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Für den Flugverkehr werden in Berlin demnächst die Hexenbesen knapp

Eigentlich mag ich ja Berlin und mit der vielgerühmten Schnoddrigkeit ihrer Bewohner komme ich auch ganz gut zurecht. Womit ich überhaupt nicht klarkomme, sind die Berliner Politkasper, die mit hoher Energie ihre Stadt zurückentwickeln und jeden Misserfolg im Nachhinein noch als eigentlich so gewollt verkaufen. Vielleicht liegt es auch daran, dass die „Niveauunterschiede“ von SPD, CDU, Grüne und Linke in Berlin minimal sind und egal welche Kombination gerade „dran ist“, der Misserfolg immer der gleiche bleibt.

Als ich jetzt einige Anträge für den kommenden Parteitag der Berliner SPD las, musste ich an die legendäre Pressekonferenz des damaligen Bundestrainers Rudi Völler nach einem miserablen Spiel der Nationalmannschaft in Island denken, als er der Presse „die Geschichte mit dem Tiefpunkt und nochmals einen Tiefpunkt und dann noch einen niedrigeren Tiefpunkt“ vorwarf. In der Tat hätte ich nie geglaubt, dass es bei der Berliner SPD noch tiefer geht, aber ich habe mich getäuscht, es geht.

In einem Antrag für o.g. Parteitag soll sich die SPD mit der Frage befassen, „ob der Berliner Flughafen BER nach dessen Eröffnung weiter ausgebaut werden soll“. Das setzt schon eine gewisse Chuzpe voraus, denn bislang sind die für das Desaster Verantwortlichen jeglichen Beweis schuldig geblieben, dass der BER überhaupt jemals eröffnet werden kann. Selbst wenn ein paar Unverbesserliche glauben, dass der Flughafen jemals eröffnet werden würde, müsste man die Frage nach dem „Wann“ dazu fügen. Es wird ja ein Unterschied sein, ob man über die geforderte Kapazität von 2017, 2018, 2020 oder 2025 spricht.

Egal wann auch immer (und ob überhaupt) die Eröffnung des BER sein sollte, wird im besagten Antrag postuliert: „Der Berliner Luftverkehr muss an die heute bereitgestellten Flughafenkapazitäten angepasst werden und nicht umgekehrt“. Klar, Pippi Langstrumpf lässt grüßen, ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt. Weiterer Intelligenzanfall im Vorschlag „die Flugbewegungen, die 2004 für den neuen Single-Flughafen in Schönefeld eingeplant waren, müssen langfristig eingehalten werden und (Achtung, jetzt wird Ehrgeiz gefordert) nach Möglichkeit sogar unterschritten werden“.

Und die „Experten“ wissen sogar wie das gehen kann: „Dazu könne die Umlenkung des Reiseverkehrs auf Bahn, Bus und Rad beitragen“. Wir reden hier wohlgemerkt von Flugreiseverkehr. Aber sicher, mit der Bahn, da funktioniert zurzeit ja auch alles so prima, dann ab in alle Erdteile dieser Welt. Dummerweise haben sich letztes Jahr in Berlin 70.000 Berliner in einer Online-Petition für ein Kutschenverbot stark gemacht. Diese Fahrzeuge fallen also als Alternative leider aus, dabei haben wir uns früher immer über die tollen Überlandfahrten der Kutschen in den amerikanischen Western begeistert.

Aber da fällt mir doch noch eine Lösung ein. Am Sonntag (30.4.) ist Walpurgis-Nacht. Hurra, der verstärkte Einsatz von Hexenbesen kann die Lösung sein. Es hat was mit Flugverkehr zu tun und zum Starten und Landen braucht es keine Piste. Außerdem schlägt die Umweltfreundlichkeit eines Hexenbesens Bahn und Bus um Längen. Ich könnte mir einige Senatoren/innen gut auf einem solchen Gefährt vorstellen.

Früher habe ich mit meinen Kindern auch Fred Feuerstein im Fernsehen angeschaut. Sein tolles Cabrio wurde nur mit den Füßen betrieben. Zurzeit läuft gerade eine Wiederholung im Fernsehen, die könnte man auf dem Parteitag als Dauerschleife auf einem Bildschirm laufen lassen.

Zu guter Letzt möchte ich sie noch auf einen Gedenktag aufmerksam machen. Am 23.11. dieses Jahres stehen 2.000 Tage seit Nichteröffnung des BER an (bezogen auf die pompös geplante Eröffnung in 2012). Und die 3.000 Tage Nichteröffnungsfeier im August 2020 können Sie, liebe Freunde der BBB, auch schon mal fest im Terminplan eintragen.

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Hollywood im TUIfly-Cockpit

Der Vorgang hat alles, um ein Hollywood-Blockbuster zu werden: Der Copilot fällt während eines Fluges krankheitsbedingt aus. Eine im Dienst befindliche Flugbegleiterin wird vom Flugkapitän gebeten, den Platz des Copiloten einzunehmen. Zufällig hat sich diese Flugbegleiterin betriebsintern als Flugsicherheitsexpertin weitergebildet. Der Pilot und seine neue Assistentin landen den Jet mit 190 Menschen an Bord sicher auf dem Zielflughafen.

Wie jetzt bekannt wurde, ist das so tatsächlich am 11.10.2016 im französischen Luftraum an Bord eines TUIfly-Fluges nach Mallorca geschehen. Natürlich würde Hollywood das ganze bombastischer aufblasen. Der Titel des Filmes würde wahrscheinlich „Rettung über den Wolken“, „Saving 190 Lives“ oder „Nonstop Cockpit Hero“ heißen. In dem Streifen würde die Flugbegleiterin tolle Entscheidungen treffen und der eigentliche Pilot würde zum Statisten degradiert.

Was mich wundert ist, dass dieser Vorfall fast zufällig erst jetzt durch den Abschlussbericht der BfU-Untersuchung bekannt wurde. TUIfly hat der Flugbegleiterin zwar eine Anerkennung zukommen lassen (Details hierzu sind nicht bekannt), aber die Dame wäre bestimmt auch ein willkommener Gast in sämtlichen Talkshows dieser Republik gewesen und jeder Auftritt von ihr eine gelungene Marketing-Maßnahme für TUIfly. Warum ist das nicht geschehen?

Gleichzeitig kam mir der 11.10.2016 als Datum bekannt vor. Und tatsächlich ist es mir wieder eingefallen. Nur wenige Tage vor diesem Termin, nämlich am 6. und 7.10.2016, fand die etwas mysteriöse Massenerkrankung (präziser gesagt Massenkrankmeldungen) von TUIfly-Piloten statt. Nach einer plötzlichen Wunderheilung von fast 500 Personen fliegendes Personal, gab es erst am 10.10.2016, also einen Tag vor dem o.g. Ereignis, wieder einen vollständigen Flugplan. Da hätte die Geschichte mit dem jetzt während des Fluges erkrankten Piloten nicht so richtig in den Kommunikationsplan gepasst.

Derzeit überprüfen die deutschen Airlines sehr kritisch das vier-Augen- Prinzip (wenn ein Pilot/in das Cockpit verlässt, muss eine Flugbegleiter/in dessen Platz einnehmen). Markus Wahl, dem Sprecher der Vereinigung Cockpit, ist bei seinem berechtigten Statement gegen diesen Placebo-Schnellschuss vom März 2015, noch zusätzlich der Satz rausgerutscht: „Es ist sicherlich richtig: Zwei Mann im Cockpit sind immer sicherer als einer“. Da muss ich eine kleine Korrektur anmerken: „zwei Mann“ im Cockpit können auch „zwei Pilotinnen“ im Cockpit sein. Oder notfalls auch eine TUIfly-Flugbegleiterin.

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Ist das Auswärtige Amt jetzt auch ein Populist?

Mein Interview mit Peter Hinze im Reception Insider und meine anschließenden Bissigen Bemerkungen haben auf der ITB zwar für Wirbel gesorgt, aber erwartungsgemäß auch für wenig Einsicht. Es wurden nur die gleichen Reflexe der Vergangenheit in Gang gesetzt: Nur nicht mit dem Thema auseinandersetzen.

Die Verbandsoberen beschimpften den Überbringer der schlechten Nachricht (also mich). Damit konnte ich leben, etwas anderes hatte ich auch nicht erwartet.

Die Veranstalter verwiesen auf die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes. Auch das ist mir nicht fremd, immerhin wurde es zu meiner Zeit als TUI-Vorstand mit den anderen Veranstaltern verabredet. Aber der Unterschied von heute zu früher ist, dass das Auswärtige Amt in dieser Krise erstmals „auch Partei“ ist (der Flüchtlingsdeal darf nicht gefährdet werden).

TUI hatte auf das Zufriedenheitsranking ihrer Gäste mit türkischen Hotels hingewiesen (was ich überhaupt nicht bezweifle, sondern sogar teile). Aber das hat nichts mit meinen Sicherheitsbedenken zu tun.

Enttäuscht hat mich nur der CEO Zentraleuropa der DER-Touristik, der das Ganze als Populismus abgetan hat. Wenn man es sich so einfach macht, hat man entweder nichts verstanden oder will nichts verstehen. Ob René Herzog jetzt auch das Auswärtige Amt als Populisten beschimpft?

Wenn mich etwas echt überrascht, aber auch voll bestätigt hat, dann ist es die Deutlichkeit, mit der das Auswärtige Amt heute (also ein Woche später) die Reisehinweise für die Türkei verschärft hat: „Im Zuge des Wahlkampfes muss mit erhöhten politischen Spannungen und Protesten gerechnet werden, die sich auch gegen Deutschland richten können. Hiervon können im Einzelfall auch deutsche Reisende in der Türkei betroffen sein.“

Erinnern Sie sie sich noch, auf welche Gefahr ich besonders hinwies? „Beim Verkauf von Urlaubsreisen in die Türkei muss ein Beipackzettel dazu: „Vorsicht, die von Ihnen gekaufte Reise kann im Gefängnis enden“. Und im Kleingedruckten: „Sie können nicht darauf hoffen, dass Kanzlerin und Außenminister sich für Ihre Freilassung einsetzen“.
Und dieser letzte Satz liest sich jetzt in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amtes hochoffiziell so: „In diesem Zusammenhang wird darauf hingewiesen, dass unbeachtlich des gesetzlichen Anspruchs deutscher Staatsangehöriger auf konsularischen Rat und Beistand, konsularischer Schutz gegenüber hoheitlichen Maßnahmen der türkischen Regierung und ihrer Behörden nicht in jedem Fall gewährt werden kann, wenn der oder die Betroffene auch die türkische Staatsangehörigkeit hat.“

Wer jetzt denkt, das Problem würde nur die Doppelstaatsangehörigen betreffen (Merke: diese Personen haben alle auch einen deutschen Pass), sollte sich nicht zu sicher sein. Denn auch das schreibt das Auswärtige Amt: „Seit Anfang Februar 2017 wurde in einzelnen Fällen deutschen Staatsangehörigen an den beiden Istanbuler Flughäfen die Einreise in die Türkei ohne Angabe genauer Gründe verweigert. Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden ihre Rückreise nach Deutschland antreten“.

Da ist es bis zur Verhaftung im Hotel wohl nicht mehr weit. Und genau das war der Tenor dessen, was ich mit dem Interview und den Bissigen Bemerkungen erreichen wollte: Die Branche für dieses Problem zu sensibilisieren. Liebe Branche, Chance verpasst, aber das Auswärtige Amt hat es verstanden.

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Türkeitourismus: Reiseboykott? Die Reisebranche muss jetzt Farbe bekennen!

In einem Interview mit dem ehemaligen Focus-Journalist Peter Hinze in seinem Blog www.reception-insider.com habe ich mich klar zum Thema Urlaub in der Türkei geäußert und will bewusst provozieren. Die Zeit des Wegguckens muss vorbei sein. Hier das Interview im Wortlaut:

Tourismus-Experte Karl Born zum Urlaubsland Türkei: „Es wird Zeit für einen Reise-Boykott!“

Die Zahl der deutschen Türkei-Urlauber bricht ein. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht.
Ex-TUI-Vorstand Karl Born über einen Reise-Boykott, die gefährliche „Heile-Welt-Idylle“ der Tourismusbranche, über deutsche Urlauber, die im Notfall kaum auf Hilfe aus Berlin hoffen können, und weshalb eine Pressekonferenz der Tiefpunkt der ITB 2017 werden könnte.

Peter Hinze: Ich kann auf mindestens elf Türkei-Reisen zurückblicken.
Karl Born: Ich habe meine Reisen nicht gezählt. Aber ich habe immer öffentlich bekannt: Die Türkei ist ein sehr schönes Reiseland.

Hinze: Aktuell ist Euphorie aber fehl am Platz!
Born: Ich sage in aller Deutlichkeit: Für mich wäre die Türkei zur Zeit das allerletzte Zielgebiet, in dem ich Urlaub machen würde. So demonstrativ gegen Urlaub war ich zuletzt bei Südafrika, während der Apartheid-Politik. Aber bei der Türkei rate ich nun schon seit Wochen von Reisen ab. Vehement, ja sogar sehr vehement!

Hinze: Ist es wirklich so abwegig, zumindest über einen Boykott nachzudenken?
Born: Früher lautete mein Credo: Wo die Kanzlerin mit Wirtschaftsdelegationen hinfahren darf, darf auch der deutsche Tourist hinfahren. Warum sollte der Tourist moralischer sein als die Kanzlerin?

Hinze: Früher? Das heißt, aktuell haben Sie ihre Meinung geändert?
Born: Ja, weil ich einen verschärften Grund sehe – und der heißt „Erdogan“! Ein Attentat ist immer „nur“ eine punktuelle Gefahr, aber die „Gefahr Erdogan“ ist inzwischen flächendeckend. Meines Erachtens ist es nur eine Frage der Zeit, bis es die ersten Hotelmanager trifft. Oder auch „versehentlich“ deutsche Touristen. Früher hätte das Auswärtige Amt bei einer Verhaftung sofort alles in Bewegung gesetzt, um den Urlauber in kürzester Zeit frei zu bekommen. Auf eine solche Initiative des Auswärtigen Amtes oder sogar der Kanzlerin kann man aktuell nicht hoffen. Dem „Flüchtlingsdeal“, der nicht gefährdet werden darf, würde auch ein „touristisches Einzelschicksal“ untergeordnet werden *. Mit der Verhaftung des Journalisten Deniz Yücel ist jedoch ein vergleichbarer Fall jetzt wahr geworden. Und die Reaktion der Kanzlerin („bin besorgt, hoffe auf ein rechtstaatliches Verfahren“) darauf war katastrophal schwach.

Hinze: Na ja, die Tourismusbranche zeigt sich nicht viel engagierter. In einer Pressemeldung des Deutschen ReiseVerband (DRV) wird DRV-Chef Norbert Fiebig mit der Aussage zitiert: „„Die Sicherheit auf Reisen spielt für viele Kunden eine ganz zentrale Rolle. Gerade die Krisensituationen in der letzten Zeit haben wieder deutlich gemacht: „Die Reiseveranstalter und Reisebüros kümmern sich um den Kunden, wenn’s ungemütlich wird“. Hallo? Ist das alles, was ein „angeblich“ so wichtiger Verband zur aktuellen Lage zu sagen hat? Das klingt irgendwie weltfremd, zumal die Heute-Show (ZDF) den Gouverneur von Antalya, also der Touristenhochburg, mit den Worten zitierte: Wer nicht Erdogan wählt, der ist ein Terrorist!
Born: Der DRV verweist immer auf andere Länder mit Diktaturen und man könne doch dann nirgends mehr hinfahren. Dabei wird die aktuelle Entwicklung in der Türkei vollkommen falsch dimensioniert. Nirgendwo anders war die Schussfahrt von der Fast-Demokratie in die Diktatur so schnell wie in der Türkei. Nirgendwo anders wurden in einem kurzen Zeitraum so viele Journalisten eingesperrt wie in der Türkei. Nirgendwo anders wird so massiv zum Denunzieren aufgefordert. In keinem anderen Land beschimpfen Politiker Deutschland heftiger als ein faschistisches Land, indem Menschenrechte mit Füßen getreten würden. Wer glaubt, dass das keine Rückwirkungen auf die Denkweise vieler Türken selbst hat, der soll weiterträumen.

Hinze: Reisen in die Türkei sind ein Sicherheitsrisiko?
Born: Ja, ganz klar! Obwohl in Deutschland sehr viele Menschen an den Folgen des Rauchens sterben, wird der Verkauf von Zigaretten nicht verboten. Analog würde das für Türkei-Reisen heißen: Beim Verkauf von Urlaubsreisen in die Türkei muss ein „Beipackzettel“ dazu: „Vorsicht, die von Ihnen gekaufte Reise kann im Gefängnis enden“. Und im Kleingedruckten: „Sie können nicht darauf hoffen, dass Kanzlerin und Außenminister sich für Ihre Freilassung einsetzen“.

Hinze: Viele Reisende werden sagen, wenn ich meinen Mund halte, kann mir auch in der Türkei nichts passieren. Sehen Sie das anders?
Born: Den Unterschied macht die Aufforderung der türkischen Regierung zum Denunzieren aus. Das bedeutet es kommt auf die eigene Äußerung nicht an. Ein kleiner Streit über eine Nebensächlichkeit kann zu einer Denunziation führen. Ich rate deutschen Urlaubern zu höchster Vorsicht. Was außerhalb der Hotelanlagen passiert, kann unberechenbar sein.

Hinze: Und die ITB? Könnte die Messe nicht ein Zeichen setzen, einen Dialog starten?
Born: Die ITB hat sich in vielen Dingen gewandelt und fast ausschließlich zum Besseren. Viele aktuelle Probleme der touristischen Arbeit, denke ich vor allem an die Digitalisierung, werden da diskutiert. Nur eines hat sich auf der ITB nicht geändert, das Verbreiten der „Heile-Welt-Idylle“ und die Beschimpfung Andersdenker als Nestbeschmutzer.

Hinze: Aber die touristische Fachpresse?
Born: Habe gerade am Freitag in einer renommierten Tageszeitung gelesen: „Die Touristen kehren in die Türkei zurück“. Da muss es sich wohl um eine klassische „Fake News“ handeln.

Hinze: Es kommt ja immer auch das Argument, man hätte Verantwortung für die im Zielgebiet beschäftigen Menschen und schließlich sei der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Dabei ist ein solcher Satz ja heutzutage mehr ein tiefer Griff in die touristische Mottenkiste ist.
Born: Ich war nach den Terroranschlägen zum Beispiel dafür, dass man trotzdem ans Rote Meer in Ägypten fahren soll um die heimische Tourismusindustrie und die dort Beschäftigten zu unterstützen. Aber in der Türkei würde ich dieses Argument nicht anführen. Wenn jetzt noch mehrere Politiker keine Redemöglichkeit bei uns bekommen, ist Erdogans Reaktion vollkommen unberechenbar. Dass er den Tourismus „schonen“ würde, dafür gibt es keine Zeichen. Wirtschaftsfaktor hin oder her, das ist ihm egal.

Hinze: Am Donnerstag, 9. März, um 10.00 erlebt die ITB 2017 ihren „politischen“ Höhepunkt: Pressekonferenz mit dem türkischen Tourismusminister Nabi Avci, der selbst Journalist war und 1986 die Tageszeitung „Zaman“ mitbegründete, die bis kurz vor der Schließung 2016 als auflagenstärkste Zeitung der Türkei galt. Der Mann müsste sich also auskennen um Umgang mit der Presse. Was würden Sie sich für eine Aussage vom Minister wünschen?
Born: Das wird kein politischer Höhepunkt sein, sondern der politische Tiefpunkt. Der Tourismusminister wird eine absurde heile Welt schildern, wie es auch der türkische Reiseverband in den letzten Monat getan hat. Aber was der Tourismusminister und der türkische Reiseverband sagen, hat ungefähr die Bedeutung wie der berühmte Sack Reis in China. Und der DRV wird anschließend verkünden, ist doch alles prima. Aber ich hoffe, dass jetzt auch in der Tourismusbranche eine stärkere Diskussion über dieses Thema einsetzt.

Hinze: Herr Born, Sie sind und bleiben ein Optimist.
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Mit Peter Hinze hatte ich schon einmal am 21.10.2001 ein brisantes Interview „Urlaub hinter Stacheldraht“. Das Interview erschien im Focus unmittelbar vor einer DRV-Jahrestagung. Ich wurde heftig beschimpft, aber eine Zeit später wurde erstmals über dieses Thema inhaltlich diskutiert. Heute wissen wir, dass meine Vorhersagen „leider“ zutreffend waren.

Mit diesem aktuellen Interview möchte ich wieder eine Diskussion anschieben. Nur eine „Heile-Welt-Idylle“ der Tourismusbranche auf der ITB zu verbreiten hilft nicht weiter. Zumal deutsche Urlauber in der Türkei im Notfall kaum auf Hilfe aus Berlin hoffen können. Ende mit Abtauchen. Wenn das in den nächsten Tagen erreicht würde, hätte das Interview mit seinem provozierenden Titel seinen Zweck erfüllt.

Hier nochmal der Hinweis zum aktuellen Interview. http://www.reception-insider.com/lifestyle-und-travel/tourismus-experte-karl-born-es-wird-zeit-fuer-einen-tuerkei-reise-boykott

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Muss Fliegen wirklich noch billiger werden?

„Es gibt kaum etwas auf dieser Welt, das nicht irgend jemand ein wenig schlechter machen kann und etwas billiger verkaufen könnte, und die Menschen, die sich nur am Preis orientieren, werden die gerechte Beute solcher Menschen.“

Dieses Zitat hat mir die Verbreitung der Angebotspalette von Billigfluggesellschaften wie Wizz Air, Wow Air, Norwegian, Ryanair, Eurowings und anderen wieder in Erinnerung gebracht. Es stammt von John Ruskin, einem englischen Sozialphilosophen, wohlgemerkt aus dem 19. Jahrhundert. Wettbewerb nur über den Preis hat also eine lange Tradition mit nur geringem Lerneffekt.

Gut, Fliegen soll kein Luxusgut sein und nicht nur Wenigen offen stehen. Aber von dieser Situation sind wir doch meilenweit (seit Jahren) entfernt. Immer billiger werden zu wollen, dient nicht mehr dazu neue Kundenschichten zu erschließen, sondern nur dem Verdrängungswettbewerb. Wohin das führt, können wir bei anderen Branchen beobachten. Die permanenten Preissenkungsaktionen der Discounter Aldi, Lidl u.a. erweitern schon lange nicht mehr den Gesamtmarktanteil der Discounter gegenüber den traditionellen Anbietern, sondern dienen nur noch der Marktanteils-Umschichtung untereinander.

Der CEO einer bekannten Touristikgesellschaft berichtet mir mal stolz, wieviel „traffic“ neuerdings auf der Website seiner airline sei. Und was haben die Kunden dort gemacht? Sie haben sich nicht über die Airline informiert, sondern nur geschaut, ob es hier oder anderswo ein Euro billiger sei. Ein unverändert wertvolles Gut wird in der Vermarktung auf einen Euro Preisunterschied degeneriert.

Ich könnte mich jedesmal aufs Neue amüsieren, wenn sich ein bei der Buchung besonders schlauer User über den Sitzabstand auf einem Langstreckenflug beklagt und ebenso „vermeintlich eloquent“ bemerkt, dass die Legehennen-Verordnung doch wesentlich strenger sei.
Ebenso finde ich es „lustig“ wenn RTL-Benkö und andere angebliche Urlaubsretter Bilder von „unmöglichen“ Hotels kommentieren, aber nur am Rande den kleinen dreistelligen Preis erwähnen, den in Folge des Preissenkungswahn heute viele Urlauber auch für einen Urlaub in der Karibik für ganz normal halten.

Der Preis als einziges Marketing-Instrument ist zum Eldorado für viele zweitklassige Manager geworden. Um einen Euro billiger anzubieten als die Konkurrenz (egal ob man sich das leisten kann oder nicht) muss man keine Betriebswirtschaft studiert haben. Zumal mit der Preissenkung ein Wegfall von Leistungen für den Kunden einhergeht. Oder der Kunden muss zunehmend Leistungen selbst erbringen (z.B beim Check in). Oder die Preissenkung gehen zu Lasten der Beschäftigten (Gehaltseinbußen, Arbeitsverdichtung) oder zu Lasten dritter Marktteilnehmer.

Ein früherer Geschäftsführer von TUIfly begründete die weitere Abschaffung einer bislang etablierten Leistung mit den Worten „wir passen uns damit dem Wettbewerb an“. Müssen sich die Kunden da auch noch bedanken?

Dummerweise ist dies alles zu einem allgemeinen Wahn geworden. In „Fragmente“, den philosophisch-aphoristischen Schriften von Novalis heißt es so schön: „Gemeinschaftlicher Wahnsinn hört auf, Wahnsinn zu sein, und wird Magie, Wahnsinn nach Regeln und mit vollem Bewusstsein.“ Na dann „Guten Flug“.

Etwas Nettes soll aber doch noch zum Schluss kommen. Nicht am Valentinstag, sondern zu den Erstflügen der Eurowings mit Air Berlin Fluggerät, postete der Social Media Bereich der Air Berlin: „In einer offenen Beziehung mit Eurowings“. Das finde ich kreativ (und offensichtlich auch inhaltlich richtig).

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Haben wir keine anderen Sorgen?

Vor kurzem wurde ich gebeten, auch mal wieder etwas Leichteres (Kuriositäten) in den BBBs zu bringen. Außerdem gab es schon lange nichts mehr über die Hotelbranche hier zu lesen. Da schauen wir uns mal einen aktuellen Erlass des Finanzministeriums (17.1.2017) zum Thema Umsatzsteuerbefreiung bei stundenweiser Überlassung von Hotelzimmern an, was in einem Hotellerieblog zur Überschrift „Sex im Hotel steuerfrei“ führte. Sex und kuriose Steuergeschenke, das „sells“ doch immer. Auch bei den BBBs.

In einer „Blitzreaktion“ hat das Bundesfinanzministerium mit o.g. Erlass vom 17.1.2017 auf ein BFH-Urteil vom 24.9.2015 reagiert. Achtung liebe BBB-Leser, die Daten beinhalten keinen Schreibfehler. (Ich habe dieses Wochenende den Zeichentrickfilm „Zoomania“ gesehen, da arbeiteten die Faultiere auf der Kfz-Zulassungsstelle. Ob da Disney ein Fehler unterlaufen ist?)

Natürlich ist die „absolute“ Feststellung in der Überschrift im o.g. Blog „Sex im Hotel steuerfrei“ falsch. In einem Mehrwertsteuerrecht, das Unterschiede von Maultier, Maulesel und reinrassigen Esel kennt und bei letzteren noch unterscheidet in geschlachtet oder lebend, das Katzenfutter und Hundekekse steuerlich begünstigt, aber Babynahrung voll besteuert, dafür die Eltern Gänseleber und Froschschenkel steuerlich ermäßigt verspeisen dürfen, aber für das Mineralwasser 19% zahlen müssen, ist keine Feststellung absolut, sondern kompliziert in der Auslegung.

Also zur Sache. Bei Überlassung von Zimmern in einem „Stundenhotel“ (im Erlass des Ministeriums ist „Stundenhotel“ auch in Anführungszeichen gesetzt) wird unterstellt, dass der Schwerpunkt der Leistung („wenn es die äußeren Umstände so ergeben“) in der Einräumung der Möglichkeit liege, sexuelle Dienstleistungen zu erbringen oder zu konsumieren. Deshalb wird nicht der ermäßigte Hotel-Mehrwertsteuersatz von 7% berechnet, sondern ist „daher steuerfrei“.
Aber der Gast muss anmieten. Wird das Zimmer von einer Prostituierten angemietet, wird sogar der volle Steuersatz von 19% fällig (weil gewerbsmäßig). Sehr fein auch die Formulierung des Ministeriums, dass es auf die „Möglichkeit“ ankommt. Also, Sex muss nicht sein. Nur Quatschen (soll ja angeblich oft vorkommen), wäre also auch steuerfrei. So bleibt dem Gast neben den heute üblichen Fragen „hatten Sie etwas aus der Minibar“, „haben Sie die Sauna benutzt“, „ist Ihre Reise privat oder dienstlich“, wenigstens die Frage erspart „Hatten Sie Sex?“.

Leider wirkt sich dieses Steuergeschenk nicht auf die „normale“ Hotellerie aus. Wobei ich darauf warte, bis das erste klassische Hotel aus steuerlichen Gründen offiziell den Zusatz „auch Stundenhotel“ führen wird.

Wenn das die wahren Probleme unseres Finanzministeriums sind, dann „Gute Nacht“ was unsere echten Sorgen betrifft.

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Unglaublich unschuldig (Unister, DRV)

Aktuell läuft gerade im Unister-Prozess in Leipzig ein unwürdiges Schauspiel von „unglaublich unschuldig“. Es war schon mehr als unfassbar, dass die Leipziger Justiz seit Jahren, trotz heftiger Vorwürfe gegen Unister wegen unsauberer Geschäftspraktiken (in der Anlageschrift jetzt u.a. als Betrug und Steuerhinterziehung bezeichnet), nicht richtig aktiv wurde. Und so konnten die „handelnden“ Personen über Jahre hinweg ungehindert weiter „handeln“. Vor Gericht präsentieren sich jetzt die drei Angeklagten als „reine unwissende Unschuldslämmer“. Schuld an den Verfehlungen und der einzige der nur Bescheid wusste, sei einzig und allein Unister Ex-Chef Thomas Wagner gewesen, der aber bekanntermaßen leider bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam.

Den Vogel schießt dabei Ex-Finanzchef Daniel Kirchhof ab. Obwohl er zwölf Jahre ein Büro mit Thomas Wagner teilte, habe er nichts mitbekommen. Er habe auch nie eine Steuererklärung für Unister verfasst oder eingereicht. Der Mann muss bei Betreten des Büros wohl vorübergehend immer blind und taub geworden sein. Der Vorwurf, man habe durch „Runterbuchen“ Flugkunden um mindestens 7,6 Millionen Euro betrogen konterte er, dass man nur eine „nachträgliche Optimierung des Einkaufspreises“ vorgenommen hätte. Die Benachrichtigung der Kunden über dieses Vorgehen, sei auch nicht notwendig gewesen, meinte sein Anwalt Hohnstädter, den wir vom Pegida-Ableger Legida her kennen. Ähnlich äußerten sich auch die anderen Unschuldslämmer, z.B. Thomas Gudel, immerhin lange Zeit Leiter des Rechnungswesens. Man kann ja auch nicht alles wissen, was man so das Jahr über bucht.
Fortsetzung demnächst in einer Soap, ausgestrahlt im MDR-TV.

Keine Ahnung wie ich jetzt von Unister zum Deutschen Reiseverband (DRV) komme. Hier geht es natürlich nicht um kriminelle Handlungen, aber auch um „unglaublich unschuldig sein“. Es sind sich zwar alle einig, dass es hinsichtlich Änderungen an dem in Brüssel vermurksten und in Berlin verschlafenen Machwerk Pauschalreiserichtlinie „fünf vor Zwölf“ sei, aber hoffentlich geht die Uhr nicht nach.

Jetzt hat der Bundestagsabgeordnete Klaus Brähmig, Mitglied im Tourismusausschuss, dem Deutschen Reiseverband gravierende Versäumnisse zum Zeitpunkt der Einbringung des Entwurfs ins EU-Parlament vorgeworfen. Die Bissigen Bemerkungen haben zwar nicht den heftigen Streit vergessen, den sie vor fast 5 Jahren mit ihm hatten, aber diesmal liegt Brähmig genau richtig (kann man dann auch mal sagen).

Als Antwort auf Brähmig schreibt der DRV jetzt, man habe u.a. 40 persönliche Gespräche mit Abgeordneten des europäischen Parlaments geführt, 14 persönliche Gespräche mit Beamten der Bundesregierung und Ratspräsidentschaft, 26 persönliche Gespräche mit Abgeordneten des Bundestags usw. usw.
Sorry, da habt ihr leider offensichtlich mit den Falschen gesprochen, nicht mit den echten Entscheidern. Ein guter Lobbyist würde nie die Anzahl seiner Gespräche aufzählen, sondern nur das Ergebnis seiner Arbeit. Für 100x aufs Tor geschossen, aber der Ball nie im Tor, gibt es nun mal keine Punkte. Da kann die plötzliche Hyper-Aktivität (bei gleichzeitigem Abwatschen der Aktivitäten anderer Verbände) auch nichts mehr bewirken. Der Papst des Reiserechts, Prof. Ernst Führich, hat hierzu einen Klassiker zitiert: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Meine Oma hätte gesagt, „vorne gut gerührt, brennt hinten nicht an“. Der DRV hat wohl vorne im falschen Topf gerührt.

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Werden Fakten überbewertet?

Zu Beginn eines neuen Jahres dürfen sich die BBBs auch mal fragen, wie wichtig müssen/können/dürfen eigentlich Fakten für eine Kolumne sein. Nachdem über Jahrzehnte das Wort Fakten (Focus/Markwort: Fakten, Fakten, Fakten) eine Art Totschlagargument gegen alternatives Denken war, ist man neuerdings der Meinung „Fakten sind doch nicht alles“.

Schon seit Jahren gibt es bei meinen Vorträgen ein von mir sehr geliebtes Chart: „Der Gedanke, dass es nur eine Wirklichkeit gäbe, ist die gefährlichste aller Selbsttäuschungen“ (nach dem österreichischen Philosoph und Soziologe Paul Watzlawick, 1921 – 2007). Jetzt sind „postfaktisch“, „alternative Fakten“, „interpretierte Fakten“, „nichtssagende Fakten“ und „verschwiegene Fakten“ (endlich) in der Wirklichkeit angekommen.

postfaktisch
Definition: „Postfaktisch ist ein Denken und Handeln, bei dem die Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf das eigene Klientel zurück.“ Nehmen wir hier das Beispiel des neuen Verbandes unabhängiger selbstständiger Reisebüros, VUSR, und seiner Petition zum Reisevertragsrecht. 50.000 Unterschriften sind für eine Petition notwendig, damit sie auch im Petitionsausschuss behandelt werden muss. Der Verband hat 49.300 Unterschriften gesammelt. Fakt ist: Ziel verfehlt, knapp vorbei ist auch vorbei. Postfaktisch: das eigene Klientel ist begeistert, weil etwas geschafft wurde, was kaum jemand für möglich hielt (mich eingeschlossen). Und wenn am Mittwoch der Ausschuss die Petition trotz fehlendem Quorum annimmt, hat das Postfaktische gesiegt.

alternative Fakten
Dieser Begriff ist am Wochenende durch die Trump-Administration bekannt geworden. Fakt sind die Bilder, wieviel Menschen 2009 zur Vereidigung von Obama kamen im Unterschied zu Trump 2017. Alternative (zusätzliche) Fakten wären jedoch, Obama kam damals als Erlöser nach George Bush. Wieviel der 1,5 Mio Enthusiasten von damals sind inzwischen enttäuscht, weil aus dem Friedensnobelpreisträger ein Präsident mit „häufigem Drohnenbefehl“ geworden ist und dem es nicht möglich war „Gewalt gegen Schwarze“ einzudämmen (von Verhindern nicht zu reden). 1,5 Mio Teilnehmer hätte auch Obama dieses Jahr nicht geschafft.
Zu „alternative Fakten“ ist mir zufällig ein Interview aus 2010 von Christine Haderthauer (CSU) mit Michel Friedmann in die Hände gefallen, indem sie ihn ärgerlich unterbricht: „Ihre Frage passt nicht zu meiner Antwort“. Unbestritten, ein alternativer Fakt.

interpretierte Fakten
Ich bin mir nicht sicher, ob allgemein bekannt ist, dass die veröffentlichten Zahlen der Meinungsumfragen zu Wahlen nicht immer identisch mit den erhobenen Zahlen sind. Gestützt auf die angebliche Erfahrung, dass der potenzielle Wähler, wenn er im Wahllokal steht, eher auf „Sicherheit“ setzt als bei einer Umfrage, rechnen einige prominente Institute die erhobenen Ergebnisse auf wahrscheinlich zu erwartende Ergebnisse um. Dadurch sind die meisten Umfrageergebnisse zu konservativ (im Sinne von traditionell) gerechnet. Siehe Vorhersage zum Ergebnis AfD in Mecklenburg-Vorpommern, zum Brexit in Großbritannien und zur US-Präsidentenwahl.

nichtssagende Fakten
Das ärgert mich besonders, wenn Selbstverständlichkeiten im Brustton großen Wissens von sich gegeben werden. Brandenburgs Ministerpräsident Woidke antwortete im Juli 2016 zur Frage Eröffnung des Berliner Flughafens BER: „Jeder Tag der vergeht, bringt uns der Eröffnung näher“. Unglaublich wie hier durch „Nichts Substanzielles sagen“ das eigentliche Problem umschifft wird. Wobei diese auf den ersten Blick faktenmäßig richtige Aussage voraussetzt, dass der BER irgendwann tatsächlich mal eröffnet werden sollte. Postfaktisch, bin ich mir da nicht so sicher.

verschwiegene Fakten
Das ist insbesondere dann ein Problem, wenn Medien (Print und Social) und Politik nur noch im Mainstream schwimmen und alle anderen Fakten links und rechts davon ignorieren. So schlagen im Moment alle auf Trump drein, obwohl der sich im Moment noch im Status „Maulheld“ befindet. Und direkt vor unserer europäischen Haustür schafft Erdogan täglich „Fakten“ auf seinem Weg in eine lupenreine Diktatur und seine Gefängnisse sind übervoll mit Verhafteten ohne Aussicht auf einen rechtsstaatlichen Prozess. Da sollte man doch die Bemerkungen von Merkel, Steinmeier und Gabriel über Trump vergleichen mit ihren lauen Bemerkungen zu Erdogan. Anmahnung durch die Presse? Fehlanzeige.

Na dann, auf ein faktenreiches 2017. Oder auch nicht.

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Freitag der Dreizehnte: Das Comeback der Bissigen Bemerkungen

Hallo, da sind wir wieder. Eigentlich war Mitte November nur eine zweiwöchige „schöpferische“ Pause geplant, leider sind daraus neun Wochen geworden. Und ehrlich gesagt, ließ die Regelmäßigkeit seit August ohnehin schon zu wünschen übrig. Gute Vorsätze 2017? U. a. wieder „regelmäßige“ Bissige Bemerkungen!

Aus der Vielzahl von Themen, die in der Zwischenzeit „ungebissen“ geblieben sind, haben wir uns zwei ausgesucht.
1. „Wir sind fertig mit dem Ding, wenn wir mit dem Ding fertig sind“.
2. In Leipzig beginnt ein Prozess, der seit Jahren überfällig ist.
Zu guter Letzt kann ich mir nicht verkneifen darauf hinzuweisen, wen ich im Dschungelcamp vermisse.

„Wir sind fertig mit dem Ding, wenn wir mit dem Ding fertig sind“
Dieser sehr inhaltsschwere Beitrag stammt von Brandenburgs-Ministerpräsident Woidke und reiht sich nahtlos an den legendären Spruch von Hartmut Mehdorn „Der BER wird immer fertiger und fertiger“ ein.

Bei dem Herumgeeiere wann der Flughafen fertig wird, wissen wir jetzt nur eines: Die offizielle nächste Verschiebung des Eröffnungstermins ist schon wieder verschoben worden. Irre, nicht wahr. Wie fragten die BBBs schon am 2. März 2015? Haben Sie am 23.11.2017 schon etwas vor? Dann sind 2000 Tage seit der letzten „Nichteröffnung“ vergangen. Es würde mich nicht wundern, wenn der neue Berliner Senat an diesem Tag ein Fest veranstalten würde: „Flughafen-Eröffnungen kann jeder feiern, Flughafen-Nichteröffnungen aber nur wir in Berlin.“ Utopie? Warten wir es ab. Jeder Tag der Nichteröffnung kostet „nur“ 1,3 Mio Euro, da würden die Kosten für eine Party unwesentlich sein.

„Nicht alle werden die Eröffnung des BER noch erleben“, stellte die Süddeutsche Zeitung am 29.12.16 fest. Das ist nicht sehr bösartig, denn der neue BER-Baufortschrittsbericht meldet: Baufortschritt gegenüber letzter Meldung 0,0%. Immerhin kein Minuszeichen davor.

Aber vielleicht gibt es auch ein ganz anderes Problem. Zitieren wir noch einmal Hartmut Mehdorn, der sagte im März 2015: „Der BER ist unterwegs. Er bewegt sich“. Hat schon mal einer nachgesehen, ob der BER überhaupt noch da ist?

In Leipzig beginnt ein Prozess, der seit Jahren überfällig ist
Endlich beginnt in dieser Woche der Prozess gegen drei ehemalige Unister-Manager (alles reine Unschuldslämmer) vor dem Landgericht Leipzig. Schon 2012 hatten DIE Welt („Abzock Imperium Unister“), computerbild (die Tricks des Abzock Imperiums) u.a. vor den Machenschaften von Unister gewarnt. Keine Ahnung wer da in der Vergangenheit gebremst hatte.

Auch die BBBs hatten schon im September 2013 gelästert, als das Branchenfachblatt fvw über einen DRV Präsidenten Thomas Wagner nachdachte: „Da muss wohl Stromausfall in der Redaktion gewesen sein und man hatte nicht gesehen, welcher Name da versehentlich geschrieben war“.

Und das habe ich auch noch in einer BBB vom März 2015 gefunden: „Der DRV freut sich, dass Unister als Mitglied des DRV aufgenommen werden konnte“. Und weiter hieß es in der Pressemeldung: „Zugleich unterstreicht dies den Anspruch des Verbandes, die gesamte Reisebranche mit all ihren Segmenten zu vertreten“. Ist Unister eigentlich noch Mitglied im DRV?

48 Seiten Anklageschrift sollen zu Prozessbeginn verlesen werden, das kann nur eine Kurzfassung der Vorwürfe sein. Einer der Anwälte des Angeklagten Daniel Kirchhof (ex Finanzchef) ist, lt. DIE WELT, übrigens Arndt Hochstädter, der zuletzt einer der Organisatoren des Leipziger Pegida-Ablegers Legida war. Was sich immer Leute zusammenfinden.
Lt. FAZ will die Staatsanwaltschaft auch Reiner Calmund (ex Clown für fluege.de) als Zeuge laden. Ich lache mich kaputt. Der wird wie immer endlos labern und sich entschuldigen mit „ich habe meinen Jungs“ vertraut. Manfred Krug und die Telekom-Aktie lassen grüßen.

Zuletzt, das kann ich mir heute, zu Beginn des neuen Dschungelcamps nicht verkneifen: Warum ist Vural Öger eigentlich nicht im Dschungelcamp dabei? Seine neuere Vita würde doch dazu passen.

In der Zwischenzeit war ich auch an anderer Stelle fleißig und werde es auch künftig sein. Auf dem Luftverkehrs-Nachrichtenportal airliners.de erscheint alle 14 Tage donnerstags (in der Regel um die Mittagszeit) die Kolumne „Die Born-Ansage“. Sie finden diese unter www.airliners.de/thema/die-born-ansage. Dort kann man auch die bisher erschienenen 50 Kolumnen sehr einfach nachlesen. Da ist bestimmt vieles dabei was auch Ihr Interesse finden wird.

Der BBB-Newsletter wird übrigens künftig immer dienstags und nicht montags wie bisher erscheinen.

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Leute, macht mal halblang mit der Aufregung wegen Donald Trump

Das für undenkbar gehaltene ist eingetreten, der nächste US-Präsident heißt Donald Trump. Und unglaublich viele heulen auf und beschwören den Weltuntergang. Als ein B-Schauspieler wie Ronald Reagan Präsident wurde, lachten auch viele, sehr viele. Und rückwärts betrachtet gilt er als ein guter US-Präsident. Als in meiner früheren Heimat Hessen, die Grünen in das Parlament und später in das Kabinett einzogen, malte man den Exodus der heimischen Wirtschaft in den schwärzesten Farben an den politischen Horizont. Es wird eben nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird.

Ich gebe gerne zu, wenn es um sexistische und rassistische Sprüche geht, liegt meine Toleranzgrenze bei 0,0. Insofern konnte ich mich im Wahlkampf zu keinem Zeitpunkt für Donald Trump begeistern. Andererseits, ist mir Hillarys Nähe zur Banken- und Rüstungspolitik und ihre Einstellung zu kriegerischen Auseinandersetzungen ebenfalls suspekt. Von verschiedenen Geschichten aus ihrer Zeit als Anwältin ganz zu schweigen. Insofern war die US-Wahl eine Entscheidung für das kleinere Übel. Mit dieser Formulierung „Entscheidung für das kleinere Übel“ sollten wir uns in Deutschland schon mal vertraut machen, wenn wir nächstes Jahr zwischen Merkel und Gabriel wählen „dürfen“.

Aber zurück zu Trump. Mit kleinem zeitlichen Abstand ist mir eine Zahl besonders haften geblieben: über 50 Millionen Amerikaner haben Trump gewählt. Eine gewaltige Zahl (zum Vergleich, bei der letzten Bundestagswahl haben in Deutschland insgesamt nur 44 Mio. Menschen gewählt). Vollkommen falsch ist die gestern querbeet zu lesende Lästerung über die Trump-Wähler (lästern über das Wahlvolk ist grundsätzlich unentschuldbar). Sind 50 Millionen Trump-Wähler sexistisch und rassistisch? Warum haben so viele weibliche Wähler und so viele Wähler mit Migrationshintergrund „trotzdem“ Trump gewählt? Weil etwas anderes sie stärker belastet hat (kennen wir bei mehreren Verletzungen, neben der schwersten spüren wir die anderen weniger). Es war die schlechte, als hoffnungslos empfundene wirtschaftliche Situation, das Gefühl von den Regierenden vergessen worden zu sein. Es geht uns besser denn je (Merkel und Obama), ist leider nicht hilfreich, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderfällt. Rechts in 80 Grad heißem Wasser und links in Eiswasser stehen, macht die eigentlich angenehme Durchschnittstemperatur wertlos. Und bei den Erfolgszahlen einer Arbeitslosenstatistik, aus der immer mehr statistisch herausgerechnet wird, und der eine Beschäftigungsstatistik gegenübersteht, in der auch der kleinste Job mit einer unsittlichen Bezahlung eingerechnet wird, frage ich mich, wieviel Sand uns noch in die Augen gestreut werden soll (auch hier eine Parallele USA und Deutschland).

Gestern musste ich auch an den legendären Fußballtrainer Trapattoni denken. „Was erlauben Merkel, Steinmeier und EU-Schulz“? Merkel, Steinmeier und Schulz geben Trump, wegen seiner Wahlkampfsprüche, öffentlich Ratschläge wie er Demokratie umzusetzen hat. Legen wir doch mal die Reden von Merkel, Steinmeier und Schulz daneben, was sie über Erdogan sagen, über jemanden den man nicht an seinen Sprüchen, sondern sogar an seinen Taten messen kann (Rücksicht auf Asylpolitik und Tourismus können nicht länger als Entschuldigung herhalten). EU-Werte an Trump vermitteln? Geht`s noch? Man kann nur hoffen, dass er es nicht ernst nimmt und sich an Besserem orientiert.

Man sollte lieber mal nachdenken und das US-Wahlverhalten als Blaupause für die BTW 2017 sehen. Liegt der amerikanische mittlere Westen nicht auch in Teilen Ostdeutschland und in einigen Regionen Westdeutschlands, insbesondere in NRW?

Die Absicht „rechts zu bekämpfen“ wird nicht durch schärfere Asylgesetze erreicht werden, egal ob diese Änderungen teilweise berechtigt sind oder nicht. Das „rechte Segment“ als Nazi und Rechtspopulisten zu beschimpfen, bewirkt genauso wenig. Die sich abgehängt fühlenden, holt man nur durch eine bessere Politik genau für dieses Klientel zurück. Da wären Investitionen in „Menschen und Infrastruktur“ notwendig, auch wenn diese sich im ersten Moment wirtschaftlich nicht rechnen. Das müsste sich in erster Linie unser Kabinetts-Gollum Schäuble („mein Schatz, mein Schatz, die schwarze Null“) zu Herzen nehmen. Unserer nächsten Generation keine Schulden zu hinterlassen ist doch wertlos, wenn sie Jahre (Jahrzehnte) brauchen werden, um die marode Infrastruktur zu reparieren. Und was wir zur Zeit an Bildungschancen verpassen/zerstören (irgendwo zwischen dumm, fahrlässig und vorsätzlich), wird sogar Generationen dauern um es zu beheben.

Also, jetzt haben wir uns genügend aufgeregt, die einen gestern und ich heute. Was mich betrifft, wäre ich so gerne optimistisch für 2017, allein, sorry, mir fehlt im Moment der Glaube.

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