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Dschungelcamp und Touristik

Nein, ich war nicht im Dschungelcamp (die ausgefallenen BBBs letzte Woche hatten andere Gründe). Nein, Dschungelcamp, das muss ich nicht haben, dafür habe ich zu lange in der Touristik gearbeitet. Nein, ich habe auch keine einzige Sendung des diesjährigen Dschungelcamps gesehen. Ich habe am Sonntag nur einige redaktionelle Zusammenfassungen (Stern, Spiegel u.a.) gelesen (das genügt, um daraus eigene Bewertungen abzuleiten). Der Löwendompteur springt ja auch nicht persönlich durch den brennenden Reifen.

Als ich gelesen hatte, die Stärke des diesjährigen Dschungelkönigs Menderes sei, „Dinge zu erdulden“ (Zitat Stern online), da musste ich an unsere Lieblingstouristen denken, die sich mühsam durchs Internet quälen, um vermeintlich einige Euros zu sparen, die ihnen kurz vor der endgültigen Buchung durch ominöse Gebühren dann doch wieder abgenommen werden. Am Flughafen müssen sie ihr Gepäck oft selbst einchecken, stellen sich klaglos in eine Schlange (Achtung Wortspiel zu Dschungelcamp) vor der Sicherheitskontrolle, um Unsinniges über sich ergehen zu lassen. Die letzte Wasserflasche wird abgegeben, um unmittelbar nach der Kontrolle neue Wasserflaschen zu kaufen. Sie steigen in immer enger bestuhlte Flugzeuge und bekommen nichts Gescheites zu essen. In den Hotels nehmen sie das Zimmer, das man gerade zugeteilt hat, unabhängig ob es so gebucht wurde und bei All-Inclusive hauen sie rein, egal was es zu Essen und Trinken gibt.

Menderes, Deine Stärke sei Dinge zu erdulden. Was kannst Du mit dieser Fähigkeit nun anfangen? „Eine Putzfirma gründen“, schlägt der Stern vor. Ich habe eine bessere Idee, werde doch halbprofessioneller Hoteltester für Holidaycheck (gerade letzte Woche entdeckt, dass es so etwas tatsächlich gibt). Das ist etwas ganz Tolles, man besucht verschiedene Urlaubshotels, um im Auftrag von Holidaycheck Fehler zu finden. Und man freut sich dann wie irre, wenn man unglücklich untergebracht ist, um darüber zu berichten und dann ganz schnell in das nächste Hotel zu sausen um sich neues Leiden zu suchen. Einige mit echter Bauernschläue ziehen dabei ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Holiday Check“ an (im Ernst!). Da gilt dann die einfache Regel: Je mieser das Hotel, desto mehr zeigt das T-Shirt Wirkung.

Jetzt werden einige Touristik-Profis sagen, wenn doch nur alle Kunden so duldsam und auch so dankbar wären wie der neue Dschungelkönig. Da gibt es schließlich auch andere. Aber diesen Typen haben „wir“ in der Endabstimmung des Camps klar unsere Meinung gezeigt: Krawallos, die immer Kasalla machen, mögen wir ebenso wenig wie Aufgeblasene (Achtung Wortspiel zum Dschungelcamp).

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In Düsseldorf soll man im Sommer vier Stunden vor Abflug an der Sicherheitskontrolle stehen

Die Bissigen Bemerkungen waren schon immer der Meinung, dass die Sicherheitsbestimmungen an den Flughäfen zu einem erheblichen Teil Schwachsinn sind. Wenn man dann Schwachsinn noch schwachsinnig ausführt, dann hebt sich das nicht gegenseitig auf (wie minus mal minus), sondern potenziert sich.

Die neuesten Sicherheitsmeldungen (oder besser gesagt Nicht-Sicherheitsmeldungen) sind allerdings besonders erschreckend.

Peinlichkeit Nr. 1:
Die EU-Kommission verklagt Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof wegen fehlender Flughafensicherheit. Die Sicherheit auf einem Teil der deutschen Flughäfen wird nach Auffassung der EU-Kommission nicht ausreichend überwacht. Wenn das eine Meldung aus Griechenland oder Italien o.a. wäre, da würde die BILD-Zeitung eine dicke Überschrift fabrizieren und viele „Experten“ müssten die Frage beantworten, ob man in dieses Land noch mit gutem Gewissen fliegen kann.
Spezieller Vorwurf der EU: Deutschland würde die Anforderungen hinsichtlich der Mindesthäufigkeit und des Umfangs der Kontrollen nicht erfüllen. Den Prüfern gelang es bei jedem zweiten Versuch Waffen oder gefährliche Gegenstände durch die Kontrolle zu schmuggeln. Besonders negativ ist bei solchen Tests in letzter Zeit der Flughäfen Düsseldorf aufgefallen (bitte merken, wegen untenstehender Peinlichkeit 2).
Wohlgemerkt, es ging hierbei nicht um die Frage ob der Fluggast 99 Milliliter Flüssigkeit (noch erlaubt) oder 101 Millimeter Flüssigkeit (knapp darüber) dabei hatte. Es ging um Waffen und andere gefährliche Gegenstände.

Peinlichkeit Nr. 2:
In fast allen Bundesländern hat die für die Sicherheit eigentlich zuständige Bundespolizei die Personen- und Gepäckkontrollen an Privatfirmen übertragen. Für die BBBs grundsätzlich ein Unding.
Am Flughafen Düsseldorf ist diese Aufgabe an die Firma Kötter Service übertragen. Sie ist dort seit 2004 im Einsatz und wurde gerade zu Anfang des Jahres 2015 wieder mit einem fetten Sechsjahres-Vertrag ausgestattet. Aber diese Firma ist nicht in der Lage ihrem Auftrag personell gerecht zu werden. Im Schnitt fehlen für den Flughafen DUS zwischen 80 bis 120 Leute. Logische Schlussfolgerung der Gewerkschaft der Polizei: „Wenn die Kontrolleure überarbeitet sind (wegen Personalmangel), dann lässt die Aufmerksamkeit nach“. Ergebnis siehe oben unter Punkt 1.

Aber der heißeste Konflikt steht noch bevor. Am Freitag ist der letzte Schultag in Nordrhein-Westfalen und der Beginn der Reisewelle. Für diesen Tag habe die Firma Kötter, so die Gewerkschaft Ver.di, eine Unterdeckung von 115 Beschäftigten. Und jetzt kommt die dicke Konsequenz: Laut Germanwings (so berichtete spiegel online am Dienstag) werden wegen der zwangsläufig zu befürchtenden Wartezeiten mitunter Passagiere gebeten, „bis zu vier Stunden vor Abflug bei der Sicherheitskontrolle zu erscheinen“. Bis zu vier Stunden vorher? Geht’s noch?

Ausgerechnet in Deutschland, wo mit dem Wort „Terrorabwehr“ alles schnell und locker begründet wird, bis hin zur Vorratsdatenspeicherung (wofür die SPD sogar einen Teil ihrer Werte opferte), wird an dem sensiblen Punkt Flughafen diese doch „so wichtige Kontrolle zu unserer Sicherheit“ (siehe Innenminister de Maizière u.a.) an Privat übertragen, ausschließlich aus Kostengründen.

Jetzt ist der Ferienbeginn in Nordrhein-Westfalen ja nicht überraschend eingetroffen und bei Firma Kötter ist auch nicht von einer schlimmen Grippewelle die Rede. Nein, das Ganze hat offensichtlich System. Schon an Ostern dieses Jahres, so klagt Ver.di, sei es zu enormen Verzögerungen gekommen, weil an einigen Tagen bis zu 100 Mitarbeiter zu wenig im Dienst waren. Ob das bei Kötter nun Planungsunfähigkeit oder gefährliches Gewinnstreben ist (oder eine Mischung aus beidem), spielt vom Ergebnis her gesehen keine Rolle.

Was hat man dem Fluggast nun anzubieten. Zitat nochmals Germanwings: „Die Bundespolizei als Aufsichtsbehörde ist darüber informiert. Man ist im Gespräch“. Na dann, ist ja alles gut. Hauptsache wir haben mal darüber gesprochen.

Liebe BBB-Leser, das war eine neue Geschichte aus der Serie „Bananenrepublik Deutschland“. Wenn Du denkst es kann nicht schlimmer kommen, sei getrost, Deine Erwartungen werden übertroffen werden.

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Der „dumme“ Tourist (?)

Der Januar ist bekanntlich jener Monat, in dem viele Menschen hierzulande über Urlaub nachdenken und wiederum sehr viele von ihnen tatsächlich buchen. Ja, es gibt sie noch, Menschen die sich nach Urlaub sehnen und frühzeitig diesen buchen (übrigens buchen noch immer viel mehr Urlauber im Reisebüro als uns die Medien weismachen wollen).

Aber ab jetzt muss man täglich damit rechnen, über einen Artikel über „schreckliche Touristen“ zu stolpern. Natürlich wollen alle nur zum Sonnenbaden an den Strand, möglichst vor einem Hotel mit all inclusive, dabei nach Mängeln suchen, um sich zu beschweren und Geld zurück zu bekommen. Genau so einfach ist es (?).

Den Anfang machte an diesem Wochenende die WELT am SONNTAG. Da bekommt ein gewisser Henryk M. Broder zwei große Seiten um über „den Urlaub der anderen“ abzulästern. Insbesondere sein Beginn ist ganz große Klasse. Zitat: „Als ich das letzte Mal Urlaub machte, war ich 15, vielleicht auch 16. Ich durfte mit meinen Eltern nach Bad Kissingen (kann auch Bad Nauheim gewesen sein)“. Und dann wird kräftig draufgehauen, wie schrecklich das war. Um diese Ausführungen würdigen zu können, muss man wissen, dass Broder heute 68 Jahre alt ist. Kurzum, seine Urlaubserfahrungen sind nicht ganz „brandneu“, haben sich aber als Vorurteil 50 Jahre gehalten. Außerdem sollte man wissen, dass er ein renommierter Schriftsteller ist, viele Preise eingeheimst hat, aber auch immer umstritten war.

„Ich mache nie Urlaub“, so Broder weiter, „aber ich reise gern und bin jedes Jahr ca. sechs Monat unterwegs“. Solche Leute, die angeblich nie Urlaub machen, sind mir ehrlich gesagt suspekt. „Wenn ich das Wort Urlaub nur höre, bekomme ich Schüttelfrost“, liest man bei ihm in den nächsten Zeilen. Ehrlich, wenn ich so einen Mist (Höflichkeitsform von Sch…) lese, wird mir speiübel. Woher kommt diese Arroganz der „Intelligenz“ gegenüber Urlaubern? Vielleicht weil man sich nicht vorstellen kann, dass es Unzählige gibt, die hart arbeiten (und für wenig Geld), die keine Chance haben dienstlich durch die Welt zu reisen und irgendwo abends am Strand noch ein (oder zwei) Gläschen Wein trinken und Tapas essen (natürlich alles nur dienstlich und deshalb auch konsequenterweise auf Firmenkosten), sondern nur mal „Nichts“ tun wollen.

Und jetzt zur Krönung à la Broder: „Urlaub reduziert den Menschen auf Stückgut“, „sitzen stundenlang in engen Fliegern“, „Warum tun die Menschen sich so etwas an. Niemand verreist heute wie Gustav von Aschenbach , Hercule Poirot oder Phileas Fogg mit seinem Diener Passapartout“. Toll Herr Broder, da haben wir aber mal wieder gezeigt, was wir bildungsmäßig draufhaben. Ehrlich gesagt, scheitert es bei mir z.B. schon am fehlenden Diener. Und früher „bequem“ gereist, aber jetzt muss ich echt lachen.

Passenderweise, ebenfalls diesen Sonntag, hat auch Spiegel online etwas mit der Überschrift „Bloß kein Tourist sein“ zu bieten. Hier wird Holger Baldus, Geschäftsführer von Marco Polo, zitiert: „Genauso zu essen wie ein Einheimischer, das kommt an. In Old Delhi auf Plastikschemeln sitzen und die lokale Straßenküche ausprobieren. Zu Hause erzählen, wie man bei der kubanischen Familie in der Küche saß“. Toll, aber nur für eine Minderheit. Und diese Minderheit will auch gar nicht, dass jetzt alle so Urlaub machen. Wo würde die Abgrenzung bleiben? Gastbesuch in einem „echten“ Maya-Dorf in Mexiko, Teetrinken mit „echten Berbern“ in der Wüste oder Übernachten bei kubanischen Omis. Großartig authentisch, und das jede Woche im Angebot des mit der Zeit gehenden Anbieters. Und wenn es mehr Touristen wollen, macht es die Omi hauptamtlich (Airbnb lässt grüßen).
Ein Glück, dass im selben Artikel Prof. Reinhardt, vom Institut für Zukunftsfragen, seine „Inszenierte Authentizität“ anbringen kann. Exakt so ist es, jede Woche aufs Neue wird die „Authentizität inszeniert“. Da können wir gerne darüber diskutieren, ob das näher an „inszeniert“ oder näher an „authentisch“ ist.

Und jetzt noch eine Bemerkung zum Nachdenken zu Machu Pichu, Pyramiden, Taj Mahal, Venedig, Ayers Rock, Mitternachtssonne in Schweden, Safari in Afrika usw. Ist es nicht logisch, dass die interessantesten Plätze der Erde im touristischen Standardprogramm enthalten sind? Weil Generationen von Reisenden irgendwann festgestellt haben, dass dies das Tollste, Interessanteste ist, besonders aufregend.
Und die nachwachsende Urlaubergeneration darf jetzt nicht hin? Puh, Massentourismus?

Am meisten hat mich früher diese Frage gefreut: „Wo finde ich einen hoch interessanten Platz, den kein Tourist kennt?“. Mein Antwort damals: „Ja, was denn?“. Heute würde ich Per Mertesacker zitieren: „Ja was wollen Sie denn nun?“.

Zum Abschluss noch ein Zitat von Broder. 2005 schrieb er für Spiegel online u.a. er würde Island lieben, wegen der faktischen Abwesenheit seiner drei „Problemvölker“: keine Juden, keine Araber und nur ganz wenige Deutsche. Sehen Sie Herr Broder, ich mag alle vier (ihre „drei Problemvölker“ und Island).

Aber es gab auch Zeiten, da war ich nahe bei Henryk M. Broder. Das war in den 60er-Jahren, als er für das Erotikblatt St. Pauli-Nachrichten geschrieben hatte. Das fand ich, damals war ich so Mitte Zwanzig, hochinteressant. Merke: Das Triviale muss nicht immer grundsätzlich abgelehnt werden.

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Innen hohl, außen perfekt

Die immerwährende Jagd nach Neuem für die BBBs ist manchmal anstrengend und manchmal einfach. Letzteres vor allem, wenn man irgendwo eine Überschrift findet, wo man ohne weiterzulesen, schon von der Headline her spürt, das werden die neuen BBBs für nächste Woche.
Eine solche Freude löste letzte Woche die Überschrift „Innen hohl, außen perfekt“ von einem Artikel bei Spiegel online aus. Da dieser Beitrag im Wirtschaftsteil stand, kursierten im Kopf gleich einige Managernamen, über die man jetzt Wesentliches oder besser gesagt Unwesentliches erfahren könnte. Natürlich könnte auch die Autorin eines wahrscheinlich verhinderten Bestsellers gemeint sein. Zumal es im Text schon forsch begann: „Leere Köpfe können viel erzählen“. Leider muss ich die Leser und Leserinnen der BBBs jetzt an meiner Enttäuschung teilhaben lassen: Der Spiegel Beitrag handelt von einer Firma für Schaufensterpuppen. Aber unter Kommunikationsgesichtspunkten muss man eingestehen, die Headline war klasse, wenn auch dann im weiteren Verlauf der Story nichts Wesentliches geliefert wurde.

Aber manchmal könnte man bei einigen Kommunikationsgeschichten (auch von Profis) verzweifeln. Da muss man nicht gleich an eine angebliche PR-Fachfrau denken. Wie z.B. Lufthansa mit dem Thema „direkt4you“ umgeht, spottet jeder Beschreibung (siehe auch BBBs vom 30.4.2012 „Direct4you in den Sturzflug“). Wurde schon während des Streikes in offiziellen Verlautbarungen ein Punkt nach dem anderen zurückgenommen (im Prinzip ohne echte Gegenleistung), wird jetzt vor dem unmittelbaren Beginn der Schlichtung das Thema „direkt4you“ wieder auf die Tagesordnung des Aufsichtsrates gesetzt. Vertrauen schaffen vor einer Schlichtung sieht sicherlich anders aus.

Traumhaft auch die Kommunikation von Klaus Wowereit zum Thema BER. Da referiert er über das Thema BER und lässt dabei folgenden Satz los: „Ich treffe immer mehr Menschen, die sich darüber freuen, dass sie noch länger von Tegel aus fliegen dürfen“. Und lacht dann so fröhlich, als hätte er im Prinzip eine grandiose Leistung für Berlin vollbracht. Dabei wird im Internet schon ein Sprachwissenschaftler zitiert, der für den Flughafen BER in der deutschen Sprache eine neue Zukunftsform, Futur III, einführen will. Da Futur I üblicherweise verwendet wird, um Aussagen über die Zukunft zu tätigen und Futur II eine in der Zukunft abgeschlossene Handlung beschreibt, muss für den Flughafen eine Zukunftsform gefunden werden, die ein Ereignis in der Zukunft beschreibt, das eigentlich schon abgeschlossen sein müsste, aber fraglich ist, ob es jemals abgeschlossen sein wird, aber nach offiziellem Wowereit-Speach abgeschlossen sein müsste. Beispiel: „Nächstes Jahr, Ende Oktober, werde ich auf dem Flughafen BER meine Koffer eingecheckt hätten gehabt“. Weitere Formulierungen hierzu oder für ähnliche Glanzleistungen (beispielsweise Elbphilharmonie) werden gerne von der Redaktion angenommen.

Ein echter Kommunikationsriese ist auch unser Verkehrsminister Ramsauer. Zugegeben, er hat wirklich viele Ideen und beschäftigt seine Kommunikationsabteilung wahrscheinlich Tag und Nacht. Da er sich an die echten dringenden Fragen nicht herantraut (siehe Single European Sky) produziert er Luftblasen von erstaunlicher Größenordnung. So z.B. die neueste Idee, dass nicht nur die alten Kfz-Kennzeichen wieder Gültigkeit haben sollen, sondern quasi jedes Dorf sich ein Lieblingskennzeichen geben darf. Gerüchteweise soll Wowereit schon zugestimmt haben, dass künftig jede Kommune, die nichts auf die Reihe bringt, sich als Autokennzeichen den Buchstaben „B“ geben darf.

Nicht mehr ganz aktuell ist ein noch ausstehender Kommentar zu den 25 Zukunftsthesen von Tourismuszukunft mit Unterstützung von TUI D. Kommunikativ ganz große Klasse, aber auch der leistungsstarke Hotelfön war wohl im Großeinsatz und hat bei einigen Thesen ziemlich viel heiße Luft hinein geblasen. Kleines Literaturzitat hierzu: „Sieh nach den Sternen, gib Acht auf die Gassen“.
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Sorry, für Ikea-Hotels und Mehrwertsteuer-Unsinn hat der Raum leider nicht gereicht. Vielleicht ein anderes Mal.

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Berlins Regierender Schönredner (Zitat Spiegel online)

Wenn 25 Tage vor der Eröffnung des Flughafens BER der Termin abgesagt wird, dann nimmt jeder normal denkende Mensch an, dass relativ bald diese Eröffnung nachgeholt wird. Zu recht wird dann gewarnt, „aber jetzt nicht überstürzt, sondern erst wenn alle Fehler beseitigt sind“. Wenn dieses Datum aber dann fast 300 Tage nach der ursprünglichen Eröffnung liegt (Zitat Wowereit: „Das ist nicht einfach zu erklären), dann gibt es nur drei Möglichkeiten
1. es lag grenzenloser Optimismus vor
2. man hoffte auf ein göttliches Wunder oder
3. es herrschte gnadenlose Unwissenheit.

Die richtige Antwort lautet 2. auf der Basis von 3.
Begründung für die Verschiebung: Das Bauordnungsamt ist „nicht bereit eine interimistische Lösung“ beim Brandschutz zu akzeptieren. Also war schon lange bekannt, dass man nie und nimmer eine ordentliche Eröffnung zum 3.6. schaffen konnte.

Aber „wir“ sind ja schon wieder fast fertig: Zitat Wowereit am 13.5. (wenige Tage nach der Eröffnungs-Verschiebung und 300 Tage vor Eröffnung): „Die Bürgerinnen und Bürger konnten sich am Tag der offenen Tür anschauen, was das für ein toller Flughafen wird“. Herrlich, Potemkin auf berlinerisch.

Staatssekretär Rainer Bomba vom Bundesverkehrsministerium (wie heißt eigentlich der zuständige Bundesverkehrsminister? Sein Name ist mir gerade entfallen. Man hatte schon lange nichts mehr von ihm gehört, wahrscheinlich ist er mal wieder auf Informationsreise. Nach Timbuktu oder sonst wohin) meinte: „Der Aufsichtsrat sei oft tief in die Materie eingestiegen“. Oh weh, das ist ja noch schlimmer, sich informiert aber nichts kapiert zu haben.

Und die Trickserei geht weiter. Wowereit auf der Pressekonferenz über das neue Eröffnungsdatum: „Überdies hätten die Fluggesellschaften Wert darauf gelegt nicht vor dem Winterflugplan umzuziehen“. Diese Meinung hat er exklusiv. Air Berlin-Chef Mehdorn unmittelbar danach: „Dieser Termin am 17.3.2013 ist völlig unakzeptabel“.
Ebenso (vorsätzlich) falsch ist die Behauptung im Prinzip würden die Flüge 1:1 von BER nach Tegel umgelegt.
Liebe Leserinnen und Leser der Bissigen Bemerkungen, man muss kein großer Prophet sein, um zu behaupten: „Das Chaos wird Dauergast in Tegel sein!“. Und wenn wir sagen Chaos, dann meinen wir richtiges Chaos.

Die BBBs wollen ja nicht gehässig sein (?), aber ist da vergleichsweise die gesetzliche Entschädigung für eine Flugverspätung von (nur) vier Stunden noch gerecht?

Noch ein lustiges Zitat zum Schluss, das gerade 80 Tage alt ist:
„Der Schwarz (Flughafendirektor) sieht ja noch erstaunlich gut aus, 100 Tage vor der Eröffnung. Irgendwo steht da eine Guillotine rum, unter die er muss, wenn dann der Flughafen nicht offen ist“. (Air Berlin-Chef Mehdorn, mit seinem typischen unnachahmlichen Charme, am 29.2.2012.)
Oh, das wird ein Gedränge an (unter) der Guillotine geben (Zitat: BBB).

Noch einen Nachtrag, Gewinner gibt es auch:
Z.B. die Tourismusmacher von Berlin. Die bekommen jetzt zweimal zusätzliche Gäste. Zu erst um die aktuelle Katastrophe zu sehen („Meine Damen und Herren, hier sehen Sie den großen Unvollendeten. Nie gab es mehr Eröffnungsverschiebungen als hier“) und dann später am 17.3.2013 oder irgendwann noch später um das „Wunder von Berlin“ zu sehen („Meine Damen und Herren, keiner hat es geglaubt, außer Wowereit. Aber dann war er doch fertig. Was bedeuten schon ein paar Jährchen in der 775jährigen Geschichte von Berlin).

Letzter Nachtrag.
Um ehrlich zu sein, Berlin ist was Baumängel betrifft kein Unikat. Wir hatten in den letzten BBBs schon auf die Hamburger Elbphilharmonie hingewiesen. Ähnlich „lustig“ geht es beim Bau des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven zu. Eröffnungstermin für den Hafen ist der 5. August. Außer den politisch Verantwortlichen glaubt kein Mensch, dass dem so sein wird. Auf die Details dazu soll hier verzichtet werden. Am letzten Freitag wurden vier riesige Containerbrücken mit einem Spezialschiff aus China angeliefert. Die konnten aber nicht abgeladen werden, weil es Zweifel an der Standfestigkeit der Kaje gibt. Vom Jade-Weser-Port war kein Verantwortlicher an diesem Tag zu erreichen, die hatten sich komplett „ihren Brückentag“ (Freitag nach Himmelfahrt) genommen. Ist doch logisch: Brückentag zu nehmen wenn die Brücken kommen. Jetzt liegt das Schiff draußen vor Wilhelmshaven auf Reede und wartet auf das Abladen (aber diese Woche sind Pfingstferien, so ein Pech auch).

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Ich bin dann mal weg…

Mit seiner Abschiedserklärung, mitten in einer Pressekonferenz, fast nach Art von Hape Kerkeling, ohne vorherige Info an seine Mitarbeiter, hatte sich Hunold schon für einen etwas „ungewöhnlichen“, vielleicht sogar unnötig „unschönen“ Abgang entschieden.
Wie auch immer, es wird heftig darüber diskutiert, was der größere Schocker am Donnerstagmorgen war, der plötzliche (und zumindest zu diesem Zeitpunkt unerwartete) Rücktritt von Achim Hunold oder die Nachfolge durch den Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn. Beide hatten zuletzt nicht den besten Ruf in der Presse. So urteilte Spiegel online (treffend?) „Rambo I geht, Rambo II kommt“. Sicherlich nicht ahnend, dass beide Manager das nicht als Beleidigung, sondern eher als Kompliment auffassen würden. So entgegnete der ebenfalls höchst umstrittene Ex-EnBW-Chef (und Ex-Hannover 96 Präsident) Utz Claasen mal auf diesen Vorwurf „Lieber Rambo als Bambi“.

Zutreffender war da eher die weitere Formulierung bei Spiegel online „der Visionär geht, der Sanierer kommt“. So wie der „Vordenker“ zumeist noch einen „Nachdenker“ braucht, folgt dem Visionär in der Regel der Sanierer (Helmut Schmidt lässt grüßen).
Und bei Hunold kam, wie es kommen musste. Zuerst gleichermaßen von allen hochgelobt und jetzt gleichermaßen von allen niedergeschrieben. Wobei ich da an einen „Klassiker“ eines guten Hunold-Freundes denken muss: „Über Achim wird viel gesagt….., aber es stimmt auch viel“. Nur BILD stimmte nochmals eine Lobeshymne an. Wobei diese in Teilen eher peinlich (bis sehr peinlich) war. Dann doch lieber Rambo sein….

Aber eine Hunold Erkenntnis in diesem Interview sollte erwähnt werden. Auf die Frage, was er (Hunold) hätte rückblickend anders machen sollen, antwortete er: „Ich hätte noch stärker gegen die unsägliche wettbewerbsverzerrende Luftverkehrssteuer ankämpfen müssen“. Die BBBs haben nie verstanden wie schwach die Airlines hier reagiert haben (siehe BBB vom 6.9.2010 „Wenn Unvermögen zur Routine wird“, ebenso u.a. BBBs vom 14.6.2010, 19.7.2010 und 13.9.2010).
Aber, auch wenn es Hunold nicht gerne hört, die meisten Experten sind sich einig, dass der Kauf der LTU einer der entscheidenden Knackpunkt auf dem Weg zu schlechten Ergebnissen war. Es ist fast ein Treppenwitz in der Lebensgeschichte von Hunold, dass der wahrscheinlich emotionale Höhepunkt seines Wirtschaftslebens (siehe BBB vom 2.4.2007 „Achim Hunold: I had a dream“), der Kauf jener Firma die ihn Jahre vorher gefeuert hatte, gleichzeitig der Wendepunkt auf der Erfolgsleiter war. Der Kauf der LTU war zu teuer und fraß zuviel Energie und personelle Ressourcen, so die allgemeine Fachmeinung.

In den eben angeführten BBBs vom 2.4.2007 lästerten die BBBs auch über den LTU-Verkäufer Wöhrl, dessen unglaubliche Qualität darin besteht, „vermeintlich sanierte“ Gesellschaften zu einem hohen Preis zu verkaufen. Die BBBs „verliehen“ ihm damals den Titel: „GröFaz“: Größter Fluggesellschaften-Verkäufer aller Zeiten!
Ausgerechnet dieser Wöhrl, den man deshalb vielleicht nicht zu Unrecht als einer der „Sargnägel“ von Hunold bezeichnen könnte, entblödet sich jetzt nicht in der Abendzeitung Nürnberg zu verkünden: „Ich habe noch keinen Anruf bekommen, aber ich traue mir zu, Air Berlin innerhalb eines Jahres zu sanieren“.
Spätestens an dieser Stelle beginnt man Hartmut Mehdorn zu lieben.

Das hat Hunold wahrscheinlich unterschätzt, wie heftig die Presse und die öffentliche Meinung in vielen Foren über seinen Nachfolger Mehdorn herziehen würde. Wobei die meisten sog. Gags in der Umwandlung von Bahnsprüchen in Air Berlin-Sprüchen bestand, die nicht unbedingt auf einer IQ-Skala zu heftigen Ausschlägen nach oben geführt haben.
Man sollte es einfach leidenschaftslos feststellen, zur Umsetzung des angedachten Sparprogramms (und vielleicht noch etwas mehr) braucht es einen Sanierer der bedingungslos und mit Schärfe an die Sache herangeht. Dafür ist Mehdorn zweifellos der richtige Mann. Und die ihm (mit Recht) angekreideten Fehler, er hätte viel zu viel Energie und (Geld) in den Börsengang der Bahn gesteckt und den Datenskandal verharmlost, werden ihm bei Air Berlin nicht im Wege stehen. Air Berlin ist schon an der Börse und die Mitarbeiter von Air Berlin sind es gewohnt, dass ihr Chef alles wissen will. Und zwar alles.

Aber in den fast 100 Presseberichten die ich über den oben beschriebenen Wechsel gelesen habe, ist ein großer Verlierer nirgends erwähnt worden. Es ist eine kleine sizilianische Firma, namens Averna. Sie wird in den nächsten Monaten einen deutlichen Umsatzeinbruch erleben. Die Kenner der Materie wissen warum.

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Es ist immer schwierig, eine Kolumne zu schreiben, wenn langjährige Weggefährten betroffen sind. Aber ganz kneifen, ist auch nicht BBB Art. Aber beides, Bissige Bemerkungen hier und akustische Bissige Bemerkungen im Reiseradio, wäre dann doch zu viel gewesen. Deshalb gibt es diese Woche nur das ganze normale Reiseradio ohne bissige Bemerkungen. Zumal diese Woche auch das Thema Entlassungen bei TUI noch angestanden hätte und das ist auch kein einfaches (vielleicht nächste Woche mal).

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