im Morgengrauen rauswerfen wollte, kaufte er ihm die Kneipe ab.

Besucher-Ausweis 007

Legendär war sein Besucher-Ausweis bei Tui. Er, der wirklich keinen gebraucht hätte, weil ihn jeder kannte, trug den Ausweis wie ein Abzeichen. Natürlich mit der Nummer 007 – speziell reserviert für ihn -, dieser Ausweis wurde nie für irgendjemand sonst ausgegeben. Ausgehandelt hatte er diesen Deal „direkt“ mit dem Pförtner der Tui.

Im November 2005 starb Bischoff nach kurzer schwerer Krankheit. Noch auf dem Sterbebett lag ihm die Zukunft „seiner“ Germania am Herzen. Völlig überraschend für die gesamte Branche übertrug er in einer Blitzaktion einen Teil der Germania, insbesondere die Fokker-Flotte, an seinen Konkurrenten Achim Hunold. Eine der unglaublichsten Geschichten, die es in unserer Welt bisher gab. Bischoff wusste halt stets, alle zu überraschen.

Bertolt Brecht hat einmal geschrieben: „Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“  Bei der Nachricht vom Ende „seiner“ Germania hatte ich das Gefühl als wäre Hinrich Bischoff ein zweites Mal gestorben. Aber er bleibt unvergessen.

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Ben Akiba: Alles schon mal dagewesen

Ob der Rabbi Akiba tatsächlich vor 2000 Jahren „alles schon mal dagewesen“ gesagt hat oder ob der Dramatiker Karl Gutzkow diesen Spruch nur „seinem Ben Akiba“ in den Mund gelegt hat, weiß niemand so genau. Aber wir alle stolpern manchmal über Ereignisse, bei denen uns spontan in den Sinn kommt „das war doch schon mal dagewesen“. Dabei muss das nicht 100% exakt gleich sein, sondern nur in etwa so erinnerbar.
Ein solches Déjà-vu hatten sicherlich viele Leserinnen und Leser der Wirtschaftswoche als sie direkt zwei Seiten hintereinander auf „alte Bekannte“ trafen.

Déjà-vu 1: Der Nürnberger Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl verkaufte seine erst im Juni erworbene Fluggesellschaft Flynext an die Unternehmerin Ingrid Bischoff, Mehrheitsgesellschafterin der Fluggesellschaft Germania und Witwe des legendären Germania-Gründers Hinrich Bischoff. Da erinnert man sich doch: Anfang 2005 verkaufte Wöhrl die Mehrheit der erst zwei Jahre zuvor erworbenen Fluggesellschaft dba an Hinrich Bischoff (der diese Anteile allerdings wenige Monate später wieder zurück gab). Erstaunlicher als diese „Wiederholung“ ist jedoch, dass jetzt schon die neunte von ihm gekaufte Fluglinie (sofern die Wirtschaftswoche richtig mitgezählt hat) wieder rasch über den Tisch an andere ging. Insofern hat Wöhrl den ihm von den BBBs in 2007 verliehene Titel GröFaZ, größter Fluggesellschaften-Verkäufer aller Zeiten, nachhaltig bestätigt. Aber noch erstaunlicher ist, dass Wöhrl in einer Mitarbeiterinformation (lt. Wirtschaftswoche) den Verkauf der Fluggesellschaft mit den „gegenwärtigen Verwerfungen in der deutschen Luftfahrt“ begründete und abschließend meinte „Flynext habe keine dauerhaft gute Perspektive“. Nicht diese Analyse als solche ist verwunderlich (sie ist sicherlich absolut zutreffend), sondern die Tatsache, dass trotz dieser „öffentlichen Analyse“ Hans Rudolf Wöhrl einen Käufer für genau diese „Airline ohne gute Perspektive“ gefunden hat.
Da er nach eigenen Worten im Moment über den Kauf einer europäischen Airline, „die sich in einer schwierigen Lage befindet“ verhandelt (ich glaube nicht, dass es jene Airline ist an die jeder jetzt denkt), können wir uns kurz danach sicherlich über Deal Nr. 10 freuen.

Déjà-vu 2: Thomas Middelhoff, auch in der Touristik hochgelobter Superstar vergangener Zeit, hat einen neuen Aufsichtsratsjob. Er wurde zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Marseille Kliniken gewählt. Vorstandchef der Marseille Kliniken ist Stefan Herzberg, der vor wenigen Wochen dieses Amt von dem zuletzt wegen Bestechung verurteilten Ulrich Marseille übernommen hat. Und bei der Kombination Middelhoff und Herzberg fällt einem schnell ein, dass die beiden schon mal in gleicher Aufstellung „gespielt“ hatten. Auch bei Arcandor war Middelhoff Aufsichtsratsvorsitzender und Herzberg wurde von ihm zum Vorstandschef Karstadt berufen. Und es gibt noch eine weitere Gemeinsamkeit: Beide werden gegenwärtig vom Arcandor-Insolvenzverwalter auf Schadenersatz in Millionenhöhe verklagt. Zumindest letzteres muss sich ja bei den Marseille-Kliniken nicht unbedingt wiederholen. Aber bei einem Aktienkurs der vor wenigen Tagen auf 1,33 Euro sank, blinzelt manch professioneller Insolvenzverwalter schon mal vorsichtig hinter der Ecke hervor, um zu schauen ob es bald „Arbeit geben könnte“.

Um jegliches Missverständnis zu vermeiden, zwischen den genannten Personen zu 1 und 2 soll von den BBBs nicht der geringste Vergleich gezogen werden. Nur die Déjà-vus in sich sind bemerkenswert.

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