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Overtourismus = nur quantitativ denkende Tourismusmanager gepaart mit Behördeninkompetenz

Von den angekündigten vierteiligen Bissigen Bemerkungen zur aktuellen Politik hier nun Teil 4, speziell zum Thema Overtourismus.

Vor vielen Jahren waren „die Pauschaltouristen“ die bösen Massentouristen, „die Individualtouristen“ dagegen die tollen, die echten Touristen. Pauschaltourist wollte keiner sein. Die Individualtouristen waren die Guten, von den Medien gehypt, von den Tourismuskritikern geliebt. Zu dieser Zeit gab es auch eine elitäre Spezies: Kreuzfahrttouristen. Das waren die ganz edlen Reisenden, die mit viel Geld überall gerne gesehen waren.

Die mir während meiner TUI-Zeit meist gestellte Frage war: „Haben Sie einen Geheimtipp mit nur wenigen Touristen?“ Und mancher Tourist hat seinen Urlaub in einem Massenziel entschuldigt mit, „ich kenne da einen Strand oder Kneipe ohne jeden Touristen, nur Locals.“ Wenngleich das in der Regel geschwindelt war.

Haben sich die Touristen so verändert? Jetzt plötzlich soll es dahin gehen, mit voller Absicht und ohne schlechtes Gewissen, wo alle hingehen? Aus „Place to see, before you die“ wird zumindest für die Städte-Party-Gäste, der Wunsch dort gewesen zu sein, bevor alle anderen dort waren.

Wie die Zeiten sich geändert haben. Overtourismus ist jetzt das Böse. Und nun die Überraschung. Wer sind denn diese bösen städtischen Infrastrukturfresser der Neuzeit? Es sind Individualtouristen und Kreuzfahrttouristen. Ich, der große Verteidiger der Pauschaltouristen, kann mir jedes Mal nur mühsam ein Grinsen verkneifen, wenn die Sprache darauf kommt.

Die gemeinsame Headline für diese Veränderungen lautet: „Zeitgeist“.

Haben früher die Erfahrungen der Touristen den Zeitgeist beeinflusst, ist es jetzt umgekehrt. Der Zeitgeist ist es, der das Verhalten der Touristen beeinflusst.

Dirk Schümer, Europakorrespondent von „Die Welt“ und „Vorzeige-Venezianer“ in jeder Talkshow, beklagt sich, er können morgens auf dem Markt nicht mehr in Ruhe seinen Fisch kaufen, weil immer irgendein Tourist sich mit seiner Kamera vordrängt. Typisches Problem von Overtourismus? Erleben Sanitäter und andere Rettungskräfte das nicht tagtäglich bei ihrem Einsatz, teils sogar unter Lebensgefahr? Selfies über alles. „Da muss man sich schon anstrengen“, wenn das eigene Selfie viral gehen soll.

Zeitgeist „Sharing Economy“ als Nährboden für Airbnb

Die eigene Wohnung oder Teile davon zeitweise an Touristen vermieten, mag noch positiv klingen und scheint win-win für Vermieter und Tourist zu sein. Wenn aber die „eigene Wohnung“ ganzjährig angeboten wird oder plötzlich ganze Wohnhäuser bei Airbnb erscheinen, hat das mit Sharing Economy nichts mehr zu tun. Hier geht es um skrupellose Geschäftemacher, getarnt unter der Überschrift „Live like a local“. Aber nur weil ich in einer Stadt irgendwo local übernachte, habe ich nicht das Lebensgefühl der ganzen Stadt eingeatmet. Und wenn den Behörden der Zustand in diesen Wohnhäusern egal ist, aber gleichzeitig ein zweiter Notausgang für Hotelküchen gefordert wird, dann kann leicht gelästert werden wie vergleichsweise teuer Hotelbetten sind.

Die touristischen Hotspots der Welt sind nun mal begrenzt, das ist die gute und schlechte Nachricht gleichermaßen. Es kann im Übrigen auch anders gehen. Steuerung ist das Schlagwort, aber nicht primär über Geld, sondern quantitativ. Steuerung ist kein Griff in die sozialistische Mottenkiste, sondern notwendige Gegenwehr der Tourismusverantwortlichen.

Kreuzfahrtschiffe fallen nicht vom Himmel in die Häfen, sondern legen dort mit behördlicher Genehmigung an. Diese Genehmigungen kann man begrenzen. Venedig denkt jetzt darüber nach, aber erst nachdem ein Riesenschiff fast auf dem Markusplatz parkte. Dubrovnik steuert jetzt auch, aber nicht mit dem richtigen Ansatz. Nicht die Anzahl der Schiffe muss begrenzt werden, sondern die Anzahl der Schiffspassagiere.

Verkehrslenkung und Besuchersteuerung, gehören zum Instrumentarium der Verantwortlichen von heute. Aber nicht nur Monate im voraus Kontingente festlegen, sondern steuern gepaart mit aktuellen Informationen, die über eine App in real-time bereitgestellt werden können. Wenn das Gedränge auf dem Markusplatz zu beängstigend wird, kann eine alternative Zeitangabe als Hinweis, wann ein besserer Zeitpunkt ist, helfen.

Immer mehr Städte begrenzen die Höchstdauer für Airbnb-Vermietungen oder verlangen Einsicht in die Daten der Vermieter. Missbrauch durch skrupellose Vermieter, die ganze Wohnhäuser anbieten, muss konsequent verfolgt werden. Nicht nur auf dem Papier, sondern notfalls auch unter genügend Einsatz von entsprechender Manpower durch die Behörden. Das größte Problem des Tourismus ist sein Erfolg und leider auch der Missbrauch des Erfolges.

Auch die Anzahl Flughafenslots kann gesteuert werden. Der Erfolg der Billigflieger basierte u.a. auf nicht immer rechtmäßiger Anlockung durch „Marketingunterstützung“ einiger Flughäfen. Amsterdam wäre in seinem Jammern über Overtourismus glaubwürdiger, wenn nicht sdie Anzahl der Flugbewegungen am Flughafen Schipol gleichzeitig von jährlich 500.000 auf 540.000 erhöht worden wäre.

Was nicht funktionieren wird ist die Abschiebung der Touristen in Vororte. Gut gemeint, wird aber nicht machbar. Der Tourist, der das erste Mal in Berlin ist, will das Brandenburger Tor sehen u.ä. und wird sich nicht alternativ mit Prenzlauer Berg zufrieden geben. Wer erstmals in Paris ist, will den Eiffelturm sehen (Selfie!) und in London den Buckingham Palace usw. In die Vororte bringe ich die Touristen nicht mit „da ist es auch schön“, sondern nur, wenn dort neue außergewöhnliche Attraktionen angeboten werden.

Overtourismus darf nicht zum Schimpfwort für den ganzen Tourismus werden. Es betrifft nur einen sehr kleinen Teil und der Mainstream wird ohnehin bald wieder ein neues Thema haben. Aber ungeachtet dessen müssen Tourismusmanager kreativer und Behörden konsequenter werden.

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Rasantes Tempo Richtung billig und absurd

Economy Light auf der Fernstrecke, also Flugtarif ohne Gepäck, so das neue Angebot einer deutschen Feriengesellschaft. Was ein Verkaufsclou sein soll, ist in Wahrheit ein weiterer Schritt abwärts als Billig-Airline. „Preis Light“ ist auch immer ein Beweis für „Marketing Light“, denn außer Preis hat man kein Argument. Ebenso schwach ist das Argument „wir müssen uns der Konkurrenz anpassen“. Auch das ist „Marketing light“.

Dabei ist nichts so leicht zu kopieren wie ein „billiger“ Preis und nichts bindet Kunden weniger an ein Unternehmen als der Preis. Die interessierten Kunden fühlen sich nur an den Preis gebunden, nicht an das anbietende Unternehmen, dies ist eine alte Weisheit.

Der Preis ist heiß

Menschenskind, fällt Euch wirklich nichts anderes mehr ein als Preis, Preis, Preis? Sich mal gegen den Mainstream bewegen und etwas Zusätzliches kreieren?

So ein Preis Light ist irgendwo zwischen Superbillig und Minuspreis positioniert. Und letzten Endes dient er ausschließlich dazu, in den Suchmaschinen vorne platziert zu werden. Leider sind diese Rankings in den Suchmaschinen qualitativ wenig bis überhaupt nicht vergleichbar.

Zugegeben, vergleichbare Angebote hat diese Fluggesellschaft bereits im Angebot, aber bislang nur auf der Kurz- und Mittelstrecke. Neu sind in der benannten „Flugzone 3 – 5“ unter anderem typische Fernstrecken-Urlauberziele enthalten. Fernstreckenurlaub ohne Gepäck? Geht natürlich, für manche Zeitgenossen gilt „Wäschewechsel im Urlaub ohnehin als überschätzt“.

Handgepäck-Probleme machen fliegen nicht leichter

Ein Fluggast fällt mir gerade ein, für den der „Ohne-Gepäck-Langstreckentarif“ maßgeschneidert ist: Der BILD-Reporter, der für die laufende Reportage „Eine Woche nackt auf der Nacktinsel“ auf die Philippinen flog.

Andere werden dadurch die Handgepäck-Problematik verschärfen, wenn jetzt alle die Handgepäck-Möglichkeiten genau ausreizen und erfahrungsgemäß auch überreizen. Laut Tarif darf der Light-Reisende nur ein Handgepäckstück und einen persönlichen Gegenstand (beides zusammen maximal sechs Kilogramm) mitnehmen. Sorry, selten so gelacht über diese angeblich einengende Vorgabe.

Habe gerade vor wenigen Tagen mal wieder meine eigene Erfahrung vor allem mit Rucksackreisenden an Bord gemacht. Eine Umdrehung im Gang oder beim Gepäckverstauen und man bekommt „vom Rucksack eine geklatscht“, die jedem Boxer Ehre machen würde. Dazu dann noch dieser Blick: „Du Idiot hast Geld für Deinen aufgegebenen Koffer bezahlt, aber ich bin schlau und nehme alles mit an Bord“.

Zwiebelprinzip kann nicht Teil der Lösung sein

Natürlich kann man auch Kleidung übereinander tragen. Am isländischen Airport Keflavik wurde Anfang des Jahres ein Mann „erwischt“, der acht Hosen und zehn T-Shirts übereinander trug. Das war dann auch British Airways zu viel.

Es wird heute schon Werbung für spezielle Gepäckkleidung gemacht, die extrem viele Taschen hat. Man kann darin bis zu 10 Kilogramm verstauen. Man sieht dann zwar aus wie ein Michelin-Männchen, kann aber an Bord das Kleidungsstück in eine Tasche verwandeln. Und dann ab mit der auch nicht kleinen Tasche in das Hatrack, in das der Sitznachbar gerade vorher seinen „ausgereizten“ Rucksack verstaut hat. Dumm für evtuell einen anderen Passagier, der seine Jacke vorher dort abgelegt hatte. Sie wird nach dem Flug einen leichten Ziehharmonika-Look zeigen.

Auch der Durchfluss an der Sicherheitsschleuse vorm Abflug dürfte, sollte der neue Tarif einschlagen, wesentlicher problematischer werden und entsprechender länger dauern.

Logisch, dass so ein Billigtarif natürlich auch den in der letzten Zeit beklagten Overtourismus zu bestimmten Zielgebieten fördern wird. Nur weiter so!

Bei diesem rasanten Tempo Richtung noch billiger und gleichzeitig noch absurder, stellt sich schnell die Frage, was kommt danach (kann überhaupt noch eine Steigerung möglich sein)? Ein Sondertarif „Super-Light“, wenn man selbst nicht mitreist? Der Passagier, dieser „lästige Typ“, erschwert die ganze Fliegerei doch ohnehin.

 

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