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Der Spucktüten-Spar-Hammer

Das ist wieder so eine typische Eurowings-Ausrede. Man spart an einem lächerlichen Punkt, begründet das aber mit einer Mega-Ausrede, die „fast immer“ zieht: Umweltschutz.

Jetzt macht mal halblang.

Wie muss man sich eine Management-Sitzung bei Eurowings vorstellen? Da schlägt der Controller als Reaktion auf den Spohrschen-Ergebnisdruck die xte Sparmaßnahme vor: Abschaffung der Spucktüten in den Eurowings-Flugzeugen.

Erstaunlich, dass nicht alle vor Lachen zusammengebrochen sind ob dieses gigantischen Sparvolumens. Einwand eines Sitzungsteilnehmers: „Aber wenn doch mal jemand?“

Neue Entscheidung, schaffen wir nicht alle Tüten ab, für den Notfall genügt eine pro Sitzreihe. Sharing Economy ist das Schlagwort, drei teilen sich eine Tüte.

Die Erfahrung sagt, inkonsequente Entscheidungen sind immer die schlechtesten. Sie haben aber einen Vorteil, das unliebsame Thema ist vom Tisch.

Wie sag ich’s der Presse?

Fast. Dann meldet sich jemand aus der Unternehmenskommunikation: „Wie erkläre ich diese Sparmaßnahme draußen der Presse. Die schreibt doch gleich, jetzt spart Eurowings auch noch an den K…tüten.“

Da legt jemand einen Zeitungsartikel mit der Überschrift „Airlines müssen umweltbewusster werden“ auf den Tisch. Spätestens jetzt hat das Top-Management die Lösung: „Wir sparen nicht, wir werden nur umweltbewusster.“ Genau dafür hat man Topmanager. Sofort läuft die Presseabteilung zur Hochform auf: „Sehr gut, wir machen ’no sickness bags for future!'“

Jemand aus dem High-Potential-Programm, der ausnahmsweise mal als Gast an einer Managementsitzung teilnehmen durfte, schlug vor, die Spucktüte immer dem Mittelsitz zuzuordnen und diesen ab sofort mit einem kleinen Preisaufschlag anzubieten. Dieser Vorschlag, obwohl er der Denkweise eines Billigfliegers perfekt entsprach, wurde nicht weiterverfolgt, weil die Idee nicht aus dem Management kam.

Offensichtlich hatten bei diesem schicksalhaften Meeting Kabinen- und Marketingvertreter Urlaub oder waren zur Konzernabstimmung bei der „Hansa“.

An der Praxis vorbeigedacht

Wäre Marketing in der Sitzung gewesen, hätte es bestimmt gewusst: „Hier geht es immer nur um Kostensparen. Wenn wir die Tüten mit einem Werbeaufdruck versehen, bringt das mehr Geld in die Kasse, als wir Kosten durch diese fragwürdige Entscheidung sparen.“

Wäre die Kabine anwesend gewesen, hätte sie auf die praktischen Probleme aufmerksam gemacht. Es ist richtig, dass in den Tüten auch Kaugummis und anderer Müll entsorgt wird. Wo kommen die Kaugummis jetzt hin? Unter den Sitz?

Und eine Tüte pro Reihe, das wird konkret bedeuten, der erste, der in die Reihe kommt, krallt sich gleich die Tüte, egal ob sie seinem Sitz zugeordnet ist oder nicht. Da haben wir in der Kabine schon Streit zu schlichten, bevor wir überhaupt losfliegen. Weit an der Praxis vorbeigedacht.

Die Sitzung wurde daraufhin beendet, weil „Bild“ von der Sache erfahren hatte und dringend um sofortigen Rückruf bat. Das war dann der Test, ob die Ausrede mit der Umwelt vermittelbar war. War sie nicht. Headline „Bild“ online am 27. August 2019 um 21:49 Uhr: „Jetzt streicht Eurowings sogar die Kotztüten“.

Habe mir gleich einen Merkzettel für den nächsten Eurowings-Flug geschrieben: „Unbedingt Spucktüte mitnehmen.“ Habe keine mehr, um sie ins Auto zu legen.

 

 

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Overtourismus = nur quantitativ denkende Tourismusmanager gepaart mit Behördeninkompetenz

Von den angekündigten vierteiligen Bissigen Bemerkungen zur aktuellen Politik hier nun Teil 4, speziell zum Thema Overtourismus.

Vor vielen Jahren waren „die Pauschaltouristen“ die bösen Massentouristen, „die Individualtouristen“ dagegen die tollen, die echten Touristen. Pauschaltourist wollte keiner sein. Die Individualtouristen waren die Guten, von den Medien gehypt, von den Tourismuskritikern geliebt. Zu dieser Zeit gab es auch eine elitäre Spezies: Kreuzfahrttouristen. Das waren die ganz edlen Reisenden, die mit viel Geld überall gerne gesehen waren.

Die mir während meiner TUI-Zeit meist gestellte Frage war: „Haben Sie einen Geheimtipp mit nur wenigen Touristen?“ Und mancher Tourist hat seinen Urlaub in einem Massenziel entschuldigt mit, „ich kenne da einen Strand oder Kneipe ohne jeden Touristen, nur Locals.“ Wenngleich das in der Regel geschwindelt war.

Haben sich die Touristen so verändert? Jetzt plötzlich soll es dahin gehen, mit voller Absicht und ohne schlechtes Gewissen, wo alle hingehen? Aus „Place to see, before you die“ wird zumindest für die Städte-Party-Gäste, der Wunsch dort gewesen zu sein, bevor alle anderen dort waren.

Wie die Zeiten sich geändert haben. Overtourismus ist jetzt das Böse. Und nun die Überraschung. Wer sind denn diese bösen städtischen Infrastrukturfresser der Neuzeit? Es sind Individualtouristen und Kreuzfahrttouristen. Ich, der große Verteidiger der Pauschaltouristen, kann mir jedes Mal nur mühsam ein Grinsen verkneifen, wenn die Sprache darauf kommt.

Die gemeinsame Headline für diese Veränderungen lautet: „Zeitgeist“.

Haben früher die Erfahrungen der Touristen den Zeitgeist beeinflusst, ist es jetzt umgekehrt. Der Zeitgeist ist es, der das Verhalten der Touristen beeinflusst.

Dirk Schümer, Europakorrespondent von „Die Welt“ und „Vorzeige-Venezianer“ in jeder Talkshow, beklagt sich, er können morgens auf dem Markt nicht mehr in Ruhe seinen Fisch kaufen, weil immer irgendein Tourist sich mit seiner Kamera vordrängt. Typisches Problem von Overtourismus? Erleben Sanitäter und andere Rettungskräfte das nicht tagtäglich bei ihrem Einsatz, teils sogar unter Lebensgefahr? Selfies über alles. „Da muss man sich schon anstrengen“, wenn das eigene Selfie viral gehen soll.

Zeitgeist „Sharing Economy“ als Nährboden für Airbnb

Die eigene Wohnung oder Teile davon zeitweise an Touristen vermieten, mag noch positiv klingen und scheint win-win für Vermieter und Tourist zu sein. Wenn aber die „eigene Wohnung“ ganzjährig angeboten wird oder plötzlich ganze Wohnhäuser bei Airbnb erscheinen, hat das mit Sharing Economy nichts mehr zu tun. Hier geht es um skrupellose Geschäftemacher, getarnt unter der Überschrift „Live like a local“. Aber nur weil ich in einer Stadt irgendwo local übernachte, habe ich nicht das Lebensgefühl der ganzen Stadt eingeatmet. Und wenn den Behörden der Zustand in diesen Wohnhäusern egal ist, aber gleichzeitig ein zweiter Notausgang für Hotelküchen gefordert wird, dann kann leicht gelästert werden wie vergleichsweise teuer Hotelbetten sind.

Die touristischen Hotspots der Welt sind nun mal begrenzt, das ist die gute und schlechte Nachricht gleichermaßen. Es kann im Übrigen auch anders gehen. Steuerung ist das Schlagwort, aber nicht primär über Geld, sondern quantitativ. Steuerung ist kein Griff in die sozialistische Mottenkiste, sondern notwendige Gegenwehr der Tourismusverantwortlichen.

Kreuzfahrtschiffe fallen nicht vom Himmel in die Häfen, sondern legen dort mit behördlicher Genehmigung an. Diese Genehmigungen kann man begrenzen. Venedig denkt jetzt darüber nach, aber erst nachdem ein Riesenschiff fast auf dem Markusplatz parkte. Dubrovnik steuert jetzt auch, aber nicht mit dem richtigen Ansatz. Nicht die Anzahl der Schiffe muss begrenzt werden, sondern die Anzahl der Schiffspassagiere.

Verkehrslenkung und Besuchersteuerung, gehören zum Instrumentarium der Verantwortlichen von heute. Aber nicht nur Monate im voraus Kontingente festlegen, sondern steuern gepaart mit aktuellen Informationen, die über eine App in real-time bereitgestellt werden können. Wenn das Gedränge auf dem Markusplatz zu beängstigend wird, kann eine alternative Zeitangabe als Hinweis, wann ein besserer Zeitpunkt ist, helfen.

Immer mehr Städte begrenzen die Höchstdauer für Airbnb-Vermietungen oder verlangen Einsicht in die Daten der Vermieter. Missbrauch durch skrupellose Vermieter, die ganze Wohnhäuser anbieten, muss konsequent verfolgt werden. Nicht nur auf dem Papier, sondern notfalls auch unter genügend Einsatz von entsprechender Manpower durch die Behörden. Das größte Problem des Tourismus ist sein Erfolg und leider auch der Missbrauch des Erfolges.

Auch die Anzahl Flughafenslots kann gesteuert werden. Der Erfolg der Billigflieger basierte u.a. auf nicht immer rechtmäßiger Anlockung durch „Marketingunterstützung“ einiger Flughäfen. Amsterdam wäre in seinem Jammern über Overtourismus glaubwürdiger, wenn nicht sdie Anzahl der Flugbewegungen am Flughafen Schipol gleichzeitig von jährlich 500.000 auf 540.000 erhöht worden wäre.

Was nicht funktionieren wird ist die Abschiebung der Touristen in Vororte. Gut gemeint, wird aber nicht machbar. Der Tourist, der das erste Mal in Berlin ist, will das Brandenburger Tor sehen u.ä. und wird sich nicht alternativ mit Prenzlauer Berg zufrieden geben. Wer erstmals in Paris ist, will den Eiffelturm sehen (Selfie!) und in London den Buckingham Palace usw. In die Vororte bringe ich die Touristen nicht mit „da ist es auch schön“, sondern nur, wenn dort neue außergewöhnliche Attraktionen angeboten werden.

Overtourismus darf nicht zum Schimpfwort für den ganzen Tourismus werden. Es betrifft nur einen sehr kleinen Teil und der Mainstream wird ohnehin bald wieder ein neues Thema haben. Aber ungeachtet dessen müssen Tourismusmanager kreativer und Behörden konsequenter werden.

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